Gender in Bibliotheken, schwieriger als gedacht

Rezension von Birgit Dankert

Karin Aleksander, Agata Martyna Jadwiżyc, Birte Meiners, Erwin Miedtke:

Der Genderfaktor: Macht oder neuer Dialog?

Mit Genderblick auf Bibliotheken oder Bibliotheken im Genderblick.

Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen 2010.

184 Seiten, ISBN 978-3-940862-20-4, € 26,00

Abstract: Der Sammelband enthält vier wenig aufeinander abgestimmte Beiträge, von denen sich zwei mit dem im Titel angekündigten Thema beschäftigen. Karin Aleksander gibt einen kenntnisreichen, auch historisch angelegten Überblick über Facetten und Desiderate der Gender-Realität in Bibliotheken und berichtet von der Arbeit des Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung der Humboldt Universität zu Berlin. Erwin Miedtke beschreibt die ersten Schritte zur Verwirklichung der EU-Leitlinie zum Gender Mainstreaming in der Stadtbibliothek Bremen. Agata Martyna Jadwizyc hat Männerzeitschriften auf Modelle von Männlichkeit untersucht. Birte Meiners bietet einen Überblick über Leseforschung und -förderung und berücksichtigt dabei auch Geschlechtsunterschiede.

Der im Vorwort der Verlegerin Elisabeth Simon konstruierte, etwas schwer nachvollziehbare Zusammenhang der vier Beiträge des Sammelbandes stellt sich auch bei der Lektüre nicht her. Zwei Beiträge handeln von Gender in Bibliotheken (Aleksander; Miedtke), die beiden anderen befassen sich mit dem Männerbild in Männerzeitschriften und einem Überblick über Leseforschung und -förderung bei Mädchen und Jungen.

Wie facettenreich sich das Thema „Gender“ in Bezug auf die scheinbar so feminisierte Institution Bibliothek erweist, macht Karin Aleksander, die Leiterin der Genderbibliothek am Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung der Humboldt Universität zu Berlin deutlich. Es gelingt ihr, auch in historischen Rückblicken und einer jeweils kurzen Beschreibung früherer Aktivitäten den konventionellen Blick auf Bibliotheken, auf deren Aufgaben, deren Bestände, Ordnungsprinzipien und Personalpolitik als – bei Männern wie auch Frauen – weitgehend androzentrisch zu analysieren und Ansätze „der Konversion des Blicks“ aufzuzeigen. Dabei kommt es auch zu Fehlinterpretationen (Anfänge der Bibliotheken) und der Einengung des Themas auf vornehmlich wissenschaftliche Bibliotheken. In die engagierte Analyse fließen viele Informationen zur Tätigkeit der eigenen Institution ein. Besonders bedenkenswert erscheinen die in Hinblick auf eine geschlechtergerechte Sprache formulierten Ausführungen zu Klassifizierung, Normensystemen der Bibliotheken und einer virtuellen Gender-Systematik großer Medienbestände, wie sie durch die globale Digitalisierung der Bibliothekskataloge möglich wird.

Wie schwierig es jedoch ist, die EU-Verpflichtung des Gender Mainstreaming in der alltäglichen bibliothekarischen Betriebsführung praktisch umzusetzen, schildert Erwin Miedtke, der stellvertretende Leiter der Stadtbibliothek Bremen. Statistische Erhebung des Ist-Zustandes, Budgetplanung, Ressourcen-Verteilung, Personal- und Organisationsentwicklung sowie Qualitätskontrolle gehören zu den Gebieten, die nicht nur in ihren Daten erfasst und analysiert, sondern auch nach Gleichstellungs-Grundsätzen verändert und ausgerichtet werden müssen. Dabei werden sowohl betriebsexterne Faktoren (Mediennachfrage; Nutzungsverhalten) als auch das interne Management (Beschäftigte im Frauenförderplan, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Fortbildung) angesprochen. Miedtke macht deutlich, dass „eine konsequente geschlechterdifferenzierte Datenerhebung“ die unabdingbare Voraussetzung jedes Gender-Mainstream-Prozesses ist, der seinerseits früh in jedes Planungsvorhaben implementiert werden sollte. Als Ziel der zunächst betriebswirtschaftlich anmutenden Methoden des bibliothekarischen Gender Mainstreaming nennt er ein Bibliotheksangebot, das seine nur scheinbare Neutralität überwindet und die genderbedingten unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten nachweisbar berücksichtigt.

Beide Beiträge haben das Verdienst, problembewusst, kenntnisreich und nahe an der Bibliothekswirklichkeit zu agieren und zu formulieren. Gender in Bibliotheken ist für sie eine zukunftsorientierte und an Menschenrechten orientierte Aufgabe.

Eher ergänzende Funktion für das Thema besitzen die beiden weiteren Beiträge, die – für sich genommen – durchaus von Informationswert und Qualität sind. Die Übersicht über den gegenwärtigen Stand und die – vielfach noch nicht wissenschaftlich belegten – Möglichkeiten der Leseförderung in Bibliotheken von Birte Meiners berücksichtigt auch Spezifika der genderorientierten Leseforschung, greift aber neueste Veröffentlichungen – etwa der Hirnforschung – nicht auf. Dafür werden in den Fußnoten viele Praxis-Berichte erwähnt. Die Autorin arbeitet selbst in der Stadtbibliothek Bochum. Dem Beitrag liegt eine Diplomarbeit zugrunde. Wer sich einen ersten soliden Überblick über bibliotheksrelevante Aspekte des gegenwärtigen Diskurses über die Bedeutung des – auch geschlechtsspezifischen – Lesens verschaffen will, ist hier gut bedient.

Agata Martyna Jadwitzyc, Studierende am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin untersucht nach einer allgemeinen Einführung in die Fragestellungen und Positionen der Forschung zur Konstruktion von Männlichkeit in Gesellschaft und Medien vier Männerzeitschriften auf die publizistische Spiegelung der angeführten Befunde. Diese Untersuchung ist kurz und knapp gehalten, bringt mehr Feststellungen als Belege, führt aber gerade damit nachvollziehbar in die noch offenen Fragen nach dem Verhältnis von Männer- und Frauenbildern in den Medien ein.

Der Sammelband zeigt Anfänge und Desiderate auf, wirft Schlaglichter auf die mühsam erarbeiteten Ausgangspositionen von Gender-Fragen in Bibliotheken, Leseforschung und Männerzeitschriften.

URN urn:nbn:de:0114-qn:974:1

Prof. Birgit Dankert

Emeritierte Professorin (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) für Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

Homepage: http://www.birgitdankert.de

E-Mail: b-dankert@t-online.de

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