Vergeschlechtlichte Gefühlswelten im Spannungsfeld von Literatur, Geschichte und Gesellschaft

Rezension von Nina Schumacher

Willemijn Ruberg, Kristine Steenbergh (Eds.):

Sexed Sentiments.

Interdisciplinary Perspectives on Gender and Emotion.

Amsterdam u.a.: Rodopi 2011.

245 Seiten, ISBN 978-90-420-3241-5, € 54,99

Abstract: Anhand eingängiger Beispiele, primär aus der Geschichts- sowie der Literaturwissenschaft, und mit verschiedenen fachlichen Blickwechseln werden Strategien, Funktionen und Motive unterschiedlicher Ausformungen des Emotionsmanagements und die Entwicklungen der Emotionsforschung thematisiert. Als Querschnittsperspektive beleuchten die Autor/-innen der im Aufsatzband versammelten Beiträge immer wieder die vergeschlechtlichten Dimensionen der Hervorbringung von Emotionen. Dabei veranschaulichen sie emanzipatorische Aspekte, die der (bewusste) Umgang mit Emotionen haben kann, ebenso wie das Korsett aus Erwartungen, welches das ‚korrekte‘ emotionale Verhalten unweigerlich schnürt.

Gender and Emotion. Ein Sammelband zu Geschlecht und Gefühl. Das ist nun spätestens seit Arlie Russell Hochschilds vielbeachteter Studie The Managed Heart von vor über 20 Jahren wirklich kein neues Thema und vor dem Hintergrund der heutigen Literaturlage auch sicherlich keines, über das bislang wenig gesagt worden wäre. Dieser Tatsache sind sich Willemijn Ruberg und Kristine Steebergh, die beiden Herausgeberinnen des hier besprochenen Bandes Sexed Sentiments. Interdisciplinary Perspectives on Gender and Emotion, durchaus bewusst und stellen somit bereits im Vorwort deutlich heraus, dass es nicht Ziel des auf einem Workshop basierenden Sammelbands sei, eventuelle Forschungslücken zu schließen. Stattdessen legen sie den Fokus darauf, ein Überblickswerk an die Hand zu geben, das aktuelle Fragestellungen der Emotionsforschung vorstellt, um dabei darüber hinaus die Potentiale interdisziplinärer Zugänge zu diesem Gebiet in den Blick zu nehmen.

Wissenschaftliche, geschlechtsspezifische und weitere Ambivalenzen von Emotionen

Dass das Buch tatsächlich einen sehr guten Einblick in die Geschichte sowie in aktuelle Strömungen der Emotionsforschung gibt, ist dabei nicht zuletzt der von Ruberg verfassten Einleitung zu verdanken. Auf den ersten Blick eher ungewöhnlich, werden die einzelnen Aufsätze nicht der Reihe nach in einem kurzen Abstract vorgestellt, sondern thematisch in die ihnen zugehörigen Denktraditionen eingeordnet und diese direkt mit vorgestellt. Auf diese Weise können die Lesenden holzschnittartig die Entwicklung vom biologistischen Essentialismus bis hin zur Dekonstruktion und der diskursiven Dimension von Gefühlen und ihrer Erforschung nachvollziehen. Immer wieder eingeflochten wird dabei die Komponente Gender. So macht Ruberg bereits auf der ersten Seite deutlich, dass Konzeptionalisierungen von Emotion in der westlichen Philosophie stets mit der Kategorie Rationalität in Verbindung gebracht werden, die im Rahmen des Cartesianischen Körper-Geist-Dualismus wiederum als untrennbar mit der als binär gedachten Geschlechterkonstruktion verbunden ist.

Als Querschnittskategorie wird Gender während des ganzen Bandes mal mehr, mal eher weniger beibehalten. Neben der meist sozialkonstruktivistischen Perspektive auf die Hervorbringung ‚weiblicher‘ Geschlechtlichkeit mit und durch spezifische Emotionalitäten werden dabei ebenso heute als queer bezeichnete historische Perspektiven aufgenommen. Vorrangig aus literatur- oder geschichtswissenschaftlichen Blickwinkeln werden historische Personen wie Mary Shackleton oder Charaktere literarischer Werke wie William Godwins Fleetwood; or, the New Man of Feeling bezüglich ihres Emotionsmanagements untersucht und dabei unterschiedlichste Faktoren sozialer Kontrolle wie Religiosität oder Peer-Groups (Beiträge von O’Neill und Clarke) analysiert. Doch nicht nur das zur emotionalen Formung beitragende soziale Gefüge ist ein Fokus des insgesamt zehn Aufsätze umfassenden Sammelbandes, ebenso wird die performative Ebene von Gefühlen als körperliche Einschreibung diskutiert. Anhand der Figur Hamlet thematisiert Steenbergh, wie sich in der theatralen Darstellung performierte (im Sinne von Performance) Gefühle derart auf die Schauspielenden übertragen, dass sie tatsächlich gefühlt werden. Anhand dieses Beispiels, das sie quasi als Aufhänger nutzt, führt Steenbergh schließlich weiter und beleuchtet die lange geführte Debatte, inwiefern sich die Übertragung von Emotionen auf das Publikum eher nachteilig im Sinne von manipulativ auf die Zuschauenden auswirken könnte oder ob sie einen positiven Effekt habe, der zur Hervorbringung von „proper Englishmen“ (S.100) beitragen könnte.

Geschichte oder Gesellschaft?

Obwohl die genannten Aufsätze viele Anknüpfungspunkte böten, stellen sie dennoch relativ wenig Bezug zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen her und schließen hier nur ansatzweise an. Gänzlich anders geht allein Breda Gray vor, deren „Empathy, Emotion and Feminist Solidarities“ das Schlusslicht des Bandes bildet und bereits im Titel die kritische Auseinandersetzung mit feministischen Bündnissen andeutet. Ungeachtet der von ihr durchaus benannten Gefahren ihres Ansatzes plädiert sie für neue feministische Solidaritäten auf Basis von internationaler Empathie. Obwohl sie unter Einbeziehung postkolonialer Perspektiven den Begriff der Empathie deutlich von dem des Mitleids abgekoppelt sehen möchte und primär den Aspekt der Solidarität betont, erinnern ihre Ausführungen dennoch an die Methodischen Postulate zur Frauenforschung, die Maria Mies in den 1970er Jahren formulierte. Auch Mies forderte auf Basis ihres ökofeministischen Denkens stärkere, wenn nicht gar bedingungslose „Schwesternsolidarität“. Die von Gray vertretene Idee von gender justice als umfassendes Gleichheitskonzept, innerhalb dessen die Einbeziehung emotionaler Komponenten durchaus zur Verunsicherung von Subjektpositionen und somit zu deren Hinterfragung beitragen kann, ist allerdings nicht zuletzt aus einer queeren Perspektive vielversprechend. Abseits der berechtigten Skepsis gegenüber mehr oder weniger ontologisierenden Identitätspolitiken böten sich hier mitunter Chancen einer ganz anderen Zugangsweise zu In- und Exklusionsmechanismen.

Grundsätzlich ist auffallend, dass es in dem Band von Ruberg und Steenbergh eher situativ als sozial inkompatibel betrachtete Gefühlslagen sind, die untersucht werden. So werden etwa zu große Offenherzigkeit (O’Neill), zu intensive (van Leeuwen) bzw. nicht ausreichende Gefühle (Steenbergh) oder negativ konnotierte Emotionen wie Scham (Hotz-Davies sowie McDermott) sowohl bezüglich ihrer soziokulturellen Korrektive als auch ihres subversiven Potentials hin befragt. Anhand seiner Autobiographie analysiert beispielsweise Ingrid Hotz-Davies die durchaus kämpferische Entscheidung des homosexuellen Quentin Crisp, bewusst entgegen aller Konventionen stark geschminkt in der Öffentlichkeit aufzutreten, um sich auf diese Weise offensiv der Beschämung durch Andere zu entledigen. Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird allerdings deutlich, dass es eben diese Praxis der „Art of Shamelessness“ ist, die ihn immer wieder den beschämenden Anfeindungen aussetzt und mehrfach sogar in Lebensgefahr bringt. So eindrucksvoll insbesondere die Analyse von Hotz-Davies ist, gewinnbringend wäre an dieser Stelle darüber hinaus das Gegenbeispiel eines gelungenen oder vielmehr Norm-konform ablaufenden Gefühlsmanagements und damit verbunden die Frage, ob es nicht auch in einem solchen Fall emanzipatorische Strategien geben könnte?

Fazit

Insgesamt wird die als interdisziplinär ausgewiesene Herangehensweise des Buches nur partiell eingelöst. Die Beiträge kommen zwar aus unterschiedlichen Fächern, weisen hier durchaus einige Spannbreite auf, jeder einzelne Aufsatz allerdings bleibt eher dem eigenen Fach verhaftet. Vor allem für die Zukunft wird auf weitere Synergieeffekte gehofft und stärkere Interdisziplinarität angemahnt. Darüber hinaus fehlen, mit Ausnahme des aus der Psychologie kommenden Beitrages von Abigail Locke, für eine tatsächlich fächerübergreifende Auseinandersetzung Beiträge von dezidiert naturwissenschaftlich arbeitenden Autoren und Autorinnen. Dies gilt insbesondere, da mit der nature-nurture-Debatte auch auf diesen Gebieten in den letzten Jahren einige Veränderungen und Richtungswechsel zu konstatieren sind.

Zumindest aus sozialwissenschaftlicher Perspektive bietet der Sammelband Sexed Sentiments wirklich nicht viel Neues oder gar Unerwartetes. Wesentlich stärker könnten die eingängigen und überzeugenden Analysen bezüglich ihrer weiteren theoretischen wie empirischen oder gar alltagspraktischen Anschlussfähigkeit geprüft werden. Dies gilt umso mehr, als Beispiele wie jenes von Quentin Crisp oder die performative Dimension von Gefühlen, die in der Analyse Hamlets angeführt wird, überaus fruchtbar für dekonstruktivistische oder queere Perspektiven sein könnten, stattdessen aber größtenteils bei ihrer historisch-literaturwissenschaftlichen Komponente verharrt wird. Anhand des näher besprochenen Beitrags von Gray zeigt sich andererseits auch, dass die Kombination gesellschaftswissenschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Ergebnisse nicht immer unproblematisch ist und Kurzschlüsse oder Unschärfen provozieren kann. Nichtsdestoweniger lässt sich aber ebenso wünschen, dass es genau diese Problematik ist, mit der sich interdisziplinäre Werke produktiv auseinandersetzen sollten. In diesem Sinne bleibt der artikulierte Ruf nach mehr Interdisziplinarität weiterhin aktiv, denn obwohl die einzelnen Beiträge selbst nicht unbedingt interdisziplinär arbeiten, bieten die ausgelassenen Stellen doch zahlreiche Anknüpfungspunkte für künftige Forschungsvorhaben im Bereich der Emotionalitätsforschung.

URN urn:nbn:de:0114-qn123024

Nina Schumacher

Philipps-Universität Marburg

Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie

E-Mail: schumaco@staff.uni-marburg.de

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