Männerrechtler 2.0.11

Rezension von Robert Claus

Andreas Kemper:

(R)echte Kerle.

Zur Kumpanei der MännerRECHTSbewegung.

Münster: Unrast Verlag 2011.

70 Seiten, ISBN 978-3-89771-104-4, € 7,80

Abstract: Lange Zeit unbemerkt, hat sich in unzähligen Internetforen maskulinistischer Provinienz die neueste Spielart antifeministischer Agitation formiert. Deren Virtualität sollte jedoch keineswegs zur Unterschätzung der selbsternannten ‚Bewegung‘ führen. Immerhin dominieren sogenannte Männerrechtler mittlerweile die Kommentarspalten vieler Leitmedien, erhalten institutionellen Rückenwind, warten mit ganz ‚analogen‘ Veranstaltungen auf und schärfen damit ihr gesellschaftspolitisches Profil. Andreas Kemper hat sich den Geschlechtertraditionalist/-innen und ihren nach rechtsaußen offenen Positionen angenommen. Wissenschaftliche Forschungen im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit postfeministisch-biologistischen Geschlechterkonzepten sollten, nein, müssen folgen, wie der Autor selber unterstreicht.

Medialer Antifeminismus

Mediale Kampagnen gegen Gender Mainstreaming und sensationsheischende Kritik an der sogenannten Feminisierung des Schulwesens schlugen hohe Wellen in den vergangenen Jahren. Volker Zastrows Artikel „Politische Geschlechtsumwandlung“ in der FAZ (20.06.2006) oder auch René Pfisters Auslassungen auf Spiegel-Online (30.12.2006) mit dem Titel „Der neue Mensch“ sind den meisten, die sich der Überwindung geschlechtlich verengter Identitäten verschrieben haben und gegen Diskriminierungen arbeiten, noch heute in leidiger Erinnerung. Doch verkörpern sie nur den elitären Teil eines Diskurses, der Gender Mainstreaming, Feminismus und Gleichberechtigung geradezu grotesk durcheinanderwürfelt sowie mit Benachteiligung von Jungen und Männern gleichsetzt, um sich daran abzuarbeiten. Auch dahinter rumort es gewaltig. Wütend drohende Männerrechtler werden immer wahrnehmbarer, drängen auch in die reale Öffentlichkeit und beklagen einen als hegemonial betrachteten Feminismus, der sich durch Misandrie und staatliche Hoheit auszeichne.

Erste Schritte in entgegengesetzter Richtung

Lange Zeit blieb dieses Thema von der schreibenden Zunft recht unbeachtet, bis Thomas Gesterkamp 2009 für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Expertise Geschlechterkampf von rechts (PDF-Datei, 185KB) erstellte. In dem mit dem Untertitel „Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren“ versehenen Dokument kommt der Autor zu dem Schluss, dass abgesehen von inhaltlichen Gemeinsamkeiten auch Berührungsängste mit organisierten Rechtsextremen quasi nicht existierten, was die Gefährlichkeit dieser Szene unterstreiche. Des Weiteren hat auch die Männlichkeits- und Geschlechterforschung aufschlussreiche Erkenntnisse zum Rechtsextremismus hervorgebracht und die dort stattfindenden männlichen Krisendiskurse thematisiert. (Robert Claus/Esther Lehnert/Yves Müller: „Was ein rechter Mann ist…“ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin: Dietz Verlag 2010 (Download unter: http://www.rosalux.de/publication/37014/was-ein-rechter-mann-ist.html); Ursula Birsl: Rechtsextremismus und Gender. Opladen: Verlag Barbara Budrich 2011)

Mittlerweile konnte die Friedrich-Ebert-Stiftung eine weitere Expertise präsentieren, die als Argumentationshilfe gedacht ist. In Gleichstellungspolitik kontrovers (PDF-Datei, 450KB) erläutern Melanie Ebenfeld, Manfred Köhnen und weitere Autor/-innen sowohl maskulinistische Positionen als auch passende Gegenargumente, um den Zweck gleichstellungspolitischer Maßnahmen sowie den Gehalt der Genderforschung für praxisnahe Diskussionen aufzubereiten. Der Erfolg ist groß, mehrere Tausend Male wurde das Dokument innerhalb weniger Wochen heruntergeladen.

Herrschende Männlichkeit in Bewegung

Andreas Kemper hat sich nun in seiner 70-seitigen Monographie der deutschen Männerrechtsbewegung und ihren Vorläufern angenommen. Im ersten der insgesamt vier Kapitel beschreibt er die Entstehung der US-amerikanischen Men`s Right Movement in den frühen siebziger Jahren und die darauf folgenden Auseinandersetzungen um Family Wars, Sex Wars sowie Political Correctness. Im Anschluss daran widmet er sich der Genese des deutschen Äquivalents. Laut Kemper ist die deutsche Männerrechtsbewegung letztendlich ein Produkt der Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre schleichend stattfindenden Entpolitisierung bürgerlicher Männerbewegter sowie des faktischen Verschwindens der autonomen Männerszene. Gleichzeitig seien antifeministische Argumentationen im Spektrum sich mit Männlichkeit beschäftigender Männer immer präsenter geworden und hätten schließlich an Dominanz gewonnen. Deshalb sei die heutige Männerrechtsbewegung auch deutlich von der ursprünglich profeministischen Männerbewegung zu differenzieren, da sie sich im Einklang mit der „herrschenden Männlichkeit“ (Georg Brozka: Männerpolitik und Männerbewegung. In: Holger Brandes/Hermann Bullinger: Handbuch Männerarbeit. Weinheim: Psychologie Verlags Union 1996, S. 85) befinde und keinerlei emanzipatorischen Gehalt beanspruchen könne (S. 20.).

Im dritten Teil beschreibt der Autor wichtige maskulinistische Akteure, wie den 2004 gegründeten Verein MANNdat, das Familiennetzwerk Deutschland, den Väteraufbruch für Kinder, oder auch den 2010 aus dem Sammelband Befreiungsbewegung für Männer (Paul-Hermann Gruner/Eckhard Kuhla: Befreiungsbewegung für Männer. Gießen: Psychosozialverlag 2009) hervorgegangenen Verein Agens. Im letzten großen Abschnitt versucht Kemper die Kompatibilität bzw. Überschneidungen mit rechtsextremen Positionen anhand einer Vielzahl von Zitaten aus dem maskulinistischen Forum „Wieviel ‚Gleichberechtigung‘ verträgt das Land?“ (www.wgvdl.com) nachzuweisen. Auch wenn breitflächige Verschränkungen mit rassistischen und antidemokratischen Diskursen an dieser Stelle deutlich aus den angeführten Belegen sprechen, ist es schade, dass kaum analytische Einlagen folgen und es bei einer deskriptiven Auflistung antifeministischer Inhalte bleibt. Letztendlich kommt Kemper zu einem ähnlichen Schluss wie Gesterkamp und benennt vier zentrale Merkmale maskulinistischer Argumentation: starker Biologismus, Opfermythen, Anti-Etatismus sowie inszenierte Tabubrüche (S. 35).

Politische Konflikte in der Wissenschaft

Trotz geringer theoretischer Einbettung sowie daraus folgender Thesen bleibt das Buch lesenswert. Seine Stärken liegen in der kenntnisreichen und bis dato nur äußerst selten verschriftlichten Geschichte der bundesdeutschen Männerbewegung. Vielleicht ist dieses Stöbern in der ‚Grauen Literatur‘ einigen ja ein Anreiz zur weiteren, nötigen Auseinandersetzung.

Denn zum einen ist die (kritische) Männlichkeitsforschung in Deutschland jüngeren Alters und sieht sich noch jeder Menge unerforschter Themen gegenüber. Sie könnte sich vermehrt mit der Frage beschäftigen, ob unter immer stärker prekarisierten Bevölkerungsteilen eventuell neue Bündnispartner für geschlechtersensible Politiken zu finden sind, bietet die soziale Transformation von Arbeit doch auch die Chance auf Interventionen in symbolische Ordnungen und geschlechtliche Hierarchien. (Michael Meuser: Geschlecht und Männlichkeit. Opladen: Leske & Budrich 1998; Sylka Scholz: Männlichkeit erzählen. Münster: Westfälisches Dampfboot 2004; Brigitte Aulenbacher/Angelika Wetterer: Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot 2009; darin besonders: Susanne Völker: ‚Entsicherte Verhältnisse‘ – Impulse des Prekarisierungsdiskurses für eine geschlechtersoziologische Zeitdiagnose, S. 268 - 286) Sollte dies nicht aufgegriffen werden, wenden sich womöglich immer mehr Männer (und Frauen) einer regressiven Geschlechterpolitik zu, die romantisierte Familienbilder und männliche Überlegenheitsideologien im selbstviktimisierten Schafspelz serviert, um gefühlte Privilegienverluste vorrangig weißer Mittelschichtsmänner traditionalistisch zu kanalisieren. Derlei emotional aufgeladene Krisendiskurse und die ihnen immanente biologistische Verteidigung des Status quo markieren den Weg in braune Milieus.

Zum anderen erhalten jene maskulinistischen Initiativen durchaus renommierte Unterstützung. Denn wie sich am Männerkongress der Universität Düsseldorf (Titel: „Neue Männer - muss das sein?“, www.maennerkongress2010.de) im Februar 2010 oder auch an einer gemeinsamen Veranstaltung von Agens e.V. mit dem Wissenschaftszentrum Berlin (Titel: „Mann und Frau – wie soll’s weitergehen?“, Bericht im Freitag) im Juni 2011 abzeichnet, finden Standpunkte maskulinistischer, antifeministischer und biologistischer Couleur nicht nur in anonymen Internetforen, sondern ebenso in der institutionalisierten Wissenschaft Anklang. Hier führt kein Weg an einer politischen Positionierung vorbei – sollte es doch in den kommenden Jahren niemanden überraschen, wenn sich mit derlei Themen unweigerlich beschäftigt werden muss, will die Tür dieses geschlechterpolitischen Rollbacks wieder geschlossen werden.

URN urn:nbn:de:0114-qn123073

Robert Claus

Humboldt-Universität zu Berlin

Der Autor studiert Europäische Ethnologie sowie Gender Studies. Veröffentlichung zusammen mit Esther Lehnert und Yves Müller (Hg.): „Was ein rechter Mann ist… “ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin: Dietz Verlag 2010.

E-Mail: robert_claus@web.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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