Im Spannungsfeld von sozialstrukturellen Gegebenheiten und subjektiven Verortungen

Rezension von Julia Graf

Barbara Rinken:

Spielräume in der Konstruktion von Geschlecht und Familie?

Alleinerziehende Mütter und Väter mit ost- und westdeutscher Herkunft.

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010.

349 Seiten, ISBN 978-3-531-16417-5, € 39,95

Abstract: Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahlen Alleinerziehender und den bekannten ökonomischen Risiken dieser Familienform stellt sich Barbara Rinken der Aufgabe, diese in Bezug auf Emanzipation und auf Dekonstruktionsprozesse dichotomer Vorstellungen von Geschlecht zu erforschen. Sie kristallisiert hierbei auf Basis einer fundierten Rekonstruktion des Forschungsstandes und eigens durchgeführter Interviews heraus, welche Möglichkeiten diese Lebensform den Alleinerziehenden in Bezug auf ihre individuelle Konstruktion von Geschlechtlichkeit bietet und welche Grenzen diesen Spielräumen gesetzt sind. Spannend macht ihre empirisch fundierte Analyse dabei besonders der forschungspraktisch gut umgesetzte Anspruch, subjektive Verortungen und sozialstrukturelle Befunde in Zusammenhang zu bringen.

Die Lage Alleinerziehender und ihrer Familien ist inzwischen ein häufig diskutiertes gesellschaftliches und insbesondere sozialpolitisches Thema. Hierbei geht es zumeist um deren prekäre Lebenslage, denn Alleinerziehende sind beispielsweise die Gruppe mit den höchsten Hartz IV-Bezugsquoten. Ein Fortschritt für die sozial schwierige Situation der Alleinerziehenden ist sicherlich, dass sich in diesen Debatten auch ausdrückt, dass in den letzten Jahrzehnten Bewegung gekommen ist in die Anerkennung des Alleinerziehens als ‚normaler‘ gesellschaftlicher Lebensform. Barbara Rinken nimmt dies als Ausgangspunkt dafür, einerseits zu fragen, welche Grenzen die Anerkennung dieser Lebensform hat, und andererseits, ob in der Abweichung vom nach wie vor geltenden Normalitätsstandard der heterosexuellen Kleinfamilie auch Möglichkeiten stecken, „Spielräume in der Konstruktion von Geschlecht und Familie“ individuell zu nutzen. Ihre These dabei: Je stärker der gesellschaftliche Fokus auf heterosexuelle Kleinfamilien gelegt wird und deren Natürlichkeit und Bedeutung für die Gesellschaft betont wird, umso stärker ist die Marginalisierung von Alleinerziehenden (S. 59 ff.). Durch die von Rinken aufgeworfenen Fragestellungen ergibt sich die Möglichkeit, alternative Lebensformen zur heterosexuellen Kleinfamilie in den Blick zu nehmen und ihre momentanen Probleme und Hürden aufzudecken.

Zur Annäherung an diesen Gegenstand wertet die Autorin zum einen den Forschungsstand zu Alleinerziehenden auf informative Weise aus. Als zweite Quelle stützt sie sich auf eine Dokumentenanalyse, in der sie der Frage nach Geschlechter- und Familienleitbildern in der BRD und der DDR von 1945 bis 1990 nachgeht. Den längsten Teil der Untersuchung bildet aber die Auswertung ihrer eigenen empirischen Erhebung. Hierfür wurden 10 männliche und 10 weibliche Alleinerziehende, jeweils zur Hälfte aus Ost- und Westdeutschland, befragt. Diese Fallzahl von nur 20 Interviews schränkt die Aussagekraft ihrer Ergebnisse nicht ein, da sie diese fast durchgängig mit Erkenntnissen aus der Forschung untermauert und gegebenenfalls kontrastiert. Die Interviews zielen darauf, die Lebenssituation der Alleinerziehenden zu erfassen. Darüber hinaus wurden Einstellungen zu Geschlecht und Familie thematisiert, wobei beispielsweise das Selbstverständnis in Bezug auf Körper und Geschlecht, aber auch Vorstellungen von Mütterlichkeit und Väterlichkeit im Blickpunkt standen.

Lebensbedingungen und Einstellungen

Eine der zentralen – aber bislang offenen – Problemstellungen der feministischen Forschung besteht darin, wie strukturelle Gegebenheiten und subjektive Verortungen zusammengedacht werden können und wie hierbei Anerkennung und Umverteilung (u. a. Nancy Fraser: Die halbierte Gerechtigkeit. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2001) miteinander in Verbindung stehen. Hierbei kann Barbara Rinkens Buch durchaus auch als Beitrag zu dieser Debatte gelesen werden. Denn sie liefert in ihrer Arbeit wichtige Ansatzpunkte dafür, wie ein solches Zusammendenken nicht nur programmatisch, sondern auch forschungspraktisch umgesetzt werden kann, und unterscheidet sich hierbei deutlich von anderen, die diesen Anspruch nur theoretisch formulieren oder ihn entweder mit einem Fokus auf die Handlungs- oder auf die Strukturebene einseitig auflösen.

Rinken legt in ihrem Durchgang durch den Forschungsstand überzeugend dar, dass die sozialstrukturelle Lage von Alleinerziehenden bereits fundiert bearbeitet und beleuchtet wurde. Stärker im Dunklen sei bislang aber geblieben, von welchen Faktoren die Anerkennung der Lebensweise von Alleinerziehenden abhängt und wie ihre individuelle Lebensführung ausgestaltet ist. Insbesondere stellt die Autorin aber heraus, dass das Zusammendenken von sozialstrukturellen Merkmalen und von Fragen der Anerkennung sowie der individuellen Lebensführung zentral ist und bislang ein Desiderat in der Forschungslandschaft darstellt. Ihre Herangehensweise an diese anspruchsvolle Aufgabe hat hier durchaus Vorbildcharakter für den in der Geschlechterforschung häufig aufgestellten Anspruch, strukturelle und individuelle Gegebenheiten zusammenzudenken. Bei der Ergebnisdarstellung bringt Barbara Rinken durchgängig und sehr systematisch die Befunde in Bezug auf die individuelle Befindlichkeit und die Einstellungen der Alleinerziehenden mit deren Lebensbedingungen (Einkommenssituation, Ausmaß und Art der Kinderbetreuung etc.) in Verbindung. Hierbei teilt sie die Alleinerziehenden in unterschiedliche Kategorien hinsichtlich ihrer Lebensbedingungen und ihrer Aussagen zu Geschlecht und Körper ein und kontrastiert diese Befunde u. a. in Überblickstabellen miteinander.

Indem die Autorin die sozialstrukturellen Aspekte und das Wohlbefinden und die Spielräume der Alleinerziehenden in Bezug zueinander setzt, fördert sie eine Reihe interessanter Befunde zu Tage, deren Bedeutung für den Umgang mit Alleinerziehenden dringend weiter verfolgt werden sollte. So stellt sie dar, dass die Verbindung von hohem Bildungsgrad mit einem höheren beruflichen Status häufig „vor in der sozialen Interaktion vermittelten negativen Bildern von Alleinerziehenden“ (S. 219) zu schützen scheint. Nicht verwunderlich sind auch wesentliche Einflussfaktoren für die individuelle Zufriedenheit, nämlich eine abgesicherte materielle Situation und private Unterstützung der Alleinerziehenden durch ihr soziales Netzwerk (S. 224).

In Bezug auf die Spielräume in der Konstruktion von Geschlecht wird deutlich, dass es gerade bei denjenigen, die weder materiell abgesichert noch über ein gut ausgebautes soziales Netzwerk verfügen, viele Interviewte gibt, die solche Spielräume formulieren. Rinken vermutet, das könne daran liegen, dass diese aufgrund ihrer marginalisierten Lage gezwungen seien, alternative Vorstellungen von Familie und Rollenmustern zu entwickeln, um sich selbst ein möglichst hohes Maß an Akzeptanz zu ermöglichen (S. 298). Hier zeigt sich aber auch die ambivalente Situation von Alleinerziehenden, denn die Autorin weist ebenso einen Zusammenhang nach zwischen einer schlechten sozialstrukturellen Lage und einer prinzipiellen Befürwortung der 2-Eltern-Familie, was sich vermutlich auf den damit verbundenen Wunsch der Verbesserung der sozialen Situation zurückführen lässt (S. 314).

Mithilfe ihrer informativen Darstellung des Forschungsstandes, aber auch in ihrer eigenen Erhebung stellt Rinken dar, dass es zwar ein zunehmendes Maß an Anerkennung der Lebensform Alleinerziehender gibt, diese aber trotzdem Diskriminierungen u. a. am Arbeitsplatz und bei der Suche nach Wohnungen ausgesetzt sind.

Vorfahrt für Väter?

In vielfältigen Untersuchungen wurde schon herausgefunden, dass die Lage alleinerziehender Väter zumeist nicht so prekär ist wie die weiblicher Alleinerziehender. Dies gilt sowohl für ihre materielle Situation als auch für ihre Arbeitsmarktintegration und die Unterstützung durch soziale Netzwerke. Dies arbeitet Rinken informativ heraus, kann aber auch mit Hilfe ihrer spezifischen Fragestellung weitere geschlechtsspezifische Unterschiede herausarbeiten. So weist sie nach, dass Väter deutlich häufiger Spielräume nutzen, indem sie der Übernahme einzelner Anteile der weiblichen Geschlechterrolle etwas abgewinnen können: „Der Eintritt in das ‚weibliche Territorium‘ der Familienarbeit verändert das Selbstverständnis Körper/Geschlecht der Männer eher erweiternd, für sie kommt etwas Neues hinzu und dies wird in der Regel als positiv beschrieben. Die Frauen hingegen erleben sich durch das Alleinerziehen eher als auf ihr ‚traditionelles Territorium‘ festgelegt.“ (S. 244) Rinken kann hierbei zeigen, dass ein wesentlicher Einflussfaktor darin liegt, dass Frauen sich stark an stereotypen und idealisierten Vorstellungen von Mütterlichkeit abarbeiten und dies zu Lasten ihrer eigenen Zeit geschieht. Dies hat in Verbindung mit der Vorstellung einer idealen Arbeitsteilung zwischen zwei dichotom angeordneten Geschlechtern auch zur Folge, dass sie die eigene Familiensituation häufiger als alleinerziehende Väter als defizitär und problematisch wahrnehmen (S. 274 ff.).

Gleichzeitig sind Väter aber auch nach wie vor einem anderen gesellschaftlichen Anerkennungsdruck ausgesetzt als Mütter. Sie werden als Eltern anders ‚angerufen‘, weil für sie die Vorgaben, die das Konstrukt Mütterlichkeit mit sich bringt, nicht geltend gemacht werden. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass Väter deutlich weniger Stunden pro Tag in Haushaltsführung und familiäre Aufgaben investieren (S. 163). Der geringere Druck, den das Konstrukt Väterlichkeit in sich birgt, scheint aber auch dazu zu führen, dass ihnen eher die Kompetenz abgesprochen wird, die Erziehungsanforderungen zu meistern, und sie von Akteuren wie beispielsweise dem Jugendamt dazu aufgefordert werden, auf externe Hilfe zur Betreuung und Erziehung zurückzugreifen (S. 215).

Die Bedeutung innerdeutscher Unterschiede

Als eine zentrale Untersuchungsachse wählt Rinken die Ost-/Westunterscheidung. Um diese auch historisch einzubetten, arbeitet sie die unterschiedliche Lage von Alleinerziehenden in der Zeit nach 1945 in der ehemaligen DDR und der BRD heraus und zeigt hierbei eine Reihe wichtiger Ergebnisse auf, die so in der Forschung bislang nicht zu finden sind (S. 72 ff.). Zwischen den beiden deutschen Staaten gab es deutliche Unterschiede, wie mit Alleinerziehenden umgegangen wurde und in welchem Ausmaß ihre Lebenslage anerkannt und unterstützt wurde. Obwohl sie hierbei auch deutliche Wandlungsbewegungen in beiden Staaten im Laufe der Zeit nachweisen kann, war der Fokus auf die heterosexuelle Kleinfamilie in der BRD dennoch deutlich ausgeprägter als in der DDR. Das Thema der Alleinerziehenden hatte in der BRD u. a. auch immer eine ideologische Bedeutung, da die Defizite des Systems der DDR, in der die Kleinfamilie als gefährdet konstruiert wurde, nachgewiesen werden sollten.

Solche Unterschiede bestehen fort, die unterschiedliche Sozialisation zeigt heute noch Wirkungen. So verweist Rinken auf Forschungsergebnisse, die offenbaren, dass die Erziehung durch nur einen Elternteil in Ostdeutschland nach wie vor als deutlich normaler angesehen wird und individuell als weniger belastend empfunden wird. Auch für die Erwerbsintegration zeigen sich Unterschiede, denn alleinerziehende Frauen sind in Ostdeutschland sowohl häufiger überhaupt erwerbstätig als auch in einem Vollzeitbeschäftigungsverhältnis angestellt.

Ihre eigenen Befunde aus den Interviews decken als wesentliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland auch auf, dass die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf für ostdeutsche alleinerziehende Frauen ein viel selbstverständlicheres und viel weniger mit Schuldvorstellungen verbundenes Thema ist. In Westdeutschland scheinen nach wie vor insbesondere bei den Frauen Vorstellungen dichotom angeordneter Väterlichkeit und Mütterlichkeit häufiger verbreitet zu sein und die Spielräume zur Dekonstruktion von Geschlecht deutlich enger auszufallen.

Fazit und Ausblick

Rinkens Ausführungen bieten einen sehr informativen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand, der durch die Auswertung ihrer zwanzig Interviews mit Alleinerziehenden zum Teil ergänzt wird. Sie weist damit auf die schwierige Lage hin, in der sich Alleinerziehende befinden, u. a. durch ein fehlendes Maß an Unterstützung, einen hohen Belastungsdruck und diversen selbst gestellten und von außen an die Alleinerziehenden herangetragenen Ansprüchen. Sie belegt auch die ambivalenten Wirkungen und Ungleichzeitigkeiten, die sozialer Wandel auf der einen Seite und die „Beharrungskraft dichotomer Geschlechterbilder auf der anderen Seite“ (S. 272) entfalten. Insgesamt macht Rinken deutlich, wie sehr Subjekte von gesellschaftlichen Erwartungen oder den Vorstellungen über diese Erwartungen geprägt werden und wie sehr dies ihre individuellen Handlungsspielräume einschränkt, ohne dass die Subjekte jedoch völlig handlungsunfähig werden.

Trotz dieses hohen Mehrwerts für die Forschung zu Alleinerziehenden und zum Zusammenhang von Struktur- und Handlungsebene weist das Buch durchaus auch die typischen Probleme einer Doktorarbeit auf, die das Lesen an manchen Stellen etwas erschweren, zum Beispiel ein etwas schwerfälliger Charakter der Darstellung ihrer Interviewergebnisse, bei der die eine oder andere Überblicksgrafik für die Leserin/den Leser durchaus hilfreich gewesen wäre.

Rinken arbeitet gut heraus, welche Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten sich für Alleinerziehende ergeben. Dadurch, dass sie aber auf die Frage fokussiert bleibt, welche Spielräume es in Konstruktionsprozessen gibt und welche Wirkungen dies auf das individuelle Wohlbefinden hat, bleibt ihr der Weg dahin versperrt, zu fragen, wie die Situation von Alleinerziehenden verbessert werden könnte. Andockend an ihre Ergebnisse bleibt es also zu fragen, welche Unterstützungen Alleinerziehende brauchen, damit sie für sich und ihre Kinder die häufig spannungsgeladene Lage meistern können und sowohl materiell zufriedenstellende als auch ausreichend sonstige Möglichkeiten zur Verfügung haben, um in Wohlbefinden zu leben.

Offen bleibt weiterhin, welche Ansatzpunkte es gibt, um idealisierte Vorstellungen dichotom angeordneter Mütterlichkeit und Väterlichkeit zu verändern, damit die Erziehungsleistungen von Alleinerziehenden von ihnen selbst und von Anderen nicht zwangsläufig als defizitär wahrgenommen werden. Hierzu gehört auch zu überlegen, wie die sozialstrukturelle Lage Alleinerziehender verbessert werden kann und wie veränderte Familienleitbilder gefördert werden können, die weg von dichotomen Vorstellungen führen, die an die heterosexuelle Kleinfamilie gekoppelt sind.

URN urn:nbn:de:0114-qn122082

Julia Graf

Philipps-Universität Marburg

bis Dezember 2009 Mitarbeiterin in unterschiedlichen Drittmittelprojekten und am Institut für Politikwissenschaft, seitdem Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung, Promotionskolleg „Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Organisationen und Demokratie“

Homepage: http://www.uni-marburg.de/genderkolleg

E-Mail: julia.graf@staff.uni-marburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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