Beate Ihme-Tuchel: Jenseits von Christa Wolf – marginalisierte Schriftstellerinnen in der Honecker-Ära

Jenseits von Christa Wolf – marginalisierte Schriftstellerinnen in der Honecker-Ära

Rezension von Beate Ihme-Tuchel

Lequy, Anne:

„unbehaust“? Die Thematik des Topos in Werken wenig(er) bekannter DDR-Autorinnen der siebziger und achtziger Jahre.

Eine feministische Untersuchung.

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang Verlag 2000.

645 Seiten, ISBN 3–631–37020–2, DM 148,00 / SFr 119,00 / ÖS 992,00

Abstract: Anne Lequy geht es in ihrer aus feministischer Sicht geschriebenen literaturwissenschaftlichen Studie um den „Ort“, um also um das „Zuhause“, um „Desorientierungen“ und um den „Schwerpunktverlust“ in den Arbeiten von weniger bekannten Schriftstellerinnen der Honecker-Ära. Sie untersucht, wie das „DDR-Milieu“ deren Schaffen beeinflusst hat, ob sie sich der Doppelmoral hinsichtlich der angeblich erreichten Gleichstellung von Mann und Frau bewusst waren und wie sie „auf diesen Betrug“ reagierten.

Bei dieser spannenden und flüssig geschriebenen Arbeit handelt es sich um eine literaturwissenschaftliche Dissertation, die 1999 in Leipzig als Ergebnis einer deutsch-französischen Kooperation bei den Professorinnen Nagelschmidt (Leipzig) und Abret (Metz) abgeschlossen wurde.

Der Titel „unbehaust“ ist einem Gedicht von Gabriele Stötzer-Kachold entnommen und soll ausdrücken, dass diese Autorinnen vom Literaturbetrieb der DDR ignoriert, vernachlässigt, verdrängt oder verzerrt rezipiert wurden. Mit den „wenig(er) bekannten“ Autorinnen sind jene gemeint, die nicht den Bekanntheitsgrad einer Anna Seghers, Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann oder Maxie Wander erreichten. Den Kern der Untersuchung bilden etwa 20 solche „vernachlässigte“ Autorinnen mit ihren zwischen 1970 und 1989 verfassten Texten. Diese Autorinnen wurden überwiegend nach 1939 geboren und bilden eine recht heterogene Gruppe, was ihre Möglichkeiten zur Veröffentlichung, ihre soziale Herkunft, ihre Ausbildung und ihre erlernten Berufe sowie ihre Einstellung zur DDR betrifft. Einige hielten am Sozialismus fest, den sie allenfalls verbessern wollten (Helga Königsdorf), andere distanzierten sich von ihm (Helga Schubert) oder verließen nach der Biermann-Ausbürgerung das Land (Irina Liebmann, Monika Maron, Christa Moog, Katja Lange-Müller), während Stötzer-Kachold ein Jahr wegen „Staatsverleumdung“ im Gefängnis saß.

Die untersuchten Leittexte stammen von Brigitte Burmeister, Sigrid Damm, Gabriele Eckart, Elke Erb, Renate Feyl, Kerstin Hensel, Sarah Kirsch, Helga Königsdorf, Barbara Krause, Katja Lange-Müller, Monika Maron, Christa Moog, Helga Schubert, Maria Seidemann, Angela Stachowa, Gabriele Stötzer-Kachold, Brigitte Struzyk, Gerti Tetzner und Rosemarie Zeplin. Als Kontrastfolie wurden zusätzliche Texte mit einbezogen, die das Toposthema allerdings nur peripher berühren (von Renate Apitz, Daniela Dahn, Sabine Frick-Lange, Dorothea Kleine, Gisela Kraft, Angela Krauß, Irina Liebmann, Brigitte Martin, Beate Morgenstern, Sybille Muthesius, Helga Schütz, Petra Werner, Maja Wiens, Elke Willkomm, Christine Wolter und Charlotte Worgitzky).

Wie bei den meisten Dissertationen, nehmen auch in dieser Arbeit theoretische Vorannahmen, Begriffserläuterungen, Methoden sowie die exakte Spezifizierung der Fragestellung und deren Einbettung in die Forschung breiten Raum ein. (vgl. S. 9–134) Lequy fragt nach der speziellen Bedeutung des Ortes für schreibende ostdeutsche Frauen und betont einige typische DDR-Erscheinungen wie „Eingesperrtsein, „Militarismus“, „Nationalismus“, den „Zentralismus“ des Regimes, die „Einheitsgesellschaft“, die Doppelmoral des Staates und den „sozialistischen“ Literaturbetrieb. (S. 41) Ihren Blickwinkel hält sie keineswegs für revolutionär, weil der Begriff des Ortes bereits seit längerem Untersuchungsmittel und -zweck einer Strömung der feministischen Literaturwissenschaft bildet. (vgl. S. 56) Drei Ziele werden verfolgt: die wenig(er) bekannten Autorinnen sollen gerade wegen ihrer Marginalisierung im Mittelpunkt stehen, die „Praktikabilität der Differenztheorie“ soll nachgewiesen, die Grenzen der Germanistik überschritten und die Ergebnisse in den breiten Rahmen der Frauenforschung eingebettet werden. Auch eine „neue Definition des weiblichen Ortes“ soll erfolgen. (vgl. S. 61)

Dem legt Lequy Interdisziplinarität und Methodenpluralismus zugrunde. Es soll nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine gesellschaftskritische Analyse erfolgen, wobei vor allem die zwar angestrebte, aber nicht erreichte Gleichberechtigung der Geschlechter anhand der Texte erläutert werden soll. Da Lequy keine hierarchische Beziehung zwischen sich und ihrem Gegenstand wünscht, übernimmt sie das Prinzip des „interessierten Blickwinkels“ und der „bewußten Parteilichkeit“. (S. 22) Der rote Faden, der ihren „literatursoziologischen und sprachkritischen Ansatz durchläuft“, könnte lauten: Wie hat das Milieu der DDR jener Jahre das Schaffen der Autorinnen beeinflusst? Waren diese sich der Doppelmoral hinsichtlich der angeblich erreichten Gleichstellung von Mann und Frau bewusst? Wie reagierten sie „auf diesen Betrug“? (S. 63) Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sind in der Patriarchatskritik zu erkennen?

Im Hauptteil untersucht Lequy das Zuhause als Ort von „Sanftheit und Unterdrückung“. Dabei differenziert sie zwischen den „ruhelosen“ siebziger und den „einsamen“ achtziger Jahren. In den frühen Achtzigern bewirkten radikale Veränderungen einen Wandel in den Texten der Frauen. Sie konnten ihren Aktionsraum zwar ausweiten, doch wuchs mit den „Lasten der Freiheit“ ihre Vereinsamung. Lequy erinnert daran, dass die wiederkehrende Figur der allein stehenden Frau der soziologischen Realität in der DDR entsprach. Die Texte jener Jahre bevölkern chronisch übermüdete, permanent überlastete Frauen, denen das „rituelle Kohleschleppen“ überlassen bleibt, das zugleich als „Barometer“ ihrer Stellung in der Paarbeziehung gelten kann; Frauen, die allein gelassen werden mit der Frage für oder gegen ein Kind, überdrüssige, verdrossene und verantwortungslose Männer und ungleiche Paare. (vgl. S. 170ff)

Dem „Zuhause“ folgt die Analyse der ostdeutschen Gesellschaft. Hier werden die Folgen der Isolierung durch die Einmauerung und der Provinzialismus (nicht nur als Synonym für Langeweile, Fantasielosigkeit, Spießigkeit und Kleinkariertheit, sondern auch als Idyll und Ort der Beständigkeit) untersucht. Eckart etwa blieb 1987 im Westen, weil sie das Eingesperrtsein nicht länger ertrug, Dahn schrieb über Begebenheiten „im Windschatten dieses undekorativen Raumteilers“. Ohne die Mauer wären manche Arbeiten „wenn überhaupt, dann nicht in einer solchen Form entstanden“. Ohne das Gefühl des Eingesperrtseins „wäre die Sehnsucht nach dem Exotischen, nach dem Anderswo“ weniger stark gewesen. (S. 221) Literarisch verarbeitet wurde die Isolierung gerne mit dem Motiv der Schlinge. Wiederum unterscheidet die Autorin zwischen den beiden Jahrzehnten ihrer Untersuchung, indem sie die Frauenliteratur der Siebziger als „Seismograph und Korrektur der Gesellschaft“, die Achtziger aber als „Distanzierungsversuch von der Gesellschaft“ bezeichnet. Hier untersucht Lequy, wie Frauen gegen die Bevormundung anschreiben. Schließlich widmet sie sich der Sprache, indem sie den „Bruch mit den kanonischen Formen“ analysiert. Wie gehen die Autorinnen mit der patriarchalisch geprägten Sprache, der „Sklavinnensprache“ (S. 330, Anm. 750), um? Vier verschiedene Reaktionen werden hier exemplarisch vorgestellt.

Zuletzt stehen diverse „Desorientierungen“ im Mittelpunkt. Lequy fragt nach den Entstehungsorten der Texte dieser wenig(er) bekannten Autorinnen. Wie schlagen sich Krieg, Krankheit, Flucht und Vertreibung in den Texten nieder? Welche Rolle spielt Frankreich als Projektionsfläche, „Traumland und Forschungsfeld“? Während die Literatur der Siebziger als „Lebenshilfe“ gedient habe und vor allem durch das Ringen mit der eigenen Vergangenheit gekennzeichnet sei, findet Lequy für die Achtziger den Begriff der „konstruktiven Literatur“. Unter der Überschrift „Schwerpunktverlust“ analysiert sie Gefühle der Fremdheit, Fremdbestimmung sowie diverse „Verrückungen“ . Im Anschluss hieran geht die Autorin „Spuren der Utopie“ nach. Sie untersucht utopische Entwürfe als „Korrektur der Realität“, Texte, in denen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen, die wenigen Beispiele weiblicher Science Fiction-Literatur, literarische Entwürfe eines Rollen- und Geschlechtertausches und schließlich die Utopie als „Entwurf einer besseren Realität“.

Auf der Grundlage ihrer Analyse präsentiert Lequy eine dreiteilige Typisierung der Schriftstellerinnen im Zeitraum von 1970 bis 1989 : Sie unterscheidet zwischen Vagabundinnen, Grenzgängerinnen und Überläuferinnen (vgl. S. 478–481) und widmet sich abschließend weiterführenden, v. a. komparativen Forschungsfragen. Den Band beschließt eine umfangreiche Bibliografie von 350 schreibenden Frauen der Honecker-Ära. Insgesamt besticht die Arbeit durch die Tiefe und Breite der Analyse. Sie ermöglicht neue Einsichten in die Lebenssituation und Textproduktion von den weniger berühmten DDR-Autorinnen. Damit hebt sie sich wohltuend von vielen anderen, sensationsheischenden Publikationen zur Entwicklung der DDR-Kultur ab.

URN urn:nbn:de:0114-qn023131

Dr. Beate Ihme-Tuchel

Freie Universität Berlin, Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft

E-Mail: polhistt3@zedat.fu-berlin.de

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