Mechthild Bereswill: Haben Gefühle ein Geschlecht?

Haben Gefühle ein Geschlecht?

Rezension von Mechthild Bereswill

Manuel Borutta, Nina Verheyen (Hg.):

Die Präsenz der Gefühle.

Männlichkeit und Emotion in der Moderne.

Bielefeld: transcript Verlag 2010.

334 Seiten, ISBN 978-3-89942-972-5, € 29,80

Abstract: Im Mittelpunkt der Rezension stehen grundsätzliche Fragen der geschlechtertheoretischen Erfassung des Verhältnisses von Emotionen und Geschlecht, die sich aus den Beiträgen des Sammelbands ergeben, wobei der Fokus auf Männlichkeiten gerichtet ist. Sind Gefühle grundsätzlich vergeschlechtlicht, wie Ute Frevert dies voraussetzt? Oder gilt die Setzung, die Andreas Reckwitz vornimmt, dass die Emotionen des Subjekts in der Moderne und Postmoderne nicht immer einer Vergeschlechtlichung unterliegen und Geschlecht damit nur ein Anschlussphänomen wäre? Im Kontext solcher geschlechtertheoretisch umstrittenen Fragen werden auch die theoretischen Forschungsprämissen, die die Herausgeber/-innen des Bandes darlegen, näher beleuchtet.

Die Frage nach dem Verhältnis von Emotionen und Geschlechterdifferenz wird im vorliegenden Sammelband aus einer vornehmlich geschichtswissenschaftlichen Perspektive auf Männlichkeit in der Moderne aufgenommen. Der Band umfasst insgesamt dreizehn Beiträge, davon drei einleitende Texte aus geschichtswissenschaftlicher, philosophischer und kultursoziologischer Perspektive (Borutta/Verheyen; Newmark; Reckwitz) sowie eine abschließende „historische Skizze“, in der Ute Frevert das Verhältnis von Geschichtswissenschaft, Emotionsforschung und Geschlechterforschung diskutiert. Die Frage nach der Vergeschlechtlichung von Gefühlen beantwortet sie recht eindeutig, wenn sie schreibt: „Gefühle haben folglich ein Geschlecht, sie sind in unterschiedlicher Weise an die Geschlechtszugehörigkeit einer Person gebunden. Sie haben, zweitens, auch einen sozialen Ort. Der Zorn des Mächtigen fühlt sich anders an als der Zorn des Ohnmächtigen“ (S. 309).

Stellen wir die Frage, ob Gefühle ein Geschlecht haben, zunächst zurück – die von Frevert benannten Verflechtungen von Geschlechterdifferenz, sozialer Zugehörigkeit und Emotionalität werden in allen im Band versammelten Beiträgen verfolgt. In den Blick rücken unterschiedliche Konstellationen der Moderne, mit dem Fokus auf die Herausbildung und den Wandel moderner Männlichkeit(en). Alle neun Studien, die im zweiten Teil als „Historische Analysen“ versammelt sind, inspirieren die wissenschaftliche Reflexion auch über geschichtswissenschaftliche Fragestellungen hinaus. Das gilt beispielsweise für den soziologischen Text von Sylka Scholz, die dem Verhältnis von „Männlichkeit und Emotionalität in der DDR“ nachgeht und hierzu spannende Thesen und Fragen auch im Hinblick auf ausstehende Ost-West-Vergleiche formuliert.

Männlich konnotierte Räume

Aus der historischen Perspektive rekonstruiert etwa Stefan-Ludwig Hoffman am Beispiel der besonderen Praktiken der Logen im 19. Jahrhundert, wie emotionalisierte Männlichkeit sich im Spannungsfeld von Freundschaft und Liebe sowohl in der homosozialen als auch der heterosozialen Dimension der bürgerlichen Geschlechterbeziehungen entfaltet und wie die emotionale Bindung zwischen Männern zugleich als Geheimnis gehütet und rituell zelebriert wird. Dabei zeigt er, wie Frauen nicht einfach ausgeschlossen bleiben, sondern wie Weiblichkeitsvorstellungen im Wechselspiel von Ausschluss und Einschluss an Konstruktionsprozessen von Männlichkeit mitwirken. Seine Studie inspiriert zu Überlegungen im Anschluss an Bourdieus Konzept der männlichen Herrschaft – es stellt sich die Frage, ob Männlichkeit letztlich exklusiv unter Männern hergestellt wird.

Einen Ausschluss von Frauen und die Abwehr von Weiblichkeitszuschreibungen findet dagegen Thomas Kühne im Kontext militärischer Vergemeinschaftung in der Zeit von 1918 bis 1945. Mit seinem Beitrag über die Spannung zwischen „Zärtlichkeit und Zynismus“ verfolgt er das Ziel, die Frage nach dem Zusammenhalt der deutschen Wehrmachtsoldaten und nach ihrer Bereitschaft ‚mitzumachen‘ aus einer emotions- und männlichkeitstheoretischen Sicht zu erhellen. Anhand von Ego-Dokumenten und Romanen untersucht er die „Kameradengemeinschaft“, deren homosoziale Struktur er als „emotional souverän“ begreift. Diese Konstellation sieht der Autor als grundlegend für eine „moralische Grammatik“, die alles erlaubte, „was der Gruppe gefiel“ – „der kameradschaftliche Männerbund konstituierte sich durch die Überschreitung der Norm“ (S. 188). So lautet sein Fazit, dass es die moralische und emotionale Grammatik der militärischen Vergemeinschaftung ist, die dem Durchhaltevermögen von Soldaten und ihrer Bereitschaft, menschenverachtende Überzeugungen als handlungsleitend zu akzeptieren, ihre Stärke verleiht. Sein Beitrag wirft offene Fragen zum Verhältnis von Gewalt und Geschlecht auf, beispielsweise im Hinblick auf die Untersuchung von Opfer-Täter-Dichotomien und Ambivalenzen innerhalb von militärischen Männergemeinschaften. Hierbei stellt sich auch die Frage nach der effeminierten Position des Opfers und der einseitigen Verknüpfung von Männlichkeit und Täterschaft.

Das komplexe Wechselspiel von Männlichkeit und Emotionen

Alle Texte des Bandes sind lesenswert und tragen ohne Zweifel zu dem bei, was die Herausgeber/-innen mit diesem Band beabsichtigen: Gefühle als „historisch zwar wandelbares, aber ständig präsentes, facettenreiches Element moderner Maskulinität“ zu erfassen (S. 16). Im philosophiegeschichtlich angelegten Beitrag von Catherine Newmark wird hierbei der Blick auf das Verhältnis von Vernunft, Emotion und Geschlecht gelenkt. Die Autorin arbeitet „einige der großen Linien“ in Emotions- und Geschlechterdiskursen heraus und betont, dass solche Muster keinesfalls begrifflich konsistent sind und das „bloße Sortieren der Begriffe“ insbesondere bei der Diskussion von Geschlechterdynamiken an seine Grenzen stößt (S. 53). Borutta und Verheyen kritisieren in ihrem geschichtswissenschaftlichen Einleitungstext einseitige und zugleich widersprüchliche Zuschreibungen, die sich in (den wenigen bislang vorliegenden) wissenschaftlichen Arbeiten zu männlichen Emotionen finden. Sie skizzieren deshalb einen Ansatz, in dem Männlichkeit – in Anlehnung an Arbeiten von Connell – als eine doppelte Relationalität im Verhältnis zu anderen Männlichkeiten und zu Weiblichkeit vorausgesetzt wird. Emotionen begreifen sie als komplexes Zusammenspiel von physiologischen, kognitiven und sozialen Dimensionen. Zugleich plädieren sie für die Unterscheidung von diskursiven, performativen und handlungstheoretischen Analyseebenen.

Ob und wie diese programmatisch formulierten Prämissen mit den verschiedenen Beiträgen des Bandes korrespondieren, verfolgen Borutta und Verheyen in ihrer kurzen Vorstellung der Beiträge des Bandes nicht systematisch weiter. Gleichwohl verdeutlichen die verschiedenen Forschungsbeiträge, dass das vorgeschlagene Mehrebenenmodell an seine Grenzen stößt, beispielsweise, was die Frage der Vermittlung von Emotionen und Handlungen betrifft oder wie diese aus verschiedenen Quellen oder Daten rekonstruiert werden könnte. Deutlich wird dies etwa, wenn Ellinor Forster in ihrer Untersuchung von Scheidungsakten aus dem Tirol und dem Vorarlberg des 19. Jahrhunderts auf die in diesen Akten dokumentierten Narrative der Geistlichen zurückgreift, die die Klagen der Eheleute aufnahmen. Hier stellt sich beim Lesen nicht nur die Frage, welche Emotionen nun für wen und warum ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ konnotiert sind, sondern auch, wer hier spricht und mit welchem Motiv. Umso verblüffender ist es, dass Forster in ihrer Aktenanalyse auf die Methode der Quantifizierung von Gefühlen nach Geschlechtergruppen zurückgreift. So wird Männlichkeit unter der Hand mit Männern gleichgesetzt (und Weiblichkeit mit Frauen). Der Aufsatz zeigt, dass die Untersuchung des Verhältnisses von Männlichkeit und Emotion eine differenzierte geschlechtertheoretische Verankerung verlangt.

Die Herausgeber/-innen schlagen vor, geschlechtertheoretisch auf Connells einflussreiches Theorem der hegemonialen Männlichkeit zurückzugreifen. Dessen geschlechtertheoretische Unschärfen werden aber durchaus kritisch diskutiert, und eine vergleichende Diskussion mit anderen Ansätzen der Geschlechterforschung wäre hier sehr spannend. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Borutta und Verheyen die Denktraditionen der Frauen- und Geschlechterforschung nur klischeehaft und unscharf in ihre Überlegungen mit einbeziehen, wenn sie Ansätze, in denen männliche Emotionen einseitig als „negativ“ dargestellt werden, auch als ein Resultat „frühfeministischer Feindbilder“ (S. 16) kritisieren. Ist hier die Rede von wissenschaftlichen Zuschreibungen oder wird Bezug genommen auf die Kampfansagen von Frauenbewegungen, beispielsweise gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis? Abgesehen davon, dass solche verkürzten Zuschreibungen nicht erkenntnisleitend sind, wird hier zugleich das theoretische und methodologische Reflexionspotential verschenkt, das feministische Wissenschaft von ihren Anfängen an kennzeichnet.

Gendering oder Degendering?

Recht großflächige und gleichzeitig nicht weiter konkretisierte Behauptungen zum Einfluss und zu den (unterstellten) Irrungen feministischer Geschlechterforschung finden sich auch im kultursoziologischen Text von Andreas Reckwitz. Seine Grundthese lautet, wir hätten es im Verhältnis von Männlichkeit und Emotion im historischen Prozess der Moderne sowohl mit Dynamiken des Gendering als auch des Degendering zu tun. Diese Hypothese eines Hin und Her der geschlechtlich erkennbaren oder geschlechtlich neutralen Codierung von Gefühlen basiert auf der weitgreifenden Diagnose, die „affektive Mobilisierung, die Emotionalisierung des Subjekts“ seien das „allgemeinere Problem“ und die „geschlechtliche Form dieser Emotionalisierung […] eine Anschlussfrage“ (S. 58). Eine solche Unterordnung der als partikular erachteten Geschlechterperspektive unter ‚allgemeine‘ kultursoziologische Fragen der Herausbildung des modernen und postmodernen Subjekts erinnert an die alte Frage des Haupt- und Nebenwiderspruchs. Geschlechtertheoretisch fällt diese Perspektive hinter die Erkenntnis zurück, dass Geschlechterdifferenz und Subjektivität, Selbst oder Identität sich gegenseitig verschlüsseln und nicht erklären – dies beinhaltet eine dialektische Sicht auf die wechselseitigen Verschränkungen von Konstruktionen der Differenz mit historisch spezifischen sozialen Kontexten und konkreten sozialen Praxen, die auf die Über- und Unterordnung, die der Autor vorschlägt, verzichten kann, ohne Geschlechterdifferenz als eine feste Größe vorauszusetzen.

Die hierarchisierende Entflechtung komplexer Prozesse der Differenzierung, die Reckwitz zum Programm erhebt, ist wenig hilfreich, wird Geschlecht als ein komplexes Phänomen und als Konstruktionsprozess gedacht. Deshalb haben Gefühle noch lange kein Geschlecht, sie sind aber vergeschlechtlicht und sie codieren ihrerseits die kulturellen Vorstellungen, mit denen Menschen sich Geschlechterdifferenz aneignen und diese ausgestalten. Anders gesagt, besteht die Herausforderung eines (de)konstruktivistischen Ansatzes zum Verhältnis von Emotionen und Geschlecht darin, die jeweiligen Konstruktionsmodi dieser sozialen Konstruktionen zu rekonstruieren und ihre historisch-spezifischen Verflechtungen herauszuarbeiten. Für die Untersuchung des Verhältnisses von Männlichkeit und Emotion im Kontext gesellschaftlicher Geschlechterordnungen stellt sich hierbei die Frage nach den Verschränkungen von Prozessen der sozialen Differenzierung – nicht nur nach Geschlecht – mit solchen der Hierarchisierung, auch im Hinblick auf die kulturellen Bewertungen von Gefühlen und Gefühlsäußerungen. Dabei werden weder weibliche noch männliche Gefühle unterstellt, da Weiblichkeit und Männlichkeit – ebenso wie Emotionen – als kulturelle Konstruktionen zu explorieren sind. Emotionen und Geschlecht gehen dabei nicht reibungslos ineinander auf, sie geraten immer wieder in Spannung zueinander, weil „die affektive Mobilisierung des Subjekts“ aus geschlechtertheoretischer Sicht als widersprüchliche und ungleichzeitige Dynamik zu begreifen ist.

Die sehr unterschiedlichen Beiträge der Edition regen alle dazu an, solche geschlechtertheoretischen Fragestellungen weiterzuverfolgen und sich zudem mit der Bedeutung von Gefühlen für die Herausbildung der Moderne und Postmoderne auseinanderzusetzen – nicht zuletzt auch im Hinblick auf den Vormarsch der Neurowissenschaften, deren Setzungen sich in die sozial- und kulturwissenschaftlichen Theorien zu Emotionen einzuschreiben beginnen.

URN urn:nbn:de:0114-qn113156

Prof. Dr. Mechthild Bereswill

Universität Kassel

Fachbereich Sozialwesen (04), Professur für Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur

Homepage: http://cms.uni-kassel.de/unicms/index.php?id=7792

E-Mail: bereswill@uni-kassel.de

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