Julian Köck: Das Missverständnis von der Tempelprostitution

Das Missverständnis von der Tempelprostitution

Rezension von Julian Köck

Stephanie Lynn Budin:

The Myth of Sacred Prostitution in Antiquity.

Cambridge u.a.: Cambridge University Press 2008.

366 Seiten, ISBN 978-0-521-88090-9, € 66,99

Abstract: Stephanie Lynn Budin liefert mit vorliegender Studie einen wichtigen Beitrag zur Debatte um die Existenz von Tempelprostitution im Altertum. Systematisch untersucht sie die Quellen zur Tempelprostitution und kann weitgehend überzeugend darlegen, dass die betreffenden Stellen nicht für die Existenz von Tempelprostitution im Altertum sprechen, sondern nur aufgrund von tendenziösen Interpretationen so verstanden wurden. Dabei greift die Studie die Ergebnisse anderer Wissenschaftler/-innen auf, bietet aber – besonders zu Herodot und Strabon – auch neue Erkenntnisse.

„Sacred Prostitution never existed in the ancient Near East or Mediterranean“ (S. 1). Der erste Satz der vorliegenden Arbeit formuliert klar die These der Studie. Tatsächlich führt Budin den Nachweis, dass es keine Tempelprostitution in der Antike gab, indem sie systematisch alle vorhandenen Quellen dazu durcharbeitet. Dabei berücksichtigt sie umfassend die vorhandene Forschungsliteratur. Im Mittelpunkt ihrer Studie stehen Herodot und Strabon. Budin zeigt überzeugend, dass Herodots Aussage zur Tempelprostitution in Babylon in erster Linie zur Illustration verschiedener Aussagen und Thesen Herodots dient und mitnichten eine Beschreibung der babylonischen Lebenspraxis ist. Noch reizvoller ist ihre These zu Strabon: Dieser selbst sei von Herodots Beschreibung der Tempelprostitution verwirrt gewesen und in der Folge von der Forschung missverstanden worden. Daneben beschäftigt sich Budin eingehend u. a. mit den Quellen des Alten Orients, Lucian, „Jeremias“, Pindar, Klearkhos, Justinus, Valerius Maximus und deren Rezeption im frühen Christentum. Neben einer archäologischen Untersuchung zur Tempelprostitution bei den Etruskern rundet ein umfangreicher Forschungsüberblick den Band ab.

Das Thema Tempelprostitution erfreut sich als Forschungsgegenstand seit dem 19. Jahrhundert großer Beliebtheit. Offensichtlich beflügelte die enge Verbindung von Kult und Sexualität die Phantasie vieler (vor allem männlicher) Forscher. Gleichzeitig verdeutlichte die Institution der Tempelprostitution die vermeintliche Rückständigkeit und Sittenlosigkeit der paganen Religionen im Vergleich zum Christentum. Dabei wurde lange Zeit als selbstverständlich vorausgesetzt, dass es diese Praxis tatsächlich gegeben habe. Erst in den 1960ern wurde dies – zumindest für den griechisch-römischen Raum – in Frage gestellt. In Reaktion auf Hans Conzelmanns innovativen Beitrag „Corinth und die Mädchen der Aphrodite“ (In: Göttinger Nachrichten 1967, S. 246–261) erschienen Studien für nahezu alle Regionen, die in detaillierter Quellenarbeit den Nachweis zu führen suchten, dass es – zumindest am jeweiligen Ort – keine Tempelprostitution gab (vgl. u. a. Henri-Dominique Saffrey: Aphrodite à Corinth: Réflexions sur une idée recue. In: Revue biblique 92 (1985), S. 359–374, und vor allem Eugene Fisher: Cultic Prostitution: A Reassessment. In: Biblical Theology Bulletin 6 (1976), S. 225–236). Allerdings konnten diese Studien nicht jeden überzeugen, vielmehr wird aktuell noch immer eine Debatte darüber geführt, ob es die Tempelprostitution als antike Institution gab oder nicht.

Budins Standpunkt ist auf der einen Seite klar: Es gab keine Tempelprostitution. Gleichzeitig geht sie auf der anderen Seite aber weiter als viele Autoren, indem sie die These aufstellt, dass die Existenz von Tempelprostitution nichts weiter sei als „a huge misunderstanding“ (S. 12). Damit steht sie konträr zum wirkungsmächtigen Ansatz von Robert A. Oden, der in seiner Studie The Bible Without Theology (Urbana 1987) die Tempelprostitution zu einer Art kulturellem Stigma erklärt, welches rückständigeren oder barbarischen Völkern angeheftet wird, um die eigene Kultur davon abzusetzen.

Herodot und Strabo

In Kapitel 4 beschäftigt sich Budin mit Herodot, welcher als der älteste Gewährsmann der Praxis gilt. Herodot (Historien, 1, 199) schildert einen babylonischen Brauch: Vor ihrer Hochzeit mussten alle babylonischen Frauen – so Herodot – in den Tempelbereich ziehen und dort auf einen Fremden warten, der ihnen Geld, wobei die Höhe keine Rolle spielte, für den Beischlaf hinwarf. Dabei hatten die Frauen keine Möglichkeit, einen Mann abzulehnen oder gar ihren Preis zu bestimmen. Erst nach dem Beischlaf durften die Frauen das Gebiet wieder verlassen und dann in der Folge heiraten. Budin analysiert diese Stelle gründlich und kommt dabei zu mehreren Schlussfolgerungen: Zum einen passe diese Darstellung in den sexuellen Kosmos von Herodot, der eine Spannung zwischen den Griechen und den Randvölkern hergestellt habe: Die griechischen Frauen waren Herodots Meinung nach züchtig und monogam, wohingegen die Frauen in der weiten Ferne verkehren konnten, mit wem sie wollten. Die Frauen Babylons stellten hierbei gewissermaßen das Bindeglied dar: Auf der einen Seite durchaus monogam, hätten sie aber doch zumindest einmal in ihrem Leben eine kultische Vergewaltigung hinnehmen müssen. Zum anderen begreift Budin die Episode als „almost poetic description of the current, conquered state of Babylon“ (S. 87). Budin weist überzeugend nach, dass es sich bei den fremden Männern wohl nicht um Babylonier gehandelt habe, sondern um Ausländer. Die Dominanz anderer über Babylon werde bei Herodot symbolisch auf dem Rücken der Frauen ausgetragen. Die Ehre der Frau sei hier abhängig von der Macht ihres Mannes. An einer anderen Stelle (Herodot, Historien, 1, 196) werde deutlich, dass dies nicht immer so gewesen sei: Herodot beschreibe einen Brauch, der weit in der Vergangenheit gelegen habe und den er ausdrücklich als klug lobe. So sei es früher – nach Herodot – Brauch gewesen, dass die jungen Frauen zur Verheiratung versteigert wurden. Je hübscher die Frau gewesen sei, desto mehr habe der Bräutigam in spe bezahlen müssen. Mit diesem Geld seien daraufhin die hässlicheren Frauen ausgestattet und mit dieser Mitgift versehen für die ärmeren Männer dann doch attraktiv gemacht worden. Budin stellt diese beiden beschriebenen Bräuche zu Recht in eine allegorische Verbindung: Der Niedergang Babylons mache aus einer sinnvollen und gerechten Einrichtung eine öffentliche Demütigung und kultische Vergewaltigung durch fremde Völker. Man kann hier noch weiter gehen als Budin und feststellen, dass Herodot eine ‚Bastardisierung‘ und auf lange Sicht Auflösung des babylonischen Volkes impliziere, da im Rahmen der Prostitution ja auch Schwangerschaften möglich waren. Budin stellt überzeugend dar, dass Herodot diese Erzählungen vor allem im Hinblick auf seine griechischen Leser bzw. Hörer als Warnung verfasst habe: Auch den Griechen könnte dies passieren, wenn sie schwach und erobert werden. Moral und Sittsamkeit ist nur da möglich, wo man stark und unabhängig ist.

Im siebten Kapitel analysiert Budin unter der treffenden Überschrift „Strabo, Confused and Misunderstood“ die Aussagen Strabons, die bisher für den Beweis der Existenz der Tempelprostitution herangezogen wurden. Für den griechisch-römischen Raum stammen auch tatsächlich 25% der Quellen zum Thema von Strabon. Budin stützt sich hier weitgehend auf eigene ältere Studien und auf andere Autoren, die wie sie der Meinung sind, dass man das Wort hierodule mit Heiliger Sklave/Diener übersetzen könnte, dass es aber sicherlich nicht die Tätigkeit eines oder einer Prostituierten beschreibt. Innovativ ist ihre These, dass Strabon, der auch von dem babylonischen Brauch aus Herodot, 1, 199 berichtet, neben Herodot noch eine zweite Quelle hatte – nämlich einen Autor, der selbst in Babylon war und nichts von diesem Brauch berichtete (vgl. S. 159). Dadurch sei Strabon irritiert gegenüber dem Wahrheitsgehalt von Herodots Version gewesen, was Budin am Text nachzuweisen versucht. Zwar lässt sich ihre Theorie nicht mit Sicherheit beweisen, doch hat sie einiges für sich: Hier kann sie ihre Behauptung, dass es sich bei der Tempelprostitution um ein Missverständnis gehandelt habe, am überzeugendsten belegen: Zum einen habe Strabon nicht so recht gewusst, was er mit Herodot anfangen soll – aus der Unkenntnis der Absichten Herodots resultiere das erste Missverständnis. Zum zweiten hätten die Forscher des 19. und 20. Jahrhunderts dann Strabon missverstanden. Die These ist intellektuell in jedem Fall reizvoll, allerdings bietet sie auch eine große Angriffsfläche für Widerlegungsbemühungen.

Ansätze zum Geschlechtsverständnis im Altertum

Im Hinblick auf die Genderforschung liefert das Buch immer wieder en passant Denkanstöße. Zwar verzichtet Budin zugunsten ihres ohnehin schon anspruchsvollen Zieles weitgehend auf eine nähere Untersuchung verschiedener Aspekte der Geschlechtlichkeit, doch lassen sich einige wichtige Gesichtspunkte ausmachen: Besonders hervorzuheben scheint zum einen die sexuell sehr stark aufgeladene Sprache des Alten Testaments. Dort gilt das Volk Israel als Braut JHWHs mit der Konsequenz, dass das Anbeten fremder Gottheiten einem Ehebruch gleich kommt. Auch wird der kultische Dienst von Frauen an anderen Göttern als eine Form der Prostitution verstanden (Ex. 34,15f.). Daneben ist Herodots Symbolik aufschlussreich für das Geschlechtsverständnis seiner Zeit. Der Niedergang Babylons wird an der Prostitution seiner Frauen mit Fremden vorgeführt und die Sittlichkeit und Ehre der Frau an die Stärke des Mannes rückgebunden. Die Frau ist aus sich heraus bei Herodot scheinbar gar nicht fähig zur Sittlichkeit. Diese Beispiele zeigen, dass die Beschäftigung mit der Tempelprostitution – unabhängig davon ob es sie je gab oder nicht – auch für die Erforschung von Frau und Mann und deren Stellung in der Alten Welt interessant sein kann.

Fazit

Budin hat hier ohne Zweifel eine wegweisende Studie vorgelegt, in der mit großer Akribie die Quellen untersucht, gleichzeitig aber auch die Forschung umfassend berücksichtigt wird. Zu bemängeln wäre die Einteilung der Kapitel, die zum Teil irritierend ist: So findet sich ein Überblick über alle Quellen am Ende des Kapitels über die christliche Rhetorik. Auch ist nicht ersichtlich, wieso Budin die ägyptischen Quellen nur am Rande streift. Richtig erscheint mir Budins Hinweis (besonders S. 259), dass bei diesem Thema oft mit Zirkelschlüssen gearbeitet wird: Die Annahme, dass es Tempelprostitution gab, führt an vielen Stellen überhaupt erst zu einer solchen Quellenauslegung. Gleichzeitig deuten diese „konstruierten“ Beweise im Wechselschluss wieder auf die Verbreitung der Tempelprostitution hin. Auf der anderen Seite kann man dieses Argument natürlich auch gegen Budin ins Feld führen: Schließlich könnte man argumentieren, dass Budin – ausgehend von der Überzeugung, dass es keinen Fall von Tempelprostitution gab – Stellen, die mehrere Deutungen zulassen, zu einseitig interpretiert und damit selbst überall Beweise für ihre These konstruiert. Nicht zuletzt deswegen dürfte die Debatte um die Tempelprostitution noch nicht vor ihrem Ende stehen.

URN urn:nbn:de:0114-qn111034

Julian Köck

Universität Mannheim

Historisches Institut

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