Vera Bollmann: Differenzen und Differenzierungen der Kategorie Geschlecht in modernen Gesellschaften

Differenzen und Differenzierungen der Kategorie Geschlecht in modernen Gesellschaften

Rezension von Vera Bollmann

Sylvia Marlene Wilz (Hg.):

Geschlechterdifferenzen – Geschlechterdifferenzierungen.

Ein Überblick über gesellschaftliche Entwicklungen und theoretische Positionen.

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008.

324 Seiten, ISBN 978-3-531-15603-3, € 24,90

Abstract: Wie vielschichtig Geschlechterdifferenzen und -differenzierungen erklärt werden können, zeigt der aktuelle Sammelband. Die Autorinnen diskutieren, ob die Kategorie Geschlecht an Bedeutung verloren hat, wie es um Gleichheit und Differenz bestellt ist und wie die (Re)Produktionsweisen von Geschlecht in modernen Gesellschaften beschrieben werden können. Hier werden u. a. Themen wie Arbeitsmarkt, Erwerbs- und Familienleben oder Netzwerke aufgegriffen sowie theoretische Debatten um Strukturalismus, Konstruktivismus, Dekonstruktivismus und Poststrukturalismus in ihrer Aktualität analysiert.

„In der soziologischen Diskussion […] steht die Frage im Mittelpunkt, wie Männer und Frauen Unterschiedliche werden.“ (S. 8) Das vorliegende Lehrbuch liefert einen Überblick über aktuelle theoretische und empirische Diskurse zu Aspekten der Omnipräsenz und Omnirelevanz der Kategorie Geschlecht, zu Phänomenen von Gleichheit und Differenz sowie zur Frage nach Orten und Formen der (Re)Produktion von Geschlechterdifferenzen in der heutigen Gesellschaft.

Als Referenzpunkt wurde den Beiträgen ein Neuabdruck des Aufsatzes von Elisabeth Beck-Gernsheim aus dem Jahre 1983 – „Vom ‚Dasein für andere‘ zum Anspruch auf ein Stück ‚eigenes Leben‘“ – vorangestellt, um anhand eines Vergleichs in theoretischer und empirischer Hinsicht eine „Beurteilung des Wandels der Bedeutung von Geschlecht“ (S. 11) zu ermöglichen. Beck-Gernsheim konstatiert, dass die abnehmende Bindung an die Familie die weibliche Normalbiographie vor neue Möglichkeiten und Risiken zugleich stellt, weswegen Frauen zwischen Familie und Erwerbsarbeit, zwischen einem „Nichtmehr“ und „Noch-nicht“ (S. 22), gefangen bleiben. Die Annäherung der Geschlechterrollen im öffentlichen Bereich sowie Liberalisierungstendenzen im Privatleben haben zur Konsequenz, dass Frauen vermehrt nicht nur den Wunsch nach einer eigenen Lebensplanung hegen, sondern auch gleichzeitig dazu gezwungen werden. Die neuen Normalbiographien führen somit zu Erosionen von gesamtgesellschaftlichen Strukturen, denn Veränderungen im Privaten ziehen politische Konsequenzen nach sich, was weitere kraftvolle liberal-feministische Aktivitäten auf dem Weg zur Gleichberechtigung nach sich ziehen wird.

Geschlechterverhältnisse in Familie und Beruf

Karin Jurczyk stellt in ihrem Beitrag die Mechanismen der Arbeitsteilung als Schlüssel zur Erklärung von sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern dar. Trotz partiell veränderter Einstellung gegenüber Arbeitsteilung in Beruf und Haushalt praktizieren viele Paare eine traditionelle Rollenverteilung. Im Erwerbsleben zeigen sich weiterhin Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis von bezahlten/unbezahlten Tätigkeiten zu Lasten der Frauen. Dies führt zwangsläufig auch zu Ambivalenzen in der Beziehung zwischen den Geschlechtern, wobei Frauen Dissonanzen entgegenwirken, indem sie moderne Elemente mit traditionellen verbinden; dabei entstehen auch neue Ungleichheiten innerhalb der Gruppe der Frauen. Da Unternehmen vermehrt den Einsatz der ganzen Person fordern, besteht nach Jurczyk eine zwingende Notwendigkeit darin, strukturelle Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen, damit Familie nicht zukünftig als „elitäre[s] Projekt“ (S. 96) weniger Privilegierter gelten wird.

Der Aufsatz von Juliane Achatz über die „Integration von Frauen in Arbeitsmärkten und Organisationen“ zeigt, dass sich die öffentliche Teilhabe in ihren Erscheinungsformen im hohen Maße geschlechtsspezifisch darstellt. Die Autorin thematisiert berufliche Segregation und Geschlechtstypisierungen von Berufen, skizziert quantitative Befunde und geht auf die historische Veränderung der segregierten Berufsstruktur ein. Insbesondere im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen sind überproportional Frauen vertreten, während die organisationsgebundene Geschlechtersegregation aufzeigt, dass Frauen institutionell bzw. betrieblich benachteiligt sind. Sowohl die Aufrechterhaltung von Segregationsmustern als auch Integrationstendenzen sind empirisch nachweisbar, wobei die Beteiligung von Frauen in neuen Beschäftigungsbereichen zeigen wird, inwiefern sie sich nachhaltig positiv oder negativ auf das Geschlechterverhältnis auswirkt.

Deutungen von Geschlecht

Brigitte Aulenbacher greift in ihrem Beitrag auf Ursula Beer (1990) zurück und reflektiert deren Überlegungen zum inneren Verhältnis von Kapitalismus und Geschlechterverhältnis. Des Weiteren nimmt die Autorin Gedanken von Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp, beide an der älteren Kritischen Theorie orientiert, in den Blick und greift Becker-Schmidts Theorem der „doppelten Vergesellschaftung von Frauen“ (S. 154) auf. Aulenbacher kommt zu dem Schluss, dass beide Ansätze zwar die Kategorie Geschlecht und das Geschlechterverhältnis als „historisches Konstituens“ moderner Gesellschaften (S. 162) ausweisen, aber damit noch nicht klar theoretisiert wird, dass es sich dabei um ein hierarchisches System handelt, in dem eine widersprüchliche Konstellation, unabhängig von kapitalistischen Prinzipien, „mit postulierter, potentieller und faktischer Gleichheit wie faktischer Ungleichheit einhergeht“ (S. 162).

Der Beitrag von Regine Gildemeister thematisiert die mikrosoziologische, interaktionistische Perspektive auf Geschlecht und Gesellschaft. Nach einer Darstellung der Entwicklungsgeschichte der Diskurse um die soziale Konstruktion von Geschlecht geht die Autorin zunächst auf die theoriestrategische Bedeutung der Transsexuellenforschung ein und diskutiert insbesondere die Studien von Garfinkel (1967) und Kessler/McKenna (1978). Geschlecht ist danach eine prozesshafte, in jeder sozialen Interaktion immer wieder neu herzustellende Kategorie, wobei die soziale Welt allerdings insgesamt androzentrisch konstruiert ist. Sie erweitert diesen in der Genderforschung bereits fest etablierten interaktionistischen Ansatz, indem sie die Handlungsebene (Doing Gender) in Abhängigkeit von sozialen Strukturen und Institutionen theoretisiert: Die Konstruktion von Geschlecht ist nicht unabhängig von sozialer Ungleichheit, sondern im hohen Maße kontext- und strukturabhängig. Die Autorin benennt in diesem Zusammenhang ebenfalls Studien zur Paar- und Berufssoziologie sowie zur Kinder- und Jugendlichenforschung.

Paula-Irene Villa diskutiert in ihrem Aufsatz die in der Frauen- und Geschlechterforschung seit den 1990er Jahren herrschende Debatte um die Begriffe Postmoderne, Dekonstruktion und Poststrukturalismus, welche oft in einem Atemzug genannt werden, aber deutlich verschiedene Perspektiven auf die Kategorie Geschlecht beleuchten. Vertiefend geht sie im Anschluss der begrifflichen Klärung auf die Theorie von Judith Butler ein, welche mit Post-Ismen in den Gender Studies wie keine andere Autorin verbunden wird. Die Autorin weist bei Butler sowohl diskurstheoretische und damit poststrukturalistische als auch sowohl de- wie konstruktivistische Argumentationen nach und verdeutlicht die Bedeutung von Sprache bei der (Re)Produktion von Geschlecht. Dieses ist nichts Natürliches oder Naturgegebenes an sich, sondern wird vielmehr diskursiv hergestellt und durch hegemoniale Diskurse und performative Akte erzeugt und aufrecht erhalten.

Geschlechtliche Differenzierung?

Der Beitrag von Bettina Heintz mit dem Titel „Ohne Ansehen der Person?“ wirft die Frage auf, inwiefern die These von einer geschlechtlichen Ungleichheit in unserer Gesellschaft noch haltbar ist. Studien aus der Bildungsforschung zeigen, dass es in diesem Bereich zu Angleichungen der Geschlechter gekommen ist, während Arbeitsteilung oder Einkommensverhältnisse noch massiv von Ungleichheiten durchzogen sind. Zur Erklärung führt sie aus, dass in modernen Gesellschaften die Relevanz von Geschlecht zunehmend von der Institutionen- auf die Interaktionsebene verlagert wurde. Für individuelles Handeln ist die stereotype Geschlechtszuweisung nach wie vor ein universales Merkmal und damit gleichzeitig Kennzeichen für Statuspositionierungen. Wie geschlechterdifferenzierende Ungleichheiten auf der Makroebene folglich auf der Mikroebene fortlaufend reproduziert werden, demonstriert die Autorin am Beispiel der Wissenschaft.

Auch Veronika Tacke stellt fest, dass Geschlecht in modernen Gesellschaften keine systematisch differenzierende Kategorie mehr ist, da die Zugänge zu einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen strukturell nicht eingeschränkt sind, wohingegen sich nach wie vor empirisch zeigt, dass Geschlecht in der Tat noch differenzierend wirkt. Um diesen Widerspruch aufzulösen, stellt die Autorin die Kategorie Geschlecht in eine system- bzw. netzwerktheoretische Perspektive und argumentiert, dass für die Herstellung und Fortschreibung von Geschlechterdifferenzen zum einen die Interaktionsebene bedeutsam ist, darüber hinaus aber vor allem die sekundäre Strukturbildung, etwa durch Netzwerke in Organisationen, eine tragende Rolle spielt.

Grundlagenkritik

Der Sammelband schließt mit dem Beitrag von Gudrun-Axeli Knapp, welcher die Theoriekrise um den vermeintlichen Bedeutungsverlust der Kategorie Geschlecht in den Blick nimmt. Diese Debatte, die selbst innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung stattfindet, nachzeichnend, stellt sie die Ansätze der Autorinnen Rosi Braidotti, Joan Scott, Judith Butler und Donna Haraway vor und analysiert daran anschließend die systemtheoretisch angelegte Theorie von Ursula Pasero um Thematisierung/De-Thematisierung von Geschlecht. Am Beispiel von Intersektionalität zeigt Knapp auf, dass in neueren Theorieentwicklungen die Kategorie Geschlecht nach wie vor eine große, strukturierende Größe darstellt. Vor einer Entkopplung von Geschlechterforschung und politisch-epistemischem Feminismus warnt Knapp in ihrem Schlusswort, da dieses wenn auch teilweise konfliktreiche Zusammenspiel immer wieder zu neuer Vitalität und Re-Visionen geführt habe.

Fazit

Der Sammelband stellt strukturiert aktuelle theoretische wie empirische Analysen zu Geschlechterdifferenzen und Geschlechterdifferenzierungen dar. Die Beiträge beleuchten je unterschiedliche Aspekte, sind thematisch aber klar nach ähnlichen theoretischen Positionierungen der Autorinnen geordnet und liefern der Leserin/dem Leser einen sehr guten Überblick über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Gesamtthematik. Mit Regina Becker-Schmidts Aufsatz aus dem Jahre 1983 als Referenzpunkt verdeutlicht die Lektüre der aktuellen Beiträge, dass die Kategorie Geschlecht auch innerhalb neuerer Strömungen um Post-ismen und Intersectionality nicht an Bedeutung verloren hat. Der Leser/die Leserin wird gekonnt durch einen Streifzug aktueller theoretischer Theorien und Fragestellungen geführt, wobei alle Aufsätze nicht nur in einer horizontalen, thematischen Verbundenheit zueinander stehen, sondern auch eine vertikale Verbindung zu historischen Debatten bzw. empirischen Fakten aufweisen, welche auf ihre Aktualität hin analysiert werden. In dieser Hinsicht ist dieser Sammelband unverzichtbar für jede(n), der/die sich mit dem Stand aktueller feministischer Debatten in der Frage von Differenz und Differenzierung kritisch auseinandersetzen will.

URN urn:nbn:de:0114-qn103300

M. A. Vera Bollmann

Hochschule Vechta

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie

Homepage: http://www.uni-vechta.de/isp/160.html

E-Mail: vera.bollmann@uni-vechta.de

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