Stefan Müller: Gleicher als gleich? Anders als die Anderen?

Gleicher als gleich? Anders als die Anderen?

Rezension von Stefan Müller

Ariane Bürgin:

Endliches Subjekt.

Gleichheit und der Ort der Differenz bei Hobbes und Rousseau.

München: Wilhelm Fink Verlag 2008.

188 Seiten, ISBN 978-3-7705-4581-0, € 24,90

Abstract: Die Idee der Gleichheit bei den beiden Klassikern der politischen Philosophie Hobbes und Rousseau soll vor dem Hintergrund der neueren feministischen Debatten um Gleichheit und Differenz betrachtet werden. Doch die Ausführungen verlaufen stark entlang der bloßen Wiedergabe der Originalliteratur und deren Rezeptionsgeschichte – unter besonderer Berücksichtigung von Lacan. Die vielfältigen und großen Diskussionen in der feministischen Theorie finden dabei viel zu wenig Beachtung.

Adorno graute es vor mündlichen Prüfungen, in denen die Namen großer politischer Philosophen, allen voran Thomas Hobbes’, allzu hessisch ausgesprochen wurden. Doch immerhin gehörten zu diesen Zeiten Klassiker der politischen Theorie noch zum Prüfungskanon in den Sozialwissenschaften. Ariane Bürgin bietet nun einen spannenden neuen Blick auf zwei Klassiker der politischen Philosophie: Hobbes und Rousseau. Zudem kündigt die Autorin den Einbezug feministisch geprägter Diskussionen um Gleichheit und Differenz an. Doch schnell wird deutlich, dass sich die Darstellung in allzu langen Passagen auf die Wiedergabe der Originalliteratur beschränkt, die zudem unter der spezifischen Rezeptionslinie Lacans (und zuweilen auch Žižeks) allzu starken Verkürzungen unterliegt. So ergeben sich kaum Einblicke in die Perspektiven, die die feministischen Gleichheits- und Differenzdiskussionen eröffnet haben.

Gleich und gleich?

Zunächst wird Hobbes als Ordnungstheoretiker vorgeführt: Hobbes, der die ‚Staatsmacht als Ordnungsinstanz‘ zu denken sucht (vgl. S. 56). So weit, so bekannt. Bürgin versucht im Anschluss daran, über Levinas und insbesondere über Lacan die Dimension des Dritten, die Figur des Anderen, herauszuarbeiten: „Wie Lacan hat Hobbes also erkannt, dass die Annahme des Gesetzes und die damit verbundene Verlusterfahrung für die Konstitution des Subjekts unabdingbare Voraussetzung ist. Ist es bei Lacan und, wie wir sehen werden, bei Rousseau die Sprache, die den Mangel verschuldet, so sind es bei Hobbes der Tod und der Souverän.“ (S. 61) Spannender wäre jedoch im Blick auf das gewählte Thema eine Lesart, die die geschlechtsspezifischen (Un-)Möglichkeitsbedingungen für Intersubjektivität genauer in den Blick nimmt. Die Fluchtpunkte ‚Tod‘ und ‚Souverän‘ öffnen kaum den gesamten Bereich. In der asymmetrischen geschlechtsspezifischen Sozialisation hingegen, wie sie die von Bürgin zuweilen zitierte Jessica Benjamin analysiert, bildet der gesamte Bereich zwischen Intrasubjektivität und Objektivität die Konstitutionsbedingung für Subjektivität und Intersubjektivität.

Anders und verschieden?

Wie verhält es sich mit der Gleichheit und Differenz bei Rousseau? Gerade Rousseau arbeitet stark am Vermittlungsproblem von Einzelwillen (volonté générale) und Gesamtwillen (volonté de tous), dem ‚Zentralproblem jeder Demokratietheorie‘ (vgl. Ritsert). Die stets umstrittene und umkämpfte Frage, wie sich der Einzelwille mit dem Gesamtwillen aller vertrage, bildet bei Rousseau eine klassische Problemkonstellation, in der ein Umgang mit Gleichheit und Differenz gefunden werden muss. Bürgin weist darauf hin, dass die Frauen unter der Dimension des Begehrens, der Ambivalenz, des Widerspruchs innerhalb der rousseauschen Überlegungen die Position eines Widerparts einnehmen, die die „von Rousseau angestrebte Ordnung als Einheit der Gegensätze nicht zu denken erlaubt.“ (S. 167). Daran anknüpfend könnte das Moment der Differenz in den Gleichheitsvorstellungen Rousseaus ebenso herauspräpariert werden wie die Momente der Gleichheit in differenztheoretischen Überlegungen. Auch hier könnte die von der Autorin nur marginal beachtete Jessica Benjamin entscheidend weiterhelfen. Benjamins auf herrschende asymmetrische Anerkennungsverhältnisse abzielende Theorie der Intersubjektivität hätte Erhebliches zu dem Problem von Differenz und Gleichheit unter geschlechtersensiblen Fragestellungen – auch zu Hobbes und Rousseau – beizutragen. Zudem hätten hier Überlegungen im Anschluss an die politische Theorie, die an das Thema Staat und (vergeschlechtlichtes) Subjekt anknüpfen, einbezogen werden können. Auch Hinweise auf den ‚Gesetzgeber‘ (vgl. S. 153 ff.) gibt es in den vorliegenden Ausführungen unter dem Blickwinkel einer geschlechtersensiblen Diskussion um Gleichheit und Differenz vergleichsweise wenige. Fraglich scheint außerdem, ob über die Rezeptionslinien Levinas, Lacan und Žižek, in denen (nicht mehr und nicht weniger als) ‚das Andere‘ herausgearbeitet wird, die Möglichkeiten einer angemessenen Auseinandersetzung um die vieldiskutierte Gleichheits- und Differenzfrage nicht erheblich eingeengt werden.

Anders als die Anderen?

Dieser Eindruck bestätigt sich dadurch, dass Analysekategorien wie Ähnlichkeit, Nicht-Vollständigkeit, Mangel, Verschiedenheit oder ‚das Andere‘ angeführt werden, die, eher als Metaphern, dazu dienen, auf einen freilich diskursiven Sachverhalt zu verweisen. Den Grundgedanken, dass sich das eigene Ich erst in der Auseinandersetzung mit dem/der Anderen erschafft, können weder Žižek noch Lacan für sich beanspruchen. Lacans Überlegungen zur Subjektkonstitution, in denen die Spiegelmetapher eine zentrale Rolle einnimmt und die um den Gedanken zentriert sind, dass das eigene Ich, die Autonomie, erst aus dem Anderen, der Heteronomie, erwächst, übernehmen ein Motiv der freudschen Sozialisationstheorie. Was bedeutet das im Blick auf geschlechtsspezifische Sozialisation? Was bedeutet das (theoretisch und praktisch) für den Umgang mit Differenz und Gleichheit? Gibt es ein angemessenes Vermittlungsmodell von Gleichheit und Differenz?

Diese Fragen sind nach wie vor (nicht nur in feministischen Debatten) umstritten – und wohl nicht ausreichend im Rückgriff auf Lacan und Žižek zu beantworten. Was können die politischen Philosophen Hobbes und Rousseau beitragen, um nicht in differenztheoretischen Partikularismus abzugleiten? Wie kann der emanzipatorische Kern, der Gleichheitstheorien stets zugrunde liegt, gestärkt werden, ohne in eine Hypostasierung von einer Gleichheit, die jegliches Partikulare nivelliert, zu geraten? Der vorliegenden Monographie gelingt eine Antwort auf diese Fragen leider kaum. Insgesamt mangelt es an einem Rückbezug auf feministische Debatten um Gleichheit und Differenz. Die von Rousseau angestrebte Idee einer ‚Einheit der Gegensätze‘ (S. 167) könnte hier über Dualismen hinausführen – Jessica Benjamin hat dies in ihren Arbeiten beispielhaft vorgeführt.

URN urn:nbn:de:0114-qn102218

Stefan Müller

Universität Frankfurt am Main

Zentrum für Lehrerbildung und Schul- und Unterrichtsforschung

E-Mail: st.mueller@em.uni-frankfurt.de

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