Mechthilde Vahsen: Zwischen Aufbegehren und bürgerlicher Rolle: die Lebensgemeinschaft von Helene Lange und Gertrud Bäumer

Zwischen Aufbegehren und bürgerlicher Rolle: die Lebensgemeinschaft von Helene Lange und Gertrud Bäumer

Rezension von Mechthilde Vahsen

Margit Göttert:

Macht und Eros. Frauenbeziehungen und weibliche Kultur um 1900.

Eine neue Perspektive auf Helene Lange und Gertrud Bäumer.

Königstein/Taunus: Ulrike Helmer 2000.

310 Seiten, ISBN 3–89741–044–3, DM 48,00 / SFr 46,00 / ÖS 350,00

Angelika Schaser:

Helene Lange und Gertrud Bäumer.

Eine politische Lebensgemeinschaft.

Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2000.

416 Seiten, ISBN 3–412–09100–6, DM 68,00 / SFr 62,00 / ÖS 496,00

Abstract: Die Forschungsarbeiten analysieren private weibliche Beziehungsformen und ihre Bedeutung für die erste deutsche Frauenbewegung. Im Zentrum der Betrachtung steht eines der wichtigsten Führungspaare dieser Zeit: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Die Dissertation von Göttert liefert einen wichtigen Beitrag zur Netzwerkforschung, Schaser beschäftigt sich in ihrer innovativen Studie mit der Lebensgemeinschaft der beiden Frauen, die sie in die frauenbewegten und politischen Kontexte einordnet.

Die erste deutsche Frauenbewegung, deren offizieller Beginn 1865 mit der Gründung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins (ADF) angesetzt wird, erlebte in der feministischen Forschung eine Renaissance. Auf den Spuren der Vorgängerinnen wurden vermehrt biographische Arbeiten und Überblicksdarstellungen zu diesem Abschnitt deutscher Frauengeschichte publiziert. Mit den vorliegenden Studien von Margit Göttert und Angelika Schaser betritt die feministische Forschung ein neues Feld: Untersucht werden persönliche Beziehungen innerhalb der Frauenbewegung; Lebensgemeinschaften und eine damit verbundene Freundschaftskultur rücken in den Mittelpunkt des Interesses. Damit erweitern die Autorinnen den biographischen Blick auf die Führungspersönlichkeiten der Frauenbewegung um die Perspektive des Paares und der Doppelbiographie.

Margit Göttert stellt in ihrer Frankfurter Dissertation die Frage nach der Bedeutung von Frauenbeziehungen für die Entwicklung der Frauenbewegung. Die soziologische Analyse bezieht Aspekte der Arbeiterkulturforschung und amerikanische Forschungen zur „womens culture“ auf die Fragen nach Gemeinschaftsbildungsprozessen, Hierarchien und Machtstrukturen innerhalb der „Frauenbewegungskultur“, die hier als soziale Bewegung verstanden wird. In deren Zentrum steht über mehrere Jahrzehnte die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Helene Lange und Gertrud Bäumer. In diesem Kontext ergeben sich drei zentrale Themen: das Führerin/Jüngerin-Verhältnis als Kernmodell der gemäßigten Frauenbewegung, das Freundinnenpaar als Grundform der Frauenbeziehungen und schließlich das damit verbundene Konzept einer weiblichen Gemeinschaft und deren Verortung in der Gesellschaft. Göttert verifiziert ihre Thesen an autobiographischen, biographischen, dokumentarischen, belletristischen und programmatischen Quellentexten, die aus dem Zeitraum von 1870 bis 1930 stammen.

Das Führerin/Jüngerin-Modell

Das Prinzip der Führerschaft, ein gängiges Phänomen des Gesellschaftsdiskurses der Zeit, durchzog als strukturbildendes Kernelement die Hierarchiebildungen innerhalb der deutschen Frauenbewegung. Es unterlag den Erwartungshaltungen an die jeweiligen Führerinnen, welche Göttert anhand eines Generationenmodells skizziert. In den Anfängen verkörperten Louise Otto und Auguste Schmidt Autorität, moralische Integrität, konventionelle Kompetenz und pädagogische und didaktische Fähigkeiten. Auf diese Weise schufen sie erste Netzwerke und Institutionen. Helene Lange, die 1902 den Vorsitz des ADF übernahm, zählte sich ebenfalls zu dieser „heroischen“ Generation. Sie etablierte in den 90er Jahren eine Traditionslinie, in welcher sie selbst als Nachfolgerin der Älteren auftrat. Ihre Aufgabe war es, die Organisation weiter zu entwickeln, sie brillierte mit begeisternder Rhetorik, einem umfangreichen Wissen und der Fähigkeit zu autoritären Richtungskämpfen. Als Frau an der Spitze trat sie machtvoll und sinnstiftend auf, Rivalitäten wie zwischen ihr und Minna Cauer erweiterten sich zu Machtkämpfen innerhalb der gesamten Bewegung, die Helene Lange schließlich für sich entschied. Göttert erklärt den Erfolg dieses Modells auch mit dem Bedürfnis von Frauen „nach Unterwerfung und Gefolgschaft, das in vielen Fällen in ein Abhängigkeitsverhältnis mündete“ (S. 88), was als These stehen bleibt und nicht verifiziert wird. In diese Genealogie nahm Lange die jüngere Gertrud Bäumer auf, ab 1899 lebte diese mit „dem Meeschter“ zusammen. Bäumer unterwarf sich den Anforderungen der Führungsrolle, in die sie als Jüngerin Langes manövriert wurde. Sie sollte das kulturrevolutionäre Programm der Frauenbewegung umsetzen und das Bedürfnis nach einem zeitgemäßen Weiblichkeitsbild, das Durchsetzungsfähigkeit in Beruf und Politik mit einer „weiblichen Erscheinung“ verbinden soll, befriedigen. Bäumer entwickelte daraus das Konzept des „pädagogischen Eros“: In Verbindung mit einer älteren Führerin könne die Jüngerin sich aus der männlichen Bevormundung lösen und ihr eigenes Ich finden, das sie dann rückbinden müsse an die weibliche Gemeinschaft und deren Einbindung in die Gesamtgesellschaft. Göttert sieht in der Umsetzung dieses Konzeptes durch Bäumer, genannt wird der Aufbau der Hamburger Sozialen Frauenschule ab 1916, die Vorwegnahme einiger Aspekte des Affidamento-Modells der italienischen Diotima-Philosophinnen.

Das Freundinnenpaar

An die Seite des vorgestellten Modells tritt eine weitere Beziehungsform, die im 19. Jahrhundert von vielen Frauen genutzt wird: die Frauenlebensgemeinschaft („Bostoner Ehe“). Auch hier inszenierte sich das Paar Lange-Bäumer als Modellfall. Sie traten nach außen nur gemeinsam auf und waren sich immer in der Sache einig. Beide gingen nicht ohne Eifersüchteleien weitere Freundschaften ein, so war Bäumer eng mit Ika Freudenberg befreundet, später mit Friedrich Naumann. Lange hingegen lernte die junge Emmy Beckmann kennen, die später im Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein ihre Nachfolge antrat.

Das Freundinnenpaar war ein gängiges Phänomen innerhalb der Bewegung und unterstützte die Bildung von Frauennetzwerken. Die Besonderheit liegt in der Verknüpfung von Privatem und Politischem. Erstaunlicherweise gibt es jedoch keine theoretische Kommentierung zum Konzept Frauenfreundschaft, was Göttert im anschließenden Exkurs über (Körper-)Erfahrung und (sexuelle) Identität aufgreift. Hier kommt sie zu dem Ergebnis, dass der von der Bewegung favorisierte Entwurf einer asketisch lebenden Frau weibliche Autonomie symbolisiert und die Möglichkeit der freien Existenz jenseits des Geschlechtswesens Frau verkörpert. Damit umgingen, so Göttert, einige Vertreterinnen der Frauenbewegung die Auseinandersetzung mit dem Sexual- und Geschlechtswesen Frau. Gleichzeitig wurden die Frauenlebensgemeinschaften, nicht zuletzt in Abgrenzung zur lesbischen Subkultur dieser Jahre, nach außen hin als asexuell inszeniert.

Im letzten Kapitel werden beide Modelle dem prüfenden Blick auf die Konstruktion einer weiblichen Gemeinschaft unterworfen. Lange und Bäumer arbeiteten an dem Bild, die Frauenbewegung als weibliche Gemeinschaft zu etablieren. Diese differenztheoretische Auffassung – fast schon eine Utopie – hatte eine weibliche Kulturgemeinschaft zum Ziel, die sich in die Gesamtgesellschaft einbringt. Mit dem Beginn der Weimarer Republik zeigten sich jedoch ernste Probleme innerhalb der Frauenbewegung. Strukturveränderungen und mangelnde Nachwuchsförderung sowie fehlende Auseinandersetzungen um politische Fragen verschärften den Generationenkonflikt. Mit der Auflösung des Bundes Deutscher Frauenvereine 1933 war die erste deutsche Frauenbewegung zu Ende.

Die politische Lebensgemeinschaft

Die Habilitationsschrift von Angelika Schaser erweitert den Untersuchungszeitraum um einige Jahre (1848 bis 1954) und stellt die Lebensgemeinschaft von Lange und Bäumer in das Zentrum ihrer Analyse. Anhand der gewählten Darstellungsform der Doppelbiographie geht die Studie der Frage nach, welche Bedeutung diese Verbindung für die politische Sozialisation und berufliche Entwicklung Bäumers hatte. Auf der Basis neuerer Forschungsergebnisse zur deutschen Frauenbewegung und aktueller Arbeiten zur Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie zur Politik- und Sozialgeschichte gelingt es der Autorin, den anvisierten Schnittpunkt zwischen Politik und Frauenbewegung dezidiert auszumachen. Es ergeben sich Lebensbilder, die eingebettet sind in Wirkungs-, Handlungs- und Politikmöglichkeiten für Frauen im Kontext drastischer gesellschaftlicher Veränderungen, die mit dem Wechsel von vier verschiedenen politischen Systemen einhergehen.

Einführend referiert Schaser am Beispiel von Lange und Bäumer die Verknüpfungen zwischen Bildungsbürgertum und Frauenbildungsbewegung. Beide Frauen setzten sich vehement für Veränderungen in der Mädchenerziehung und Frauenbildung ein. Darauf aufbauend propagierten sie eine sittliche Erneuerung der Gesellschaft, „geistige Mütterlichkeit“ – das selbstverantwortliche Entfalten weiblicher Kräfte – wurde hier als Kulturaufgabe der Frau verstanden. Sie richtete sich nicht auf die subjektive Autonomie der Frau, sondern unterwarf diese staatlichen, nationalen Anforderungen. Sowohl Lange als auch Bäumer verbanden durch ihre Ämterkumulation mehrere Machtpositionen, die ihnen großen Einfluss und die Durchsetzung ihrer Positionen innerhalb der Bewegung sicherten, ein Modell, das über mehrere Jahrzehnte funktionierte. Definitionsmacht und Elitegedanke spielten dabei eine zunehmend wichtige Rolle.

Mit dem Parteiengesetz von 1908 entstand für Frauen die Möglichkeit, sich parteipolitisch zu engagieren. Lange und Bäumer traten in die liberale Freisinnige Vereinigung ein, die 1910 mit den anderen liberalen Parteien zusammenging. Zehn Jahre später wurden beide Frauen für die DDP in den Hamburger Senat (Lange) bzw. die Nationalversammlung (Bäumer) gewählt, für Bäumer begann damit ihre Zeit als Berufspolitikerin, 1920 wurde sie zur Ministerialrätin im Reichsministerium des Inneren ernannt. Dieses spannende Lebenskapitel führt Schaser ausführlich vor und zeigt die Verknüpfungen zwischen frauenrechtlichem und parteipolitischem Engagement. Es wird deutlich, dass sich aufgrund der Mandatsübernahme Handlungs- und Einflussbereiche erweitern, gleichzeitig zeichnet sich grundsätzlich mit dem Eintritt von Frauen in die Parteien der lange Weg durch die Männerinstitution „Partei“ ab. Nur wenige Frauen schafften den Weg in Ämter oder parteipolitisch relevante Positionen.

Der große Einbruch begann für Bäumer 1930 mit dem Tod ihrer langjährigen Lebensgefährtin. Helene Lange hatte sie in den letzten Jahren weiterhin nach Kräften unterstützt und ihre Karriere gefördert. Zwar fand Gertrud Bäumer eine neue Lebensgefährtin, Gertrud Hamer-von Sanden, doch die politischen Entwicklungen in der Weimarer Republik setzten ihrer politischen Arbeit bald ein Ende. Mit der Auflösung des BDF begann für die nunmehr 60jährige eine neue Karriere: Sie wurde Schriftstellerin. Dieser letzte Lebensabschnitt bis zu Bäumers Tod am 25. März 1954 ist geprägt durch den Versuch, weiter politisch Einfluss zu nehmen, was misslingt. Ihre Position blieb ambivalent: Einerseits begrüßte sie die Außenpolitik des Nationalsozialismus, andererseits lehnte sie vieles ab, wie z. B. das Frauenbild. Bäumer, die mittlerweile im Schloss Gießmannsdorf in Schlesien lebte, zog sich in die Welt des mittelalterlichen deutschen Reichs und des Christentums zurück und publizierte ihre Forschungsstudien. Sie selbst bezeichnete diese Zeit als „Innere Emigration“. Nach 1945 flüchtete sie ins Rheinland und erhielt eine Wohnung in Godesberg, wo sie mit ihrer Schwester und ihrer Sekretärin lebte.

Beide Arbeiten zeigen Facetten der Frauenbewegung auf, die in dieser Komplexität bisher nicht untersucht wurden. Vor allem Schasers Darstellung, die dokumentarische Anteile hat, ohne quellenlastig zu sein, schafft in aller Detailtreue den Überblick über diesen faszinierenden Zeitraum. Göttert hingegen verbleibt an manchen Stellen bei den Quellen, ohne den übergreifenden Bezug herzustellen. Insgesamt jedoch präsentieren die Verfasserinnen neue, innovative Ansätze, sei es die Analyse der Bedeutung verschiedener Beziehungsformen für die erste deutsche Frauenbewegung, sei es die informative Doppelbiographie eines der wichtigsten Führungspaare dieser Zeit: Helene Lange und Gertrud Bäumer.

URN urn:nbn:de:0114-qn022132

Dr. Mechthilde Vahsen

Universität-GH Paderborn, Fb 3: Sprach- und Literaturwissenschaften, Schwerpunkt: Literaturwissenschaftliche und historische Frauenforschung

E-Mail: vahsen@hrz.uni-paderborn.de

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