Rolf Füllmann: „Wer wird als Frau denn schon geboren, man wird zur Frau doch erst gemacht“

„Wer wird als Frau denn schon geboren, man wird zur Frau doch erst gemacht“

Rezension von Rolf Füllmann

Hannelore Schlaffer:

Mode, Schule der Frauen.

Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2007.

168 Seiten, ISBN 978-3-518-41892-5, € 14,80

Abstract: In ihrem Buchessay zeigt die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer in einem drei Jahrhunderte umspannenden kulturhistorischen Überblick schlüssig und in Form eines rhetorischen Feuerwerks, dass die ‚Schulung‘ von Frauen im westlichen Kulturraum von immer gleichen binären Gender-Regulationen bestimmt wird. Dies geschieht unabhängig davon, ob eine modisch klar definierte Gender-Differenz wie zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters, eine ‚Vermännlichung‘ der Frau als „Knäbin“ seit den 20er Jahren oder die Integration des Weiblichen in jugendliche Subkulturen wie den Punk vorliegt. Selbst weibliche Bildungsideale – so kann Hannelore Schlaffer nachweisen – folgen modischen Entwicklungen.

Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer, die u. a. eine wichtige Poetik der Novelle veröffentlicht hat, in der sie auf das Weibliche dieser Gattung aufmerksam macht, hat sich nunmehr der weiblichen Selbst- und v. a. Fremdinszenierung in ‚stofflicher‘ Form zugewandt. Wie ‚man‘ zur Frau wird und ‚man‘ modische Frauen macht, diesem Komplex geht sie in ihrem Essay Mode, Schule der Frauen nach. Er wurde sinnigerweise als Band in Suhrkamps „Bibliothek der Lebenskunst“ veröffentlicht. Mode ist Teil einer mythischen Alltagskultur, zu der auch das in der Überschrift der Besprechung zitierte Chanson „Zusammenleben“ der Italienerin Milva, der wohl letzten Schlagerdiva Europas, gehört. Die seit langem politisch engagierte ‚Grande Dame‘ Milva, die in der zitierten Liedzeile auf Simone de Beauvoir anspielt, ist eine Generationsgenossin von Hannelore Schlaffer. Beider Lebensspanne und somit auch weibliche Sozialisation reicht in die Zeiten von kleidsamen Dior-Kopien, Tanzkränzchen und klar definierten Gender-Rollen zurück; Zeiten, in denen noch Journale wie das von Schlaffer zitierte Film und Frau für die Präsentation vorbildlicher Weiblichkeit zuständig waren. Das erlaubt Hannelore Schlaffer – neben einer enzyklopädischen kulturgeschichtlichen Bildung – die nötige Distanz, modische Rebellionen von historischer Warte aus zu überblicken, ja zu durchschauen. ‚Man‘ macht Mode und Frauen – und dieses ‚Man‘ kann sowohl im Sinne von Heideggers Kritik der Alltagswelt als auch als eine diskursive ‚männliche‘ Macht verstanden werden. Schließlich betont auch Judith Butler, dass die Rollenmodelle Hollywoods ihre Mutter zu einer zweiten Joan Crawford formten oder eben vergeblich formen sollten. Zu Hannelore Schlaffers Camouflage in Mode, Schule der Frauen gehört wiederum, dass sie solche Vorbilder ihrer Analyse gut verbirgt, zugunsten der Lesbarkeit, zulasten der Modesoziologie als ‚strenger Wissenschaft‘. Im Anhang des Bandes wird diesbezüglich auf die dem vorliegenden Essay zugrundeliegende Studie Schlaffers über Kleidersprache verwiesen.

Die Schule der Frauen und ihre Bilderbücher

Gespickt mit einer Fülle scharfsinniger Bonmots wie „Nur Frauen sehen Frauen angezogen, Männer sehen sie immer nackt“ (S. 11), beginnt Hannelore Schlaffer ihren sprachlich gewandten wie inhaltlich fundierten Essay zunächst – der Themenstellung einer „Bibliothek der Lebenskunst“ entsprechend –, als würde sie der Leserschaft die Lebensregeln diktieren, die sie im Nachhinein dann gründlich auseinandernimmt. Dies geschieht in scheinbar strikt heteronormativer Rollenprosa. Schließlich beginnt die „weibliche Emanzipation […] beim Körper, nicht beim Geist“ (S. 13), schließlich ist in diesem simulierten Ratgeber Mode Frauensache, als habe es nie einen Dior (oder Lagerfeld) gegeben oder als seien jene (schwulen) Modeschöpfer zumindest nie ‚Mann‘ gewesen. Erst langsam entlarvt sich Schlaffers Sprechen über die Larven der Mode als Analyse eines schier ausweglosen Szenarios der Gender-Regulation durch im Kern unbewusste Performanz, die selbst dann, wenn sie durch Moderevolutionen überwunden werden soll, in alte binäre Kleidungs-, ja Körper-Muster zurückfällt.

Ausgehend von den Zeitschriften des 18. Jahrhunderts wie Bertuchs Journal des Luxus und der Moden, das 1786 in Weimar gegründet wurde, zeigt Hannelore Schlaffer, dass Frauenbildung seit dem Beginn des bürgerlichen Zeitalters im Zuge einer eigentümlichen ‚Dialektik der Aufklärung‘ immer auch Formung, ja Deformation war. Es handelt sich dabei um eine durchaus bereitwillig vollzogene Unter- und Einordnung in die Geschlechterordnung. Die „Marseillaise der Mode“ (S. 7) hat auch in revolutionären Zeiten ihre eigene Tonart. Ihr Freiheitsmotto lautet: „Eine Frau fühlt sich, im Moment, da sie sich modisch herrichtet, immer frei“ (S. 16). Genüsslich und keineswegs anklagend dekonstruiert Schlaffer im Folgenden solche provokanten Parolen. Schließlich führen die Freiheitsverheißungen, seien sie von männlichen Rat- und Formgebern, seien sie von Vorkämpferinnen der Emanzipation formuliert, ins Dilemma der ‚modernen‘ Frau, das da lautet: „Werde für dich ein Mann, aber bleibe für ihn eine Frau“ (S. 15). In einem konzentrierten Epochen-Panorama gelingt es der Autorin zu zeigen, dass dieses Dilemma eine kulturelle Konstante ist, die sich durch Demokratisierung der Mode eher verstärkt als relativiert.

Die vorderste Phalanx, die Frauen ‚macht‘, sind die schon von Roland Barthes analysierten Modezeitschriften, wobei „die Bindung an eines der Blätter oft haltbarer […] als die an einen Mann“ (S. 24) ist. Wie im 18. und 19. Jahrhundert bilden jene Journale heute noch eine erstaunlich feste Größe in der ‚Frauenbildung‘ nach dem von Schlaffer pointiert formulierten Motto: „Lesen bildet. Manche brauchen dazu Bilderbücher, wie zum Beispiel Kinder oder Frauen“ (S. 21). Nicht allein die bildenden Bilder, auch die Bildungsinhalte jener Medien sind erstaunlich einfach, schließlich gibt es in „der Fachschule der Weiblichkeit nur zwei Disziplinen: Gesundheitslehre und Liebeslehre“ (S. 27). Und es gibt in dieser „hohen Schule des Masochismus“ (S. 28) auch nur zwei Frauentypen: die ‚Frau‘ ist „entweder jung oder alt, erwachsen nie“ (S. 39). Sie wird als Problem dargestellt, auf dass sie sich selbst zum Problem werde.

Selbst ‚Frauenbildung‘ und ‚Emanzipation‘ verbilden nach tradierten Rollenbildern

Hannelore Schlaffer vermag ihren Fatalismus aber noch zu steigern – schließlich führt selbst die weibliche Flucht vor den „Gören“ (S. 25) der bildmächtigen Modezeitschriften in den ‚Geist‘ in ebenso diskursiv genormte Sphären. Zunächst in der bürgerlichen Welt des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in die „Theater, literarische[n] Veranstaltungen, Museen, Konzerte, Vorlesungen“, die dem Bürgertum dazu dienen, „ den Zusammenhang von Geist und Kleid vorzuführen“ (S. 49). Der Mode – und sei es eine intellektuelle Mode – kann die bürgerliche Frau nicht entrinnen. Selbst in der Wissenschaft bevorzugt sie die Mode von Gestern, die sie als Kunsthistorikerin – einem bevorzugt ‚weiblichen‘ Studiengang – auf alten Gemälden entdeckt. Dies ist seit dem Historismus so: „Bilder machten von nun an Mode, und Kleider machten Bildungsbürger“ (S. 56). Auch mit akademischen, ja literarischen Weihen ist im bürgerlichen Zeitalter oder eben in Zeiten heutiger ‚neuer Bürgerlichkeit‘ die „Intellektuelle […] die Frau, die die Modesprache mit der Literatursprache zu verbinden weiß.“ Hannelore Schlaffer nennt in diesem Zusammenhang zutreffend Else Lasker-Schüler als Protoptyp.

Auch die Flucht vor dem nach meist männlichen Modeschöpfern „getaufte[n] Kleid“ (S. 57) in die protestantische Schmucklosigkeit, etwa einer Jil Sander, endet vor der Wand der Geschlechternormen. Gerade wenn die Frau die ‚Hosen anhat‘, akzeptiert sie im Merkelschen Hosenanzug die „uralte […] Abhängigkeit der weiblichen Phantasie von der männlichen“ (S. 68). Der humorlose Hosenanzug ist mithin selbst ein Produkt der Disziplinierung durch Bilder – Schlaffer nennt hier die Modekarikatur, die, solange die weibliche Mode von männlicher Nüchternheit abwich, deren Ausformungen aufs Korn nahm und folgerichtig mit der explizit binären Geschlechterperformanz mit Tüll und Rüschen auf der einen und steifen Kragen und Zylindern auf der anderen Seite verschwand. Das Produkt dieser Erziehung ex negativo, die „kleinbusige Knäbin“ (S. 95), von Schlaffer „Bauhausfrau“ (S. 131) genannt, ist jedoch ebenfalls nur ein Abbild des Mannes, gleichsam aus dessen modischer Rippe geformt.

‚Mode nach der Mode‘: wenig subversive Subkulturen

Im letzten Teil ihres Essays belegt und begründet Hannelore Schlaffer des weiteren nachvollziehbar, dass sogar die Sub- und Jugendkulturen – etwa der Punk – von der männlichen Phantasie, von den ehernen Regeln konformer männlicher Rebellion geprägt sind, in der nach archaischen Prinzipien eines rituellen Vatermords „Jünglinge […] ihr Selbstbewusstsein gegen die Väter“ entwickeln – „ junge Frauen“ andererseits „ verlieren es allmählich und folgen den Männern“ (S. 78). Ob im 18. Jahrhundert der Uniformrock, ob in postmoderner Zeit die Lederjacke vom ‚anderen‘ Geschlecht adaptiert wird, es bleibt für die Autorin dabei: „Knaben machen Mode. Mädchen machen mit“ (S. 88).

Die spitzzüngige Tantenhaftigkeit, mit der in Mode, Schule der Frauen coole Jungs, die sich mit ‚Alter‘ anreden, anachronistisch als „Jünglinge“, ja als „Knaben“ apostrophiert werden, unterläuft der Autorin natürlich nicht zufällig. Diese „Knaben“ sind insofern alt, als sie sich nach alten Mustern gerieren. Hinter der Egalität des Unisex lugt die alte Gender-Polarität hervor. Auch nach dem Ende der Mode als „Alta Moda“ (S. 150) bleibt alles beim Alten. Zu diesem Resümee kommt die Kulturwissenschaftlerin nach einem eindrucksvollen Überblick über mehr als zweihundert Jahre der Kleider- und Lebensreformen, der blutigen und unblutigen Revolutionen, der Rebellionen von (meist männlichen) Bürgerkindern gegen die Bürgerlichkeit. Frauen werden immer noch ‚gemacht‘; die Schule der Frauen wird nicht geschlossen, nur weil ‚man‘ den Lehrplan modisch modernisiert.

URN urn:nbn:de:0114-qn102064

Dr. Rolf Füllmann

Universität zu Köln

Institut für Künste und Medien; Studium der Germanistik und Philosophie, 1. und 2. Staatsexamen, z. Zt. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ‚Zentrum für Moderneforschung‘ der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln, Lehrtätigkeit an den Universitäten Köln, Prag und Venedig. Forschungs- und Veröffentlichungsschwerpunkte: Erzählliteratur (v. a. Novellistik) vom 18. Jahrhundert bis heute, deutsche Kulturgeschichte seit der Gründerzeit, literaturwissenschaftliche Phänomenologie und Diskursanalyse, kulturelle Symbolsysteme im politischen Kontext, Queer- und Gendertheorien

E-Mail: rolffuellmann@t-online.de

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