Susanne Gramatzki: Das Regime der Schönheit

Das Regime der Schönheit

Rezension von Susanne Gramatzki

Annette Geiger (Hg.):

Der schöne Körper.

Mode und Kosmetik in Kunst und Gesellschaft.

Köln u.a.: Böhlau Verlag 2008.

286 Seiten, ISBN 978-3-412-20242-2, € 29,90

Abstract: In den Beiträgen des Bandes werden unterschiedlichste Formen des Schönheitshandelns in Vergangenheit und Gegenwart unter einer kulturwissenschaftlichen Perspektive beleuchtet. Modische Kleidung, dekorative Kosmetik, Diäten, Figurtraining, Schönheitsoperationen usw. stehen dem Ich als Techniken zur Verfügung, um einem idealen, häufig über die Medien vermittelten Körperbild nahezukommen. Der instruktive und angemessen bebilderte Band betrachtet diese Körperpraktiken als gleichermaßen gesellschaftliche wie ästhetische Phänomene; Zwang und Lust der Simulation werden von den Autor/-innen ebenso behandelt wie das Verhältnis von (Geschlechter-)Identität und (Geschlechter-)Performanz.

Mode und Schönheit – le fugitif et l’éternel?

Baudelaires berühmte Definition der Kunst als dialektische Verbindung des Ewigen, Unveränderlichen mit dem Vorübergehenden und Zufälligen scheint in ihrer dualistischen Prägnanz Mode und Schönheit genau zu erfassen: Man ist geneigt, der Mode als dem sich ständig wandelnden, durch den spätkapitalistischen Konsumdruck zudem immer kurzlebigeren Zyklen unterworfenen Zeitgeschmack einen transhistorischen, universal gültigen Schönheitsbegriff gegenüberzustellen im Sinne des ‚Wahren, Guten und Schönen. Doch eine solche Zuordnung erweist sich als zu einfach, da Schönheit trotz aller (auch wissenschaftlichen) Quantifizierungsversuche ein relatives Phänomen bleibt und Mode als umfassende Gesellschafts-, Schönheits- und Körperpraxis grundsätzlichen ästhetischen und anthropologischen Konstanten unterliegt.

Der von Annette Geiger, Inhaberin der Wella-Stiftungsprofessur für Mode und Ästhetik an der TU Darmstadt, herausgegebene Band deutet bereits mit der paradigmatischen Begrifflichkeit des Titels – Schönheit und Körper, Mode und Kosmetik, Kunst und Gesellschaft – den weit gefassten und spannungsvollen Diskursrahmen an, in dem sich die insgesamt dreizehn Beiträge bewegen. Theoretische Prämisse der auf eine Tagung zurückgehenden Publikation ist die Auffassung, dass Mode und Kosmetik eigenständige kulturelle und ästhetische Praktiken darstellen. In ihrer Einleitung weist Geiger zu Recht darauf hin, dass man in Fortführung der zahlreichen cultural turns der letzten Jahrzehnte mittlerweile auch von einem beauty turn in den Kulturwissenschaften sprechen könne (vgl. S. 11). Die wissenschaftliche Publikationsfülle, die seit Umberto Ecos massentauglicher, da reich illustrierter Storia della Bellezza auch beim bildungsbürgerlichen Publikum angekommen ist, lässt sich kaum noch überschauen. Das Besondere des vorliegenden Sammelbandes liegt im methodischen Zugriff auf alle Erscheinungsformen modischen und kosmetischen Schönheitshandelns, ohne dabei zwischen hoher und niedriger Kultur zu hierarchisieren; daher werden auch Phänomene des Alltags, der Adoleszenz, der Pop- und Subkultur wertungsfrei erfasst und überzeugend analysiert. Ziel des Bandes ist, „die Phänomene der Mode und der Körperinszenierung so differenziert zu betrachten, dass sie vor Beurteilungen mittels überkommener Klischees besser geschützt sind“ (S. 14 f.). Dieses Ziel, das sei vorweg gesagt, erreicht das Buch mühelos. Die Herausgeberin plädiert in ihrer Einführung für einen reflektierten, selbstbewussten Umgang mit der Mode, die einerseits als Inbegriff massiver Konsum- und Normierungszwänge aufgefasst werden kann, aber andererseits auch den Freiraum zur individuellen Selbstdarstellung bietet: „Modefan und Modehasser sollte man immer gleichzeitig sein“ (S. 18). Durchaus bedenkenswert ist Geigers Ansatz, ob mittels der Mode nicht ein angemessenerer Begriff von Identität formuliert werden könnte – Identität verstanden als offene, veränderliche Größe (vgl. S. 20).

Auch wenn, um den eingangs gebrauchten baudelaireschen Dualismus nochmals aufzugreifen, Mode nicht per se als das Flüchtige und Schönheit als das Ewige aufgefasst werden kann, Mode vielmehr ein komplexes ästhetisches und soziokulturelles System bildet, erscheint dennoch fraglich, ob man damit beides auch in eins setzen kann. Geiger hält eine Trennung zwischen Schönheit und Mode für unnötig (vgl. S. 27, Anm. 5) und lässt unter Verweis auf Kants „interesseloses Wohlgefallen“ die Mode „den Rang der Kunst [...] erklimmen“ (S. 26). Im Einzelfall mag dies durchaus zutreffend sein, sollte dann aber auch jeweils begründet werden. Die Stärke der Kulturwissenschaften – der transdisziplinäre, unverstellte Blick auf die Phänomene – kann sonst leicht zu ihrer Schwäche geraten: Wenn letztlich alles unterschiedslos unter den weiten Begriff der kulturellen Praxis oder Technik subsumiert wird, droht mit der fehlenden Differenzierung auch der Erkenntnisgewinn verlorenzugehen.

Techniken des Selbst

Die Beiträge des Bandes sind vier Themenbereichen zugeordnet: „Schönheitsbilder – imaginär und medial“, „Urszenen der Schönheitspraxis“, „Schöne Körper in den Künsten“ und „Rhetoriken der Kosmetik“. Es geht, in dieser Reihenfolge, um die insbesondere medial vermittelten Vorstellungen von einem attraktiven Körper, um einen historisierenden Blick auf das Schönheitshandeln, um den Zusammenhang zwischen Schönheitskult und Kunst und schließlich um Formen des self-fashioning in der zeitgenössischen Alltagskultur. Bei der – dringend empfohlenen! – kompletten Lektüre des Bandes ergeben sich aufschlussreiche Querverbindungen zwischen den einzelnen Sektionen, was im Folgenden an einer Auswahl von Beiträgen exemplarisch aufgezeigt werden soll.

Cornelia Förster und Annette Geiger beschäftigen sich in ihrer Studie „Gesichter der Ambivalenz – Die Erotik in christlichen Heiligenbildern und ihr Nachleben in der heutigen Modefotografie“ mit parallelen Bildfindungen in der Heiligenmalerei und in aktuellen Modezeitschriften. Der ekstatisch verzückte Blick nach oben, der jahrhundertelang zur Ikonographie der christlichen Heiligen gehörte, war zumeist auch erotisch konnotiert; unter den ein wenig effekthascherischen Begriffspaaren „love & pain“ und „sex & crime“ – letztere Kategorie bezieht sich auf Folter- und Tötungsdarstellungen der Märtyrerinnen – arbeiten Förster/Geiger zwei Traditionslinien dieser Bildformel heraus. Dass die Erotisierung des hingebungsvoll nach oben schauenden Blickes vornehmlich an den schönen, begehrenswerten Körper der weiblichen Heiligen gebunden ist (vgl. S. 78), mag dazu beigetragen haben, dass die Bildformel nach einer Phase der Verkitschung im 19. Jahrhundert schließlich Eingang in die ambitionierte Modefotografie gefunden hat. Die Autorinnen beziehen sich bei ihrer Analyse auf Warburgs Pathosformel, nach der expressiv übersteigerte Gesten als Bewältigungsstrategie archaischer Menschheitsängste zu deuten sind. Die von den Verfasserinnen explizit gestellte Frage, welche Ängste dies, zumal im Bereich der Mode, denn nun eigentlich sind (vgl. S. 85), wird mit dem Verweis auf die inszenierte Ambivalenz von Models und Popstars wie Madonna allerdings nur unzulänglich beantwortet. In dem Changieren zwischen Lust und Schmerz, Begehren und Entrückung liegt gleichwohl der ästhetisch-erotische Reiz, der Heiligendarstellungen und Modefotografien verbindet.

In Ergänzung zu den interessanten Ausführungen von Förster/Geiger lässt sich Árpád von Klimós Beitrag über dekorative Kosmetik im katholischen Diskurs lesen. Der Historiker untersucht die offizielle Haltung der katholischen Kirche in Italien, Deutschland und den USA gegenüber dem Schminken und anderen Verschönerungspraktiken. Die lebensweltlich engagierten „Neuen Nonnen“ in den USA, deren Bild durch Film und Fernsehen in den 1960er Jahren massenmediale Verbreitung fand, setzten eine Bewegung in Gang, die nach Ansicht des Autors sowohl in die „Katholizierung der USA“ als auch in die „Amerikanisierung des Katholizismus“ (S. 137) mündete. Die dadurch auch in Deutschland bewirkte zunehmend permissive Haltung der Katholischen Kirche lässt sich am immer wieder überarbeiteten Lexikon für Theologie und Kirche ablesen, das in seiner jüngsten Auflage Kosmetik nicht mehr als Gefahr für Sitte und Moral ablehnt, sondern als Gestaltungsmittel der „persönlichen Ausstrahlung“ anerkennt und lediglich angesichts grundsätzlicher ethischer Bedenken, z. B. wegen der Tierversuchsproblematik, für einen verantwortungsvollen Gebrauch plädiert (S. 141).

Da der körperverhüllende Habit das Gesicht der Nonnen exponiert, ist es in besonderer Weise dem Blick der Anderen ausgesetzt und nahezu exklusiv für das individuelle Erscheinungsbild einer Ordensfrau verantwortlich. Dem Lippenstift kommt hier eine besondere Rolle zu, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Nonnen des Hollywoodfilms über ihre geschminkten Augen und Lippen als mitten im Leben stehend charakterisiert wurden. Die „historische und mediale Verklammerung von Film und Kosmetik“ (S. 42) zeichnet Annette Bitsch in ihrem Aufsatz „Schneeweißchen und Lippenrot – Die Farbe in der Kulturgeschichte der Kosmetik“ nach, in dem sie, dem Ausdruckspotenzial der Farbe Rot folgend, einen souveränen Bogen von antiken Schönheitsrezepturen bis zur Lippenstiftwerbung aus dem Jahr 2008 schlägt. In seiner Verbindung von phallischer Form und der emotional wohl am stärksten besetzten Farbe avancierte der Lippenstift zum wirkmächtigen Symbol eines ewigen Schönheitsversprechens – ewig ist dieses Versprechen insofern, als es niemals einzulösen ist, denn Film- und Werbemedien produzieren ständig neue Schönheitsideale, die zur konsumtiven Nachahmung verführen sollen, wie Bitsch beschreibt. Ihr provokantes Fazit lautet, dass die „Entwicklung der modernen Kosmetik [...] ein extrahumaner Prozess ist“ (S. 44).

Geschlechterperformanzen

Dem fortwährenden Streben nach Verjüngung und Verschönerung waren und sind (noch) vor allem Frauen unterworfen, wie die Durchsicht der bisher besprochenen Beiträge zeigt und ein Blick auf den Band insgesamt bestätigt. Geschlechtsidentitäten und soziokulturelle Geschlechterrollen können durch die modisch-kosmetische Selbstinszenierung sowohl affirmiert als auch subvertiert werden. Luc Renaut klärt darüber auf, dass die Tätowierung in traditionellen Gesellschaften eine vorrangig weibliche Domäne ist. Die ornamentale Tätowierung des weiblichen Körpers markiert als Übergangsritus im Sinne Genneps die Heiratsfähigkeit des Mädchens und indiziert den sozialen Status der erwachsenen Frau. Zudem lässt sich bei den großflächig über den Körper verteilten Zeichnungen eine ästhetisch-erotische Funktion vermuten, die den sexuellen Genuss und damit den Reproduktionserfolg steigern soll: Der tätowierte weibliche Körper fungiert als soziale und erotische Topographie. Wird durch die in den Stammesgesellschaften vorgenommene Tätowierung der Frau die Geschlechtsidentität in den Körper ‚eingeschrieben‘, eröffnen sich in der modernen Gesellschaft komplexere Möglichkeiten der Geschlechteraffirmation und -subversion.

Während es hierbei Otto Dix im selbstbewussten Spiel mit weiblichen Attributen wie Schminke und modischer Kleidung gelingt, eine neue, moderne Männlichkeit zu postulieren (vgl. Änne Söll: „,An die Schönheit‘ – Selbst, Männlichkeit und Moderne in Otto Dix’ Selbstbildnis von 1922“), erleben die Protagonistinnen in den Romanen von Marieluise Fleißer und Mela Hartwig die Transgression der Geschlechterrollen zwiespältiger, wie Stefanie Rinke in ihrem Beitrag zeigt. Für die „Neue Frau“ der Weimarer Republik, die sich sportlich-maskulin als „Girl“ oder „Garçonne“ inszenierte und ihr eigenes Geld verdiente, war der Wunsch nach Selbstbestimmung einer erfüllten Liebesbeziehung eher hinderlich. Der emanzipatorische Gestus konnte zudem nur schwer dem Druck des (Arbeits- und Heirats-)Marktes standhalten, der nach wie vor die hübsche, vorzeigbare Frau favorisierte.

Dass das Schönheitsgebot mittlerweile verstärkt die Männer erfasst hat, zeigen die einschlägigen Umsatzzuwächse der Kosmetikindustrie. Daraus, so Patricia Feise-Mahnkopp, lasse sich jedoch noch kein Wechsel im geschlechteroppositionellen Denken ableiten; ganz im Gegenteil greife die Werbung für Männerkosmetik auf tradierte Maskulinitätsstereotypen zurück und verbleibe in einem prononciert geschlechterdualistischen Diskurs, der zuweilen auch das Postulat superiorer Männlichkeit beinhalte.

Neben Fragen der Geschlechterperformanz erweist sich die Problematik der selbst- oder fremdauferlegten Verpflichtung zur Schönheit, der „Schönheitsimperativ“, als beitragsübergreifendes Thema des Buches. Die mediale Omnipräsenz idealer Körperlichkeit und die Bandbreite der nahezu ubiquitär verfügbaren kosmetischen, vestimentären und schönheitschirurgischen Möglichkeiten erzeugen einen massiven Druck der Selbstoptimierung, dem bereits die Heranwachsenden ausgesetzt sind. Die unheilvolle Allianz aus Wunsch nach Anerkennung und prinzipieller Machbarkeit mündet in ein heteronomes Schönheitsbild, dem ein ‚positiver‘, frei gewählter Selbstbezug entgegenzuhalten wäre (vgl. die Beiträge von Laura Bieger und Beate Schmuck). Inmitten der Diskussion um normierte, imaginierte und medial inszenierte Idealkörper erinnert Hermann Pfütze in seinem Aufsatz wohltuenderweise daran, dass der Sinn für und das Streben nach Schönheit wesentliches Charakteristikum des genum humanum ist. Wo selbst in Kriegs- und Krisenzeiten an der Wertschätzung des Schönen, unmittelbar Zweckfreien festgehalten wird, hat auch die Würde des Menschen Chancen, unangetastet zu bleiben. Die Sehnsucht nach Schönheit kann mithin auch ästhetischer Widerstand gegen eine unwirtliche Welt sein.

Die Vielfalt der methodischen Zugänge und behandelten Phänomene und das durchgängig hohe Reflexionsniveau der Beiträge sichern dem Band einen festen Platz in der gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Schönheits- und Körperdebatte. Im Gegensatz zu vergleichbaren Sammelpublikationen zeichnet sich Der schöne Körper zudem durch sorgfältig ausgewählte, die jeweilige Argumentation sinnvoll stützende Abbildungen und eine fundierte Einleitung aus.

URN urn:nbn:de:0114-qn102034

Dr. Susanne Gramatzki

Bergische Universität Wuppertal

Fachbereich Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal

E-Mail: gramatz@uni-wuppertal.de

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