Judith E. Krämer: Chancen und Fallstricke von Gender Mainstreaming an der Schule

Chancen und Fallstricke von Gender Mainstreaming an der Schule

Rezension von Judith E. Krämer

Malwine Seemann, Michaela Kuhnhenne (Hg.):

Gender Mainstreaming und Schule.

Anstöße für Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse.

Oldenburg: BIS-Verlag 2009.

156 Seiten, ISBN 978-3-8142-2142-7, € 12,80

Abstract: Der vorliegende Band geht auf den 3. Oldenburger Fachtag Gender und Schule im März 2008 zurück. Bei der Besprechung ist der Fokus darauf gerichtet, wie sich die Autor/-innen der Frage nach den Chancen und Fallstricken auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Schule nähern. Festgehalten werden kann, dass das Buch gute Einblicke in verschiedene Debattenstränge der Gender-Schulforschung gewährt und zudem die Verbindungslinien von theoretischem Genderwissen, Konzeptionen von Gender Mainstreaming und der Umsetzung in die Praxis aufzeigt. Es ist durch die übersichtlichen und kurzen Einführungen sowohl für Praktiker/-innen als auch für Wissenschaftler/-innen geeignet.

Gender Mainstreaming und Schulentwicklung

Trotz vorhandener Verfassungsnormen kann nicht davon gesprochen werden, dass „Gleichstellung“ im Allgemeinen und die „Gleichstellung der Geschlechter“ im Besonderen bereits als systematische Schulaufgabe begriffen und praktiziert werden (vgl. S. 26 f.). Uta Enders-Dragässer konzentriert sich in ihrem Beitrag deshalb auf die Frage, wie Gender Mainstreaming und Schulentwicklung miteinander zusammenhängen und welchen positiven bzw. notwendigen Einfluss die Integrierung der Geschlechterperspektive auf Prozesse im Schulwesen hat. Zu den Voraussetzungen und Bestandteilen eines funktionierenden Gender Mainstreaming in der Schule zählen: Führungsverantwortung der Schulleitung, Akzeptanz durch alle Lehrkräfte, personelle und finanzielle Ressourcen, Aneignung von Genderkompetenz, Entwicklung von passenden Instrumenten, Zusammenarbeit mit externen Expert/-innen (z. B. Eltern, Sozialarbeit etc.), Analyse der außerschulischen Lebenssituationen sowie der Unterrichts- und Organisationsstrukturen, Budgetplanung, geschlechtssensible Sprache und das Verständnis von Deutsch als Brückensprache. Stereotype Wahrnehmungen und der sogenannte Gender-Bias werden als Hindernisse ausdifferenziert.

Eine genaue Betrachtung weist auf die Verwobenheit unterschiedlicher Benachteiligungen hin und zeigt auf, dass eine mehrperspektivische Herangehensweise nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist; so sind z. B. Ethnozentrismus, Blindheit und Stereotypisierung im Umgang mit sozialen Problemen, Armut, Behinderung, Umgang mit dem „Fremden“ usw. (vgl. S. 34) im Zusammenhang mit Gender zu betrachten. Die Autorin weist zu Recht darauf hin, dass nur mit einer solchen umfassenden Perspektive Gender Mainstreaming eine Chance für die Schulentwicklung im Sinne von Chancengleichheit und Gerechtigkeit bietet. Etwas befremdlich, und im Widerspruch zu ihren eigenen Ausführungen, mutet jedoch die abschließende Vision von Enders-Dragässer an, die explizit die Einbeziehung von Müttern in die schulpädagogischen Prozesse fordert (S. 34). Wo bleiben da die Väter, Co-Elternschaften und alle anderen Erziehungsverantwortlichen?

Von Schwedens Schulen lernen

Ergebnisse aus einer Studie schwedischer Mainstreamingprozesse im Schulbereich liefern wichtige Erkenntnisse für hiesige Vorgehensweisen bei der Implementierung von Gender Mainstreaming. Im Hintergrund der Forschungsarbeit von Malwine Seemann (S. 37 ff.) standen Fragen danach, wie bei einer gleichzeitigen Wahrnehmung der Unterschiede beide Geschlechter gleich behandelt werden können und wie durch eine differenzierte und geschlechtsbezogene Sichtweise alle Beteiligten erreicht werden können. Zwischen 2003 und 2006 wurden vierundvierzig Interviews mit Vertreter/-innen außerschulischer Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, mit schulischen Projektleiter/-innen und mit Lehrer/-innen durchgeführt. In der Auswertung der Interviews ließen sich folgende sechs Faktoren ausmachen, die als ein ‚Implementierungshexagon‘ von zentraler Bedeutung sind. Drei Erfolgsfaktoren: Genderbewusstheit als ‚eye-opener‘, theoretisches und praktisches Genderlernen, Gleichstellung als Prozess aller Beteiligten. Und drei Faktoren, die als Gegenkräfte wirken: Innere Widerstände, geringe Präsenz von Männern in der Genderarbeit und Verknüpfung von Gender mit ethnischen Zuschreibungen.

Die in der Studie ausgemachten Faktoren werden gleichstellungsengagierten Schul-Praktiker/-innen und -Forscher/-innen nicht unbekannt sein, dennoch gibt die Systematisierung der Ergebnisse im Hexagon eine praktische Hilfe bei der Einführung und Durchführung des Mainstreaming. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie ist, dass viel Zeit für die Umsetzung benötigt wird und dass kurzfristige Gendertrainings keine Lösung sind. Vielmehr sollten längere Genderfortbildungen in Schulen stattfinden, die „genügend Raum bieten für die Vermittlung moderner sozialkonstruktivistischer Gendertheorie“ (S. 62).

Diskrepanzen zwischen Einstellungen und Engagement hinsichtlich Gleichstellung bei Männern

Nicht nur die Präsenz von Männern, sondern auch der Stand ihres Genderbewusstseins sind wichtige Erfolgs- oder Misserfolgsfaktoren für Gender Mainstreaming. Stefan Höying vergleicht empirische Erhebungen von allgemeinen Einstellungen bei Männern mit Untersuchungen der Wahrnehmung von Geschlechterdiskriminierungen und Gleichstellungsengagement am Arbeitsplatz und verweist auf die diesbezüglich bestehenden Diskrepanzen: Trotz proklamierter Gleichstellungswünsche und einer egalitären Haltung, z. B. bezüglich der Aufteilung von Erwerbsarbeit und Hausarbeit, besteht eine Blindheit bei Männern gegenüber der Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz, etwa durch männerbündische Arbeitskultur und sexuelle Belästigung. Diese bezeichnet der Autor trefflich als „interessegeleitete Nichtwahrnehmung“ (vgl. S. 73). Die Wahrnehmung scheinbarer Gleichheit bewahre die betreffenden Männer vor der Notwendigkeit, zu handeln und sich im Gender Mainstreaming zu engagieren. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Gender Mainstreaming nur funktionieren kann, wenn vor und im Implementierungsprozess für Männer genügend Raum für die Auseinandersetzung mit Vorstellungen von Gleichheit, Gerechtigkeit und Gleichstellung besteht. Höying leistet einen wichtigen Transfer, indem er Forschungsergebnisse zum Wandel von Arbeitswelten als auch zu Lebenszufriedenheit (Sinus Sociovision 2007) aufbereitet und in die Schulforschung einbringt. Bemerkenswert verbindet er dabei eine kritische Perspektive mit Verständnis und Einfühlungsvermögen für seine Zielgruppe.

Konstruktionen und Institutionalisierungen von Zweigeschlechtlichkeit

Die alltägliche Konstruktion einer polarisierten Zweigeschlechtlichkeit und von deren Institutionalisierung erweist sich immer wieder als Hürde für die Herstellung einer „schülerInnen- und lehrerInnen ‚gerechten‘ Schule“ (S. 87). Claudia Schneider zieht in ihrem Beitrag die theoretischen Perspektiven Gleichheit – Differenz und Dekonstruktion heran, um das spezifische Wissen, welches ein erfolgreiches Gender Mainstreaming benötigt, theoretisch rückzubinden. Daraus ergibt sich die Anforderung, die Dilemmata zu kennen, die sich aus den jeweiligen Blickrichtungen ergeben. Sie lassen sich nur durch eine theoretische und praktische Mehrperspektivität beheben. Auf dieser Basis analysiert die Autorin die Hindernisse, die sich für einen Implementierungsprozess ergeben und die sich vor allem an den Organisationsstrukturen und den Lehrmaterialien festmachen lassen. Hervorhebenswert an diesem Beitrag – auch besonders innerhalb der Schulforschung – ist meines Erachtens, dass hier eine dekonstruktivistische Perspektive selbstverständlich mitbedacht und benannt wird und in ihren praktischen Konsequenzen für Sprache und Denkweisen auf Schule bezogen wird.

Wie Lernen über Gender praktisch stattfinden kann

Solveig Haring und Anita Moerth fokussieren in ihrem Beitrag die gendersensible Didaktik und Pädagogik. Anhand einer Auswertung eines Gender-Fortbildungsseminars für Mittelschullehrer/-innen reflektieren sie, mit welchen Inhalten, Lehrmaterialien, Lernsettings und Methoden eine Gendersensibilisierung sinnvoll angeregt werden kann. Sie stellen hierfür einzelne Übungen detailliert und nachvollziehbar vor und werten sie aus. Herausgearbeitet wird dabei, dass vor allem die Integration und der Austausch der Erfahrungen der Lehrpersonen sowie Raum für die Selbstreflexion eigener Gewordenheiten und stereotyper Wahrnehmungen von zentraler Bedeutung sind. Die Autorinnen ermöglichen dadurch einen sehr praxisnahen Blick auf einen Ausschnitt: das Gender Training.

Geschlechtsstereotype in der Wahrnehmung durch Lehrkräfte

Wie Schüler/-innen durch Lehrkräfte wahrgenommen werden, kann die Geschlechterordnung an der Schule verfestigen. Lalitha Chamakalayil arbeitet an sieben Fallbeschreibungen – aus der Perspektive von interviewten Eltern und Lehrer/-innen – geschlechterstereotype Zuschreibungen von Lehrpersonen an der Grundschule heraus. Beschreibungen von als auffallend wahrgenommenen Schülern (in den Interviews geht es hauptsächlich um Jungen) stehen dabei in einem Zusammenhang mit der Wahrnehmung einer Abweichung von typischer geschlechtlicher Inszenierung. Gleichzeitig ist die geschlechtsbezogene Wahrnehmung der Eltern durch die Lehrkräfte mit der Wahrnehmung der Kinder verwoben. „Kindern scheint insgesamt nur ein schmaler Pfad zu bleiben, auf dem sie eine akzeptierte Geschlechtsrolle darstellen ‚dürfen‘.“ (S. 137) An den Ergebnissen zeigt sich die Erziehungspartnerschaft von Lehrer/-innen und Eltern als eine zentrale und komplexe schulpädagogische Herausforderung. Es wird deutlich, dass diese, zum Beispiel in Form von Elternarbeit, lange in der schulischen Praxis, aber auch in der Forschung unterschätzt oder ausgelassen wurde.

Verbindliche Integration von Gender in die Hochschullehre

Michaela Kuhnhenne verdeutlicht in der Auswertung eines Workshops der Tagung, wie wichtig eine Integration von Gender in alle Bereiche der Lehramtsausbildung ist. Obwohl schulische Richtlinien und Gesetzgebungen dies schon lange einfordern, mangelt es nach wie vor an einer Umsetzung. So ist beispielsweise in den Beschreibungen der BA-Lehrmodule für Lehramt nur eines zu finden, in denen Gender, zudem nur als Unterpunkt, erwähnt wird. Wenn im Studium keine tiefgreifende eigenständige Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen und keine Reflexion der eigenen Verstricktheit in diese stattgefunden hat und auch an der Universität Geschlechter-Themen als randständige oder auch überhaupt nicht behandelt werden, dann geraten sie später im alltäglichen Lehrprozess in der Berufspraxis in den Hintergrund und werden verdrängt. In diesem Beitrag werden damit auch die sich hinter den Schulstrukturen verbergende politische Rahmungen, wie etwa die Organisierung der Ausbildung betrachtet, die leicht im Kontext der Gender Mainstreaming aus dem Blick geraten.

Empfehlung

Der Band gibt eine Orientierungshilfe für die komplexen Aufgabenstellungen im Rahmen der Implementierung von Gender Mainstreaming an der Schule. Die Autor/-innen verwenden darin einen an den aktuellsten Forschungsstand feministischer Theorie rückgebundenen Begriff von Gender: Zum einen dadurch, dass eine intersektionelle Perspektive eingenommen wird und Geschlecht als verwoben mit anderen Ungleichheitsverhältnissen gedacht wird (z. B. bei Enders-Dragässer, Chamakalayil), und zum anderen, indem Mehrdimensionalität im Sinne von Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion erklärt wird (bei Schneider). So werden die emanzipatorischen Entwicklungspotentiale für die Schulentwicklung anschaulich. Deutlich wird auch, dass Schule und auch die Genderkompetenz derer, die in Schule involviert sind, immer in Wechselwirkung mit den gesellschafts-politischen Rahmenbedingen stehen und dass die Bestrebungen, die Schule zu verändern, über das unmittelbare Feld der Schule hinauszielen müssen: gemeint sind hier die familiären Zusammenhänge der Schüler/-innen, die Ausbildungsinhalte von Lehrkräften, aber auch die gesellschaftlich hegemonialen Werthaltungen in Bezug auf Gleichstellungsfragen (nicht nur der Geschlechter). Schade, dass die – mindestens in einem Beitrag eingeforderte – zweigeschlechtlichkeitskritische Sprache in dem Band nicht konsequent verwendet wird, zum Beispiel in Form des Unterstrich_i (vgl. Hornscheidt, Antje (2007): Sprachliche Kategorisierung als Grundlage und Problem des Redens über Interpendenzen. Aspekte sprachlicher Normalisierung und Privilegierung. In: Walgenbach, Katharina; Dietze, Gabriele; Hornscheidt, Antje; Palm, Kerstin (Hg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen: Budrich, S. 65–105.).

Insgesamt handelt es sich um ein empfehlenswertes Sammelwerk, da es komplexe Inhalte theoretisch fundiert in gebündelter und übersichtlicher Darstellung vermittelt. Zudem liefert das Buch kleine, übersichtliche Ausschnitte aus dem großen Feld der Gender-Schulforschung.

URN urn:nbn:de:0114-qn103274

Judith E. Krämer

Universität Bremen

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erwachsenenbildungsforschung (IfEB), Fachbereich für Erziehungs- und Bildungswissenschaften

E-Mail: jkraemer@uni-bremen.de

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