Monika Sieverding: Ein richtiger Junge spielt nicht mit Mädchen! Die zwei Kulturen der Kindheit

Ein richtiger Junge spielt nicht mit Mädchen! Die zwei Kulturen der Kindheit

Rezension von Monika Sieverding

Eleanor E. Maccoby:

Psychologie der Geschlechter.

Sexuelle Identität in den verschiedenen Lebensphasen.

Stuttgart: Klett-Cotta 2000.

444 Seiten, ISBN 3–608–94183–5, DM 88,00, SFr 77,00

Abstract: In ihrem neuen Buch beschreibt Eleanor Maccoby in einem narrativen Forschungsüberblick die unterschiedlichen Kulturen von Mädchen und Jungen in der Kindheit. Sie vertritt dabei die These, dass eine weitgehende Geschlechtertrennung in der Kindheit die Ursache für Geschlechtsunterschiede im psychischen Erleben und Verhalten Erwachsener ist.

Ein berühmtes Vorgänger-Werk: The Psychology of Sex Differences

„If one had to predict a person’s life course on the basis of a single attribute, the best choice would probably be gender“: dieses Statement von Phyllis A. Katz aus den 80er Jahren (Katz 1986, S. 21) könnte man als Leitmotiv über das neue Buch von Eleanor Maccoby setzen. Maccoby hat eine Reihe von einflussreichen Werken zur Psychologie der Geschlechter verfasst, das wichtigste war sicher das 1974 erschienene Buch The Psychology of Sex Differences, welches sie zusammen mit Carol Jacklin geschrieben hat. Obwohl es auch vorher schon eine Reihe von Ansätzen gegeben hatte, das psychische Erleben und Verhalten der Geschlechter zu vergleichen, stellte das Werk The Psychology of Sex Differences einen Meilenstein in der psychologischen Geschlechterforschung dar. In einem bis dahin nicht da gewesenen systematischen Überblick hatten die beiden Wissenschaftlerinnen darin alle psychologischen Forschungsergebnisse zusammengetragen, in denen Geschlechtervergleiche berichtet wurden. Das Werk von Maccoby und Jacklin hat eine Fülle von Nachfolgestudien inspiriert, so wurden in den 80er und 90er Jahren eine Vielzahl von Meta-Analysen zu Geschlechtsunterschieden in verschiedenen Bereichen psychischen Erlebens und Verhaltens durchgeführt (die Meta-Analyse ist eine Methode der quantitativen Forschungssynthese zur Zusammenfassung verschiedener Studien, die auch eine Abschätzung der Stärke von Effekten erlaubt). Diese Meta-Analysen haben die Erkenntnisse über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf eine solide Basis gestellt. So finden sich in manchen Bereichen psychischen Erlebens und Verhaltens keine oder nur geringfügige Unterschiede zwischen Männern und Frauen (z. B. in verbalen oder mathematischen Fähigkeiten, Geselligkeit, Führungsstil und -effektivität), in anderen Bereichen wurden deutliche Geschlechtsunterschiede festgestellt (z. B. in Einfühlungsvermögen, Selbstbehauptung, physischer Aggression, sozialem Lächeln).

Die neue These: Geschlechtertrennung in der Kindheit als Ursache für psychologische Geschlechtsunterschiede

In der psychologischen Geschlechterforschung ist inzwischen nicht mehr so sehr die Frage von Interesse, ob es Geschlechtsunterschiede gibt, sondern die Frage, worauf diese zurückzuführen sind. Die soziale Rollen-Theorie von Alice Eagly (1987) beispielsweise sieht die unterschiedliche Verteilung von Männern und Frauen auf familiäre und gesellschaftliche Rollen in der Gesellschaft als eine wesentliche Ursache. Theorien der evolutionären Psychologie verweisen auf Prinzipien der Evolution; so gilt beispielsweise die höhere männliche Aggression und Dominanz als Ergebnis von Selektionsprozessen im Kampf um weibliche Sexualpartner. Ein weiterer, vor allem in der Entwicklungspsychologie verbreiteter Erklärungsansatz sieht die getrennten Kulturen von Mädchen und Jungen als wesentliche Ursache für das Erlernen geschlechtsabhängiger Regeln der sozialen Interaktion, die bis ins Erwachsenenalter wirksam sind. Um eine Beschreibung dieser separaten Kulturen, in denen Jungen und Mädchen aufwachsen, geht es nun schwerpunktmäßig in dem neuen Buch von Eleanor Maccoby.

Das Buch beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie Menschen an verschiedenen Punkten des Lebenszyklus und in unterschiedlichen Kontexten mit Angehörigen ihres eigenen Geschlechts und mit Angehörigen des anderen Geschlechts interagieren (S. 7). Ihren Ansatz sieht Maccoby als eine notwendige Erweiterung des klassischen Sozialisierungsmodells, welches postuliert, dass vorhandene Geschlechterdifferenzen im wesentlichen auf eine unterschiedliche Sozialisation von Jungen und Mädchen durch Erwachsene zurückzuführen seien. Sie hält das Sozialisierungsmodell für zu eng gefasst und verlangt, die Aufmerksamkeit weniger auf das Individuum als auf die Dyade oder auf die soziale Gruppe zu konzentrieren. Ihre These ist, „daß ein Großteil der beobachteten stabilen Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen vom Gruppenkontext abhängig ist“ (S. 22). Eine weitere These ist, dass eine weitgehende Geschlechtertrennung in der Kindheit die Ursache für Geschlechtsunterschiede im psychischen Erleben und Verhalten Erwachsener ist. In ihrem Buch erklärt sie die Geschlechterdifferenzierung im Entwicklungskontext: Im ersten Teil schildert sie die „Zwei Welten der Kindheit“, im zweiten Teil stellt sie verschiedene Erklärungsansätze vor, im dritten Teil des Buches werden „Annäherungen im Erwachsenenalter“ dargestellt.

Wie kam Maccoby zu ihrer These? Sie beschreibt ein Experiment aus den 70er Jahren, welches sie zusammen mit Carol Jacklin durchgeführt hatte. Das Spielverhalten von Kindern im Alter von 33 Monaten wurde beobachtet. Die Mütter der Kinder waren gebeten worden, ihre Kinder geschlechtsneutral zu kleiden, so dass nicht ohne weiteres erkennbar war, ob es sich bei einem Kind um ein Mädchen oder einen Jungen handelte. Es zeigte sich, dass Mädchen wie Jungen doppelt so viele soziale Verhaltensweisen an einen Partner ihres eigenen Geschlechts richteten wie an einen andersgeschlechtlichen Partner: Mädchen spielen am liebsten mit Mädchen, Jungen mit Jungen: dieses Phänomen, welches ab dem 3. Lebensjahr zu beobachten ist, kann man durch den Besuch eines beliebigen Kindergartens leicht überprüfen. Und während im Kindergarten noch eine gewisse Durchmischung der Geschlechter üblich ist, wird im Schulalter die Bevorzugung des eigenen Geschlechts noch offensichtlicher und erreicht im Alter von 8 bis 11 Jahren ihre stärkste Ausprägung.

Die zwei Welten der Kindheit: „Superman“ versus „Mutter und Kind“

Im ersten Kapitel wird nun anhand ausgewählter Forschungsergebnisse beschrieben, wie sich die Bevorzugung gleichgeschlechtlicher und die Meidung andersgeschlechtlicher sozialer Partner bei Jungen und Mädchen entwickeln. Darin wird deutlich, dass diese „Muster nicht das Diktat Erwachsener, sondern die eigene Wahl der Kinder widerspiegeln“ (S. 38) und dass das Phänomen der selbstgewählten Geschlechtertrennung in hoch entwickelten Industriegesellschaften ebenso zu finden ist wie bei Naturvölkern. Im zweiten Kapitel werden nun die unterschiedlichen Mädchen- und Jungen-Kulturen dargestellt, z. B. Unterschiede in den Spielstilen, in Aktivitäten und Interessen sowie in Gesprächsstilen. Als Hauptunterschied wird die männliche Agenda herausgearbeitet, Dominanzhierarchien aufzubauen und ihren Status zu sichern. Jungen toben und kämpfen deutlich mehr als Mädchen und zeigen mehr direkte (verbale oder körperliche) Aggressionen. Dabei scheint die Frage: Wer ist stärker? eine wichtige Rolle zu spielen. „Schon im Kindergarten und in der Vorschule sind die Jungen darauf bedacht, von ihren männlichen Spielgefährten nicht als ‚Schwächlinge‘ angesehen zu werden“ (S. 54), entsprechend bevorzugen sie in ihren Rollenspielen heldenhafte Gestalten wie Superman oder Batman. Jungen sprechen häufiger auf „egoistischere“ Weise miteinander, sie erteilen mehr Befehle, prahlen mehr und schreien sich häufiger an. Mädchen dagegen spielen mehr Spiele, in denen Kooperation anstelle von Rivalität gefordert sind, sie spielen mehr Rollenspiele aus dem häuslichen und familiären Bereich (Mutter und Kind). Sie zeigen in Gruppen häufiger einen kooperativen Interaktionsstil und tragen ihre Aggressionen eher auf indirekte Art aus (so genannte relationale Aggression), z. B. durch soziale Ausgrenzung: „Ich bin nicht mehr deine Freundin…“ (S. 56). Bei der Entwicklung von zwei getrennten Kulturen beschreibt Maccoby zwei Asymmetrien, die zu einer „größeren Macht der Jungengruppen“ beitragen. Jungen lehnen stärker das andere Geschlecht ab, schon im Vorschulalter legen sie Wert darauf, sich nicht mit Spielsachen und Aktivitäten zu beschäftigen, die als mädchenhaft gelten; sie „scheinen vor allem für ein männliches Publikum zu spielen“ (S. 70). Darüberhinaus grenzen Jungen sich auch stärker gegenüber der Welt der Erwachsenen ab und orientieren sich stärker an ihren Altersgenossen (Peers) als Mädchen. Im dritten Kapitel greift Maccoby diesen Aspekt noch einmal auf und zeigt Unterschiede in den Verhaltensspielräumen auf: Während das individuelle Mädchen Interesse an männlichen Aktivitäten und Spielgefährten zeigen kann, ohne von ihren Freundinnen abgelehnt zu werden, gilt das Umgekehrte nicht: Die meisten Jungen werden von ihren Altersgenossen gehänselt, wenn sie sich für Mädchen interessieren oder sich an deren Spielen beteiligen (S. 87).

Drei Erklärungsansätze für die Geschlechtertrennung: Die biologische Komponente

Im dritten Teil des Buches werden nun Erklärungsansätze für die Entwicklung der getrennten Mädchen- und Jungenwelten vorgestellt. Für die Erklärung der Geschlechtertrennung bieten sich ihrer Analyse nach biologische Prädispositionen an, da „binäre Phänomene“ (und als ein solches beschreibt sie die Geschlechterpräferenzen der Kindheit) „binäre Erklärungen verlangen“. Unter Rückgriff auf Ergebnisse der Primatenforschung sowie auf Studien mit Mädchen, die aufgrund einer Störung vor ihrer Geburt einem Überschuss an adrenalen Androgenen ausgetzt waren, wird spekuliert, dass pränatale steroide Sexualhormone an einer „Programmierung der beiden Geschlechter“ beteiligt sind, die im postnatalen Leben zu unterschiedlichen Mustern des Sozialverhaltens prädisponieren. (S. 148) Aber: „Welchen evolutionären Zweck könnte die beim Spielen erfolgende Geschlechtertrennung erfüllen?“ (S. 121) Hier betritt die Autorin nach eigenen Angaben unsicheren Boden. Bei einem Vergleich mit dem Verhalten von jungen Menschenaffen finden sich Ähnlichkeiten in Hinsicht auf Geschlechtertrennung, unterschiedliche Spielstile, eine stärkere Absonderung der Männchen sowie ein größeres Interesse von jungen Weibchen an Neugeborenen und Jungtieren. Maccoby hält es für vorstellbar, dass die Bildung von Dominanzhierarchien in männlichen Gruppen dazu dient, die Aggression innerhalb der Gruppen zu regulieren und Jungen für den kooperativen Umgang mit anderen Männern und Jungen zu sozialisieren. Die Geschlechtertrennung der Kindheit könnte außerdem dazu beitragen, das Inzestrisiko zu verringern. Aber das sind Spekulationen, die (noch) nicht durch überzeugende Studien unterstützt worden sind. Sicher sind die Universalität des Phänomens Geschlechtertrennung im Spiel sowie die Parallelen des Verhaltens bei nichtmenschlichen Primaten Hinweise auf die Mitbeteiligung biologischer Faktoren, trotzdem schließen die im 5. Kapitel zusammengestellten Forschungsergebnisse andere Erklärungsansätze, die stärker auf die Umwelt rekurrieren, keineswegs aus. Und so betont auch Maccoby unter Verweis auf die große Lernfähigkeit der Menschen, dass Biologie keineswegs mit Schicksal gleichzusetzen sei (S. 151).

Der Sozialisierungsansatz

Im 6. Kapitel wird der Sozialisierungsansatz vorgestellt. Dabei wird überprüft, inwiefern geschlechtskonforme Verhaltensweisen durch Eltern und andere Erwachsene geprägt werden. So zeigte sich in einer Reihe von Studien, dass Mädchen und Jungen von ihren Eltern unterschiedliches Spielzeug angeboten wird und dass mit Jungen ausgelassener und wilder gespielt wird. Gegenüber Jungen werden häufiger strengere Maßnahmen ergriffen, was jedoch im wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass diese schon in jungem Alter „mehr anstellen“. Während Eltern (insbesondere Mütter) mit ihren Töchtern häufiger und ausführlicher über Gefühle sprechen, werden Gefühlsäußerungen von Jungen insbesondere von den Vätern eher unterdrückt: Ähnlich wie die Peer-Group legen auch Eltern Wert darauf, dass ihre Söhne keinen „verweiblichten“ Eindruck machen (S. 177). Der Forschungsüberblick macht jedoch auch deutlich, dass Eltern in vielerlei Hinsicht Mädchen und Jungen sehr ähnlich behandeln, und wenn Unterschiede gefunden werden, sind diese oft eher geringfügig. Insgesamt erfährt also die Sozialisierungsthese zur Erklärung der getrennten Welten wenig Unterstützung: „Die Forschung hat nicht nachweisen können, dass Eltern direkten Druck ausüben, um ihre kleinen Kinder zu veranlassen, vorwiegend mit Angehörigen ihres eigenen Geschlechts zu spielen“ (S. 185). Maccoby verwirft jedoch meines Erachtens etwas vorschnell die Möglichkeit, dass Eltern als Modelle für gleichgeschlechtliche Präferenzen fungieren, mit der Begründung, dass im häuslichen Setting keine Geschlechtertrennung stattfinde. „Den Kindern wird also in der Familie nicht vermittelt, dass die erwachsene Gesellschaft diese Trennung von ihnen erwartet“ (S. 185). Dieser Argumentation kann ich nicht folgen: Wo findet eine deutlichere Geschlechtertrennung statt als in der traditionellen Familie? So konnte Trautner (1992) mit seinen entwicklungspsychologischen Studien belegen, dass die inzwischen weitverbreiteten androgynen Erziehungsideale der Eltern wenig nutzen, wenn diese selbst eine traditionelle Rollenaufteilung vorleben (der Mann ist berufstätig, die Frau ist für Kinder und Haushalt zuständig). Das familiäre Umfeld der meisten Kinder ist nach wie vor „deutlich von überkommenen geschlechtstypischen Rollenzuweisungen bestimmt“ (Trautner 1992, S. 57), und diese Modellwirkung wird für die vielfach beobachtete eher traditionelle Geschlechtsrollenorientierung bei Kindern verantwortlich gemacht.

Die kognitive Komponente

Das siebte Kapitel widmet sich der „kognitiven Komponente“: In jeder Gesellschaft gibt es ein System von Gender beliefs, d. h. Überzeugungen über geschlechtsangemessene Verhaltensweisen, Persönlichkeitseigenschaften, Interessen, Werte, äußere Attribute. Sobald Kinder die kognitive Selbstkategorisierung der eigenen Person als weiblich oder männlich eindeutig vornehmen können (mit ca. 2 – 3 Jahren), eignen sie sich in einem Prozess der Selbstsozialisierung diese gesellschaftlichen Skripte an: Mädchen wollen so sein, wie Mädchen (oder Frauen) sind, Jungen so wie Jungen (oder Männer). Das neu erlernte Gefühl von Männlichkeit oder Weiblichkeit bringt ein Kind dazu, bestimmte Interessen und Persönlichkeitsmerkmale anzunehmen, die seiner oder ihrer Meinung nach zur Geschlechtsidentität dazugehören. Schon im Kindergartenalter können Kinder Spielzeug, Kleidungsstücke, Gegenstände und Aktivitäten danach sortieren, ob sie „für einen Mann“ oder „für eine Frau“ sind. Damit einhergehend tritt eine Neigung zur kognitiven Konsistenz auf: Werturteile sowie Auswahl von Modellen und Aktivitäten werden in Übereinstimmung mit der Geschlechtsidentität und dem entsprechenden Stereotyp (vermittelt durch Eltern, Erzieherinnen, Peergroup und Medien) getroffen (s. Gloger-Tippelt 1993). Der Höhepunkt des „Sexismus“, d. h. einer Orientierung des eigenen Verhaltens an gesellschaftlichen Geschlechtsstereotypen, findet sich in der Zeit zwischen 5 und 8 Jahren, danach werden die Geschlechterkonzepte wieder flexibler (S. 214). Die Tatsache, dass die Herausbildung der eigenen Geschlechtsidentität und die Bevorzugung gleichgeschlechtlicher Spielgefährten mit drei Jahren ungefähr zur selben Zeit beginnen, ist für Maccoby ein deutlicher Hinweis darauf, dass die kognitive Komponente eine wichtige Rolle für die Entstehung der Geschlechtertrennung darstellt.

Der „Nachhall der Kindheit im Erwachsenenalter

In den nachfolgenden drei Kapiteln beschreibt Maccoby nun die Erwachsenenwelten von Männern und Frauen als „Nachhall der Kindheit“: Trotz Annäherungen, die maßgeblich von der heterosexuellen Anziehungskraft ausgehen, trennen sich die Wege von Männer und Frauen immer wieder, z. B. in der Arbeitswelt oder im Sport. Auch im Erwachsenenalter gibt es deutliche Unterschiede in den Interaktionsstilen, z. B. in der Zusammenarbeit am Arbeitsplatz, in der Sexualität oder in der Paarbeziehung. Besonders deutlich wird das Phänomen der Geschlechtertrennung in der Familie, sobald Kinder zur Welt kommen. Trotz aller Bemühungen, traditionelle Geschlechtsrollen aufzubrechen, wird auch in unserer Gesellschaft die Hauptverantwortung für die Versorgung und Erziehung der Kinder an die Frauen delegiert, was dazu führt, dass Frauen in vielen Lebensbereichen wieder „unter sich“ sind: in der Krabbelgruppe, auf den Spielplätzen, bei den Elternabenden in der Schule. Wenn aber Frauen solch „typisch weiblichen“ Pfade verlassen und in männlich dominierte Arbeitsbereiche vordringen wollen, werden sie nicht selten mit dem Widerstand männlicher Arbeitsgruppen konfrontiert, die ihre männlich geprägten Arbeitskulturen gegen weibliche Eindringlinge auf mehr oder weniger offene Weise verteidigen. In dem im Arbeitsleben (und ich würde hinzufügen in der Politik) nach wie vor deutlichen Machtgefälle zwischen den Geschlechtern wiederholt sich die Asymmetrie der Kindheit: Männer riegeln „ihre“ Welt stärker gegenüber Frauen ab als das umgekehrt Frauen tun (S. 296). Gleichzeitig haben Männer wenig Interesse daran, die Welt der Frauen zu erobern: So wie Jungen ausgelacht werden, wenn sie „Mutter und Kind“ spielen, kann auch der erwachsene Mann kaum mit Anerkennung durch andere Männer rechnen, wenn er sich auf Kosten des beruflichen Erfolgs vermehrt um die Erziehung seiner Kinder kümmert. Dass z. B. in Deutschland nur eine verschwindende Minderheit von Vätern (maximal 2 % …) Erziehungsurlaub nimmt, ist wahrscheinlich nur so zu erklären.

Resumé: Ein anschauliches Lesebuch, ein Wechselwirkungsknäuel und nicht zuletzt: eine Entlastung für Erziehende

Trotz solcher Parallelen zwischen geschlechtsabhängigen Kindheits- und Erwachsenenwelten gibt es keinen empirischen Nachweis, dass die Geschlechtertrennung in der Kindheit ursächlich für die geschlechtsunterschiedliche Entwicklung von Männern und Frauen im Erwachsenenalter ist. Und die Frage, warum sich denn eigentlich die Geschlechter trennen und warum z.B. Jungen sich stärker gegenüber Mädchen abgrenzen, wird auch nicht wirklich geklärt. Trotzdem ist es ein anschauliches Lesebuch, mit vielen ausführlichen und konkreten Beispielen, wie Jungen und Mädchen bzw. Frauen und Männer auf unterschiedliche Weise miteinander interagieren. Eltern, die sich Gedanken machen, warum ihre Söhne und Töchter trotz möglichst gleicher Erziehung so unterschiedliche Interessen und Vorlieben entwickeln, können in diesem Buch die Bestätigung finden, dass eine solche Entwicklung „normal“ im Sinne von weit verbreitet ist. Und eine gewisse Entlastung in der Erziehungsverantwortung kann vielleicht auch durch die Erkenntnis vermittelt werden, dass der direkten Erziehung und Sozialisation durch Eltern und andere Erwachsene (wie Lehrer/-innen) Grenzen gesetzt sind, während der Peer-Sozialisation wohl eine stärkere Rolle zukommt. Nichtsdestotrotz geht Maccoby in ihrem Abschlusskapitel auf Möglichkeiten zu sozialen Veränderungen ein, und dass diese notwendig sind, wird durch das im Buch immer wieder dokumentierte Machtgefälle zwischen den Geschlechtern mehr als offensichtlich.

Was die Gründe für die Geschlechtertrennung und die Unterschiede in den Interaktionen angeht, so sind diese auch hier wie bei vielen anderen komplexen Phänomenen psychischen Erlebens und Verhaltens „multifaktoriell“: biologische, soziale und psychologische Faktoren scheinen auf komplexe Weise in einem Wechselwirkungsknäuel zusammenzuwirken. Ein Knäuel, das nur schwer zu entknoten ist und das auch durch dieses differenzierte und engagierte Buch nicht endgültig entknotet wird. Mir kam beim Lesen unter Rückgriff auf die soziale Rollen-Theorie von Eagly (1987) – auf welche Maccoby leider überhaupt nicht eingeht – folgender Gedanke: Was wäre, wenn in den Kindergärten nur männliche Erzieher arbeiten würden, wenn zu Hause die Väter die Kinder versorgen würden, wenn die Frauen die entscheidenden Positionen im Arbeitsleben und in der Politik innehätten und entsprechend weniger Zeit für die Kinder hätten? Würden sich unter solchen Bedingungen auch die Jungen stärker von den Mädchen abgrenzen und Mädchenspiele stärker verurteilen, oder wäre es vielleicht gerade umgekehrt?

Literatur

Eagly, A. H.: Sex differences in social behavior: A social role interpretation. Hillsdale, NJ: Erlbaum 1987.

Gloger-Tippelt, G.: Geschlechtertypisierung als Prozess über die Lebensspanne. In: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 13, 1993, S. 258–275.

Katz, P.A.: Gender identity: Development and consequences. In: R.D. Ashmore & F.K. Del Boca (Eds.), The social psychology of female-male relations: A critical analysis of central concepts. Orlando, FL: Academic Press 1986, S. 21–67.

Maccoby, E.E. & Jacklin, C.N.: The psychology of sex differences. Stanford, CA: Stanford University Press 1974.

Trautner, H.M.: Entwicklung von Konzepten und Einstellungen zur Geschlechterdifferenzierung. In: Bildung und Erziehung, 45, 1992, S. 47–62.

URN urn:nbn:de:0114-qn022124

PD Dr. Monika Sieverding

Institut für Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie, Freie Universität Berlin

E-Mail: mosiever@zedat.fu-berlin.de

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