Sebastian Scheele: Egalitäre Arbeitsteilung als prekäre Herstellungsleistung: Fallen umgehen und Handlungsstrategien vereinbaren

Egalitäre Arbeitsteilung als prekäre Herstellungsleistung: Fallen umgehen und Handlungsstrategien vereinbaren

Rezension von Sebastian Scheele

Anneli Rüling:

Jenseits der Traditionalisierungsfallen.

Wie Eltern sich Familien- und Erwerbsarbeit teilen.

Frankfurt am Main u. a.: Campus Verlag 2007.

293 Seiten, ISBN 978–3–593–38485–6, € 29,90

Abstract: Wie ist die Persistenz ‚traditioneller‘ familialer Arbeitsteilung in Paarbeziehungen zu erklären? Auch Paare, die sich explizit an egalitären Vorstellungen orientieren, fallen oft bei Geburt des ersten Kindes in eine Arbeitsteilung zwischen männlichem ‚Familienernährer‘ und weiblicher Haushaltsverantwortlicher zurück. Diese Befunde sind die Ausgangspunkte der vorliegenden Studie, in der untersucht wird, wie egalitäre Arrangements von Familien- und Erwerbsarbeit gelebt werden können und auf welche strukturellen Barrieren sie stoßen.

Die Politologin Anneli Rüling hat mit Hilfe von leitfadenorientierten Interviews 25 heterosexuelle Elternpaare aus verschiedenen Milieus untersucht, die bereits eine egalitäre Arbeitsteilung leben. Die von diesen Paaren unterschiedlich gestalteten egalitären Arrangements von Arbeit und Leben werden in Fallbeispielen detailliert dargestellt. Präsentiert werden gewissermaßen ‚Pioniere‘, an deren Beispiel es möglich wird, sowohl die strukturellen Schwierigkeiten als auch erfolgversprechende Handlungsstrategien zu deren Bewältigung zu identifizieren.

Typische Traditionalisierungsfallen

Traditionalisierungsfallen kristallisieren sich an drei Stellen im Lebenslauf heraus: beim beruflichen Wiedereinstieg von Müttern, bei der Koordination der beruflichen Entwicklung beider Elternteile sowie bei stereotypen Kompetenzzuschreibungen in Kinderbetreuung und Hausarbeit.

Der berufliche Wiedereinstieg von Frauen nach einer Familienphase stellt insofern eine Traditionalisierungsfalle dar, als sein Mißlingen direkt zur ‚Ernährerehe‘ führt. Die befragten Paare umgingen diese Falle auf zwei verschiedene Arten: zum einen mit Hilfe einer berufsorientierten Strategie, bei der nach dem Modell des ‚Doppelkarrierepaars beide Vollzeit und mit hohem Engagement arbeiten. Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit werden dabei an private Dienstleister/-innen externalisiert. Zum anderen wählten sie eine familienzentrierte Strategie, bei der beide Elternteile ihre Arbeitszeit reduzieren und dabei ein geringes Gesamteinkommen und letztlich Armutsrisiko in Kauf nehmen. Als Rahmenbedingungen, die den Wiedereinstieg erschweren, identifiziert die Studie vor allem die steuerliche Förderung der Ernährerehe und das fehlende Betreuungsangebot für Kleinkinder.

Bei der Koordination der beruflichen Entwicklung beider Elternteile besteht die Gefahr, dass auf längere Frist Frauen ihre berufliche Entwicklung zurückstellen und Männer die einseitige Zuständigkeit als Familienernährer übernehmen. Strukturelle Rahmenbedingungen dafür sind vergeschlechtlichte Arbeitsmarktstrukturen, die sich in horizontaler und vertikaler Segregation und im Gender Pay Gap zeigen. Die untersuchten Paare koordinieren sich auf zwei verschiedene Arten: Im einen Fall wählen beide Elternteile parallel eine Teilzeitbeschäftigung. Im anderen Fall wird abwechselnd das berufliche Engagement reduziert. Diese Arrangements sind über einen längeren Zeitraum aufwändig und nur mit großer Beharrlichkeit zu realisieren; mit Zufällen und immer wieder neuen Anforderungen muss flexibel umgegangen werden. Zudem ergeben sich bei langfristiger ‚Halbe-halbe-Strategie‘ Probleme der Alterssicherung. Es müssen also laut Rüling Institutionen entwickelt werden, die solche Lebensentwürfe stützen, beispielsweise durch besser abgesicherte Familienphasen.

Die dritte Traditionalisierungsfalle besteht in geschlechtsspezifischen Deutungen der Zuständigkeit für Kinderbetreuung und Hausarbeit, mit denen die gewählte Arbeitsteilung begründet wird. Besonders das Stereotyp, dass Mütter quasi-natürliche Kompetenzen für Kinderbetreuung und Haushalt besäßen, hat nach der Geburt des ersten Kindes häufig starken Einfluss. Einige institutionelle und wohlfahrtsstaatliche Regeln fördern dieses Verständnis. Als Handlungsstrategie zur Veränderung habitualisierter Muster wird im vorliegenden Band u. a. vorgeschlagen, dass der Vater ab der Geburt Zeit allein mit dem Kind verbringen sollte.

Egalitäre Arrangements ermöglichen

Die Studie ist durch die ausführlich dargestellten Fallbeispiele sehr anschaulich. Die Kontexte, jeweiligen Paarideale, Aushandlungen und Konflikte sowie Handlungsstrategien werden genau herausgearbeitet. Eine knappe Rezension kann der Detailliertheit der einzelnen Schilderungen nicht gerecht werden. Deutlich wird in der Studie jedoch, dass die egalitären Arrangements nur eine geringe Stabilität haben, da sie im Alltag und Lebenslauf permanent eigenständig gestaltet werden müssen. Instabilitäten und Brüche in den Arrangements sind durch mangelnde strukturelle und institutionelle Unterstützung bedingt. Deshalb müssen die Paare ihre Übereinkünfte stets „neu erfinden“ (S. 241) und sind weitgehend auf sich selbst gestellt. Die daraus resultierende Lebenssituation ist teilweise finanziell prekär, so dass unklar bleibt, wie lange die Paare ihre Arbeitsteilung werden durchhalten können.

Auf der Grundlage ihrer Befunde fordert Rüling notwendige institutionelle Reformen zum Abbau von Traditionalisierungsfallen. Zum einen müssten strukturelle Barrieren abgebaut werden, die derzeit egalitäre Arrangements behindern; konkret wird die Abschaffung des Ehegattensplittings und die Individualisierung sozialer Sicherungssysteme gefordert. Zum anderen sollten explizite Anreize für egalitäre Arrangements geschaffen werden. Gleichstellungsrecht und Elternzeitregelungen könnten dafür Ressourcen darstellen.  Rüling verweist darauf, dass der Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung für die untersuchten Paare Priorität gegenüber finanziellen Leistungen hatte. Auch auf betrieblicher Ebene sei eine Gleichstellungspolitik nötig, die Diskriminierung bei Aufstiegsmöglichkeiten und Entlohnung abbaut und eine Arbeitskultur etabliert, die Familienverantwortung ermöglicht. Eine Lebenslauf- und Zeitpolitik z. B. in Form von selbst gewählter Flexibilisierung von Arbeitszeiten könnte die rush hour of life entzerren, ebenso die Flexibilisierung von Berufsverläufen. Mit diesen Maßnahmen würden egalitäre Arrangements von Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit zukünftig auch für diejenigen Paare lebbar, die nicht das Durchhaltevermögen der untersuchten Pioniere aufbringen können.

Anschlüsse

Gerade das Stichwort Durchhaltevermögen bringt die Frage von Ressourcen und Privilegierungen ins Spiel. Es wäre spannend, dem class bias systematisch nachzugehen, der in der Frage nach Traditionalisierungsfallen sowie generell im politischen Diskurs zur Vereinbarkeit von Berufs-, Familien- und Privatleben aufscheint. Erkenntnisreich wäre eine Erweiterung der Untersuchung auf Familien gewesen, die sich nicht um ein heterosexuelles Paar gruppieren. Leider erläutert Rüling nicht, warum das im Erhebungssample enthaltene lesbische Paar (vgl. S. 75) bei der Auswertung nicht berücksichtigt wurde. Inwiefern stellen sich die Traditionalisierungsfallen für „Regenbogenfamilien”? Welche Arten von Arbeitsteilung können in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung als traditionell verstanden werden – geht es um Kritik am ‚Ernährer/-innenmodell‘? Auch zur Analyse gegenwärtiger Regierungsweisen bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte – wie entsprechen flexible Arbeitsteilungen, Aushandlungsprozesse und Vereinbarkeitskonzepte neoliberalen Anforderungen (vgl. S. 250 f.)? Wer hat welche Rolle bei der Reform des dysfunktional gewordenen fordistischen ‚Ernährermodells‘?

Eine Kontextualisierung ist jedoch nicht nur in Richtung dieser Makro-Strukturen möglich, sondern auch hin zur psychischen Mikro-Ebene (ohne dass damit deren gegenseitige Unabhängigkeit behauptet werden soll): Welche Bedürfnisstrukturen und emotionalen Einsätze tauchen auf, womöglich vollkommen jenseits ‚rationaler‘ oder situativer Kalküle? Welche Widerstände werden mobilisiert – sei es gegen egalitäre Reformen, sei es gegen traditionalisierende strukturelle Zwänge? Schließlich stehen hier Paare im Fokus: Inwiefern verhindert die affektive Bindung, besonders ein Ideal romantischer Liebe als konflikt-, aber vor allem ökonomie-lose Beziehung, das Thematisieren von Ungerechtigkeit? Welche Rolle spielt dabei Geschlecht (vgl. Nowak, Iris: Schreiben über Liebe in der Familie, in: Das Argument 273: Liebesverhältnisse, Heft 5/6, 2007, S.195-209.)? In einer solchen Perspektive sind die Traditionalisierungsfallen nicht einfach von außen kommende, hindernde Rahmenbedingungen, sondern sind tief in affektiven Strukturen und hierarchischen Geschlechterverhältnissen verwurzelt. Derartige Kontextualisierung kann eine einzelne Studie vermutlich nicht ausführlich leisten – es spricht jedoch für sie, dass sie zur Vertiefung solcher Anschlussfragen anregt.

URNurn:nbn:de:0114-qn0101252

Sebastian Scheele

GenderKompetenzZentrum an der Humboldt-Universität zu Berlin

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Diplom-Soziologe

Homepage: http://www.genderkompetenz.info

E-Mail: scheele@genderkompetenz.info

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