Quirin J. Bauer und Sandra Struthmann: Schulleiterinnen als neue Elite in Schulen?

Schulleiterinnen als neue Elite in Schulen?

Rezension von Quirin J. Bauer und Sandra Struthmann

Mechthild von Lutzau:

Schulleiterinnen.

Zusammenhänge von Biographie, Aufstiegsbereitschaft und Leitungshandeln.

Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich 2008.

362 Seiten, ISBN 978–3–86649–172–4, € 29,90

Abstract: Als eine der ersten empirischen Studien zur Thematik in Deutschland untersucht die Arbeit von Mechthild von Lutzau den biographischen Prozess des Aufstiegs von Schulleiterinnen. Sozialisationsfaktoren, Unterstützungssysteme und Leistungsbereitschaft werden ebenso wie Hindernisse in Interviews erfasst. Ergebnisse sind unter anderem, dass Motivationen zum Aufstieg oft schon in der Kindheit gelegt sein können, dass die für Frauen typischen Brüche im Lebenslauf durchaus nicht immer hinderlich sein müssen und dass schließlich Schulleiterinnen neue Formen der Kooperation begründen können.

Mit Blick auf die Unterrepräsentanz von Frauen in Schulleitungen analysiert die Autorin anhand von biographischen Interviews gelungene Aufstiege in diese Position. Ausgehend von der Professionsgeschichte von Schulleiterinnen, der Feminisierung des Lehrerberufs in der Bundesrepublik Deutschland und der faktischen Geschlechterverteilung in den verschiedenen Schularten formuliert Mechthild von Lutzau zentrale Forschungsfragen: Warum wollen Lehrerinnen Schulleiterinnen werden? Wie werden sie es oder warum werden sie es nicht? Gibt es einen neuen Typ von Schulleiterin, die ihre Karriere mit Ehe und Kindern kombiniert hat? Wer im beruflichen Umfeld hat sie unterstützt? Welche Schwierigkeiten sind ihr auf dem „Weg nach oben“ begegnet?

Schwerpunkte der Untersuchung

Das Sample beinhaltet 30 Schulleiterinnen (an Gymnasien, Gesamtschulen, Grund-, Haupt- und Realschulen) aus Nordrhein-Westfalen, die anhand von Leitfadeninterviews sowohl zu ihren Einstellungen am Arbeitsplatz, dem Zusammenhang von Biographie und Leitungshandeln, ihrem Beitrag zur Schulentwicklung als auch zu ihren privaten Lebensentwürfen und Konzepten befragt wurden. Ein besonderes Augenmerk liegt bei der Erhebung auf der persönlichen Aufstiegsbereitschaft, den individuellen Bedingungen sowie den biographischen Dimensionen im Leitungshandeln und der Schulentwicklung. Im Hinblick auf diese zentralen Analysekategorien eröffnet die Autorin neue Perspektiven auf das Berufsbild der Schulleiterinnen und ergänzt damit den derzeitigen Diskussionsstand zur Schulleitungsforschung gewinnbringend und nachhaltig.

Überraschende Ergebnisse

„Die Aufstiegsbereitschaft von Frauen zu Schulleitungspositionen entsteht nicht erst während ihrer Berufstätigkeit als Lehrerin, sondern wird bereits durch Sozialisationsfaktoren in Kindheit und Jugend geprägt“ (S. 348), stellt von Lutzau fest. Als biographische Aufstiegsmerkmale werden in diesem Zusammenhang die Orientierung am Vater, die Übernahme von Verantwortung, Sprecherinnenfunktionen und Auslandsaufenthalte herausgearbeitet.

Die Aufstiegsbedingungen im gesellschaftlichen Gefüge von Personen und Strukturen werden von der Autorin als Aufstiegsmuster definiert. Bei der Befragung der Schulleiterinnen zeigen sich innovative Ergebnisse: So sind Lehrerinnen im Falle der Zugehörigkeit zu einer kleinen Partei aufgrund der engen Personaldecke erfolgreicher beim Aufstieg zur Schulleiterin als im Vergleich zur Zugehörigkeit zu großen Parteien, in denen die männlichen Konkurrenten meist bevorzugt werden. Für parteilose Lehrerinnen spielen auf dem Karriereweg eher Dezernenten in der Schulaufsicht eine tragende Rolle, „die mit der Notenvergabe zugunsten der Bewerberinnen Einfluss nehmen und dadurch die Favoriten der Mehrheitsfraktionen in den Schulausschüssen aushebeln können“ (S. 348). Ein besonderes Aufstiegsmuster besteht in der Umwerbung erfolgreicher Lehrerinnen durch die Schulaufsicht („Königinnenaufstieg“ S. 349). Manchmal wachsen die Lehrerinnen durch die Übernahme von Leitungsaufgaben von Kollegen (Krankheitsfall, Ausfall) in das zukünftige Amt hinein. Des Weiteren werden auch Schicksalsschläge und biographische Brüche im Leben der Lehrerinnen (ungewollte Kinderlosigkeit, Zerbrechen von Beziehungen) als wichtige Beweggründe genannt und können als „Bedingungen“ für ihren Aufstieg gelten. Je mehr Aufstiegsmuster in der individuellen Biographie der Lehrerinnen vorhanden sind, desto einfacher wird nach Angaben der Autorin der Aufstieg zur Schulleiterin.

Auch Biographie und Leitungshandeln bedingen sich wechselseitig: Erworbene Werte wie Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Gerechtigkeit und demokratisches Handeln (vgl. S. 349) in der Sozialisation werden zu hilfreichen Handlungsmustern in der alltäglichen Arbeit. „Der Einfluss der Geschlechtsrolle auf das Leitungshandeln erweist sich in dem Sinne als positiv, als einige Schulleiterinnen durch die Erwartungen der Kollegien nach Begründung von Entscheidungen und dem Wunsch nach Distanzabbau neue Strukturen für die Kommunikation und für Hierarchieabbau gestalten“ (S. 350) und somit einer zentralen Voraussetzung erfolgreichen Führungshandelns gerecht werden. Im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erachten kinderlose Schulleiterinnen ihr Amt als nahezu nicht vereinbar mit der Erziehung eigener Kinder, wobei Schulleiterinnen mit eigenen Kindern diese Erfahrung als Bereicherung ihrer Arbeit sehen.

Mechthild von Lutzau ermöglicht mit ihrer empirischen Arbeit einen dezidierten Einblick in die Bedingungen des Lebens- und Arbeitsalltags von Schulleiterinnen. Die Symbiose aus privater und beruflicher Biographieforschung beleuchtet ganzheitlich die Voraussetzungen und Bedingungen des Aufstiegs zur Schulleiterin. Um der Unterrepräsentanz von Frauen in diesem Berufsfeld entgegenzuwirken, liefert die Autorin eine breit gefächerte Datenbasis, auf der weitere Maßnahmen der Frauenförderung und eine Kultur der Ermutigung Fuß fassen können.

URN urn:nbn:de:0114-qn0101036

Quirin J. Bauer

Gender Zentrum Augsburg

Stellvertretender Universitätsfrauenbeauftragter an der Universität Augsburg, Bereichsleiter Projektmanagement & Organisationsberatung im Gender Zentrum Augsburg

Homepage: http://www.gza.uni-augsburg.de

E-Mail: quirin.bauer@gza.uni-augsburg.de

Sandra Struthmann

Gender Zentrum Augsburg

Dipl. Päd. Univ., Bereichsleiterin Wissenschaft & Forschung im Gender Zentrum Augsburg

Homepage: http://www.gza.uni-augsburg.de

E-Mail: sandra.struthmann@gza.uni-augsburg.de

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