Gabriele Bellenberg: Für die Bildungsbenachteiligung ist die soziale Herkunft bedeutsamer als das Geschlecht

Für die Bildungsbenachteiligung ist die soziale Herkunft bedeutsamer als das Geschlecht

Rezension von Gabriele Bellenberg

Johann Bacher, Martina Beham, Norbert Lachmayr (Hg.):

Geschlechterunterschiede in der Bildungswahl.

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008.

208 Seiten, ISBN 978–3–531–16045–0, € 29,90

Abstract: Trotz ihrer Statistikorientierung und der sich daraus ergebenden sprachlichen Sperrigkeit liefert die vorliegende Studie für Österreich einen neuen Beitrag zum Bildungswahlverhalten; sie konzentriert sich auf die Übergänge zwischen Bildungsstufen. Zwar lässt sich eine Bildungsbenachteiligung von Jungen finden, es zeigt sich aber vor allem, dass gegenüber der sozialen Herkunft das Geschlecht für die Frage der Bildungsungleichheit eine nur untergeordnete Rolle spielt. Weitverbreitete Vorurteile werden wissenschaftlich widerlegt, indem z. B. nachgewiesen wird, dass Kinder, die bei alleinerziehenden Müttern aufwachsen, dadurch keine bildungsbezogenen Nachteile aufweisen.

Das Herausgebertrio dieser Studie geht der Frage nach, in welchem Umfang und zu welchem Zeitpunkt es während des Durchgangs durch das österreichische Schulsystem zu einer Bildungsbenachteiligung von Jungen kommt, und versucht, Ursachen für die vorgefundenen Phänomene zu finden.

Ein sperriger Zugang zur Thematik

Die Studie ist leider – trotz interessanter Befunde – deutlich sperriger, als der recht eingängige Titel vermuten lässt. Dies liegt auf der inhaltlichen Ebene einerseits an einer Sprache, der es nicht immer gelingt, statistische Fachbegriffe pädagogisch zu ‚übersetzen‘. Auch lässt sich kaum ein Bemühen, Tabellen für einen statistisch ungeübten Leser zu erschließen, erkennen.

Andererseits ist es für den deutschen Leser, soweit er oder sie mit dem österreichischen Schulsystem nicht vertraut ist, schwierig, die Anlage der Studie und schließlich auch ihre Befunde einzuordnen, da spezifisch österreichische Abkürzungen (z. B. AHS für Allgemeine Höhere Schule) nicht erläutert werden. Auch die Gestaltung des Buches trägt nicht zur Lesbarkeit bei, z. B. erwartet man von einem Herausgeberband im Wissenschaftsbetrieb, dass die Autoren einzelner Kapitel im Inhaltsverzeichnis genannt werden. Diese Selbstverständlichkeit wird aber nicht geleistet.

Überwindet man diese Hürde, erwartet die Leserschaft eine klassisch angelegte Studie zum Thema ‚geschlechtsspezifische Bildungslaufbahnen‘, die auf einer Sekundäranalyse von Daten des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung zur Bildungswahl, nämlich der Studie Soziale Situation beim Bildungszugang, basiert, aber gegenüber der bereits vorgelegten Auswertung der Studie einige entscheidende Erweiterungen mit sich bringt: Es werden Daten zusätzlicher Schulen miteinbezogen, zweitens wurden die Angaben der Jugendlichen zusätzlich ausgewertet, zudem berücksichtigt das neue Auswertungsverfahren statistisch – zum Beispiel durch Gewichtungen – auch die Besonderheiten der Stichprobe.

Bisheriger Forschungsstand

Das dritte Kapitel – als Bestandsaufnahme tituliert – übernimmt die Funktion der Darstellung des Forschungsstandes, einmal durch Auswertung allgemeiner bildungsstatistischer Daten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Bildungsbeteiligung, andererseits (exemplarisch) zu genderspezifischen Interventionsmaßnahmen in Österreich.

Nachgegangen wird hier der Frage, ob sich zeitl. Veränderungen der Partizipation von Jungen feststellen lassen, bzw. in welcher Phase diese abnimmt.

Ausgewertet werden statistische Daten der ISIS-Datenbank zum Bildungsstand, zur Bildungsbeteiligung allgemein und zu Bildungsabschlüssen, insbesondere aber zur Bildungsbeteiligung an Übergangsstellen des österreichischen Bildungssystems.

Es zeigt sich, dass einerseits die Beteiligung der Jungen bei den abiturführenden Schulen im Bildungsverlauf abnimmt, andererseits Mädchen nach dem Ende der Pflichtschulzeit häufiger als Jungen die Ausbildung abbrechen. Die Weichen für diese Entwicklung werden bereits  beim Übergang von der Primarstufe in die Sekundarstufe I gelegt. Zugleich ist auch der Übergang vom allgemeinbildenden in das berufliche System sensibel: Jungen sind im dualen System der Lehrlingsausbildung überrepräsentiert und steigen damit frühzeitig in den Arbeitsmarkt ein, Mädchen hingegen bleiben länger in schulischen Ausbildungen und Qualifizierungen.

Differenzierende geschlechtsspezifische Befunde, die mit einigen Vorurteilen aufräumen

Das vierte Kapitel stellt die theoretischen Vorüberlegungen zur Studie dar, welche auf der Rational Choice-Theorie der Bildungswahl basieren und darüber Bildungsungleichheiten bei der sozialen Herkunft erklären. Die vorgelegte Studie erweitert dieses Theoriemodell durch die Integration anderer Theorieansätze, zum Beispiel von entwicklungsbezogenen Kriminalitätstheorien oder konstruktivistischen Theorieansätzen. Die Autoren verstehen dieses Kapitel als einen Beitrag zur Theorieintegration und legen ein eigenes Variablenmodell zur Erklärung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Bildungswahl vor, welches sich durch die folgende Auswertung bestätigt und bewährt (S. 66).

Im fünften Kapitel wird das Untersuchungsdesign sowie das methodische Vorgehen vorgestellt. Für die Auswertung stehen die folgenden Daten zur Verfügung:

  1. Daten der fünften Jahrgangsstufe (Hauptschule oder Allgemeine Höhere Schule) nach dem Übergang in die Sekundarstufe I. Es wurden 1.529 Eltern befragt.
  2. Daten der achten Jahrgangsstufe (Hauptschule oder Allgemeine Höhere Schule) zur geplanten Bildungswahl im Anschluss an die Sekundarstufe I. Hier wurden 626 Jugendliche und 478 Eltern befragt.
  3. Daten aus der neunten und zehnten Jahrgangsstufe (der Allgemeinen Höheren Schule, der Beruflichen Höheren Schule, der Beruflichen Mittleren Schule sowie dem Polytechnikum) nach dem Übergang in die Sekundarstufe II von 1.322 Eltern und 1.656 Jugendlichen.

Die Datenauswertung an diesen Übergangspunkten im Bildungssystem zeigt, dass geschlechtsspezifische Unterschiede im Verlauf der Bildungslaufbahn zunehmen, aber wesentlich schwächer ausfallen als soziale Unterschiede.

Auf der inhaltlichen Ebene wird deutlich, dass mit Blick auf die besondere Notwendigkeit von Geschlechtersensibilität der Altersphase von zehn bis vierzehn bzw. fünfzehn Jahren vorrangige Bedeutung zukommt. Des Weiteren ist für die österreichische Diskussion auch unter Pädagogen wie in der Öffentlichkeit wichtig, dass – wie dies für Deutschland bereits mehrfach nachgewiesen wurde – Erklärungsansätze auf der geschlechterbezogenen Interaktionsebene in der Schule wie in der Familie als Erklärungsfaktoren für die ungleiche Bildungspartizipation der Geschlechter empirisch nicht nachweisbar sind; besonderes oder fehlendes Engagement von Vätern, alleinerziehende Mütter, die weibliche Dominanz im Lehrerberuf entfallen also als Erklärungsfaktoren.

Insgesamt fallen geschlechterbezogene Unterschiede im Vergleich zu anderen Dimensionen von Ungleichheit– soziale, regionale bzw. zuwanderungsbedingte – zudem erheblich geringer und auch nicht einheitlich aus. Die soziale Herkunft ist auch in Österreich die Hauptdeterminante von Bildungsungleichheiten und wirkt weitgehend unabhängig vom Geschlecht. Insbesondere frühe Bildungsentscheidungen begünstigen Schichteffekte und beeinflussen weitere Entscheidungen auf dem Bildungsweg.

Beim Durchlauf durch das Schulsystem steigt der Mädchenanteil in der Schülerschaft, gleichzeitig ist das an die Schule anschließende Nutzungsverhalten der Jungen bei der Wahl von Ausbildungszugängen insofern günstiger als das der Mädchen, als sie sich auf Ausbildungsformen mit größeren Karrierechancen konzentrieren. Damit steht die Frage nach den Gründen der Selbstselektion der jungen Frauen im Raum.

Bestätigung deutscher Befunde zur geschlechtsspezifischen Bildungswahl

Insgesamt bestätigt die aufwändige Studie Befunde aus Deutschland, nach denen die geschlechtsspezifischen Unterschiede am Ende der Primarstufe noch gering ausfallen, in der Sekundarstufe I aber zunehmen. Vom Ende der Primarstufe bis zum Ende der Sekundarstufe hat sich das geschlechtsspezifische Chancenverhältnis von 1,17 auf 1,38 zuungunsten der Jungen verschoben.

Auf methodischer Ebene liefert die Studie einige Hinweise für die Anlage künftiger geschlechtersensibler Untersuchungen und ihrer spezifischen Anlage.

Interessanter als für die deutsche Diskussion allerdings dürfte die hier vorgelegte Veröffentlichung für österreichische Leser sein, dies sowohl mit Blick auf die umfangreichen Befunde als auch mit Blick auf die Anlage zukünftiger Untersuchungen. Will man allerdings zu einer Verbreitung der Erträge der Studie auch in den öffentlichen Raum beitragen, muss eine deutlich leserfreundlichere Fassung vorgelegt werden.

URN urn:nbn:de:0114-qn0101042

Prof. Dr. Gabriele Bellenberg

Ruhr-Universität Bochum, Institut für Pädagogik, Lehrstuhl für Schulforschung und Schulpädagogik

Homepage: http://www.schulforschung.rub.de/bellenberg.htm

E-Mail: gabriele.bellenberg@rub.de

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