Andrea Wolffram: Lebensführung als Grundlage der ‚Gläsernen Decke‘

Lebensführung als Grundlage der ‚Gläsernen Decke‘

Rezension von Andrea Wolffram

Bärbel Könekamp:

Chancengleichheit in akademischen Berufen.

Beruf und Lebensführung in Naturwissenschaft und Technik.

Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007.

199 Seiten, ISBN 978–3–8350–7000–4, € 29,90

Abstract: In der Studie wird aufgezeigt, wie die an gesellschaftlichen Vorgaben ausgerichtete Lebensführung von Frauen als strukturelle Barriere deren Karrierechancen beeinflusst. Im Gegensatz dazu befördert eine männliche Lebensführung, die tradierte Vorstellungen einer geschlechtertypischen Arbeitsteilung erfüllt, immer noch eine männliche Karriere. Mit dem Konzept der bürgerlichen Lebensführung entlarvt Bärbel Könekamp somit einen bedeutsamen Mechanismus für die Reproduktion vertikaler Arbeitsmarktsegregation.

Von repräsentativen Aussagen zu erklärungsstarken Einsichten

Chancenungleichheit in hochqualifizierten Berufen äußert sich nach wie vor durch eine horizontale und vertikale Segregation des Arbeitsmarktes. Prestige- und einkommensträchtige naturwissenschaftliche und technische Berufe sowie Spitzenpositionen in Wirtschaft und Wissenschaft bleiben mit wenigen Ausnahmen ein männlich besetztes Arbeits- und Berufsfeld. Ist der Zugang von Frauen in die Natur- und Ingenieurwissenschaften in Teilen durchlässiger geworden, so ist das Vordringen hochqualifizierter Frauen bis in die obersten Führungsetagen insbesondere in Deutschland weiterhin selten. Die vorliegende Dissertation fügt der komplexen Frage nach den strukturellen Aufstiegsbarrieren von hochqualifizierten Frauen und damit der Frage nach den Mechanismen vertikaler Arbeitsmarktsegregation einen weiteren Erklärungsbaustein hinzu. Auf der empirischen Grundlage einer vom BMBF geförderten Studie zur Frage der Chancengleichheit im Bereich naturwissenschaftlicher und ingenieurwissenschaftlicher Berufe, die die berufliche und private Situation von rund 9000 Naturwissenschaftler/-innen und Ingenieur/-innen berücksichtigt, untersucht Bärbel Könekamp, wie der geringere berufliche Erfolg von Frauen in den Naturwissenschaften (am Beispiel der Chemie) und in den Ingenieurwissenschaften (ohne fachliche Spezifizierung) erklärt werden kann. Dabei nähert sie sich dieser Fragestellung, indem sie an die Debatte um bürgerliche Berufe und deren Professionalisierung anschließt und hier vor allem die mit diesen Berufen verbundene Lebensführung historisch wie aktuell in den Blick nimmt. Mit dieser anregenden Perspektiverweiterung auf die Frage nach den Mechanismen ungleicher Chancenverteilung von Frauen und Männern im Beruf leistet sie einen wesentlichen Erkenntnisgewinn im Hinblick auf die Mikroprozesse am Arbeitsplatz und die damit verbundenen Anerkennungs- und Leistungskriterien.

Unterschiede erzeugende soziale Praxen in der Arbeitswelt

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil erläutert und dokumentiert Könekamp die Problemlage sowie Erklärungsansätze der nach wie vor ausgeprägten Chancenungleichheit auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker/-innen. Aus der Beobachtung, dass die fachlichen Qualifikationen von Frauen und Männern gleich sind, andererseits Personalentscheidungen für karriererelevante Positionen nicht allein aufgrund fachlicher Leistungen, sondern auch aufgrund außerfachlicher sozialer Personenmerkmale erfolgen, leitet sie die Frage ab, ob und inwiefern die ‚besondere‘ Qualifikation, die für Führungspositionen befähigt, eine im Beruf spezifisch gewünschte Lebensführung ist, die zugleich Bezug auf das Geschlecht nimmt.

Der zweite Teil gibt dann einen kurzen Überblick über den Forschungsstand hinsichtlich der beruflichen Situation von Frauen in Naturwissenschaft und Technik und stellt daran anschließend die empirische Grundlage der Arbeit vor. Neben den Rahmenbedingungen für professionelle Arbeit und Karrieren vergleicht Könekamp den beruflichen Erfolg von Akademikerinnen und Akademikern in diesen Berufen. Als Ergebnis dieser Analyse kann sie zunächst auf breiter Datenbasis erneut nachweisen, dass bei gleicher Qualifikation und gleichen Beschäftigungsbedingungen Männer nach wie vor signifikant größeren beruflichen Erfolg haben als Frauen. Die Suche nach den Ursachen für die ungleichen Berufschancen kommt zu dem Ergebnis, dass der geringere Erfolg von Frauen durch fachliche Aspekte (z. B. einer geringere Leistungsfähigkeit, geringere Karriereorientierung etc) nicht hinreichend erklärt werden kann (gleichwohl Männer im Vergleich zu Frauen für gleiche formale Qualifikationen eine stärkere Anerkennung erfahren). Das führt zu der eigentlichen Fragestellung der Arbeit, danach nämlich, welche notwendigen Erfolgskriterien erfolgreiche Männer erfüllen (und Frauen womöglich nicht). Eines dieser Kriterien entdeckt Könekamp in einer traditionell ausgerichteten Lebensführung, die auf einer geschlechtertypischen Arbeitsteilung basiert. In beiden untersuchten Berufsgruppen erhalten Frauen sowohl bei informeller Förderung als auch in den standardisierten Verfahren der Karriereförderung in Unternehmen im Durchschnitt weniger Förderung als Männer, insbesondere dann, wenn es sich um karriererelevante Förderung handelt. Bereits die Karriereförderung ist also über die privaten Lebensverhältnisse vermittelt. Das heißt, die Anerkennung im Beruf wird für Männer wahrscheinlicher, wenn die privaten Lebensverhältnisse auf traditioneller privater Arbeitsteilung basieren.

Die statistischen Analysen weisen zudem erneut nach, dass der zeitliche und zugleich sichtbare Arbeitseinsatz eine grundlegende Einflussgröße für beruflichen Erfolg darstellt. Dabei lassen sich Unterschiede im Arbeitseinsatz jedoch nicht generell auf Geschlechterunterschiede zurückführen, sondern auf die private Lebenssituation der Befragten. Der beruflich erwartete und leistbare überdurchschnittliche Arbeitseinsatz signalisiert eine professionelle Lebensführung, die auf privater Arbeitsteilung basiert. Da sich Frauen aus beiden Professionen jedoch nur äußerst selten in solchen privaten Lebensverhältnissen befinden (weniger als 3%), stoßen sie hier auf ein grundlegendes Problem, da sie dieses offensichtlich notwendige Erfolgskriterium in der Regel nicht erfüllen. Damit kann die Autorin zeigen, dass Unternehmen in der Wirtschaft (und auch im öffentlichen Dienst, wenn auch seltener) immer noch Karrieremaßstäbe setzen und entlohnen, die eine völlige Arbeitsentlastung im privaten Bereich zur Voraussetzung haben. Allerdings trifft diese Situation inzwischen auch ‚nur‘ noch auf ein Viertel der befragten Männer zu. Die kleinen Arbeitszeitdifferenzen, so schlussfolgert Könekamp, die den unterschiedlichen beruflichen Erfolg erklären können, signalisieren somit zugleich eine gewünschte Lebensführung in den Ingenieurwissenschaften und in der Chemie, sind ein zentraler Faktor für die Anerkennung von Qualifikation und Leistung und werden als distinktive Praxis eingesetzt.

Gegenderte Lebensführung als symbolischer Ordnungsmechanismus in akademischen Berufen

Im dritten Teil der Arbeit bettet Könekamp die empirischen Ergebnisse in die professionstheoretische Diskussion ein und zeigt durch eine Analyse der Entwicklung der Chemie und der Ingenieurwissenschaften zu neuen Professionen, wie diese mit einer charakteristischen, d. h. bürgerlichen Lebensführung verbunden waren. Mit Hilfe des Fachkulturkonzeptes wird aufgezeigt, wie und welche zentralen Merkmale der professionellen Lebensführung heute im Studium vermittelt werden, zu denen ein zeitintensiver Studien- und späterer Berufsalltag sowie Selbstdisziplinierung zählen. Die völlige Konzentration auf den Beruf und die damit verbundene Belastbarkeit verlangen dementsprechend vom Individuum private Lebensverhältnisse, die ein notwendiges Pendant zum zeitintensiven Berufsalltag darstellen. Über die bürgerliche Lebensführung wird Männern, die dieses Modell für sich realisieren, eine besondere Belastbarkeit und Souveränität im Beruf zugesprochen, die sie durch eine überdurchschnittliche zeitliche Verfügbarkeit demonstrieren. Eine derartige Vorstellung über die erwartete Gestaltung des Privatlebens als Karrierenorm in naturwissenschaftlich-technischen Berufen führt somit insbesondere für die Akademiker/-innen mit Doppelkarrierepartnerschaften zu einem negativen Karriereeffekt. Eine davon abweichende Organisation des Privatlebens, wie sie vorwiegend von Akademikerinnen ausgeübt wird, d. h. ein anderer Umgang mit der knappen Ressource Zeit, neue Formen der Kinderbetreuung bis hin zum Einbezug der beruflichen Pläne des Partners in die eigenen Karrierepläne, erfährt keine Anerkennung im Rahmen einer modernisierten professionellen Lebensführung. Neuen Konzepten der Lebensführung werden somit keine positiven Effekte für ein Unternehmen zugesprochen. Damit bleiben private Lebensverhältnisse nicht nur ein behindernder oder fördernder Faktor der Karriereentwicklung, sondern wirken als symbolisches Distinktionsmerkmal.

Lebensführung als verborgener Mechanismus männlicher Herrschaft

Der abschließende vierte Teil fasst die Befunde zusammen und kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Konstruktion einer geschlechtsspezifischen Lebensführung als berufstypische, professionelle Lebensführung einen verborgenen Mechanismus männlicher Herrschaft in den analysierten Professionen darstellt, der dazu beiträgt, die bestehende geschlechtertypische Arbeitsteilung zu reproduzieren und aufrecht zu erhalten. Akademikerinnen befinden sich in einer paradoxen Situation, da ihre individuelle Lebensführung nicht gelingen kann, wenn sie Erwartungen an eine professionelle Lebensführung erfüllen sollen, die auf einer bürgerlichen Lebensführung mit klarer Arbeitsteilung beruht, und modernisierte Stile der Lebensführung im Beruf nicht anerkannt werden.

Fazit

Erscheinen die in der Studie referierten Befunde auf den ersten Blick als erwartbar und wenig überraschend, so besteht die Stärke der Untersuchung jedoch vor allem in der Perspektiverweiterung der Reproduktion beruflicher Eliten um die Aufdeckung des Mechanismus der bürgerlichen und damit professionellen Lebensführung als karriererelevante soziale Praxis. Insbesondere wegen dieser soziologischen Einordnung und Diskussion der empirischen Ergebnisse ermöglicht der Band eine anregende und gewinnbringende Lektüre.

URN urn:nbn:de:0114-qn093373

Dr. Andrea Wolffram

RWTH Aachen / Stabsstelle Integration Team – Human Resources, Gender and Diversity Management, Homepage: http://www.igad.rwth-aachen.de

E-Mail: andrea.wolffram@igad.rwth-aachen.de

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