Susanne Maurer: Plädoyer für eine Re-Lektüre feministischer Texte vor der ‚Butlermania‘

Plädoyer für eine Re-Lektüre feministischer Texte vor der ‚Butlermania‘

Rezension von Susanne Maurer

Christiane Schmerl:

Und sie bewegen sich doch….

Aus der Begegnung von Frauenbewegung und Wissenschaft.

Tübingen: dgvt-Verlag 2006.

372 Seiten, ISBN 978–3–87159–062–7, € 28,00

Abstract: Eine wesentliche Botschaft der Textsammlung von Christiane Schmerl lautet, dass es eine mehr als unglückliche Verkürzung sei, feministischen Texten vor Judith Butlers Gender Trouble vorzuhalten, sie würden ‚Geschlecht‘ einfach nur ‚reifizieren‘. Damit – so eine Quintessenz – schneiden sich heutige Kritiken von ihrer eigenen Geschichte ab. Die Lektüre des Bandes von Christiane Schmerl zeigt, dass manche aktuellen Texte hinter ein bereits erreichtes Niveau feministischer Reflexion(smöglichkeiten) oftmals zurückfallen.

Was ist das für ein Buch?

Es handelt sich um eine Aufsatzsammlung, in der Texte einer Autorin aus drei Jahrzehnten in neuer Bearbeitung zusammengestellt sind – in einer Anordnung, die durch ‚Zwischenüberschriften‘ eine Systematisierung vornimmt, die sich erst in der Retrospektive ergibt. Anliegen des Bandes ist es, in komprimierter Weise die Erkenntnisgewinne und Denkanstöße, die durch die Frauenbewegung der letzten 40 Jahre in Gang gebracht wurden, sichtbar zu machen. Christiane Schmerl bezeichnet die „Erarbeitung eigener neuer Erkenntnisse und Sichtweisen und vor allem von eigener argumentativer Kritik“ im Kontext von Frauenbewegung und Feminismus als „kulturellen Bruch ohne vergleichbare Vorgänger – wenn auch mit Samthandschuhen“ (S. 7). Es soll verdeutlicht werden, „dass das in nur einer Generation erarbeitete Wissen einen radikaleren und grundlegenderen Perspektivwechsel auf die sozialen, rechtlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen und Überzeugungssysteme unserer heutigen Zivilisationen ermöglicht hat“ (ebd.) als in allen schriftlich überlieferten Umbrüchen zuvor.

Was macht die Lektüre lohnenswert?

Antworten auf diese Frage siedle ich auf mehreren Ebenen an: Außerordentlich ‚Lohnendes‘ findet sich inhaltlich vor allem in einigen – meiner Ansicht nach zentralen – längeren Texten, die als Problematisierung, Auseinandersetzung und Systematisierung von Erkenntnissen ihre besondere Produktivkraft entfalten. Da ist der – im Zuge seiner Erstveröffentlichung (1989) vielgelesene und von vielen mit großem Gewinn rezipierte – Beitrag „‚Nur im Streit wird die Wahrheit geboren …‘ – Gedanken zu einer prozessbezogenen feministischen Methodologie“, den Schmerl zusammen mit Ruth Großmaß verfasst hat. Hier wird ein konstruktiver Umgang mit Streit und Kontroverse im Kontext sozialer Bewegungen propagiert (und praktiziert!), der – so die beiden Autorinnen – als methodologische Orientierung auch ins Feld wissenschaftlicher Erkenntnis Eingang finden sollte (Kapitel 6). Da ist der Beitrag „Menschlichkeits-Bilder oder Geschlechter-Divisionen? Eine Plünderung des feministischen Familienalbums“ (Kapitel 10), ebenfalls eine Ko-Produktion von Großmaß und Schmerl. Und da ist schließlich einer der jüngsten Texte (2000/2005), der den Band abschließt und gleichzeitig so etwas wie einen kritisch-konstruktiven Ausblick gibt: „Kreative Paare in Kunst und Wissenschaft: Wie wird was kreiert?“ (Kapitel 17). Gerade die beiden letzten Texte verweisen auf etwas, das die Arbeiten von Christiane Schmerl wie ein ‚roter Faden‘ durchzieht – die Macht der Bilder, die eben auch im ‚Gegen-Bild‘, im alternativen, experimentell probierten und riskierten ‚neuen‘ Vor-Bild aufscheint.

Eine Frage des Stils …

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches ist sein Stil. Und hier ist es absolut kein Zufall, dass manche Texte in Ko-Autorinnenschaft verfasst worden sind. Denn es geht nicht um das Zelebrieren einer singulären Autorinnen-Position, sondern um die Verdeutlichung von gesellschaftlich und sozial eingebetteten Erkenntnisprozessen, die eben häufig auch Ko-Produktion sind. Und damit bin ich bei einer dritten Ebene, die auf eine bestimmte Kultur, eine bestimmte Praxis des Denkens, Forschens, Erkennens und damit auch des (gesellschaftlichen) Eingreifens verweist, die ohne den Kontext ‚Neue Frauenbewegung‘ so nicht vorstellbar ist. Dabei ist eine solche Situierung der Texte und ihrer Geschichte im Kontext feministischer Wissenschaft und Erkenntnisproduktion alles andere als ‚unstrittig‘, denn es findet – und dies ist einer der besten Aspekte, die eine feministische Wissenschaftspraxis ausmachen (können) – immer auch Selbstreflexion und Selbstkritik statt: Im Interesse der Sache, im Interesse der angestrebten Veränderung (hin zu Geschlechtergerechtigkeit, Herrschaftsfreiheit, Menschlichkeit) wird vor unbequemen Fragen und Gedanken eben gerade nicht Halt gemacht.

(Selbst-)Korrekturen

Es geht nicht zuletzt um Selbstkorrekturen und -überarbeitungen, wie sie beispielhaft in Kapitel 11 vorgeführt werden („Der Prinz und die Kröte. Feminismus und (deutsche) Psychologie – Versuch einer Zwischenbilanz“). Erkenntnis und Kritik erweisen sich damit als ‚ongoing process‘, in dem jeder neue Stand, jede neue Erfahrung nach ihren Möglichkeiten und Grenzen befragt wird – immer wieder aufs Neue eben. In diese feministische Erkenntnispraxis bietet der Band von Christiane Schmerl einen spannenden, vielseitigen und gelegentlich auch amüsanten, nicht zuletzt hoffnungsvollen Einblick.

Die Psychologin Christiane Schmerl nimmt auch Stellung zu innerpsychologischen Forschungssträngen, -feldern und -befunden (vgl. etwa Kapitel 11 und 12), greift diese kritisch an oder auch auf und erhellt die psychodynamischen Dimensionen der Geschlechterverhältnisse. Dies geschieht immer wieder auch ganz praxisnah, mit Fallbeispielen, nicht zuletzt aus der Praxis der psychologischen Beratung von Studentinnen. Dass die Autorin gleichzeitig weit davon entfernt ist, eine ‚psychologisierende‘ Betrachtung vorzunehmen und dabei die gesellschaftlichen (Herrschafts- und Macht-)Dimensionen außer Acht zu lassen, ist mehr als offensichtlich.

Christiane Schmerl und mit ihr in manchen Texten ihre Kollegin Ruth Großmaß nehmen die Praxis der Menschen ernst. Die konkrete Gestaltung der Geschlechterverhältnisse ebenso wie die konkrete Gestaltung der Diskurse und Praktiken, die sich kritisch auf Geschlechterverhältnisse als Macht- und Herrschaftsverhältnisse beziehen, werden als menschliche Praxis in aller Mehrdeutigkeit und Heterogenität gekennzeichnet und analysiert: eine menschliche Praxis als Handeln und Entscheiden, als Leiden und Erfahren auch über die Zeit hinweg, die sich allzu einfachen Lesarten gegenüber widerspenstig zeigt und in ‚rein‘ theoretischen Diskursen nicht aufgeht.

Von flüchtigen Essenzen und wichtigen Bildern

In mehreren, auch kürzeren Texten des Bandes setzt sich Christiane Schmerl mit dem Essentialismus-Vorwurf auseinander, der etwa auch die Forschung zu Geschlechtersozialisation ins Visier nimmt (vgl. Kapitel 8 und 9, letzteres unter dem Titel „Consuetudo est altera natura – oder warum Essenzen flüchtig sind“). In diesem Zusammenhang erscheint mir ein Fußnoten-Kommentar besonders sprechend, in dem eine unverhoffte Bundesgenossin in Erscheinung tritt: „Sogar Joanne Rowling lässt ihrem Zögling Harry Potter von seinem Internatsdirektor einschärfen: ‚Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.‘“ (S. 160)

Doch für das eigene Handeln, das auf Entscheidungen beruht, braucht es Unterstützung, Orientierung, Vor-Bilder – auch Ermutigung. Auf der Suche nach „Beispielen für die Neugestaltung menschlich zufriedenstellenderer Geschlechterverhältnisse“ (S. 12) sollen daher „neue und positive Geschlechterbilder zugänglich“ (ebd.) gemacht werden. In diesem Zusammenhang spielen Kapitel 10 und 17 eine wichtige Rolle. Es geht hier nicht etwa darum, bestimmte historische und kulturelle Praxen oder auch Personen und ihre Lebensgeschichten zu idealisieren; vielmehr wird gezielt nach „ungewöhnlichen Geschlechterarrangements“ Ausschau gehalten, werden jene dann differenziert auf Aspekte des Gelingens und Scheiterns hin untersucht, um daraus Inspirationen für lebbare, „unangestrengt emanzipierte […], Herz und Verstand anregende […]“ (S. 13) Möglichkeiten des Zusammenlebens zu gewinnen. Dass die Qualität der Anregung womöglich gerade durch ‚Kneipp’sche Wechselbäder‘ zwischen kritisch-dekonstruktiven und konstruktiv-bestärkenden Reflexionen entsteht, dieser Hoffnung verleiht die Autorin am Ende ihrer Einleitung Ausdruck. In meinem Fall hat der Reiz durchaus entsprechend gewirkt.

Was bleibt nach der Lektüre?

Die erneute Erkenntnis, dass inzwischen ein reichhaltiger ‚Fundus‘ feministischer Reflexion erarbeitet worden ist, der als Potential allerdings nur dann wahrgenommen und kritisch-würdigend aufgegriffen werden kann, wenn er dokumentiert und zugänglich gemacht wird. Eine der stärksten Botschaften des hier rezensierten Bandes ist für mich die Aufforderung, das Wissen, die Denkmöglichkeiten und die Fragen, die Feministinnen in den letzten Jahrzehnten (und der Zeit davor) hervorgebracht haben, tatsächlich als Ressource zu begreifen, die genutzt werden kann, um das eigene Denken zu erweitern, zu bereichern und das eigene Handeln zu inspirieren, mit Kraft und Mut zur Veränderung auszustatten. Damit diese Ressource tatsächlich nutzbar wird, sind die entsprechenden Texte aber zunächst zur Kenntnis zu nehmen und zu lesen! Das Buch von Christiane Schmerl stellt hierfür ein spannendes und anregendes, auch herausforderndes Angebot dar.

URN urn:nbn:de:0114-qn093230

Prof. Dr. Susanne Maurer

Philipps-Universität Marburg, Institut für Erziehungswissenschaft

E-Mail: maurer@staff.uni-marburg.de

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