Jürgen Budde: Ist Männlichkeit für alle da…?

Ist Männlichkeit für alle da…?

Rezension von Jürgen Budde

Robin Bauer, Josch Hoenes, Volker Woltersdorff:

Unbeschreiblich männlich.

Heteronormativitätskritische Perspektiven.

Hamburg: Männerschwarm Verlag 2007.

320 Seiten, ISBN 978–3–939542–01–8, € 19,00

Abstract: Der lesenswerte Sammelband widmet sich der Frage, wie Männlichkeiten hergestellt, angeeignet oder umgearbeitet werden, wenn nicht sex als Grundlage genommen wird, sondern normative Männlichkeitspraktiken im Mittelpunkt stehen. Eine gelungene Verknüpfung von ‚Szenen‘ und wissenschaftlicher Analyse wird dadurch erreicht, dass diese Diskussion auch empirisch geführt wird, indem Interaktionen, Inszenierungen und Diskurse in den Blick genommen werden.

„Don’t judge a book by its cover…“, so sang einst Frank’N’Further in der Rocky Horror Picture Show – oder soll man es in diesem Fall doch? Denn das Cover des Sammelbandes (Zimmermannshammer mit goldenem Lippenstift als Griff) ist ebenso gelungen wie das, was sich als „Unbeschreiblich Männlich“ dahinter verbirgt. „Männlichkeit ist für alle da“, mit diesem irritierenden und zugleich provozierenden Statement beginnt der sehr lesenswerte Sammelband, der so die vertrauten geschlechtlichen Dichotomien durch die Suche nach Männlichkeit an den Rändern von Theorie und Empirie gehörig durcheinander bringt. Die Herausgeber haben insgesamt 18 höchst unterschiedliche Beiträge versammelt, die sich mit „sexuellen Praxen und Identitäten, sowie der Untersuchung von Männlichkeiten/Maskulinitäten [beschäftigen], die sich nicht an einen als männlich definierten Körper knüpfen“ (S. 13). So radikalisieren die Autor/-innen die Frage danach, wie Männlichkeit verstanden werden kann, in einer vielschichtigen und empirisch gestützten Suchbewegung, indem sie den Zusammenhang zwischen sex und gender innerhalb der heterosexuell und heteronormativ dominierten Männlichkeitsforschung in Frage stellen. Im Gegensatz dazu stützt sich das Buch damit auf queere Perspektiven. Es sucht einerseits nach queeren Männlichkeiten und richtet andererseits eine queere Perspektive auf normative Männlichkeiten. Allerdings liegt die Konzentration nicht nur auf – den bereits vielfach thematisierten – diskursiven, literarischen, künstlerischen oder visuellen – sprich auf ‚lediglich‘ symbolischen – queeren Repräsentationen, sondern auch auf den alltäglichen Praktiken des doing masculinity. Die Autor/-innen wollen so eine neue Diskussion um „Männlichkeiten, Begehren, Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität“ (S. 21) eröffnen.

„Aufarbeiten“ – „Abarbeiten“

Nina Degele eröffnet im Abschnitt „Aufarbeiten“ den Reigen der Artikel, indem sie nach einer theoretischen Queerung normativer Konzepte von Männlichkeit anhand des Themas Schmerz darlegt, wie Männlichkeiten hergestellt werden. In ihrem Fazit schlägt sie vor, den Begriff Männlichkeit aufgrund seiner theoretischen Unterfundierung zugunsten der Kategorie Heteronormativität fallen zu lassen, da diese relationales Denken zulasse. Auch Andreas Krass weist anhand einer Analyse des Motivs „des Lieblingsjüngers“ nach, dass Vorstellungen von Männlichkeit fragil und historisch wandelbar sind, und zeigt, dass mittelalterliche Vorstellungen im Gegensatz zum heutigen Homosexualitätskonzept einiges queeres Potential bieten.

Im nächsten Abschnitt fragt Andreas Heilmann nach dem „Identitätsdilemma schwuler Männer zwischen Militär und Coming-out“ (S. 63). Anhand von fünf Thesen stellt er die gleichzeitige Ambivalenz zwischen Homophobie und Homoerotik des militärischen Männerbundes heraus. Sven Glawion entlarvt Heteronormativität bei der Durchsicht eines Sexualhandbuches der DDR und arbeitet so heraus, wie das staatspolitische Interesse der progressiven Machbarkeit mit einer spezifischen Normierung von dichotomen Geschlechtermodellen zusammenhängt. Renaud Lagbrielle widmet sich unterschiedlichen Konzepten von Homosexualität, indem er westliche, monolithische Konzepte von Sexualität gegen diejenigen in der zeitgenössischen frankophonen Maghreb-Literatur stellt.

„Erarbeiten“ – „Umarbeiten“

Volker Wolterdorff erörtert anhand von SM- und Fetisch-Praktiken eine sich dort zeigende Vermännlichung von Homosexualität. Das Ziel in diesen Szenen ist, möglichst perfekte Genderkonformität herzustellen. Zwar liegt in diesem (Über-)Perfektionismus das ironische Potential der Simulation, Woltersdorff betont jedoch gleichfalls, dass die Simulation ebenfalls auf die „fortdauernde Instabilität der Männlichkeit von Schwulen“ (S. 115) verweist. Mit ähnlichen Fragen beschäftigt sich auch Peter Rehberg. Er analysiert das Potential der Verunsicherung heteronormativer Männlichkeit durch Homo-Skins. Im Gegensatz zur Drag-Queen sieht er in diesen ein doppeltes Potential, da normative Männlichkeit in ihrer radikalsten ästhetischen Ausprägung des Nazis durch schwule Gesten von Homo-Skins zugleich bestärkt und durchkreuzt wird. Josch Hoenes schließt den Abschnitt, indem er anhand von „KörperBilder[n] von Transmännern“ nachzeichnet, „dass Männlichkeit nicht zwangsläufig an den Besitz eines Penis gebunden ist, sondern vielmehr an den Besitz eines spezifisch codierten Körpers“ (S. 144).

Anne Essler und Kymberlyn Reed beschäftigen sich im nächsten Abschnitt mit Slash-Literatur – Literatur, die Sex und Beziehungen zwischen Männern zum Thema hat – und versuchen, mögliche Ursachen für das Interesse von Frauen an diesem Genre herauszuarbeiten. Der interessante Beitrag von Robin Bauer zu Daddy/Boy-Rollenspielen in der SM-Szene leuchtet aus, welches Potential zur Umarbeitung heteronormativer Männlichkeit in subkulturellen sexuellen Praktiken liegt. Sowohl in der Daddy- als auch in der Boy-Figur liegen Möglichkeiten, überzeichnete Klischees und eigene Wünsche zu vereinen, die das Erfinden „einer eigenen, neuen Form von Männlichkeit [ermöglicht]“ (S.175). Das Überschreiten der Grenzen zwischen Rolle und Identität verflüssigt auch die Grenzen zwischen Spiel und Alltagspraxis. Uta Schirmer setzt sich mit der Abänderung der Bedeutung des Penis durch die Destabilisierung dieses Männlichkeitssymbols auseinander, indem sie ihren Blick auf die Drag-King-Szene richtet. Anhand von zwei Interviews erläutert sie Chancen, der Dichotomie zwischen Aneignung oder Zurückweisung von Männlichkeit durch „disidentification“ (Muñoz) auszuweichen, und beschreibt so die „Möglichkeit, Positionen zu bewohnen, ohne ganz darin aufzugehen“ (S. 189), indem ideologische Anrufungen umgearbeitet werden. Auf diese Weise schafften sich gerade Marginalisierte Perspektiven für einen eigenständigen Subjektstatus.

„Modernisierungsgewinner und -Verlierer“

Im folgenden Abschnitt wird Männlichkeit mit weiteren sozialen Klassifizierungsstrategien verknüpft. Michael Gratzke argumentiert, dass Hetero- und Homosexualität historisch bedingte Kategorien sind, die jedoch nicht in Widerspruch zu als authentisch wahrgenommenen Gefühlen stehen. Er zeigt anhand von Fremdenlegionärsliteratur, wie homosoziales und homoerotisches Erleben nicht unbedingt zu einem Aufbau schwuler Identität führt. In einem überzeugenden Plädoyer verneint der Beitrag von Sebastian Scheele ein normativitätskritisches Potential von Metrosexualität. Im Gegenteil, er betont deren stabilisierenden Faktor, indem Herrschaftsverhältnisse eher noch verschleiert bzw. durch eine (unausgesprochene) Engbindung an konsumorientierte und „weiße“ Konzepte bestärkt werden. Maxime Cervulle richtet den Blick auf migrantische Jugendliche in den französischen Vorstädten und dokumentiert, wie die dortigen künstlerischen Ausdrucksformen zwischen Bestärkung rassistischer und heterosexistischer Klischees und einer eigenständigen Positionierung schwanken.

„Grenzen“

Im letzten Abschnitt werden Grenzen vor allem zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit thematisiert. Renate Lorenz analysiert, wie Produktionsverhältnisse (z. B. in den englischen Minen) dazu führten, dass die Beschäftigten besonders männlich erschienen, unabhängig davon, ob sie nun als Männer oder Frauen galten. Die Arbeit in den Mienen hat dazu geführt, dass die Arbeiter/-innen sich dem geforderten Männlichkeitsideal anpassten. Allerdings wurden die „vermännlichten“ und „verrohten“ Frauen massiv bekämpft, indem ihnen das Zerrbild der Ehefrau als Weiblichkeitsentwurf entgegengehalten wurde. Die Grenze verläuft dort, so das Fazit, wo Frauen an Männlichkeit im Alltag teilhaben. Elahe Haschemi Yekani schlägt in ihrem Beitrag visuelle Grenzgänge vor, indem sie zeigt, wie anstelle des binären Blickregimes der Filmtheorie ein „Transgender-Begehren im Blick“ (S. 264) die Aufmerksamkeit auf Vielschichtigkeiten jenseits klarer Zuordnungen richten kann. Elke Heckner analysiert die Spielarten von Gendertrouble, die im Film „Hedwig and the Angry Inch“ auftauchen, und analysiert kritisch das dort vertretene Konzept der Selbstfindung. Andrea Rick schließt den Band mit einem politischen Plädoyer, in dem sie darauf aufmerksam macht, dass in unterschiedlichsten queeren Kontexten zumeist Männlichkeiten im Mittelpunkt stehen und ‚femmes‘ auf tradierte weibliche Positionen gedrängt und damit unsichtbar gemacht werden.

Fazit

Wie bei vielen Sammelbänden variiert auch bei „unbeschreiblich männlich“ die Qualität der einzelnen Beiträge. Bezüge untereinander sind nicht immer vorhanden, die Beiträge bieten eher jeweils einen Überblick über unterschiedliche Aspekte, die Kapiteleinteilung hilft nicht immer, einen roten Faden herzustellen. Dies kann dazu führen, dass nicht alle Lesenden von allen Beiträgen gleichermaßen angesprochen werden. Ein weiterer Kritikpunkt liegt darin, dass in diesem Buch Männlichkeit überwiegend an den Rändern der heteronormativen Gesellschaft aufgespürt wird. Dies ist nun nicht unbedingt den Herausgebern vorzuwerfen, sondern illustriert ein Problem der herkömmlichen Männlichkeitsforschung, nämlich die stillschweigende Gleichsetzung von ‚Männer‘ und ‚Männlichkeit‘ und damit die Vorschreibung von Heteronormativität und die Ineinssetzung von sex und gender, die aufzulösen eigentlich der Anspruch sein sollte. Bis die empirische Männlichkeitsforschung so weit ist, die alltäglichen Praktiken auf dem hier vorgelegten Niveau zu reflektieren, wird vermutlich noch einige Zeit vergehen – aber mit „unbeschreiblich männlich“ ist ein lesenswerter Schritt getan.

URN urn:nbn:de:0114-qn093081

Dr. Jürgen Budde

Universität Halle – ZSB

E-Mail: juergen.budde@zsb.uni-halle.de

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