Martin Lücke: Das vermeintlich Säkulare

Das vermeintlich Säkulare

Rezension von Martin Lücke

Sven Glawion, Elahe Haschemi Yekani, Jana Husmann-Kastein (Hg.):

Erlöser.

Figurationen männlicher Hegemonie.

Bielefeld: transcript Verlag 2007.

215 Seiten, ISBN 978–3–89942–733–2, € 24,80

Abstract: Was haben Bruce Springsteen, Parzival und männliche heterosexuelle Freier gemeinsam? In ihrem Band Erlöser. Figurationen männlicher Hegemonie zeigen Sven Glawion, Elahe Haschemi Yekani und Jana Husmann-Kastein, dass das religiös aufgeladene Motiv einer (christlichen) männlichen Erlöserfigur als eine aufschlussreiche heuristische Folie dienen kann, um Mechanismen männlicher Hegemonie gerade auch in (vermeintlich) säkularen Gesellschaften sichtbar zu machen.

Themenstellung des Bandes

Ein ehrgeiziges Ziel verfolgen Sven Glawion, Elahe Haschemi Yekani und Jana Husmann-Kastein in ihrem Sammelband: Sie möchten aufzeigen, wie Männlichkeit durch die Umdeutung und diskursive Aneignung von religiös konnotierten Vorstellungen einer messianischen Erlöser-Männlichkeit hergestellt wird und in der Geschichte hergestellt wurde. Auf diese Weise sollen kulturwissenschaftliche und historische Fragestellungen mit den Gender Studies verknüpft und für die Männlichkeitsforschung nutzbar gemacht werden. Ausgangspunkt für die Überlegungen der Herausgeber/-innen ist eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Säkularisierung. Wird darunter im Allgemeinen der Prozess einer ‚Verweltlichung‘ von Gesellschaft, Staat und Kultur verstanden und Säkularisierung als ein wesentliches Kennzeichen ‚moderner‘ Gesellschaftsformationen interpretiert, so grenzen sich die Herausgeber/-innen von einem solchen Vorverständnis ab. In Anlehnung an Überlegungen Christina von Brauns begreifen sie Säkularisierung als einen Prozess, in dem „das christlich-religiöse Erbe in säkularen Formen weiter – konstituierend – wirkt“ (S. 14). Es sei das Kennzeichen von Säkularisierung, dass religiöse Denkstrukturen nicht allmählich aufhörten zu existieren, sondern dass sie sich verweltlichten und in einer vermeintlich entsakralisierten Welt weiter wirken könnten. Vor dem Hintergrund dieser Prämisse vertreten sie die These, „dass sich über Erlöserfiguren hegemoniale männliche Identität diskursiv herstellt und als utopisches Zeichen in die symbolische Ordnung einschreibt“ (ebd.). Anschlussfähig ist ein solches Erkenntnisinteresse vor allem an die literaturwissenschaftliche Männlichkeitsforschung, in der Männlichkeit – etwa in Anlehnung an den Literaturwissenschaftler Walter Erhart – als narrative Struktur begriffen wird, die sich in erster Linie durch Erzählungen von männlicher Krisenhaftigkeit konstituiert. Erlösung könne quasi als Antwort auf ein solches Krisennarratem verstanden werden, indem religiös aufgeladene Erlösungsszenarien Auswege aus solchen Krisen weisen und auf diese Weise eine hegemoniale Ordnung entwerfen. Vielversprechend klingt in diesem Zusammenhang die im Untertitel verwendete Terminologie der Figuration, deren schillerndes begriffliches Potenzial jedoch – etwa in Anlehnung an Norbert Elias als ein interdependentes Beziehungsgeflecht zwischen Individuum und Gesellschaft – präziser gefasst und für die Analyse besser ausgedeutet hätte werden können.

Inhaltliche Schwerpunkte

Wer bei dem von den Herausgeber/-innen skizzierten Forschungsprogramm eine Aneinanderreihung von streng religionswissenschaftlichen Erlöser-Exegesen erwartet, wird auf positive Weise schnell eines Besseren belehrt. Die Einzelbeiträge decken ein breites Spektrum an Themen und methodischen Zugängen ab und geben auf diese Weise ein anschauliches Beispiel für den disziplinären Pluralismus, mit dem die kulturwissenschaftliche Männlichkeitsforschung mittlerweile arbeitet. Die Reihenfolge der 13 Einzelbeiträge wird strukturiert, indem religiös konnotierte Erlöser-Topoi phantasievoll aufgegriffen und als gliedernde Überschriften verwendet werden, so zum Beispiel „Blut, Schmerz und Wunden“, „Licht, Reinheit und Erkenntnis“ oder „Laster, Schuld und Neubeginn“. Einen Schwerpunkt im Band bilden Beiträge, die sich mit der literarischen und rein textuellen Konstruktion einer Erlöser-Männlichkeit beschäftigen. Hier reichen die Themen vom „Schweigen Parzivals“ (von Beatrice Michaelis) über eine Analyse englischer Kolonialromane (von Elahe Haschemi Yekani) bis hin zu Geschlechterutopien in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften (von Eva Johach). Auch popkulturelle Inszenierungen von Männlichkeit finden Platz im Band, so befasst sich Daniela Hrzán mit den „Erlösungsphantasien“ in Bruce Springsteens Album The Rising, und Simon Strick nimmt „Männlichkeit und Medialität in Mel Gibsons The Passion of Christ“ in den Blick. Aber auch pädagogisch bzw. psychologisch motivierte Textkorpora werden auf die ihnen immanenten Männlichkeitskonstrukte hin befragt. So setzt sich Anke Langner mit „Dimensionen des Erlösens als konstitutive[m] Moment der Behinderten-Pädagogik“ Jean Itards auseinander, und Sven Glawion spürt dem Einfluss der Männlichkeitskonstrukte von C. G. Jung für die ‚Männerbewegung‘ nach. Schließlich greift der Band auch Ergebnisse von empirisch-sozialwissenschaftlicher Männlichkeitsforschung auf, indem etwa Sabine Grenz Ergebnisse quantitativer Interviews mit männlichen heterosexuellen Freiern präsentiert und daraufhin befragt, inwiefern Frauen – als das sexuelle Gegenüber der Befragten – als Medium sexueller Erlösung fungieren.

Männlichkeit als ambivalentes Strukturprinzip sozialer Ordnung

Dass gerade die literaturwissenschaftlich orientierte Männlichkeitsforschung die Ambivalenz von Männlichkeit als ein in der Moderne so wichtiges Strukturprinzip sozialer Ordnung aufzeigen kann, wird insbesondere im Beitrag von Elahe Haschemi Yekani deutlich. So betont sie, dass Männer den normativen Ansprüchen von Männlichkeit niemals vollständig gerecht werden könnten, da „das Konstrukt Männlichkeit zwischen Körperlichkeit und Nicht-Körperlichkeit mäandriert“. In dieser „paradoxen Norm von Männlichkeit“ (S. 98) erkennt sie ein grundlegendes Krisennarratem in erzählenden Texten des Kolonialismus. Sie präzisiert diese Überlegungen überzeugend anhand einer Analyse von Henry Rider Haggards Roman King Solomon’s Mines und Joseph Conrads Text Heart of Darkness und arbeitet heraus, dass der „englische Gentleman-Hero“ in den Texten gleichzeitig als Erlöser und als Erlöster fungiert. Dass sich das Erlöser-Motiv jedoch nicht nur zur Aufschlüsselung literarischer Texte eignet, sondern auch eine viel versprechende Perspektive bietet, um empirisch-sozialwissenschaftliche Genderforschung zu strukturieren, zeigt Sabine Grenz anhand der von ihr durchgeführten Interviews mit heterosexuellen Freiern. Grenz hebt hervor, dass es bei einer Analyse von (käuflicher) Sexualität nicht primär um die Suche nach männlichen Erlöserfiguren gehe, sondern „im Gegenteil [um] die Suche nach Erlösung von Zuständen, die so dargestellt werden, als würden sie allein aufgrund des männlichen Körpers entstehen.“ (S. 184) Vor diesem Hintergrund dechiffriert sie die Freier-Interviews vor einer Folie, die stets aufzeigt, wann Freier mit vermeintlich natürlichen Sexualbedürfnissen argumentieren, von denen es eine Erlösung durch den Kontakt zum weiblichen Körper zu erreichen gelte.

Perspektiven

Der Band kann insgesamt durch die Breite der Themen und die unterschiedlichen disziplinären Zugänge überzeugen. Wie in der Männlichkeitsforschung fast allen Ortes üblich, tritt dabei die Frage nach männlicher Hegemonie und nach Mechanismen von Hegemonie und Unterordnung in den Vordergrund. Zwar zeigen die Beiträge, dass solche Mechanismen auf äußerst ambivalente und vielfältige Weise greifen. Sind die im Band präsentierten Erlöser-Figuren jedoch durchgängig Vertreter, Exponenten oder Reproduzenten einer hegemonialen Männlichkeitsordnung? Und ließen sich auch Beispiele finden, in denen Erlöser-Konzepte jenseits des Schemas von Hegemonie und Unterordnung wirken konnten? Oder führt eine Kopplung des Erlöser-Topos an das Krisen-Paradigma der literaturwissenschaftlichen Männlichkeitsforschung nicht allzu selbstredend dazu, einzig und allein nach eben jenen Mechanismen von Hegemonie und Unterordnung zu fahnden? Die Konstruktion einer zwischengeschlechtlichen homosexuellen Männlichkeit um 1900 zum Beispiel, wie sie in Diskursen der Sexualwissenschaft und der Homosexuellen-Bewegung zu beobachten ist, könnte als ein Versuch gelesen werden, sexuelle ‚Erlösung‘ in einem nicht-hegemonialen alternativen Männlichkeitsbild zu finden.

URN urn:nbn:de:0114-qn091204

Dr. des. Martin Lücke

Berlin, Homepage: http://www.martinluecke.de

E-Mail: mail@martinluecke.de

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