Ulrike Schultz: Frauen und der demographische Wandel

Frauen und der demographische Wandel

Rezension von Ulrike Schultz

Diana Auth, Barbara Holland-Cunz (Hg.):

Grenzen der Bevölkerungspolitik.

Strategien und Diskurse demographischer Steuerung.

Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich 2007.

199 Seiten, ISBN 978–3–86649–047–5, € 18,90

Abstract: Angesichts immer weiter sinkender Geburtenzahlen, die in den letzten Jahren zu einem öffentlichen Aufschrei (Deutsche, sterben wir aus?) und zu hektischen Reaktionen in Politik und Medien geführt haben, stellt sich die Frage, worin die Ursachen für das Schrumpfen der Bevölkerung liegen könnte und was der Staat dagegen tun könnte und sollte. Der vorliegende Sammelband analysiert den öffentlichen Diskurs und setzt sich mit Steuerungsmöglichkeiten auseinander. Wichtiges Fazit: Frauen sollten sich nicht zum Sündenbock eines nur schwer beeinflussbaren, komplexen gesellschaftlichen Geschehens machen lassen.

Aktualität des Themas

Während im Deutschland früherer Zeiten das Bevölkerungswachstum zu Ab- und Auswanderung sowie zu Expansionsbestrebungen („Volk ohne Raum“) führte, lässt mittlerweile die im Zeichen des sogenannten „demografischen Wandels“ schwindende Bevölkerung Furcht aufkommen, dass der Raum nicht mehr mit genügend Volk gefüllt sein wird. Kommunen stellen daher Hochrechnungen an, wie die kommunalen Einrichtungen und Leistungen an veränderte Einwohnerzahlen angepasst werden können. Es wird befürchtet, dass durch die Verschiebung der Proportionen zwischen aktiv Erwerbstätigen und Rentnern/Rentnerinnen – die sogenannte Umkehrung der Bevölkerungspyramide – der Generationenvertrag platzen wird, die Altersversorgung nicht mehr sicher gestellt ist.

Es gibt also genügend Anlass, sich über die Bevölkerungsentwicklung Gedanken zu machen. Angesichts der politischen Aktualität haben sich die Medien des Themas bemächtigt: Kaum ein Tag, an dem nicht das Menetekel der schwindenden Bevölkerung an die Wand gemalt wird und staatliche Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate eingefordert werden.

Zu überlegen ist, ob überhaupt Bevölkerungspolitik gemacht werden sollte. Es ergeben sich ethische Fragen: Ist es moralisch vertretbar, wenn der Staat Einfluss auf das Gebärverhalten nimmt? Und in Bezug auf die Aufgaben des modernen Staates: Inwieweit soll er Frauen und Männer helfen, ihre individuellen Wünsche zu verwirklichen. Inwieweit stehen gesamtgesellschaftliche ökonomische Zielsetzungen im Vordergrund? – Allerdings könnten solche die Verwirklichung individueller Zielsetzungen möglicherweise erst finanzieren.

Das Buch

Die Politikwissenschaftlerinnen Diana Auth und Barbara Holland-Cunz wollen mit dem von ihnen herausgegebenen Sammelband zum einen die Debatte über die Bevölkerungspolitik kritisch durchleuchten und zum anderen die Strategien der demographischen Steuerung ermitteln und in ihrer Wirksamkeit hinterfragen. Hervorgegangen ist der Band aus einer Tagung „Strategien und Diskurse demographischer Steuerung – wie wirksam ist Bevölkerungspolitik?“ des Instituts für Politikwissenschaft und der Arbeitsstelle Gender Studies an der Universität Gießen im Oktober 2005.

Die Beiträge sind ausschließlich von Autorinnen geschrieben. Auch Demographie ist ein Frauenthema, da die zahlenmäßige Bevölkerungsentwicklung abhängig ist von der Geburtenrate und Autorinnen offenbar die Anliegen und Interessen von Müttern und Nicht-Müttern eher wahrnehmen, genauer durchdringen und besser vertreten. Vor allem ist es ein frauenpolitisches Anliegen, Schuldzuweisungen an Frauen, die nicht bereit sind, das Ihre zum ausgewogenen Bevölkerungsgleichgewicht beizutragen, zu konterkarieren.

Die Diskurse

Die Autorinnen liefern im ersten Teil des Bandes kluge und umfassende Zusammenstellungen der – auch schon historisch verwandten – Argumente und Strategien im Kampf um Bevölkerungswachstum. Sie entlarven patriarchale Konzepte und Scheinheiligkeiten, einen Alarmismus durch Skandalisierung und Dramatisierung und einen blinden politischen Aktivismus, der keine nachhaltigen Wirkungen zeitigen kann. Bettina Rainer zeigt, dass es sich bei der Überbevölkerung um die andere Seite der Medaille handelt und dass sich in der Diskussion viele Ähnlichkeiten finden lassen.

Mit der Rhetorik und den Motiven der Debatte um den demographischen Wandel und die Bevölkerungspolitik befassen sich vor allem die Herausgeberinnen in ihren Beiträgen und im gemeinsamen Vorwort.

Ursula Ferdinand bereitet die Positionen und Argumente der bevölkerungspolitischen Diskussion aus den 20er und 30er Jahren auf, als am Vorabend des Nationalsozialismus angesichts des durch den Ersten Weltkrieg bedingten Bevölkerungsrückgangs der Untergang des Abendlandes beschworen wurde. Als Ursachen wurden schon damals benannt: Wandel der Geschlechterbeziehungen, Frauenemanzipation, Nachlassen der Fortpflanzungsfähigkeit von Frauen aufgrund von wachsender Erwerbstätigkeit, Urbanisierung, Bevölkerungsdichte, veränderte Vorstellungen von Sexualität, Wohlstand und Fortschritt.

Barbara Willenbacher analysiert die pro- und antinatalistischen Aspekte der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik: durch gezielte Geburtenkontrolle im unerwünschten Volksgut einerseits und finanzielle Unterstützungsleistungen (Ehestandsdarlehen, Kinderbeihilfen, Erstattung von Sozialversicherungsbeiträgen) für die Träger erwünschten Erbgutes andererseits.

Die Strategien

Im zweiten Teil setzt sich Juliane Roloff, Alterungsforscherin im Statistischen Bundesamt, anhand von Daten mit dem Einfluss von familienpolitischen Maßnahmen auf das Gebärverhalten auseinander und verweist auf die begrenzten Effekte, die solche Maßnahmen (in Form von Kindergeld, Geburtsbeihilfen, bezahlter Freistellung von der Arbeit, zinslosen Krediten, bevorzugter Wohnraumvergabe) in der DDR hatten.

Auch Jutta Träger konstatiert in ihrer Untersuchung über familiale Arbeitsteilung geringe Auswirkungen der Familienpolitik der letzten und der jetzigen Bundesregierung, unterstreicht aber die Bedeutung unterstützender Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – insbesondere den gegenwärtig engagiert betriebenen Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten. (Dem kann ich nur zustimmen. Wie immer begrenzt die demographische Wirksamkeit von Maßnahmen sein mag und wie schwierig sie im Übrigen zu messen sind: wenn sie mir mein Leben erleichtern, sind sie für mich gut).Heute – wie auch schon im Dritten Reich – greifen diese Maßnahmen am wenigsten im Mittelstand, und zwar aufgrund der steuerrechtlichen Regelungen, aber auch aufgrund des gerade dort verbreiteten Familienernährermodells.

Corinna Onnen-Isemann zieht einen Vergleich zwischen der Familienpolitik in Frankreich und Deutschland, die gerne gegenübergestellt werden. Für Frankreich, das eine fast ausgewogene Geburten- und Sterbebilanz hat, hebt sie die Bedeutung von guter Kinderbetreuung, spezifischen „republikanischen“ Erziehungsidealen und generell anderen Vorstellungen von Frauenrollen (Kinder bringen Frauen nicht in eine Opferrolle, sondern dienen der Selbstverwirklichung) hervor. Sie stellt allerdings zu Recht fest, dass auch französische Mütter durchaus kein stressfreies Leben haben. Für Deutschland prognostiziert sie eine weiter steigende Kinderlosigkeit, instabile Partnerschaften und zunehmende Ehescheidungen, wenn die Vereinbarkeitsproblematik nicht gelöst wird.

Diana Hummel schließlich bewertet Bevölkerungsentwicklungen aus sozial-ökologischer Perspektive. Sie folgert, dass es keine „ideale“ Bevölkerungsgröße, -struktur und -verteilung gibt; das Empfinden einer gesellschaftlichen Balance ist vielmehr vom Gelingen fortlaufender Anpassungsprozesse an die jeweiligen politischen, ökonomischen und technischen Gegebenheiten abhängig.

Fazit

Als Juristin hätte ich mir noch einen Beitrag zum Abtreibungsrecht gewünscht. Phasen der Bevölkerungspolitik lassen sich an Änderungen des Abtreibungsrechts ablesen. Immer wenn der Staat Kinder braucht(e), wurde das Private öffentlich. Sehr eindrucksvoll hat dies Claude Chabrol in seinem Film „Die Engelmacherin“ dargestellt.

Insgesamt halte ich Grenzen der Bevölkerungspolitik für ein interessantes Buch mit fein differenzierenden Argumenten., durch das deutlich wird, dass es wichtig ist, an den Familienleitbildern zu arbeiten, um Frauen den Weg aus dem Unvereinbarkeitsdilemma zwischen Karrierefrau/Rabenmutter und Hausfrau zu ebnen. Allen, die sich über die in diesem Band angeschnittenen Themen hinausgehend mit den frauenpolitischen Aspekten des demographischen Wandels befassen möchten, sei das von mir für das Ministerium für Generationen, Frauen, Familie und Integration zusammengestellte Handbuch: Demografischer Wandel. Die Stadt, die Frauen und die Zukunft. Düsseldorf 2007 empfohlen, zu dem Diana Auth und Barbara Holland-Cunz ebenfalls einen Beitrag geliefert haben. Im Netz einsehbar: http://www.mgffi.nrw.de/pdf/frauen/handbuch-demografischer-wandel-2007.pdf. Druckexemplare können unentgeltlich bei der Pressestelle des Ministeriums bestellt werden über: http://www.callnrw.de/broschuerenservice/commons/index.php?lid=15.

URN urn:nbn:de:0114-qn091301

Ulrike Schultz

Fernuniversität Hagen, Homepage: http://www.ulrikeschultz.de

E-Mail: ulrike.schultz@fernuni-hagen.de

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