Jana Günther: Über die „männliche“ Aufklärung hinaus – Bedeutende Frauen des 18. Jahrhunderts

Über die „männliche“ Aufklärung hinaus – Bedeutende Frauen des 18. Jahrhunderts

Rezension von Jana Günther

Elke Pilz (Hg.):

Bedeutende Frauen des 18. Jahrhunderts.

Elf biographische Essays.

Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2007.

204 Seiten, ISBN 978–38260–3552–4, € 24,80

Abstract: Mit der Epoche der Aufklärung werden im Allgemeinen philosophische Denker wie Voltaire, Lessing, Hume oder Rousseau verbunden. Der Sammelband von Elke Pilz bietet einen Einblick in das Leben prominenter Frauen dieser Zeit und erweitert damit das Spektrum um schillernde Persönlichkeiten der Weimarer Klassik, der Romantik und der sich in Deutschland etablierenden Salonkultur.

Der Sammelband vermittelt mit seinen biographischen Essays eine spannende historische, wenn auch eher punktuelle Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Wirken von Frauen in der Epoche der Aufklärung. Sie agierten als Salonnière, Malerin, Mäzenin oder Literatin und beeinflussten damit wichtige Bereiche des öffentlichen Lebens. Wie der Titel des Buches verspricht, verfolgen die Autorinnen und Autoren die biographischen Lebensstationen der Frauen, beschreiben ihr Schaffen in diesem Kontext und stellen dies in einen regionalhistorischen Zusammenhang.

„Weibliche“ Patronage, Weimarer Klassik und Jenaer Romantik

Marianne Roehl-Schlott und Rüdiger Schlott beschreiben in ihrem Essay den Lebensweg von Herzogin Anna-Amalia, einer der bekanntesten Förderinnen des kulturellen Lebens in Weimar. Sie gilt durch ihr Engagement als Regentin des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach als Wegbereiterin der Weimarer Klassik, gründete den Weimarer „Musenhof“ und förderte junge Talente (vgl. S. 7). Durch die durch sie geschaffene, für Kunst und Kultur offene Atmosphäre zog es nicht zuletzt wichtige Zeitgenossen wie Goethe, Schiller, Herder und Wieland nach Weimar. Durch ihr „Liebhabertheater“ bereitete sie insbesondere Goethe den Weg, der ab 1778 die Leitung des Weimarer Theaters übernahm. Mit Johanna Schopenhauer stellt Gerhard Danzer eine weitere wichtige Grande Dame dar, die die „literarische Salonkultur“ Anna Amalias fortführte. Johanna Schopenhauer zog nach dem Tod ihres Mannes nach Weimar und lud an den theaterfreien Abenden zu ihrem „thé littéraire“ ein (vgl. S. 109). Sie gilt als die erste „Berufsschriftstellerin Deutschlands“, die insbesondere durch ihren Roman Gabrielle (1819), der ein außerordentliches Aufsehen erregte, die Entwicklung zu jener „Frauenliteratur“ anstieß, welche versuchte, „weibliche Romanfiguren und ihr Leben aus sich heraus (und nicht als bloße Reaktion auf die Männer) zu konzipieren“ (S. 114). Amüsant ist eine Auseinandersetzung mit ihrem Sohn Arthur, der behauptete, dass seine Dissertation über die Vierfache Wurzel noch Absatz fände, wenn die Schriften der Mutter kaum je in irgendeiner „Rumpelkammer“ zu finden seien, wobei sie schlagfertig entgegnete: „Und von den deinigen wird die ganze Auflage noch zu haben sein“ (S. 112). In der Tat sollte das Hauptwerk Arthur Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung von 1818 erst Jahrzehnte später ein interessiertes Publikum finden, während der Roman Gabrielle schon zu seiner Zeit ein großer Erfolg wurde.

Neben den zwei Frauen der Weimarer Klassik werden in dem Band auch zwei Akteurinnen der Jenaer Romantik vorgestellt: Caroline Schlegel-Schelling und Dorothea Schlegel. Beide gehörten zum Kreis von Novalis, Tieck und selbstverständlich Schelling. Dorothea Schlegel (geb. Mendelsohn), vorgestellt von Gerald Mackenthun, inspirierte ihren Mann Friedrich Schlegel zu dem für damalige Verhältnisse skandalösen Roman Lucinde. Sie selbst betätigte sich ebenfalls als Autorin, veröffentlichte aber ihr erstes Werk Florentin (1799) unter dem Namen ihres Mannes, da sich kein Verleger für das Buch einer Frau fand. Sie übersetzte zudem unter anderem den Roman Corinna von Germain de Staël. Obwohl sie dagegen protestierte, wurden ihre Veröffentlichungen im Gesamtwerk Schlegels als die seinen aufgenommen (vgl. S. 75).

Romantik als künstlerische Ausdrucksform für Frauen jener Zeit

Ebenso wie Caroline Schlegel-Schelling und Dorothea Schlegel bot die Romantik, die Freiheit des Geistes, Subjektivität und Individualität einforderte, vielen Frauen die Möglichkeit, sich schriftstellerisch zu betätigen. In diesem romantischen Geiste überschritten Frauen damit tradierte Grenzen und widmeten sich ihrer schöpferischen Phantasie. Besonders eindruckvoll dokumentieren Monika Werner-Schoene und Dieter Schoene das Leben und den tragischen Freitod der Karoline von Günderrode. Sie beschäftigen sich eingehend mit den psychosozialen und gesellschaftlichen Umständen des Suizids. Bettina von Arnim, in dem Band dargestellt von Josef Rattner, widmete der Freundin das Buch Die Günderrode. Auch Bettina von Arnim ist mit ihren Werken in der Romantik zu verorten und wurde zugleich stark beeinflusst von den Ideen der Aufklärung. Sie beschäftigte sich eingehend mit den Lebensumständen der arbeitenden Bevölkerung in den Vorstädten Berlins und fasste die Befunde in Dies Buch gehört dem König (1848) zusammen, um den Monarchen auf die Missstände im Land aufmerksam zu machen. Auch sie betätigte sich erfolgreich als Salonnière und lud politisch Linke und Liberale in ihren Kreis ein. Rattner widmet sich zudem in einem zweiten Essay einer Vertreterin der französischen Romantik: Madame de Staël, der mit ihrem Roman Corinna (1807) der Durchbruch gelang. De Staël stand in engem Kontakt mit dem Weimarer Literatenkreis und fasste Deutschland als ihre intellektuelle Heimat auf, was sich nicht zuletzt an ihrem Werk De l’Allemagne belegen lässt.

Salonkultur als „weibliche Domäne“

Es ist bekannt, dass viele der Frauen, die in diesem Sammelband biographisch portraitiert werden, Salons unterhielten oder wichtige Kontakte untereinander über diese zu knüpfen vermochten. Die Gründerinnen der Salons „waren originell und hoch kultiviert, ihr Einfluss heute fast unschätzbar groß“ (S. 67). Greulich-Janssen verdeutlicht in ihrem Beitrag über die Berlinerin Henriette Herz die wichtige Funktion jener „Foren“. Auch Bettina von Arnim, Dorothea Schlegel und Rahel Varnhagen unterhielten Salons, letztere begrüßte Gäste wie Fichte, Hegel und Schleiermacher (vgl. S. 166). Die Frauen standen zudem meist mit bedeutenden Zeitgenossinnen und Zeitgenossen in regem Briefkontakt, den einige, wie beispielsweise von Arnim, zu einem späteren Zeitpunkt aufarbeiteten und veröffentlichten. Diese Form des „Networking“ und der gegenseitigen Unterstützung, zum Beispiel indem sie ihre Werke gegenseitig kritisierten, wirkten sich äußerst positiv auf die Entwicklung der Romantik und der Neoklassik aus. Der Band stellt die engen Verbindungen der Frauenbiographien leider nur sehr kryptisch dar und enthält keinen allgemeinen Erklärungsversuch dieses Phänomens. Dabei fällt doch auf: Alle Frauen, die in diesem Band aufgeführt werden, kannten sich direkt oder indirekt.

Fazit

Der Sammelband ist eine gelungene Einführung in das Leben und Wirken von Frauen in der Epoche der Aufklärung. Mit Ausnahme der Beiträge über die außergewöhnlich prominente Malerin Angelika Kauffmann von Ellen Ellrodt und über die Doktorin der Philosophie Dorothea Schlözer von Elke Pilz stehen alle dargestellten Frauen der Literatur nahe. Wenn sie sich nicht selbst als Schriftstellerin betätigten, bewegten sie sich zumindest überwiegend in diesen Kreisen und förderten den intellektuellen Austausch. Die Autorinnen und Autoren der Essays stellen das Leben ihrer Protagonistinnen zwar fast immer in den Kontext der allgemeinen Entwicklung, man wünschte sich jedoch einen umfassenderen Einblick in die Geschehnisse und Zusammenhänge jener Epoche sowie teilweise auch eine deutlichere Einordnung in den wissenschaftlichen Diskurs. Der Titel des Bandes ist zudem etwas irreführend, da im 18. Jahrhundert weit mehr bedeutende Frauen lebten und wirkten, beispielsweise Mary Wollstonecraft. Die Kriterien der Auswahl erschließen sich den Leserinnen und Lesern nicht ganz. Trotzdem gelingt es Elke Pilz, die sich bereits 2005 in ihrem Band Das Ideal der Mitmenschlichkeit. Frauen und die sozialistische Idee mit Biographien außergewöhnlicher Frauen auseinandersetzte, mit dieser Zusammenstellung biographischer Essays einen sehr persönlichen Einblick in die Lebensverhältnisse von Frauen jener Zeit zu vermitteln. Die Publikation eignet sich insbesondere als Einstiegsliteratur und wendet sich an ein allgemein interessiertes Publikum.

URN urn:nbn:de:0114-qn091117

Dipl. Soz. Jana Günther

Berlin/ISW/Soziologie

E-Mail: jana.guenther@gmx.net

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