Claudia Schoppmann: Führer, Volk und Vaterland verpflichtet

Führer, Volk und Vaterland verpflichtet

Rezension von Claudia Schoppmann

Sabine Hering, Kurt Schilde:

Das BDM-Werk „Glaube und Schönheit“.

Die Organisation junger Frauen im Nationalsozialismus.

Berlin: Metropol 2000.

228 Seiten, ISBN 3–932482–37–9, DM 36,00 / SFr 35,00 / ÖS 263,00

Abstract: Die Organisation „Glaube und Schönheit“ war eine Gründung innerhalb des Bundes Deutscher Mädel (BDM), die den 18- bis 21-jährigen ‚arischen‘ Frauen im ‚Dritten Reich‘ vorbehalten war, um diese für die Ziele der ‚Volksgemeinschaft‘ zu instrumenalisieren. Sabine Hering und Kurt Schilde rekonstruieren nicht nur die Struktur der kaum noch bekannten Organisation; in zwölf Gesprächen mit Zeitzeuginnen gehen sie auch den bis in die heutige Zeit reichenden Auswirkungen auf die Beteiligten nach.

„Die Aufgabe unseres Mädelbundes ist, Mädel zu Glaubensträgerinnen Nationalsozialistischer Weltanschauung zu erziehen. Mädel, die eine Harmonie bilden von Körper, Seele und Geist, die durch die Gesundheit des Körpers und die Ausgeglichenheit ihres Wesens jene Schönheit verkörpern, die offenbart, daß der Mensch eine Schöpfung des Allmächtigen ist. Wir wollen Mädel formen, die stolz sind, damit sie einmal Kämpfer zum Schicksalsgefährten erwählen. Wir wollen Mädel, die bedingungslos an Deutschland und den Führer glauben und diesen Glauben einst in das Herz ihrer Kinder legen; dann wird der Nationalsozialismus und dadurch Deutschland für immer bestehen.“ (zit. nach S. 68)

Mit diesen Worten umriß Jutta Rüdiger, ab 1937 Leiterin des BDM, die Ziele der nationalsozialistischen „Mädelarbeit“ –, und sie verschwieg, was die Machthaber für diejenigen vorsah, die aufgrund rassistischer und rassenhygienischer Kriterien nicht zu diesem erlauchten Kreis gehören durften.

Während es zum BDM bereits einige Publikationen gibt, ist die Organisation „Glaube und Schönheit“ heute nur noch wenigen bekannt und kaum erforscht. Das mag auch daran liegen, daß sie mit ca. 400.000 Mitgliedern eine relativ kleine Organisation war, während der BDM insgesamt rund vier Millionen ‚arischer‘ Mädchen ab 14 Jahren und junger Frauen umfaßte.

Funktionalisierung junger Frauen für Partei und Staat

Worauf das obige Zitat hinweist, bestätigt auch ein Blick auf die wenigen noch verfügbaren Dokumente, von denen einige im Buch abgebildet sind: Deutlich wird, daß es bei „Glaube und Schönheit“ – 1938 durch ‚Reichsjugendführer‘ Baldur von Schirach gegründet – um eine Funktionalisierung der jungen Frauen für die Ziele von Partei und Staat ging. Man wollte dadurch einen (durch Heirat und Mutterschaft) zu frühen Rückzug dieser Altersgruppe ins Privatleben verhindern und sie statt dessen weiter dem Gemeinwohl, sprich: Führer, Volk und Vaterland, verpflichten und kontrollieren. Es galt also, die gefahrenträchtige Lücke in der Phase zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen BDM und NS-Frauenschaft, zu schließen, indem man die weiblichen Jugendlichen zur „gemeinschaftsgebundenen Persönlichkeit“, wie Schirach es nannte, zu erziehen suchte.

Zweitens sollte die in „Glaube und Schönheit“ bewußt gepflegte ‚weibliche Linie‘ einer ‚Verbengelung‘ bzw. ‚Vermännlichung‘ der Mädchen entgegenwirken, wie sie viele Parteiführer durch die betont sportliche und kameradschaftliche Ausrichtung und die Uniformierung im BDM befürchteten. Wie Himmler etwa in einer Rede 1937 vor SS-Gruppenführern bemerkte, empfand er es als Katastrophe, „wenn ich Mädel und Frauen sehe […], die mit einem wunderbar gepackten Tornister durch die Gegend ziehen. Da kann einem schlecht werden. […] Ich sehe es als Katastrophe an, wenn wir die Frauen so vermännlichen, daß mit der Zeit der Geschlechtsunterschied, die Polarität verschwindet. Dann ist der Weg zur [männlichen, C.S.] Homosexualität nicht weit.“[1]

Anmutige Gymnastikübungen – wie auf dem Cover des Buches und auf einigen Fotos abgebildet – veranschaulichen, was statt dessen unter ‚weiblicher Linie‘ verstanden wurde. Die Erzeugung ‚weiblicher Schönheit‘ war jedoch kein Wert an sich, sondern politisches Kalkül und hatte nichts anderem als ‚artgemäßen‘ Gattungszwecken zu dienen.

Last but not least diente „Glaube und Schönheit“ auch der Qualifizierung eines Teils des weiblichen Nachwuchses zur Führerschaft, also für Funktionen im BDM, in der NS-Frauenschaft, im Reichsarbeitsdienst für die weibliche Jugend etc. Unter der Führung von Clementine zu Castell, später von Jutta Rüdiger, entwickelte sich „Glaube und Schönheit“ nach Kriegsbeginn von einer Bildungsorganisation – mit den Schwerpunkten Leibeserziehung, Lebensführung und -gestaltung sowie politisch-geistige Bildung – zu einer der immer wichtigeren Gruppierungen im Kriegshilfsdienst: sei es bei der Betreuung verwundeter Soldaten, im Gesundheitsdienst, im Luftschutz etc.

Rückblicke: loyale „Führerinnen“ und „Teilnehmerinnen“

Zehn Frauen, die – wie die 1910 geborene Psychologin Dr. Jutta Rüdiger – das BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ initiiert, mitgestaltet oder als Teilnehmerin miterlebt haben, schildern in ihren Rückblicken, wie sie in unterschiedlicher Weise mit der Organisation verbunden waren. Die Interviews mit den ehemals Verantwortlichen, denen ihre Tätigkeit enorme Aufstiegschancen bot, zeigen, daß die Loyalität dieser Gruppe zum Nationalsozialismus sehr stark war und sich weitgehend bis heute erhalten hat.

Die fünf interviewten Teilnehmerinnen dagegen äußerten sich mit einer Mischung aus Skepsis und Distanz über ihre Erfahrungen. Sie hätten, so Sabine Hering und Kurt Schilde, „Glaube und Schönheit“ mehr oder weniger für ihre Interessen genutzt. „Sie haben getanzt, gemalt und gesungen. Den Zusammenhang ihrer Aktivitäten zum Nationalsozialismus haben sie ignoriert, verharmlost und verdrängt. Eine sichtbare Loyalität zum Nationalsozialismus haben sie nicht entwickelt.“ (S. 21) Auf die fünf interviewten Teilnehmerinnen mag diese Interpretation zutreffen – ob sie aber auch für die überwiegende Mehrheit der Frauen in „Glaube und Schönheit“ gilt, darf zumindest bezweifelt werden.

Sabine Hering und Kurt Schilde beginnen, mit ihrem verdienstvollen Buch eine zeitgeschichtliche Forschungslücke zu schließen, indem sie die Struktur einer NS-Massenorganisation rekonstruieren.

Frappierend an den Interviews mit den Zeitzeuginnen war für mich unter anderem, wie wenig selbst 50 Jahre nach den Ereignissen in diesen Gesprächen die NS-Verbrechen thematisiert werden. Liegt das an der bis heute aufrechterhaltenen Darstellung des BDM als vermeintlich unpolitischer Frauenorganisation – die im übrigen nach 1945 auch von den Alliierten kaum in Frage gestellt wurde? Hier hätte ich mir in den Interviews zuweilen ein intensiveres Nachhaken, ein Aufbrechen der Binnenperspektive, gewünscht.

Anmerkungen

[1]: Himmler am 18.2.1937 in Bad Tölz. Zit. n. Bradley Smith, Agnes F. Peterson Hg.: Heinrich Himmler: Geheimreden 1933–1945 und andere Ansprachen. Frankfurt am Main 1974; S. 93–104, hier S. 99.

URN urn:nbn:de:0114-qn021245

Dr. Claudia Schoppmann

Berlin

E-Mail: Cschoppmann@aol.com

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