Sabine Liebig: Ein anderer Blick auf die bürgerlichen Frauen in der Weimarer Republik

Ein anderer Blick auf die bürgerlichen Frauen in der Weimarer Republik

Rezension von Sabine Liebig

Ulrike Manz:

Bürgerliche Frauenbewegung und Eugenik in der Weimarer Republik.

Königstein im Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2007.

275 Seiten, ISBN 978–3–89741–229–3, € 29,90

Abstract: Die bürgerlich-gemäßigte Frauenbewegung in der Weimarer Republik ist bereits unter vielen Aspekten untersucht und dargestellt worden. Gerade ihr Engagement im Bereich der Sozialen Arbeit wird stets hervorgehoben. Ulrike Manz ergänzt die Forschung durch einen bisher wenig beachteten, aber sehr interessanten und aufschlussreichen Aspekt: die Existenz eugenischen Gedankenguts innerhalb der bürgerlich-gemäßigten Frauenbewegung.

Emanzipation und Eugenik

Ulrike Manz hat im vorliegenden, auf ihrer Dissertation beruhenden Band einen interessanten Beitrag zur Frauen- und Geschlechterforschung geleistet. Sie untersucht die politische Frauenzeitschrift Die Frau (1893–1944), die von Helene Lange (1848–1930) und Gertrud Bäumer (1873–1954), zwei führenden Persönlichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung, einmal im Monat herausgegeben wurde. Unter der leitenden Frage nach den Kontexten, in denen eugenische Vorstellungen mit emanzipatorischen Zielen verknüpft oder gerade als repressiv abgelehnt wurden, analysiert Manz alle Artikel der bürgerlich-gemäßigten Frauenbewegung im Zeitraum 1918–1933 (vgl. S. 32, 37). Anknüpfend an den bisherigen Forschungsstand erweitert sie das Quellenspektrum um Texte, die nicht speziell auf die emanzipatorisch-politischen Anliegen der Frauenbewegung zielen, sondern allgemeine sozialpolitische, sexualpolitische und bevölkerungspolitische Debatten aufgreifen.

Auf die grundlegende Klärung des Begriffs „Eugenik“ in der Einleitung folgt ein kurzer Abriss der Geschichte der bürgerlich-gemäßigten Frauenbewegung. Daran anschließend erläutert Manz die Dimensionen ihrer Untersuchung und ordnet sie ein in die Diskussion um Kontinuitäten und Brüche im Verhältnis zur nationalsozialistischen Ideologie. Sie verweist dabei auf die beiden unterschiedlichen Linien im feministischen Diskurs. Manz geht nicht von einer Zwangsläufigkeit der Entwicklungen aus, sondern vertritt die These, dass die Diskussion um eugenische Maßnahmen in der Weimarer Republik nicht unabwendbar zur Umsetzung in nationalsozialistische Vernichtungspolitik führte. Am Beispiel der Eugenik zeige sich vielmehr die Janusgesichtigkeit der Moderne.

Der Untersuchungsansatz eröffnet eine neue Perspektive

Bei der Vorstellung von Methoden und Quellen erläutert Manz die Grundlagen ihres Diskursbegriffes (in Anlehnung an die Foucaultsche Perspektive im Sinne von Siegfried Jäger) und begründet ihren methodischen Zugang: Sie möchte erstens die unterschiedlichen Positionen der Akteurinnen und ihre verstreuten Aussagen, die nicht immer eindeutig dem eugenischen Diskurs zuzuordnen sind, bündeln. Damit erweitert sie das zu analysierende Material. Zweitens beabsichtigt sie, das „Sagbare“ und das „Unsagbare“ (S. 34) in den Texten sichtbar machen. Und drittens sollen die in den Texten offen liegenden Einzelaussagen verknüpft werden.

Dieser Untersuchungsansatz erweitert und verändert die Perspektive auf die Frauenbewegung in der Weimarer Republik. Die detaillierten Ausführungen und der kritische Blick führen zu einer lebendigen Darstellung der Mentalität bürgerlich-gemäßigter Frauen ihrer Zeit.

Frauen und Sexualpolitik – geprägt vom Zeitgeist

Folgende Theoreme der Eugenik werden kurz erläutert und in der folgenden Analyse zugrunde gelegt: „Konzept der Vererbung“, „dichotome Konzeption von Gesundheit versus Krankheit“, „Bezug zur Volksgemeinschaft“, „Degenerationshypothese“ sowie die „Rationalisierung der Fortpflanzung“ (S. 18).

Auf dieser Grundlage untersucht die Autorin eine Reihe von Zeitschriftentexten zur Sexualpolitik. An konkreten thematischen Schwerpunkten wie der Auseinandersetzung mit Eheberatungsstellen oder dem Schwangerschaftsabbruch arbeitet sie die Denkweise der bürgerlichen Frauen heraus und zeigt, wie sehr die Frauen durch den vorherrschenden Zeitgeist geprägt waren. Sie macht dabei allerdings deutlich, dass Überlegungen zur Eugenik stets im Zusammenhang mit solchen zur Sexualpolitik auftraten und von diesen meist überlagert wurden.

Soziale Arbeit unter neuer Perspektive

Für die Auseinandersetzung mit dem Gebiet der Sozialen Arbeit ist die veränderte Perspektive besonders hilfreich, da sie das bekannte und populäre Betätigungsfeld der Frauenbewegung in ein neues Licht rückt. Die Schattenseiten gut gemeinter Intentionen, die sich auf eugenische Argumente stützen, werden sichtbar. Es ist hinlänglich bekannt, dass sich die bürgerlichen Frauen intensiv am systematischen Ausbau der Sozialen Arbeit beteiligten. Dass sie aber eugenische Denkmuster in ihre Überlegungen zur „Volksgemeinschaft“ und zur Gesundheit integrierten sowie „Selektionsprinzipien“ („Heilbarkeit versus Unheilbarkeit“) für finanzielle und soziale Unterstützung diskutierten, wurde bisher so deutlich nicht dargestellt.

Durch die Interpretation der Zeitschriftenartikel wird eines klar: Die Frauen nutzten zwar eugenische Argumentationen im Kampf für ihre Soziale Arbeit, lehnten jedoch konkrete eugenische Maßnahmen ab, da sie die Eugenik als Wissenschaft für nicht zuverlässig hielten. Denkfiguren der Eugenik waren jedoch integrale Bestandteile der theoretischen Entwürfe zur Sozialen Arbeit. Argumentationslinien aus dem Bereich der Eugenik halfen den bürgerlichen Frauen über Konfliktfelder hinweg, zum Beispiel bezüglich der in Frage stehenden Effizienz ihrer Sozialen Arbeit. Exemplarisch wird von Manz am Thema der Prostitution dargestellt, dass die Frauen als Begründung für ein mögliches Scheitern ihrer Arbeit in diesem Bereich das Argument der „Veranlagung“ der Prostituierten verwendeten.

Bevölkerungspolitik und „Volksgemeinschaft“ zum „Wohle der Allgemeinheit“

Das Hauptaugenmerk von Manz liegt auf den Beiträgen zum Thema Geburtenrückgang, die sich die zeitgenössische Diskussion um „Quantität oder Qualität“ (S. 143) zu eigen machten. Derartige Überlegungen aus dem Bereich der Eugenik kommen in den Argumenten der Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung vor, jedoch ohne dass konkrete Maßnahmen gefordert wurden. Die so genannte „Verbesserung der Qualität der Bevölkerung“ sollte durch pronatalistische Politik und Sozialpolitik, also über eine wirtschaftliche Verbesserung der Familien erreicht werden. Eugenik auf der Basis ökonomischer Begründungen wurde für Notzeiten akzeptiert nach der Maßgabe: weniger Geburten, dafür aber gesunde Kinder.

Es wird in den Ergebnisse der Untersuchung von Ulrike Manz deutlich, dass sich die Vertreterinnen des BDF von der völkischen Eugenik abgrenzten, teilweise aber Gedanken zum Konzept des Dualismus „Eigen versus Fremd“ übernahmen und für die Erhaltung des „Deutschtums“ plädierten (vgl. S. 161). Die Gedanken der bürgerlich-gemäßigten Frauen waren eingebunden in die Mentalität der Zeit. Das Wohl des eigenen Volkes sollte über dem Individuum stehen, allerdings im Sinne einer „positiven Eugenik“, durch die Förderung der „Wertvollen“ und der Verhinderung von „Minderwertigen“, wobei in den Texten keine „grundsätzlichen rassenhygienischen Vereindeutigungen“ des späteren nationalsozialistischen Gedankengutes zu finden sind (S. 169).

Fazit

Die Forschungsarbeit von Ulrike Manz zeigt deutlich, dass die bürgerlich-gemäßigten Frauen die eugenischen Theoreme unhinterfragt übernahmen und dass sie wie selbstverständlich eugenisches Gedankengut in ihren Beiträgen zu politischen, sozialpolitischen und bevölkerungspolitischen Diskussionen verwendeten. Manz stellt jedoch auch heraus, dass in dieser Hinsicht nicht von einer Kontinuität von der Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus gesprochen werden kann (vgl. S. 205).

Die Arbeit zeigt, dass die bürgerlich-gemäßigten Frauen zwar eugenische Denkmuster vertraten und eugenischen Theorien in großen Teilen zustimmten, sie jedoch nicht in die Praxis umsetzen wollten.

Der einzige Wermutstropfen bei der Lektüre der Studie ist die sich aus der Strukturierung des Buches ergebende Redundanz. Insgesamt liefert Manz jedoch durch die erweiterte Untersuchungsperspektive und die detaillierte Analyse der Zeitschriftenartikel präzise Informationen über die Mentalität der bürgerlich-gemäßigten Frauen und die bürgerliche Frauenbewegung. Aufgrund dieses Erkenntnisgewinns ist das Buch unbedingt zu empfehlen.

URN urn:nbn:de:0114-qn091175

Prof. Dr. Sabine Liebig

Karlsruhe, Pädagogische Hochschule Karlsruhe, Institut für Sozialwissenschaften, Geschichte und ihre Didaktik

E-Mail: liebig@ph-karlsruhe.de

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