Kristiane Gerhardt: Geschlechtergeschichte als Zugang zur deutsch-jüdischen Geschichte

Geschlechtergeschichte als Zugang zur deutsch-jüdischen Geschichte.

Rezension von Kristiane Gerhardt

Benjamin Maria Baader:

Gender, Judaism and Bourgeois Culture in Germany, 1800–1870.

Bloomington, Ind.: Indiana University Press 2006.

292 Seiten, ISBN 978–0–253–34734–3, ca. $ 30,00

Abstract: Mit der sukzessiven Erosion des rabbinischen Normensystems und im Prozess der Verbürgerlichung, so die grundlegende These dieser Arbeit, wurden jüdische Frauen seit dem frühen 19. Jahrhundert nicht nur stärker als zuvor in die religiöse Kultur und Praxis integriert. Gleichermaßen gewannen auch Konzepte von Weiblichkeit entscheidend an Bedeutung für die Neuorientierung eines Judaismus bürgerlicher Prägung. Auf breiter Quellenbasis werden in Gender, Judaism and Bourgeois Culture in Germany, 1800–1870 die soziale und religiöse Praxis dieses historischen Wandels, die Programme und Auseinandersetzungen, aber auch die Grenzen dieser Neudefinitionen analysiert.

Geschlechterverhältnisse in der jüdischen Kultur

Verglichen mit dem regen Forschungsinteresse zur deutsch-jüdischen Geschichte des späten 19. Jahrhunderts sind Untersuchungen zur ersten Jahrhunderthälfte weit weniger zahlreich. Das gilt auch für geschlechterhistorische Arbeiten. Die Studie Gender, Judaism and Bourgeois Culture in Germany, 1800–1870, die auf einer ursprünglich mehr als das Doppelte umfassenden New Yorker Dissertation basiert, bietet eine innovative Perspektive auf die kulturellen Transformationsleistungen des deutschen Judentums.

Dreh- und Angelpunkt der Argumentation ist ein (impliziter) Vergleich religiös-kultureller Normensysteme. Im Zentrum steht die Frage, wie mit dem sukzessiven Prestigeverlust der rabbinisch geprägten, traditionellen Kultur und der zunehmenden Orientierung der jüdischen Theologie an bürgerlichen Wertvorstellungen Geschlechterrollen und -zuschreibungen neu verhandelt werden. Baader baut für seine Argumentation auf der wichtigen Überlegung von Daniel Boyarin auf, dass Geschlechterhierarchien im aschkenasischen Judentum entlang religiöser Privilegierung und Praxis verliefen (vgl. Daniel Boyarin, Unheroic conduct. The Rise of Heterosexuality and the Invention of the Jewish Man. Berkeley 1997). Waren dort die prestigeträchtigsten Positionen religiöser Pflichterfüllung und Praxis jüdischen Männern vorbehalten, so wurde mit der Übernahme bürgerlicher Wertvorstellungen diese homosozial strukturierte Organisation aufgebrochen zugunsten einer verstärkt weiblichen Integration in den ‚profanen‘ Bereich gelebter Religiosität.

Benjamin Maria Baader konzentriert sich in seiner Arbeit auf Konzepte von Weiblichkeit, da diese seit dem frühen 19. Jahrhundert eine – verglichen mit der frühneuzeitlichen Kultur – entscheidende Aufwertung erfuhren. Dieser Prozess veränderte aber nicht nur, wie Baader zeigen kann, die religiöse Praxis und Handlungsspielräume für Frauen konkret. Vielmehr sei mit der Internalisierung einer bürgerlich geprägten Religionskultur ein „feminized Judaismus“ (S. 6) geschaffen worden, der sich an Männer wie Frauen gleichermaßen richtete.

Das Buch ist in zwei große Kapitel gegliedert: Nach einer kurzen historischen Einbettung und der Skizzierung der grundlegenden Thesen beschäftigt sich der erste Teil mit den Programmen, Diskussionen und Auseinandersetzungen der jüdischen Reformtheologen, aber auch des orthodoxen Flügels. Im zweiten Teil werden die konkreten Felder der Erneuerung in der (überwiegend) religiösen Praxis untersucht.

Schwerpunkte

Aufbauend auf den Ergebnissen der jüngeren Bürgertumsforschung werden zunächst exemplarisch frühe deutsch-jüdische Periodika und Predigten in Hinblick auf ihre Adressierung an Frauen betrachtet. Wie die Analysen zur Sulamith, zur Jedidja (einer bisher kaum untersuchten Zeitschrift) und zu zahlreichen Predigten zeigen, ist die Suche nach einem zeitgemäßen Judaismus eng an das Bestreben der reformorientierten Köpfe geknüpft, die Aufgaben von Frauen in der religiösen Praxis und Lebensweise neu zu bestimmen. Diese Funktionsbestimmung und die damit verbundene Aufwertung unterscheiden sich, wie die Forschung zum Teil schon gezeigt hat, kaum vom christlichen Verständnis. Vielmehr finden die zeitgenössisch gängigen Auffassungen von den Geschlechterrollen, die Ideale einer häuslichen Religiosität und der Glaube an eine besondere weibliche Affinität zur Religion eine rasche Verbreitung in reformorientierten sowie mit zeitlicher Verzögerung auch in orthodoxen Kreisen. Hier wie dort wurden Frauen zunehmend verantwortlich für das Bestehen und die Weitergabe des Judentums innerhalb der Familie gemacht. Die Sensibilisierung für die Belange von Frauen und Mädchen half mittelfristig jedoch nicht nur, deren Bildung und Erziehung voranzubringen. Entscheidend für die jüdische Perspektive im Vergleich zu den christlichen Konfessionen blieb außerdem, dass die Übernahme bürgerlicher Vorstellungen von einer ausgesprochen ambivalenten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geprägt war. So sei aus Sicht der Reformer der traditionelle, fromme Jude ohne innere Regung einer bloß äußerlichen Ritualität verhaftet geblieben. Entsprechend propagieren die „jüdischen Meisterdenker“ (Simone Lässig, Ute Frevert) jetzt auch für jüdische Männer eine Gefühl und Verstand gleichermaßen integrierende Religiosität.

Baader bindet seine Erkenntnisse in den ersten Kapiteln an die ereignisgeschichtlichen Stationen der Geschichte des Reformjudentums bzw. an den Ideenkontext der Neoorthodoxie. Damit liefert er eine gut lesbare Einführung in die deutsch-jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts. Die erhellende Textanalyse des symbolischen Subtextes „Sulamith“ (S. 31–33) hätte sich die Rezensentin aber konsequenter für die Analysen in den ersten Kapiteln insgesamt gewünscht. Zwar setzt sich die Analyse kritisch mit den Widersprüchen der weiblichen Geschlechterrollenzuschreibungen auseinander, insgesamt verbleibt sie sonst jedoch meist auf Augenhöhe der Reformer und deren Selbst- bzw. Erneuerungsverständnis. Ein stärker diskursgeschichtlicher Ansatz hätte dagegen die Topoi und Stilisierungen der Reformer besser erfassen können. Denn die Idealisierung und Aufwertung der jüdischen Frau gehörte zunächst durchaus zum guten Ton all jener, die sich kritisch von der Vergangenheit abgrenzten. Die Kontexte zu untersuchen, in denen die Geschlechterkonstruktionen produziert worden sind, hätte an manchen Stellen deshalb einigen Forschungsgewinn gegenüber einer bloßen Darstellung der zeitgenössischen Auffassungen gebracht.

Vor allem in den folgenden Kapiteln wird der Ansatz, religiöse Normensysteme miteinander zu vergleichen, konsequent eingelöst. Konkret geschieht dies zum einen über die Analyse der Auseinandersetzung der Prediger und Theologen des 19. Jahrhunderts mit der traditionellen Kultur. Zum anderen werden all die Felder religiöser Erneuerung untersucht (Gottesdienst und Vereine, Gebetsliteratur und -sprache), die in der traditionellen Kultur „männlich“ besetzt waren oder doch zumindest auf einer Differenzierung zwischen den Geschlechtern beruhten.

Dass die „Frauenfrage“ kein randständiges Phänomen blieb, sondern jüdisches Selbstverständnis sehr deutlich in Frage stellte, zeigen die Abschnitte zu den Auseinandersetzungen der Reformer mit dem jüdischen Recht. Denn dass die Halacha ausschließlich Männer für Gebete und religiöses Lernen privilegierte, wurde mit der Verbürgerlichung zunehmend zum Problem: Die traditionelle religiöse Separierung stand nun im offenen Widerspruch zur bürgerlichen Religiosität, die die Gleichheit der Geschlechter bzw. eine geringfügige Höherstellung der Frauen propagierte. Baader diskutiert nicht nur die Diskurse und Legitimierungsstrategien, deren sich die Reformer bedienten. Für die letztlich auf institutioneller Ebene gescheiterten Bemühungen, jüdisches Recht an die zeitgeschichtlichen Erfordernisse anzupassen, findet er eine interessante Begründung, die nicht den Fortbestand des Rechts gegen eine kulturelle Entwicklung ausspielt. Baader argumentiert vielmehr, dass die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung zunehmend losgelöster und unabhängiger von den Debatten um die Halacha verlief, eine „Angleichung“ auch deshalb immer weniger notwendig war. Das ist plausibel vor dem Hintergrund zunehmender Verbindlichkeit der verschiedenen deutschen Rechtssysteme sowie der Konservierung der Halacha als „Kirchenrecht“ für Juden und Jüdinnen im 19. Jahrhundert.

Ein femininer Judaismus

Wie sich die Veränderung der religiösen Praxis und die damit verbundene Angleichung zwischen den Geschlechtern konkret vollzogen, ist Untersuchungsschwerpunkt des breit angelegten zweiten Teils. Hier werden die Veränderungen der religiösen Kultur durch die Neuausrichtung der Gebetsliteratur, durch die Veränderungen in Gottesdienst und Synagoge sowie durch die Integration von Frauen in die Vereine erforscht. Die Kapitel zum Wandel in der Gebetsliteratur und zum Vereinswesen gehören zu den spannendsten Abschnitten des Buches, denn sie präsentieren nicht nur eine Fülle neuer Erkenntnisse; der weite Ausgriff ins 18. Jahrhundert und die ausgezeichnete Analyse machen den historischen Wandel auch überaus plausibel.

Die religiöse Neuordnung im 19. Jahrhundert bündelt Baader in der These einer Feminisierung des Judaismus, die auf mehreren Ebenen gilt: Konkret wurde der religiöse Status von Frauen mit der Einführung der Konfirmation für jüdische Mädchen, der Aufhebung der Separierung der Geschlechter in den Gottesdiensten sowie der Gründung weiblicher Krankenvereine erheblich aufgewertet. Gleichzeitig gewannen Ideale des Mannes als Priester bzw. der Frau als Priesterin des Hauses an Popularität. Richtete sich die volkssprachliche Gebetsliteratur in der Frühen Neuzeit überwiegend an Frauen und ungebildete Männer, so wurde mit der Aufwertung der Landessprache gegenüber dem Hebräischen und der Schaffung einer volkssprachlichen Andachtskultur im 19. Jahrhundert ein ursprünglich weiblich konnotiertes Schriftgut nun für beide Geschlechter verbindlich. So lässt sich für die an Popularität gewinnenden Konzepte – aus frühneuzeitlicher Perspektive – eine tatsächliche Feminisierung für das 19. Jahrhundert konstatieren. Selbstverständlich gab es auch Gegentendenzen: Die Versuche von Rabbinern und Theologen, die jüdische Religion – auch im Rahmen der geläufigen abstrakten Geschlechtercharakterzuordnungen – als explizit rational zu deklarieren, sind zahlreich. Für die Perspektive des Buches und die dort untersuchten Felder leuchtet die These der Feminisierung unmittelbar ein. Da sich das Buch jedoch auf die Formen und Felder religiös-kultureller Neuordnung sowie auf die Konzepte von Gender im Rabbinat konzentriert, muss die Ebene der sozialen Akteure außerhalb dieser Elite weitgehend ausgeblendet bleiben.

Fazit

Baaders Arbeit gelingt es, mit Hilfe einer geschlechtergeschichtlichen Fragestellung die Einzelergebnisse zu Formen religiöser Neuorientierung in einer spannenden Synthese zusammenzuführen. Der Ansatz, die deutsch-jüdische Geschichte vor dem Hintergrund des 18. Jahrhunderts und der Frühen Neuzeit zu reflektieren, ist innovativ und verspricht auch für weitere Arbeiten einen gewinnbringenden Zugang. An einigen Stellen hätte sich die Rezensentin eine weniger stark auf die Hauptthese fokussierte Argumentation gewünscht. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Publikationskonventionen ist dies jedoch sicher auch der umfassenden Kürzung des Manuskriptes geschuldet. Ausgesprochen breit angelegt, enthält Gender, Judaism and Bourgeois Culture in Germany, 1800–1870 eine Fülle neuer Erkenntnisse. Das Buch ist sorgsam ediert und mit etlichen Abbildungen versehen. Eingebettet in die internationale Bürgertumsforschung bietet es außerdem eine sehr gut geschriebene Einführung in die deutsch-jüdische Geschichte zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der eine breite Rezeption – auch hierzulande – zu wünschen ist.

URN urn:nbn:de:0114-qn083090

Kristiane Gerhardt

Graduiertenkolleg Generationengeschichte, Georg-August-Universität Göttingen, Homepage: http://www.generationengeschichte.uni-goettingen.de/gerhardt.html

E-Mail: kristiane.gerhardt@gmx.de

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