Margret Karsch: Gewaltphänomene und Geschlechterverhältnisse in Gegenwartsliteratur

Gewaltphänomene und Geschlechterverhältnisse in Gegenwartsliteratur

Rezension von Margret Karsch

Andrea Geier:

„Gewalt“ und „Geschlecht“.

Diskurse in deutschsprachiger Prosa der 1980er und 1990er Jahre.

Tübingen: Francke 2005.

533 Seiten, ISBN 3–7720–8100–2, € 78,00

Abstract: Andrea Geiers umfangreiche Studie „Gewalt“ und „Geschlecht“ wirft ein neues Licht auf literarische Darstellungen von Gewalt und deren vielfältige Bezugnahmen auf Muster von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“. Geier untersucht sieben deutschsprachige Prosatexte, die von sechs Autorinnen stammen und in den 1980er und 1990er Jahren erschienen sind. Die Verfasserin spürt den narrativen Verfahren nach, mit denen verschiedene literarische und außerliterarische Diskurse verknüpft werden und die spezifische Konstellationen des Verhältnisses von Gewalt und Geschlecht bilden.

Eine kulturwissenschaftliche Einführung: Performativität und Diskursivität

Die Untersuchung beginnt mit einer kenntnisreichen Einführung in sozial- und kulturwissenschaftliche Konzeptionalisierungen von „Gewalt“ und „Geschlecht“ und mit dem Hinweis auf deren historische und kulturelle Variabilität. Damit legt Geier ihre Prämissen offen und steckt den theoretischen Rahmen für die folgenden Einzelinterpretationen ab.

„Gewalt“ wird als diskursives soziales Konstrukt verstanden, das in der Literatur in drei Formen auszumachen ist: als interpersonales Geschehen, als Effekt gesellschaftlich-politischer Strukturen und als Spiegelung von Subjekt- und Strukturebene. Geier unterscheidet dabei zwischen Ausübung und Erfahrung von Gewalt und weist zudem darauf hin, dass Macht sich nicht in Praktiken manifestieren müsse: „Macht [kann] als Potential wirksam sein“ (S. 33).

Ebenso wie „Gewalt“ wird auch die Kategorie „Geschlecht“ als kulturelles Konstrukt aufgefasst. Sie bildet ein soziales Ordnungsmuster, das mit anderen Kategorien – Alter, Klasse, ethnische Zugehörigkeit – verwoben ist. Geier zeichnet die Entwicklung der feministischen Theorie vom Gleichheits- über den Differenzansatz bis zur Geschlechterforschung nach, die eine essentialistische Patriarchatskritik überwunden hat und statt dessen die kulturellen Produktionsprozesse von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ sowie individuelle Handlungsmöglichkeiten ins Zentrum der Überlegungen stellt.

In vier Kapiteln mit präzisen Einzelanalysen von jeweils zwei literarischen Texten werden zentrale Gewaltdiskurse der 1980er und 1990er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik verhandelt. Geier weist überzeugend nach, wie die Texte durch Bezug auf bestimmte kulturelle Codierungen Bedeutungen von „Gewalt“ herstellen und welchen Stellenwert dabei jeweils geschlechtsspezifische Aspekte besitzen. Nicht immer ist „Geschlecht“ eine relevante Kategorie des Gewalthandelns oder -erlebens, aber Geier führt aus, wie Thematisierung und Dethematisierung von „Geschlecht“ in den Texten und in der symbolischen Ordnung potentiell wirksam sind.

Transgenerationelle Traumatisierungen

Im zweiten Kapitel wird der Blickwinkel der nicht-jüdischen deutschen Nachgeborenen auf den Holocaust in den Erzählungen Übergang (1982) und Das Judasschaf (1985) von Anne Duden untersucht. Geier wendet sich gegen die Tendenz der Forschung, erstens eine vereinheitlichende Lesart der einzelnen Texte zu produzieren, die trotz thematischer Übereinstimmungen unterschiedliche Erinnerungs- und Geschlechterdiskurse darstellen, und zweitens dieses Vorgehen durch den Bezug auf Äußerungen der Autorin zu stützen.

Traumata können der Definition Aleida Assmanns zufolge als nicht-artikulierbare körperlicheErfahrungen nicht in Erinnerung überführt werden. In beiden Texten verursacht das Wissen über den Massenmord den Protagonistinnen körperliche Schmerzen, die Figuren positionieren sich aber unterschiedlich. Wie Geier zeigt, stellt die Protagonistin von Übergang die Gewalterfahrung in den Kontext der nationalsozialistischen Verbrechen, identifiziert sich mit den Opfern und kritisiert die Verdrängung im Nachkriegsdeutschland.

Die Stellvertretung in Übergang bleibt jedoch für die Umgebung unsichtbar und die Zeugenschaft damit unmöglich. Die Protagonistin stellt sich in die Genealogie der Opfer und entlastet durch ihr Schweigen die Gesellschaft. Diese ambivalente Positionierung endet nach einem Überfall, da nun der sichtbar physisch versehrte Körper Zeugnis gibt. Nach der folgenden Operation dominiert jedoch der Schmerz jegliche Wahrnehmung von Innen und Außen, und der Behandlungsprozess bedingt eine Sprachlosigkeit, die erneut die Zeugenschaft verhindert.

Der Text ist Geier zufolge problematisch, da er durch die symbolische Bedeutung des Überfalls den von der deutschen Nachkriegsgesellschaft in Anspruch genommenen Opferstatus bestätigt, den er kritisiert. Zudem relativieren Übertragungen der Shoah auf Alltagshandlungen die entscheidenden Unterschiede und rücken den Holocaust in den verharmlosenden Zusammenhang einer allgemeinen Zivilisationskritik, leisten also seiner Universalisierung Vorschub.

In Das Judasschaf wechselt die zentrale Figur zwischen Mittäterschaft, Opferstellvertretung und Täterzugehörigkeit, so dass sich die Problematik der Zeugenschaft in ihrer Komplexität offenbart. Geier interpretiert die collageartige Textgestaltung als Verweis auf die Gewalterfahrung der zentralen Figur und auf die „genealogische Verstrickung“ (S. 142) mit den Tätern.

Geier zeigt, dass in Das Judasschaf durch den Wechsel der Erzählperspektive – zwischen „ich“ und „sie“ bzw. „die Person“ – „ein Wechsel zwischen Thematisierung und Dethematisierung von ‚Geschlecht‘ gestaltet wird, der nicht nur die kulturelle Codierung, sondern [auch, M.K.] die Körperlichkeit betrifft“ (S. 140): Als Folge einer kulturellen Konstruktion erscheit „Weiblichkeit“ als Empathiefähigkeit und äußerliche Schönheit. In Übergang dagegen herrsche eine Tendenz zur Dethematisierung von „Geschlecht“ vor: „Weiblichkeit“ werde als äußerliche gesellschaftliche Anforderung beschrieben, die sich auf den Körper der Protagonistin destruktiv auswirke und zur Lösung von diesen Normen führe.

Das Ende der Welt und der Geschichte als Modell

Der Holocaust bleibt als Thema auch im dritten Kapitel der Dissertation präsent. Geier erläutert zunächst Apokalypse-Vorstellungen: Das Handlungsmuster umfasse drei Phasen: Krise, Gericht und Erlösung. Das Gericht bilde den Wendepunkt, der den Status der alten Welt in sein Gegenteil, eine bessere Welt, verkehre. Geier beobachtet, dass die Literatur der 1980er Jahre an diese Tradition anknüpfe, „die eine Rede über Gewalt und zugleich selbst eine gewaltsame Rede“ (S. 181) sei.

In Michel, sag ich (1984) von Ulla Berkéwicz und Übergang von Anne Duden fungiere „die Apokalypse“ auf unterschiedliche Weise als Deutungsmuster kollektiver Gewalterfahrungen: In den Motiven und Strukturen des parabolischen Erzähltextes Michel, sag ich werde das Modell der Apokalypse problematisiert, indem die damit verbundenen, der Legitimierung von Gewalt dienenden Diskurse hinterfragt werden. Der Geschlechterdiskurs beeinflusse die Darstellung von „Gewalt“ dabei nicht. Übergang dagegen entspreche selbst dem Modell der Apokalypse und bleibe ideologischen Diskursen verhaftet, da das reale Ereignis der Shoah als Auslöser der Vernichtungsphantasie präsentiert werde.

„Väterbücher“: Das Private ist politisch

Im vierten Kapitel wird die Konstruktion von Erinnerung, Gewalt und Geschlecht im Kontext der Gattungen „Väterbücher“ und „Wendeliteratur“ untersucht, und zwar anhand der Prosatexte Der Dienst (1990) von Angela Krauß und Stille Zeile sechs (1991) von Monika Maron, die die private und kollektive Vergangenheitsbewältigung in der „Erziehungsdiktatur DDR“ (VII) verhandeln. Geier konstatiert, dass Autoren die Analyse der Geschlechterverhältnisse meist vernachlässigen, während Autorinnen tendenziell die Interdependenz gesellschaftlicher und privater Strukturen gestalten.

Die Relevanz der Kategorie „Geschlecht“ zeige sich in Der Dienst zum einen in der Entfremdung der Tochter vom Vater, die sich parallel zum Erkennen der Geschlechterdifferenz vollzieht, zum anderen in der kulturellen Codierung von „Männlichkeit“, die an der Figur des Vaters als „Kristallisationspunkt verschiedener Gewaltphänomene“ (S. 289) aus der privaten und der öffentlichen Sphäre vorgeführt werde. Wie in Stille Zeile sechs seien die Diskurse um Macht und Körperlichkeit verflochten.

Geier beobachtet in Stille Zeile sechs im Unterschied zu früheren Romanen Marons ein Zurücknehmen der Bedeutung von „Geschlecht“ in Machtdiskursen zugunsten der Generationenproblematik. Thematisierung und Dethematisierung von „Geschlecht“ wechselten sich ab, letztere dominiere. Stille Zeile sechs trage damit wie Das Muschelessen (1990) von Birgit Vanderbeke durch die Kritik an den patriarchalen Herrschaftverhältnissen den Entwicklungen der feministischen Theorie Rechnung: Die Macht des Vaters als Familienoberhaupt wird von den anderen Familienmitgliedern in Frage gestellt, indem diese ihr eigenes Handlungspotential entdecken und aktivieren.

Ideologiekritik: Sprachmacht und Trivialität

Gewalterfahrungen in der Familie, der Sozialisation und den Geschlechterverhältnissen stehen im Fokus des fünften Kapitels, in dem Vanderbekes Das Muschelessen und Lisa´s Liebe. (1997) von Marlene Streeruwitz analysiert werden. Geier arbeitet heraus, dass in Das Muschelessen die Kritik an der Sprachmacht sowohl Kritik an ideologischer als auch an individueller Herrschaft einschließt. In Lisa´s Liebe. erfolgt die emanzipatorische Befreiung durch die neue Codierung der Handlungen Lisas: Streeruwitz verwendet den Trivialliebesroman als Maskerade, um Kritik am Trivialitätskonzept zu üben, ohne seine Inszenierung aufzugeben. Damit stellt sie den Vorwurf der Trivialität ebenso in Frage wie das feministische Projekt der Trivialliteratur aus den siebziger Jahren.

Geiers Ergebnisse belegen die Notwendigkeit, „[…]‚Geschlecht‘ als eine potentiell sinnstiftende Kategorie aufzufassen […], die immer erst aktualisiert werden muss und nicht vorausgesetzt werden darf.“ (S. 481) Es stellt sich die Frage, ob die Einführung in die für die Untersuchung relevanten Themen und Theorien der Kulturwissenschaft nicht weniger ausführlich hätte ausfallen können. Außerdem ist zu bedauern, dass Geier die Präsentation und Diskussion der Forschungsliteratur häufig in die Fußnoten verlagert. Die Überarbeitung der 2003 an der Universität Tübingen eingereichten Dissertation hätte dazu genutzt werden können, den Anmerkungsapparat neu zu strukturieren und Wiederholungen herauszunehmen. Gleichwohl ist die Studie unbedingt lesenswert. Sie liefert einen wichtigen Forschungsbeitrag, der sich nicht auf die Literaturwissenschaft beschränkt.

URN urn:nbn:de:0114-qn073175

Margret Karsch

Hannover

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