Friederike Schneider: Junge Männer mit Problemen

Junge Männer mit Problemen

Rezension von Friederike Schneider

Florian Hitz:

„Zuerst die Freunde, dann die Frau.“.

Verantwortungen jemenitischer Männer gegenüber ihren Familien. Eine empirische Untersuchung in der Altstadt von Sana’a.

Berlin: Klaus Schwarz 2005.

101 Seiten, ISBN 3–87997–327–X, € 26,00

Abstract: Die vielfältigen Verantwortungen junger jemenitischer Männer gegenüber ihren Familien stehen im Mittelpunkt dieser empirischen Untersuchung. Bei dem Werk handelt es sich um eine Lizenziatsarbeit in Form einer klassischen Ethnografie, basierend auf einer Feldforschung in den Jahren 2003 und 2004 in der Altstadt von Sana’a, Jemen. Das Fazit der gesamten Studie wird mit dem Titel Zuerst die Freunde, dann die Frau vorweggenommen.

Während es zu den Lebenswelten muslimischer Frauen inzwischen eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur gibt, existieren zur islamischen Männerwelt nur extrem wenige Studien; die Arbeit von Florian Hitz füllt hier definitiv eine Lücke. Der Band ist in einen kürzeren theoretischen und einen längeren empirischen Teil mit insgesamt sieben Kapiteln gegliedert. Zunächst stellt Florian Hitz die methodischen und theoretischen Grundlagen seiner Feldforschungsarbeit vor und diskutiert den Stand der Forschung. Anhand eines Fragebogens führte Hitz mit 15 jungen Männern zwischen 18 und 30 Jahren semistrukturierte Interviews durch; weitergehende Informationen zu dem stark tabuisierten Familienleben erhielt er durch teilnehmende Beobachtung und informelle Gespräche.

In Bezug auf seine methodische Vorgehensweise orientiert sich der Autor an dem bekannten Modell von Yanagisako und Collier. Diese Wissenschaftlerinnen entwarfen bereits 1987 eine analytische Methode, um die westlichen Dichotomien „männlich“ und „weiblich“ zu überwinden und stattdessen Geschlecht und Verwandtschaft als soziale Ganzheiten zu betrachten. Zu dieser Methoden gehören die Analyse kultureller Bedeutungssysteme, die Untersuchung systemischer Modelle von Ungleichheit und die historische Analyse, die den gesellschaftlichen Wandel aufzeigt.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Der empirische Teil der Arbeit beginnt mit dem zentralen Kapitel „Verantwortungen jemenitischer Männer gegenüber ihren Familien“. Zunächst untersucht Hitz die lokalen Konzepte von Männlichkeit und diverse Rituale und Traditionen, die für das männliche Rollenverständnis relevant sind oder sein könnten, wie die Beschneidung, den Krummdolch, die Kleidung, den Oberlippenbart und die mit zunehmendem Alter immer stärker forcierte Segregation der Geschlechter. Keiner dieser Faktoren oder Umstände stellt nach Ansicht des Autors wirklich den Übergang zum Mannestum dar – auch nicht die Geschlechtsreife oder die Heirat. Im Jemen wird ein Mann erst dann zum Mann, wenn er einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Für die Konstituierung der männlichen Identität ist demnach die Arbeit ausschlaggebend. Von den Männern wird erwartet, dass sie ihre gesamte erweiterte Familie, insbesondere aber ihre Eltern, finanziell unterstützen; sie sind dadurch einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt.

Um die unterschiedlichen Konzepte von „Familie“ im Jemen zu verdeutlichen, gibt Hitz einen kurzen historischen Abriss über Familien- und Gesellschaftsformen vor der Revolution von 1962. Heutzutage ist die „islamische Familie“ mit dem Mann als Alleinversorger und einer Frau, die zu Hause bleibt, das als fortschrittlich und modern angesehene Ideal.

Die von Florian Hitz in der Altstadt von Sana’a befragten jungen Männer streben alle dieses islamische Familienideal an und können es aufgrund ihrer finanziellen Situation und der Tatsache, dass sie in Mehrgenerationenhaushalten leben, auch weitgehend verwirklichen. Diese Männer haben ein relativ klares Rollenverständnis und sind sich ihrer – gegenwärtigen oder zukünftigen – Verantwortung bewusst. Der Zuständigkeitsbereich der Frau hingegen beschränkt sich auf das Haus: Kochen, Waschen, Kindererziehung. Hitz konnte feststellen, dass die jungen Männer zwar theoretisch einer Berufstätigkeit von Frauen in „passenden“ Berufen zustimmen, dies aber in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld als Schande und Angriff auf ihre Männlichkeit begreifen. Dennoch wird betont, dass die Tätigkeiten von Mann und Frau gleichwertig sind und sich im Sinne einer „balancierten Reziprozität“ (S. 37) ergänzen.

Soziale Investitionen

In detaillierten Fallbeispielen geht Florian Hitz auf spezifische Lebensentwürfe und –umstände einzelner verheirateter und unverheirateter Männer ein. Dabei wird deutlich, dass das Senioritätsprinzip in der männerdominierten Altstadt von Sana’a die wichtigste Kontrollinstanz darstellt. Die Söhne sind ihren Vätern zu absolutem Gehorsam und unerschütterlicher Loyalität verpflichtet. Auch erwachsene, verheiratete Männer geben ihren gesamten Verdienst an den Vater ab. Älteren Brüdern müssen alle Wünsche erfüllt werden. Allerdings hat die ältere Männergeneration die Machtmittel in der Hand: Begehrte Arbeitsplätze, vor allem sichere Stellen in der Regierung, lassen sich fast ausschliesslich über Beziehungen erlangen. Hitz beschreibt die verschiedenen Formen der Arbeit und die unterschiedlichen Arbeitgeber in der Stadt sowie die Strategien der zahlreichen Erwerbslosen, eine Anstellung zu finden.

Als Ausgleich zu diesen Belastungen und Erwartungen pflegen junge Männer in Sana’a intensive Freundschaften mit Gleichaltrigen. Hitz beschreibt und analysiert die unterschiedlichen Grade an Intimität und die weitreichende Bedeutung dieser Männerfreundschaften. Fast die gesamte Freizeit wird auf das Zusammensein mit vorzugsweise gleichaltrigen Geschlechtsgenossen und den gemeinsame Konsum von Qat, einem milden Stimulationsmittel, verwendet. Da der Qatkonsum erhebliche finanzielle Belastungen mit sich bringt, führt dies zu familiären Spannungen. Dennoch stellen diese bereits in jungen Jahren etablierten Kontakte eine Investition in die Zukunft dar: „Ein grosses Netz an Freunden und damit soziales Kapital bildet die wichtigste Voraussetzung zu Erlangung ökonomischen Kapitals“. (S. 93)

Aufschlussreiche Beobachtungen

Die Arbeit von Florian Hitz zeichnet sich aus durch eine gute Gliederung und eine klare, ungekünstelte Sprache. Der Autor vermittelt einen guten Einblick in die Lebenswelt und die Sorgen und Nöte einiger junger muslimischer Männer, die in keiner Weise den üblichen Klischees vom „orientalischen Mann“ entsprechen. Sie erscheinen vielmehr sensibel, vernünftig und pflichtbewusst. Zwischen ihnen existieren allerdings nur geringfügige Unterschiede, da sie alle in etwa der gleichen sozialen Schicht angehören, in unmittelbarer Nachbarschaft leben und den gleichen sozialen Gegebenheiten und Erwartungen ausgesetzt sind.

Der Versuch, methodisch die Dichotomien „weiblich“ – „männlich“ zu überwinden, ist lobenswert, wenngleich der Autor selbst seine Arbeit mit einer Schilderung der Altstadt beginnt, in der Aussehen und Verhalten von Männern und Frauen miteinander kontrastieren: „Die Strassen von Sana’a sind von zwei Farben bestimmt: weiss ist die Farbe der Männer. […] Schwarz, die Farbe der Frauen: von Kopf bis Fuss sind sie in schwarze Tücher gehüllt“ (S. 1). Während die Männer in Cafés sitzen und ausgiebig mit Freunden plaudern, verweilen die Frauen nie lange an einem Ort. Die oft wiederholte Aussage der Informanten des Autors: „Der Mann ist draußen verantwortlich und die Frau fürs Haus“ (S. 37), scheint ebenfalls eine gewisse Dichotomie zu implizieren, wenngleich das Senioritätsprinzip die Existenz der jungen Männer mehr bestimmt als die Beziehungen unter den Geschlechtern, eine Tatsache, die Hitz überzeugend demonstriert.

Aufgrund der sehr eng gefassten Themenstellung und der relativ geringen Anzahl an Informanten kann die Forschung nicht als repräsentativ für die gesamte islamische oder auch jemenitische Männerwelt gelten. Die sozialen Zwänge mit ihren Konsequenzen für die Lebensgestaltung der jungen Männer in der Altstadt von Sana’a sind jedoch hervorragend dokumentiert und analysiert.

Fazit

Der Band ist gut gelungen und eminent lesenswert. Er stellt eine ausgezeichnete Ergänzung zur existierenden Literatur zur Genderthematik im Islam dar.

URN urn:nbn:de:0114-qn073289

Dr. Friederike Schneider

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