Heike Kahlert: Doppel-Karriere-Paare: (k)ein Ende des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses?

Doppel-Karriere-Paare: (k)ein Ende des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses?

Rezension von Heike Kahlert

Heike Solga, Christine Wimbauer (Hg.):

„Wenn zwei das Gleiche tun…“.

Ideal und Realität sozialer Ungleichheit in Dual Career Couples.

Opladen: Barbara Budrich 2005.

269 Seiten, ISBN 3–938094–06–0, € 23,90

Abstract: Damit beide hoch gebildeten Partner erfolgreich eine berufliche Karriere verfolgen können, bedarf es geeigneter Strategien, um externe berufliche und private Anforderungen innerpartnerschaftlich zu bewältigen, so die übergreifende These dieses anregenden Sammelbandes. Dabei verdeutlichen die 11 Beiträge, dass ein egalitäres Geschlechterverhältnis in Doppel-Karriere-Paaren keineswegs selbstverständlich ist: Die Haus- und Sorgearbeit erweist sich auch in diesen Paarbeziehungen überwiegend als Aufgabe der Frauen, die diese in ihre Karriereplanung integrieren (müssen). Der Band liefert einen gut lesbaren Überblick über die theoretisch und empirisch-methodisch breit differenzierte Forschung zu Doppel-Karriere-Paaren, vor allem in Deutschland, und gibt zahlreiche Impulse für weiterführende Forschungsprojekte.

Doppel-Karriere-Paare – ein vergleichsweise neues Forschungsthema

Die Zahl der Partnerschaften, in denen beide Partner eine berufliche Karriere verfolgen, steigt – vor allem durch das insgesamt mit der Bildungsexpansion gestiegene Bildungsniveau, besonders aber durch die verbesserte Bildung und Ausbildung von Frauen. Für immer mehr Frauen ist die eigene berufliche Entwicklung zu einem wichtigen Bestandteil des Lebensentwurfs geworden. Sie wollen Beruf und Familie nicht mehr als Alternativen sehen, sondern eine Familie haben und erwerbstätig sein. Zugleich sind Familien häufig auf zwei Erwerbseinkommen angewiesen, die Zahl an Dual Earner Couples, an Zwei-/Doppel-Verdiener-Paaren also, steigt. Wenn beide Partner „eine hohe Bildung und Berufsorientierung besitzen sowie eine eigenständige Berufslaufbahn verfolgen“ (S. 9) – womit unter „hoher Bildung“ im zu besprechenden Band das Vorliegen eines akademischen Abschlusses verstanden wird –, handelt es sich um Dual Career Couples (DCCs) bzw. Zwei-/Doppel-Karriere-Paare.

Dieses vergleichsweise neue Phänomen, das auch in der deutschsprachigen Familien-/Partnerschafts-, Geschlechter-, Ungleichheits- und Personalforschung bisher kaum in den Blick genommen wurde, steht im Mittelpunkt des von den beiden Soziologinnen Heike Solga und Christine Wimbauer herausgegebenen Sammelbandes. Neben einer Einleitung der Herausgeberinnen, die einen Problemaufriss und einen Überblick über den Forschungsstand zu DCCs gibt sowie in die einzelnen Aufsätze einführt, enthält der Band zehn Beiträge aus Soziologie, Psychologie und Betriebswirtschaft. Diese werden durch die übergreifende These der Herausgeberinnen miteinander verknüpft, dass das erfolgreiche Verfolgen einer beruflichen Karriere durch beide Partner geeigneter Strategien der innerpartnerschaftlichen Bewältigung externer beruflicher und privater Anforderungen bedürfe (vgl. S. 10).

Forschungsperspektiven auf geschlechtstypisch ungleiche Karrieren

In den Beiträgen des Bandes, deren Empirie sich mit einer Ausnahme auf Deutschland bezieht, werden verschiedene Aspekte der relationalen Herstellung von geschlechtstypisch ungleichen Karrierechancen und ergebnissen thematisiert. Dabei ergibt sich eine große Spanne an unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema.

In den ersten drei Beiträgen bilden paarextern bedingte, jedoch in der jeweiligen Paarkonstellation bedeutsam werdende individuelle Faktoren den Untersuchungsfokus: Heike Solga, Alessandra Rusconi und Helga Krüger stellen in ihrem Aufsatz die gängige Annahme in Frage, dass es eine altersbedingte Reihenfolge der Karriereschritte in DCCs gäbe. Zwei weitere Beiträge gehen von der Professionsperspektive aus; untersucht werden DCCs in der Medizin oder Psychologie (Susanne Dettmer und Ernst-H. Hoff) bzw. DCCs mit erwerbstätigen Akademikerinnen und Akademikern in Naturwissenschaft und Technik (Bärbel Könekamp und Yvonne Haffner).

In weiteren vier Beiträgen steht die partnerschaftliche Binnenperspektive im Mittelpunkt: Gerhart Sonnert analysiert die Zeitperspektiven von beruflichen und familiären Zielen von ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten zweier prestigereicher US-amerikanischer Wissenschaftsinstitutionen. Dass das „Vereinbarkeitsmanagement“ (S. 121) in DCCs aus Freiberuflichkeit, wissenschaftlicher Tätigkeit in staatlicher Forschung und Lehre und im Management von Frauen zu leisten ist, die Ermöglichung von DCCs also „eine von den Frauen erbrachte Leistung“ (S. 132) ist, zeigen Cornelia Behnke und Michael Meuser. Lena Schürmann untersucht die Arbeitsteilungsarrangements bezüglich der Hausarbeit in gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen, und Andreas Hirseland, Holger Herma und Werner Schneider fragen nach den Geldarrangements der Doppel-Verdiener-Paare.

Abgeschlossen wird der Band mit drei Einzelbeiträgen: Christine Wimbauer entwirft einen theoretischen Rahmen zur Erforschung intersubjektiver Anerkennungsstrukturen in DCCs, während Anke Höhne Erwerbsverhalten und arrangements in ostdeutschen Akademikerpartnerschaften nach der Wende 1989 durchleuchtet. Schließlich wechselt Jürgen Schulte die Forschungsperspektive, indem er auch die Perspektive des Personalmanagements von Unternehmen auf das neue Phänomen der DCCs einnimmt.

Die Beiträge lenken die Aufmerksamkeit auf eine Vielzahl an unterschiedlichen Faktoren und Dimensionen, die neben dem Geschlecht für die Analyse „sozialer (Un-)Gleichheit“ in DCCs relevant sind, z. B. Alter, Profession, sexuelle Orientierung und Ost-West-Unterschiede. Deutlich wird auch, dass der Umgang mit Zeit – hinsichtlich der beruflichen Karrieregestaltung, aber auch der eventuellen Familiengründung – in DCCs ungleichheitsbegründend sein kann, denn nicht immer gelingt es, die beruflichen Karrieren beider Partner zu synchronisieren: Nicht selten sind es die Frauen, die dabei in ihrer beruflichen Karriere zurückstecken. Gerade auch mit Blick auf weitere, an die vorgestellten Ergebnisse anschließende Forschungen ist das breite theoretisch-konzeptionelle, vor allem aber methodische Spektrum der einzelnen Beiträge (qualitativ und quantitativ) beispielgebend.

Perspektivenerweiterung: Für eine Verschränkung von Berufs- und Familienkarriere

Solga und Wimbauer benennen eingangs das wesentliche Anliegen und übergeordnete Ziel des vorliegenden Bandes: die „deutsche Leerstelle sowie generelle Forschungslücken […] füllen zu helfen und der zunehmenden gesellschaftlichen Relevanz von Dual Career Couples sowie damit verbundenen Ungleichheiten Aufmerksamkeit zu verschaffen“ (S. 9). Das Anliegen und Ziel wird voll eingelöst, wobei, wie so oft, die Beiträge mindestens so viele Fragen aufwerfen wie sie beantworten. So liefern die Aufsätze einen Überblick über den Forschungsstand in Deutschland zu DCCs, aber auch jeweils ein Bündel an neuen Anschlussfragestellungen, die ebenfalls spannend zu verfolgen wären.

Die von den Herausgeberinnen gewünschte Perspektive auf „Ideal und Realität sozialer (Un )Gleichheit in Dual Career Couples“, so der Untertitel des Bandes, wird aus Sicht einer der Kategorie Geschlecht verpflichteten Ungleichheitsforschung allerdings nicht immer befriedigend eingelöst: Zwar wird in allen Beiträgen das Geschlecht thematisiert (auch dann, wenn es sich um eingeschlechtliche Paare handelt), doch gelingt nicht immer gleichermaßen auch der kritisch-distanzierte Blick auf den ungleichheitsstiftenden Charakter von Geschlecht: Dass in nahezu allen in den Beiträgen untersuchten DCCs – in den USA sowie in West- und Ostdeutschland – die Haus- und Sorgearbeit in erster Linie eine Aufgabe der Frauen und in ihre Karriereplanung zu integrieren ist, hätte durchaus auch im Licht einer gesellschaftlich nach wie vor ungleichen geschlechtlichen Arbeitsteilung reflektiert werden können. Gemäß der übergreifenden These des Buches wird diese strukturelle Ungleichheit jedoch in die Strategien der innerpartnerschaftlichen Bewältigung verwiesen, also in das paarinterne Handeln, das aber immer ein Handeln in Strukturen ist.

Hilfreich in diesem Zusammenhang könnte sein, den Karrierebegriff etwas kritisch-reflektierter anzugehen und nicht unhinterfragt nur als berufliche Laufbahn zu identifizieren. Geriete nämlich die, wenn auch geschlechtlich nach wie vor ungleiche, Verschränkung von Berufs- und Familien„karriere“ in den Lebensläufen von Frauen und Männern systematisch in den Aufmerksamkeitsfokus der Forschung zu DCCs, so ließe sich das Problem der geschlechtlichen Arbeitsteilung in DCCs um die „private“ Perspektive erweitern und so etwas breiter und geschlechts„egalitärer“ angehen. Damit ist der Fragenkatalog für die künftige Forschung zu DCCs schließlich um noch einen theoretisch-konzeptionellen Vorschlag ergänzt, ganz wie es Anliegen und Ziel des anregenden und durchweg gut lesbaren Bandes ist.

URN urn:nbn:de:0114-qn073154

Dr. Heike Kahlert

Universität Rostock, Institut für Soziologie und Demographie

E-Mail: heike.kahlert@uni-rostock.de

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