Julia Nentwich: Die Erfindung des „traditionellen Vaters“

Die Erfindung des „traditionellen Vaters“

Rezension von Julia Nentwich

Barbara Drinck (Hg.):

Vatertheorien.

Geschichte und Perspektive.

Opladen: Barbara Budrich 2005.

257 Seiten, ISBN 3–938094–22–2, € 19,90

Abstract: In den meisten Diskussionen zum Thema ‚Vater‘ wird vom „traditionellen“ Vater gesprochen. Die Kritik, dass dabei nicht hinreichend geklärt wird, was damit jeweils gemeint ist und was sich hinter diesen Vorstellungen verbirgt, ist für Barbara Drinck Ausgangspunkt, verschiedene Vaterdiskurse zu analysieren. Sie untersucht in beeindruckender Detailgenauigkeit die wichtigsten Vatertheorien und Vaterbilder auf der Grundlage von pädagogischen, psychologischen und soziologischen Beiträgen der letzten 250 Jahre.

Geschichte des Vaters oder Vaterdiskurs?

Barbara Drinck gelingt mit Vatertheorien. Geschichte und Perspektive gleich mehreres. Zum einen leistet sie einen beeindruckend umfassenden Überblick über Vatertheorien in ihrem historischen Zusammenhang, zum anderen arbeitet sie sehr detailliert und genau die Ursprünge und Entwicklungen verschiedener Vaterdiskurse heraus. Ausgangspunkt ihrer Analysen ist die Feststellung, dass in den aktuell boomenden Studien zum Thema ‚Vater‘ sich immer auch auf eine „Geschichte des Vaters“ bezogen wird. Dabei wird zumeist „eine ontologische Figur des ‚traditionellen‘ bzw. ‚klassischen‘ Vaters aufgebaut oder schon vorausgesetzt“ (S. 7). Für problematisch hält die Autorin, dass hierbei auf im wissenschaftlichen Diskurs entstandene Vaterbilder Bezug genommen wird, die dann mit einer historischen Realität gleichgesetzt werden. Die Autorin empfiehlt hier dringend, den pädagogisch-soziologischen Diskurs von einer Geschichte der Vaterschaft zu trennen. In ihrer Studie nimmt sie sich vor, die diskursive Konstruktion des Vaters in vielfältigen theoretischen Abhandlungen zu analysieren und damit möglichen Ursprüngen des heutigen als „traditionell“ bezeichneten Vaters und den Erscheinungsformen von Vaterschaft nachzugehen.

Von Rousseau über Mitscherlich zur Männerforschung

Drincks Analysen und damit auch das Buch sind chronologisch sowie thematisch gegliedert. Die Entwicklung des traditionellen Vaterbildes wird anhand von pädagogischen Handbüchern aus dem 18. und 19. Jahrhundert untersucht. Drinck skizziert eine Entwicklung vom Familienmodell mit dem Vater als Hausvater, Erzieher, Lehrer und Schützer hin zu einer allein von der Mutter ausgefüllten Welt der Erziehung. Es folgt eine Analyse „pädagogischer Klassiker“ von Rousseau, Pestalozzi, verschiedenen Philanthropen, Fröbel, Herbart bis hin zu Schleiermacher und Riehl. Die Relevanz der 68er „Revolte gegen den Vater“ wird entlang der Entwicklung psychoanalytischer (Freud und Jung), marxistischer (Engels) Theorien sowie der Frankfurter Schule (Horkheimer und Adorno, Marcuse, Alexander und Margarete Mitscherlich) betrachtet. Sich den theoretischen Modellen der Gegenwart nähernd führt sie dann die Grundlagen gegenwärtiger Geschlechtertheorien und der darin enthaltenen Vatertheorien aus. Auch hier weist Drincks Studie eine beeindruckende Bandbreite auf: von mittelalterlichen und modernen Zeugungstheorien ausgehend über Strukturalismus hin zu Poststrukturalismus und Neostrukturalismus führt Drinck bis zur Diskussion über die Konstruktion eines geschlechtlichen Subjekts. Abschließend werden zeitgenössische Texte über den Vater exemplarisch am Kursbuch 2000 auf ihre Vaterdiskurse hin analysiert.

Die Erfindung des „traditionellen“ Vaters

Anhand der Analyse der Handbuchartikel zeigt Drinck eindringlich auf, wie der heute als „traditionell“ bezeichnete Vater aus Beschreibungen des römischen „Pater familias“ entstanden ist. Er ist das Vorbild für den in den Handbüchern des 19. Jahrhunderts beschriebenen „Hausvater“. Drincks bescheidenes Resümee: „Alles, was sich aus den vorliegenden Ergebnissen vorerst dazu sagen lässt, ist, dass der traditionelle Vater eine Schöpfung oder sogar Erfindung des Handbuchdiskurses im 19. Jahrhundert zu sein scheint und sich aus der Antiken-Rezeption des Pater familias ableiten lässt.“ (S. 225, Hervorhebungen im Original)

Der „neue Vater“ ist gar nicht so neu wie zunächst gedacht

Während in den Handbüchern der „traditionelle“ Vater heraufbeschworen wurde, wird bereits im 19. Jahrhundert vom Philanthropen Salzmann das beschrieben, was heute als „neuer, engagierter Vater“ bezeichnet werden kann. Er erhofft sich von einem aufgeklärten Mann, dass er für die Ernährung des Kindes sorge, aber auch für „richtiges Liegen und Schlafen seines Säuglings“ (S. 100). Der Vater bei Salzmann ist ein aufgeklärter Pädagoge, der sich in seinem Verhalten auf die jeweilige Entwicklungsphase des Kindes einstellt und sich die Liebe seines Kindes wünscht. „Nicht der rationale Charakter des Vaters steht jetzt im Vordergrund, sondern seine Leidenschaft für sein Kind. Das was als Mutterliebe oft bei Pestalozzi und früher bei Rousseau beschrieben wird – diese gegenseitige Liebe von Mutter und Kind soll genauso auch dem Vater gelten.“ (S. 102 f.)

Zeitgenössische Vaterdiskurse

Zeitgenössische Vaterdiskurse analysiert die Autorin am Beispiel des Kursbuch Väter, in dem Texte verschiedener Autoren zum Thema Vater publiziert sind. Zentral ist hier ihre Feststellung, die heutige Diskussion sei in erster Linie dissonant. Es sei hier nicht mehr deutlich, auf welche theoretischen Positionen man sich beziehe. Auch wenn Mitscherlichs Metapher der „vaterlosen Gesellschaft“ häufig zitiert werde, handele es sich hier um nicht viel mehr als eine häufig wiederholte Beschwörungsformel (vgl. S. 218). Das Ergebnis von Drincks Diskursanalyse sind drei Hauptbilder des Vaters: der „traditionelle Vater“, der „neue Vater“ in drei Spielarten und der „abgelehnte Vater“. Der „traditionelle Vater“ wird hier als schon seit Jahrtausenden existierender Patriarch, der der Familie die Welt vermittelt, dargestellt. Bei den „neuen Vätern“ unterscheidet Drinck drei Varianten; zunächst den „engagierten Vater“ der bereits bei der Geburt des Kindes aktiv dabei ist und als Verantwortung übernehmend, fürsorglich, und authentisch beschrieben wird. Er ist „ein pädagogischer Anarchist und trotzdem ein Vorbild“. Anders der „gespaltene Vater“, er erscheint als „ein unbeholfener Softie mit Rollenkonfusion“. Negativ erlebt sich der „Verlierervater. Er ist „Zahlvater“ oder „Erzeuger“ und wird immer als Abwesender wahrgenommen. Ähnlich negativ der dritte Vatertyp, der „abgelehnte Vater“. Er ist der Delinquente, der seine Kinder misshandelt. Er fühlt sich überfordert, heimatlos, ungerecht behandelt und hilflos. Sein Verhalten ist störend, er ist ein machtloser Schwächling.

Im Unterschied zum „traditionellen Vater“, der als Identifikationsfigur für seine Kinder beschrieben wird, definiert sich der „neue Vater“ über das aktive Vatersein. Dabei unterscheidet sich die heutige Darstellung des traditionellen Vaters nach Drinck in einem Punkt vom traditionellen Vater des 19. Jahrhunderts: hatte dieser eine patrimoniale Verpflichtung gegenüber seinen Söhnen und zugleich gegenüber Gemeinschaft und Staat, dreht sich die heutige Diskussion um seine entwicklungspsychologischen Funktionen für das Kind.

Vater- und Mutterbild bedingen sich gegenseitig

Über Väter kann kaum etwas gesagt werden, was nicht auch Mütter betrifft. In den frühen Handbüchern ist auffällig, dass der Vater immer nur das sein kann, was die Mutter nicht ist, so auch bei Pestalozzi, der die „Vernunft des Vaters“ preist und auf „instinktiv gesteuerte Handlungen“ der Mutter verweist (vgl. S. 92). Männlichkeit und Väterlichkeit werden binär in Bezug zu Weiblichkeit und Mütterlichkeit konstruiert. Während Drinck diesen Aspekt der Konstruktion gut ausleuchtet, bleibt leider die Analogie zwischen „Mann“ und „Vater“ bzw. „Frau“ und „Mutter“ unreflektiert.

Die das Buch auszeichnende Fülle des Materials ist mitunter auch verwirrend. Wurden doch zum einen Handbücher, sowohl historische als auch zeitgenössische, untersucht, dann aber auch wissenschaftliche Theorien. Obwohl das Buch alles in allem sehr gut verständlich und sehr flüssig und auch spannend geschrieben ist, geht einem als Leserin ab und an der rote Faden verloren, auch verschwimmt an mancher Stelle die Darstellung theoretischer Positionen mit der Analyse der darin enthaltenen oder produzierten Vaterdiskurse. Davon einmal abgesehen ist es Barbara Drinck aber mit ihren Analysen gelungen, fundierte Grundlagen für eine differenziertere Auseinandersetzung mit verschiedenen Väterdiskursen und Vaterbildern zu legen!

URN urn:nbn:de:0114-qn072204

Dr. Julia Nentwich

Universität St. Gallen, Lehrstuhl für Organisationspsychologie, Koordinatorin für Gender Studies

E-Mail: julia.nentwich@unisg.ch

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