Josch Hoenes: Das Schweigen brechen

Das Schweigen brechen

Rezension von Josch Hoenes

Neue Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) (Hg.):

1–0–1 [one ‚o one] intersex.

Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung.

Berlin: NGBK 2005.

192 Seiten, ISBN 3–926796–95–2, € 15,00

Abstract: Tabuisierung kennzeichnet den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umgang mit Intersexualität. Dieser Gewaltförmigkeit von Zweigeschlechtlichkeit, die gleichermaßen auf der Pathologisierung wie auf der Unsichtbarmachung von Intersexualität basiert, soll mit dem Katalog entgegengewirkt werden. Ausgehend von der Kritik am medizinischen Umgang mit Intersexualität wird in den Beiträgen die Notwendigkeit betont, alternative Denk- und Handlungsmuster zu entwerfen. Der Katalog bietet mit seinen vielen sehr unterschiedlichen Beiträgen nicht nur fundierte Informationen zum Thema Intersexualität, sondern liefert wichtige und spannende Denkanstöße dafür, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt lebbarer zu machen.

Politiken der Sichtbarmachung

Zielsetzung des Kataloges ist es nicht, Intersexuelle als „Betroffene auszustellen“, sondern den gesellschaftlichen Umgang mit Intersexualität zu problematisieren ohne dabei die spezifischen Probleme, mit der Intersexuelle in einer zweigeschlechtlichen Gesellschaft konfrontiert sind, zu verschweigen. Diesem Anliegen folgend werden eigene wie grundsätzliche Probleme von Sichtbarkeitspolitiken problematisiert und reflektiert: Wie kann es gelingen, Intersexualität und die Erfahrungen von Intersexuellen sichtbar zu machen, ohne eine voyeuristische Schaulust zu bedienen, die eher der Bestätigung von Normalität als der Kritik gesellschaftlicher Ordnungsmuster dient? Wie lässt sich die Anerkennung der Rechte von Intersexuellen innerhalb des herrschenden Systems der Zweigeschlechtlichkeit fordern und gleichzeitig eine Kritik an diesem System formulieren? Es ist eine der Qualitäten des Kataloges, dass diese Fragen thematisiert und Widersprüche offen gehalten werden. So gibt die Einleitung der Ag 1–0–1 Einblicke in die geführten Diskussionen und verdeutlicht bspw. die Ambivalenz, die mit der Entscheidung verbunden ist, sich auf den Menschenrechtsdiskurs zu beziehen: Dies ermöglicht eine wirksame Einforderung von Grundrechten. Insofern der Menschenrechtsdiskurs das System der Zweigeschlechtlichkeit selbst nicht in Frage stellt, muss er jedoch als problematisch erachtet werden. Nanna Lüth thematisiert die Notwendigkeit von Politiken der Sichtbarmachung angesichts der Gewalt, die Intersexuelle durch Unsichtbarmachung erfahren. Der Ausstellungskonzeption liegt das Anliegen zugrunde, der hegemonialen Definitionsmacht der Naturwissenschaften entgegenzutreten. Insofern der Weg einfacher Identitätspolitiken verlassen wird, stellt sich nicht nur die Frage nach Bündnissen, sondern auch diejenige, „wer wen wie repräsentieren kann“ (S. 33). Lüth differenziert zwischen Arbeiten von intersexuellen und Nicht-Intersex-Künstler/-innen. Während sich erstere mit einer medizinisch-pathologisierenden Bildtradition kritisch auseinandersetzen und „autobiografisch motivierte“ Gegen-Bilder produzieren, investieren letztere in Bilder, die hegemoniale Ordnungsmuster der Zweigeschlechtlichkeit sowie heteronormative Vorstellungen von Reproduktion und Liebe dekonstruieren (S. 37). Mit der reflektierten Auswahl von Bildmaterial gelingt es im Katalog, eindrucksvoll sowohl Erfahrungen Intersexueller sichtbar zu machen als auch zu einem Nachdenken über die Wahrnehmung von Geschlecht und Möglichkeiten der Veränderung anzuregen. Durch den Verzicht auf das Zeigen von Genitalphotographien und Operationen wird eine voyeuristische Lesart der Bilder zumindest immens erschwert.

Medizinischer und rechtlicher Umgang mit Intersexualität

Aus intersexueller Perspektive kritisieren die Beiträge von Ins A Kromminga, Barbara Jane Thomas und Michael Reiter die Gewalt an Intersexuellen innerhalb der Medizin. Diese behandelt Intersexualität als Problem einzelner Individuen, dem durch Unsichtbarmachung und die bestmögliche Anpassung an normative Körpervorstellungen entgegenzutreten ist. Häufig wird den Betroffenen ihre Diagnose jahrelang verschwiegen. Aus diesem Schweigen resultieren Scham, Ängste und Isolation. Hinzu kommen zahlreiche medizinische Operationen, Hormonbehandlungen und eine „rigide geschlechtsspezifische Sozialisation“ (S. 137). Die Beiträge verdeutlichen eindringlich die Notwendigkeit, die zwangsweisen Geschlechtszuweisungen zu stoppen. Sie betonen zugleich, dass es sich nicht allein um ein medizinisches Problem handelt. Oliver Tolmein verdeutlicht den dringenden Handlungsbedarf auf rechtlicher Ebene. Um jedoch Diskriminierungen entgegenzuwirken und alternative Lebenswege zur derzeitigen medizinischen Normalisierung zu ermöglichen, ist ein Umdenken in sehr viel breiterem Umfang erforderlich. Statt intersexuelle Kinder durch deren Anpassung an die Norm vor Diskriminierung zu „schützen“, gilt es auf einer gesellschaftlichen Ebene gegen diese Norm anzugehen. Neben konkreten Maßnahmen wie alternativen Beratungsstellen, psychologischen Begleitprogrammen für Eltern u. a. wird pädagogische und kulturelle Arbeit gefordert, die zu einer Anerkennung Intersexueller in der Gesellschaft beiträgt.

Wider die Naturalisierung der Zweigeschlechtlichkeit

Eine zentrale Legitimierung für die Diskriminierung Intersexueller liegt in dem Glauben, Zweigeschlechtlichkeit sei eine ahistorische und transkulturelle Gegebenheit. Dass dem nicht so ist, zeigen Beiträge aus historischen, ethnologischen (Balzer) und kunstwissenschaftlichen Perspektiven. Anhand der Untersuchung, wie Hermaphroditismus und Intersexualität in kulturellen Prozessen und Diskursen konstruiert wird, gelingt es an konkreten Beispielen zu zeigen, dass heteronormative Zweigeschlechtlichkeit keine naturgegebene Entität darstellt.

Katharina Sykora und Rainer Herrn arbeiten anhand der Analyse von Magnus Hirschfelds Forschungen heraus, wie und unter welchen Ambivalenzen sich Hermaphroditismus als medizinische, sexualwissenschaftliche und geschlechtertheoretische Kategorie innerhalb juristischer und medizinischer Diskurse der westlichen Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts etabliert. In welcher Weise die Diskursivierung von Intersexualität in Medizin und Psychologie in der Nachkriegszeit „zu den Problemen beiträgt“, die diese Disziplinen „lindern wollen“ (S. 168), diskutiert Ulrike Klöppel. Während in diesen Beiträgen die Diskursivierung des Hermaphroditismus seit 1900 im Mittelpunkt steht, zeigen Ute Frietsch und Fabian Krämer, dass Hermaphroditismus bereits in der Frühen Neuzeit Gegenstand intensiver Diskursivierung war. Krämer regt dabei zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen Michel Foucaults an. Die gegenwärtige Auseinandersetzung mit Intersexualität in der Geschlechterforschung wird von Kerstin Palm reflektiert. Sie kritisiert wissenschaftliche Argumentationen, die intersexuelle Körper als natürlichen Beleg für die Existenz vielfältiger Geschlechtskörper anführt. Eine Argumentation mit der Naturgegebenheit der Körper könne eine politisch wirksame und daher wichtige Strategie sein, auf Ebene der Wissenschaften müsse aber gefordert werden, „die Naturbasis des Geschlechtersystems selbst noch einmal in Frage zu stellen, indem etwa auf die epistemologischen oder auch psychologischen und wissenssoziologischen Hintergründe von Körpervorstellungen und Geschlechterwissen abgehoben wird“ (S. 86).

Eine solche Kritik besitzt m.E. über akademische Theorienbildung hinaus das wichtige Potential, Impulse und Kriterien für einen kulturellen Wandel und politische Interventionen zu erarbeiten, die auf einen grundlegenden Wandel heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit und die Lösung der damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme abzielen.

Queer und Intersex

Die Diskussion politischer Strategien ist auf die Frage konzentriert, wie und ob queere und intersexuelle Politiken vereinbar sind (Lüth, Kromminga). Insofern sich beide gegen heteronormative Normierungen wenden, können solche Bündnisse erfolgreich sein. So verfolgen Operationen an Zwittern auch das Ziel, Körper zu schaffen, die eine „normale“ Heterosexualität ermöglichen. Sie seien insofern auch homophob motiviert (vgl. S. 115). In einer Zusammenarbeit von queer- und Intersex-Politiken dürfen jedoch die spezifischen Forderungen von Intersexuellen nicht übersehen werden. Der Katalog trägt dem Rechnung, indem in zahlreichen Beiträgen politische Forderungen formuliert, aber auch Beispiele für politischen Aktivismus (XY-Frauen, AG 1–0–1 Intersex) präsentiert werden. Wie produktiv solche Bündnisse sein können, zeigen aber auch die künstlerischen Beiträge. So bezeichnet sich bspw. Del La Grace Volcano als “Intersex by Design“. Mit seinen Repräsentationen transgeschlechtlicher Körper irritiert er nicht nur gewohnte Wahrnehmungsweisen von Geschlecht, sondern stellt auch die Natürlichkeit des Körpers selbst in Frage. Sein Ziel ist, “ein Territorium jenseits des binären Geschlechtersystems, das uns allen schadet, zu besetzen“ (S. 96).

Kunst und Intersexualität

Die Vielzahl der im Katalog enthaltenden wissenschaftlichen und politisch-aktivistischen Aufsätze wirft die Frage auf, welche Bedeutung der Kunst in der Auseinandersetzung mit Intersexualität zukommt. Die Intention Del La Grace Volcanos verweist auf das Potential der Kunst, gewohnte Wahrnehmungsweisen zu durchbrechen und alternative Bilder zu produzieren. Dass kulturelle Produktionen und visuelle Repräsentationen ein bedeutsames Feld für politische Interventionen darstellen, verdeutlichen die Beiträge von Antje Hornscheidt und Andrea Bronstering. Während Hornscheidt die besondere Evidenz visueller Wahrnehmung betont und die Schwierigkeit einer „dauerhaften Veruneindeutigung“ (S. 105) diskutiert, zeigt Bronstering am Beispiel der Kastraten in der italienischen Oper, den kulturellen Wandel auf, dem die Gesangskunst und auch die Wahrnehmung unterliegt. Die Konventionen der Repräsentation von Körpern, die deren Wahrnehmung prägen, werden in den Arbeiten von Del LaGrace Volcano und Ins A Kromminga kritisiert und umgearbeitet. Am Beispiel von Science-Fiction-Romanen zeigt Karen Scheper de Aguire, dass diese gerade aufgrund ihrer Fiktionalität die Möglichkeit besitzen „Bedeutungsstrukturen vorzudenken“ und „alternative Wirklichkeitsentwürfe“ zu produzieren (S. 158). Dieses Potential der Imagination nutzen sub Rosa und James Pei-Mun Tsang, die zu einem phantasievollen (Er)Finden von Körperpolitiken auffordern. Des Weiteren kann es mittels künstlerischer Arbeiten (Mortimer, Eli seMbessakwini) gelingen, Erfahrungen Intersexueller auf eine Art und Weise zu repräsentieren, die objektivierenden Darstellungsparametern widersprechen. Indem sie Betrachter/-innen direkt ansprechen und in ihren Selbstverständlichkeiten irritieren, fordern sie zum Nachdenken und Fragen heraus.

Fazit

Angesichts der anhaltenden Tabuisierung von Intersexualität stellt dieser gut lesbare Katalog einen wichtigen Beitrag zu den gegenwärtigen Diskussionen um die Kategorie Geschlecht dar. Eine Qualität liegt in der Zusammenstellung von künstlerischen Arbeiten mit historischen, kultur- und kunstwissenschaftlichen Beiträgen und Diskussionen politischer Strategien. Damit wird deutlich, dass Fragen, wie Geschlecht kulturell konstruiert wird, kein Spezialgebiet wissenschaftlicher Theorienbildung ist. Vielmehr sind diese Fragen immer auch mit Existenzweisen und Alltagspraktiken verbunden. Indem Vorstellungen des vergeschlechtlichten Körpers einen Fokus des Kataloges bilden, enthält er wichtige Impulse für eine Geschlechterforschung, die sich für die Denaturalisierung von Körper und Sex interessiert. Aus kunstwissenschaftlicher Perspektive mögen die marginale Thematisierung des Kunstdiskurses sowie die geringe Anzahl von Abbildungen verwundern. Ein Beitrag, der sich kritisch der Frage nach der Reproduktion von Zweigeschlechtlichkeit in der Kunst widmet, wäre wünschenswert gewesen. Das für einen Ausstellungskatalog ungewöhnliche Bild/Textverhältnis unterstützt die auch in der Zusammenstellung der Beiträge angelegte Positionierung des Kataloges an der Grenze zwischen Kunst und Gesellschaft. In der damit verbundenen Infragestellung traditioneller Grenzziehungen zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik liegt eine weitere Stärke dieser Konzeption. Eher in den Hintergrund tritt die eingangs aufgeworfene Frage, inwiefern Intersexualität „uns alle angeht“ (S. 8). Dies macht es Nicht-Intersexuellen leicht, sich von dem Thema zu distanzieren. Einzig der Beitrag von Rett Rossi wirkt dem entgegen. Sie thematisiert aus nicht-intersexueller Perspektive ihre Involviertheit in das System der Zweigeschlechtlichkeit. Einen zentralen Grund für die Abwehr, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, sieht sie in der Verlustangst Nicht-Intersexueller. Damit ist ein wichtiger Denkanstoß gegeben. Mehr wäre einem Katalog, der den Umgang mit Intersexualität zum Thema macht, wohl auch eher abträglich gewesen.

URN urn:nbn:de:0114-qn071103

Josch Hoenes

Oldenburg/Carl von Ossietzky Universität/Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien

E-Mail: josch.hoenes@mail.uni-oldenburg.de

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