Rolf Löchel: Im Zeichen des ‚Männlichen‘

Im Zeichen des ‚Männlichen‘

Rezension von Rolf Löchel

Urte Helduser:

Geschlechterprogramme.

Konzepte der literarischen Moderne um 1900.

Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2005.

386 S. ISBN 3–412–17004–6, € 49,90

Abstract: In ihrer von der Universität Kassel angenommenen Dissertation verfolgt die Germanistin Urte Helduser die diskursiven Verbindungen der frühen Moderne mit den Konstruktionen von Geschlecht anhand einer Reihe von – in der Regel von Männern verfassten – literartheoretischen und -programmatischer Schriften der frühen Moderne. Schnell ist man von ihrer mit reichem Quellenmaterial belegten These überzeugt, dass sich die literarische Moderne um 1900 der Kategorie Geschlecht „zur programmatischen Selbstverständigung“ bediente. (S. 13) Wie die Autorin zeigt, fungierte der Rekurs auf die Kategorie Geschlecht in literarischen Programmen und poetologischen Entwürfen unterschiedlicher Provenienz gegenüber konkurrierenden Modernekonzepten jeweils als „ausschließende Diskursstrategie“. (S. 37)

Diskursanalytisches Verfahren

Beginnend mit der naturalistischen Bewegung folgt der Aufbau der Arbeit der chronologischen Entwicklung des Untersuchungszeitraums bis hin zur Wiener Moderne. Helduser rekurriert auf die „Selbstthematisierung der Modernität“ (S. 37) in literaturtheoretischen und programmatischen Schriften. Dabei nähert sie sich den Primärtexten mit einem „diskursanalytische[n] Verfahren“, das nicht nach der Intention oder dem Sinn von Texten fragt, sondern ihre „gemeinsame Bedeutungsspur“ aufdeckt und verfolgt, also „einen subjektübergreifenden Diskurs auszumachen sucht“. (S. 57) So vermeidet es Helduser, „vorab festgelegte Begriffe“ etwa von ‚Moderne‘, ‚Geschlecht‘, ‚Männlichkeit‘ und ‚Weiblichkeit‘ zu benutzen, sondern arbeitet deren „diskursive Konstruktionen“ in und an den untersuchten Texten allererst heraus. (S. 58) Eine „Anwendung vorgängiger, stabiler Bedeutungen“ dieser für die Untersuchung zentralen Begriffe könnte „lediglich vorhandene Geschlechterzuschreibungen“ bestätigen. (S. 13) Das von Helduser angewandte diskursanalytische Verfahren eröffnet hingegen die Möglichkeit, „historisch und kontextbezogen spezifische Konstruiertheit von Geschlecht selbst innerhalb des ästhetisch-theoretischen Diskurses aufzuzeigen“ und die stereotype Verwendung bestimmter, einander wechselseitig bestätigender, sich aber auch verschiebender und teilweise verselbständigender Argumentationsfiguren herauszuarbeiten. (S. 60)

Schwerpunktmäßig männliche Autoren

Als Quellenmaterial nutzt Helduser im wesentlichen Programmschriften und poetologische Essays von „schwerpunktmäßig männlichen Autoren“. (S. 55) Zudem zieht sie Zeitschriftenprojekte der literarischen Moderne heran, von denen einige exemplarisch untersucht werden. Helduser konzentriert sich hier insbesondere auf Schriften von Leo Berg und Max Nordau. „[L]iterarische Selbstentwürfe von Autorinnen“ (S. 55) werden hingegen allenfalls beiläufig herangezogen. Nur unter der Zwischenüberschrift „Blaustrümpfe“ findet man einiges Wenige zur (naturalistischen) Literatur von Frauen um 1900, dies allerdings nur kursorisch und eher unter dem Aspekt der zeitgenössischen Rezeption. (Vgl. S. 129–142)

Diese weitgehende Absenz von Texten, die von Frauen geschrieben wurden, ist bedauerlich. Denn gerade die Untersuchung, ob und gegebenenfalls wie sich die Geschlechterkonstruktionen und der Einsatz geschlechtlicher Metaphorik in den programmatischen Schriften und in Selbstentwürfen von Autoren und Autorinnen unterscheiden, hätte aufschlussreich sein können. Dies umso mehr, als Helduser selbst konstatiert, dass die Geschlechterkonstruktionen eines Textes „zum Geschlecht des Autors in Beziehung“ gesetzt werden müssen. (S. 56) Ihre Begründung für die fast ausschließliche Konzentration auf Texte männlicher Autoren, der Diskurs sei eben „ein im wesentlichen von Männern geführter“ gewesen, (S. 56) ist zwar faktisch zutreffend, befriedigt aber dennoch nicht ganz.

Engendering als diskursive Praxis

Einen der zentralen und luzidesten Untersuchungsstränge entwickelt Helduser ausgehend von der These, dass die Moderne entgegen des verbreiteten metaphorischen Gebrauchs von Geschlechterkategorien zur „Bestimmung von literarischen Epochen, Tendenzen und Schreibweisen“ gerade „kein Geschlecht“ habe (S. 29), so dass eine“ umfassende Etikettierung“ der ästhetischen Moderne mit einem bestimmten Geschlecht „nicht sinnvoll“ sei. (S. 26) Wie die Autorin zeigt, ist vielmehr das zeitgenössische Reden über die Moderne „engendered“. (S. 26) Der Begriff des Engenderings verfügt bei Helduser über eine doppelte Bedeutung: Er bezieht die „Gender-Perspektive“ in die Analyse eines „vermeintlich ‚geschlechtsneutralen‘ Gegenstands“ mit ein und verdeutlicht somit zugleich, dass dieser Gegenstand tatsächlich „immer schon“ engendered ist. (S. 61) Helduser zeigt, dass das Engendering in den untersuchten Texte explizit und als diskursive Praxis erkennbar ist. Wie stets, so sind die „Verwendungsweisen von Geschlechterkonstruktionen“ auch in den untersuchten Texten immer zugleich „Aussagen über Geschlecht“. (S. 23)

Naturalismus-Konzepte gegen ‚höhere Töchter‘ und ‚Blaustrümpfe‘

In der von Helduser untersuchten literarischen Epoche stehen zwei literaturtheoretische Konzepte einander vermeintlich polar gegenüber: einerseits der sich zweifellos als ‚männlich‘ verstehende und gebende Naturalismus und als dessen Gegenpart die Wiener Moderne mit ihrer allerdings sehr viel fragwürdigeren Feminisierung.

Wie die Autorin zeigt, werden die Begriffe „weiblich“ und „männlich“ in naturalistischen Programmschriften unabhängig von den biologischen Geschlechtern eingesetzt. Vielmehr wird Geschlecht innerhalb der „genderisierten Ästhetik“ des naturalistischen Programms zu einer „ästhetischen Kategorie“. (S. 73) ‚Das Weibliche‘ fungiert als „Chiffre für die überkommene und triviale Literatur“; ‚das Männliche‘ steht hingegen für „die fortschrittliche ‚wahre‘ Literatur der Zukunft“. (S. 66) Damit stellt sich die naturalistische Moderne unter das Signum des ‚Männlichen‘, ( vgl. S. 73) wobei „[d]ie zunehmende Rede über das ‚Männliche‘“ deutlich werden lässt, dass es sich bei ihr – ebenso wie bei ‚Weiblichkeit‘ – um eine „kulturelle Konstruktion“ handelt. (S. 81)

Naturalistische Programmschriften entwerfen ihre ‚männliche‘ Programmatik meist anhand einer „Kritik an der Verweiblichung“, die sich gegen den vermeintlich „literaturverderbenden Einfluß ‚höherer Töchter‘“ (S. 125) und „‚blaustrumpfartigen Dilettantismus‘“ wendet. (S.129) Anders als von vielen Autor/-innen, Rezensent/-innen und Leser/-innen wurde die um 1900 „neu entstehende[] ‚Frauenliteratur‘“ in Kreisen der Naturalisten denn auch „bestenfalls ignoriert“. (S. 142) Zugleich entdeckten Literatinnen, die mit den Zielen der Frauenbewegung sympathisierten, gerade den Naturalismus als geeignetes Stilmittel, um die ‚Frauenfrage‘ zu literarisieren. (Vgl. S. 133)

Das Künstlersubjekt der Wiener Moderne

Gemeinhin wird die Wiener Moderne von Literaturhistoriker/-innen als feminisierter Widerpart zum Naturalismus der Berliner Moderne gehandelt, eine „Oppositionierung“, die sich Helduser zufolge als „problematisch“ erweist. (S. 265) Denn die „Betonung der Gegensätzlichkeit der beiden Strömungen insgesamt“ sei „zweifelhaft“. (Ebd.) Gegen die Auffassung, dass dem „bisweilen manifesten Antifeminismus“ der Berliner Naturalisten (und der Münchner Realisten) bei den Wiener Literaten eine „affirmative Haltung“ (S. 260) zum ‚Weiblichen‘ gegenüberstehe, führt die Autorin zu Recht eine „markante Tendenz der Misogynie und des Antifeminismus“ auch bei den Wienern ins Feld, (S. 261) deren frauenverachtende Invektiven gegenüber ihren Kolleginnen wie auch gegenüber Frauen überhaupt tatsächlich denjenigen der Berliner Naturalisten wenig nachstehen und sich nicht durch viel mehr als ein anders gefärbtes Lokalkolorit unterscheiden. Allerdings, so räumt auch Helduser ein, geht mit den „deutlichen misogynen Tendenzen“ der Wiener eine „Aufwertung des Femininen als ästhetische[m] Konzept“ einher. (S. 288) Auch verleihen sie wiederholt ihrem „vollständige[n] Verlust eines Glaubens an die tradierten Männlichkeitsvorstellungen“ Ausdruck (S. 283) Allerdings bedeutet die ‚Wiener‘ „Abkehr vom Männlichen“ nicht, „dass das ‚Weibliche‘ als affirmativer Begriff an seine Stelle tritt“. (S. 284)

Hier sei die kritische Anmerkung eingeflochten, dass Helduser die Setzung einfacher Anführungszeichen nicht einheitlich handhabt. Kritisiert sei allerdings weniger, dass sie an der zitierten Stelle zwar – wie öfter – den Begriff „Weiblichkeit“, nicht aber „Männlichkeit“ in einfache Anführungszeichen setzt, wofür man immerhin einige – wenn auch nicht unbedingt überzeugende – Gründe anführen könnte, sondern, dass sie beide Begriffe wiederholt mal mit, mal ohne Anführungszeichen benutzt, ohne dass an irgendeiner Stelle ein Kriterium hierfür benannt würde oder implizit ersichtlich wäre.

Doch zurück zur Frage von Feminisierung und Frauenfreundlichkeit der Wiener Moderne und somit zugleich zum Fazit. Wie Helduser nachweist, ist es den Wienern nicht etwa um eine Aufwertung des ‚Weiblichen‘ zu tun, sondern darum, der Krise der ‚Männlichkeit‘ einen Ausweg zu weisen, indem sie „weiblich konnotierte[] Eigenschaften“ in das „männliche Künstlersubjekt“ integrieren und so ein „neue[s] Verständnis von Männlichkeit“ entwerfen. (S. 314 f.) Dies herausgearbeitet zu haben, ist das zentrale Verdienst der vorliegenden Arbeit.

URN urn:nbn:de:0114-qn071176

Rolf Löchel

literaturkritik.de (Philipps-Univ. Marburg)

E-Mail: rolf_loechel@yahoo.de

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