Ulrike Schildmann: Lesarten des „besonderen Körpers“

Lesarten des „besonderen Körpers“

Rezension von Ulrike Schildmann

Claudia Franziska Bruner:

KörperSpuren.

Zur Dekonstruktion von Körper und Behinderung in biographischen Erzählungen von Frauen.

Bielefeld: transcript 2005.

314 Seiten, ISBN 3–89942–298–8, € 27,80

Abstract: Lebensgeschichten behinderter Frauen machen vor allem auf die Heterogenität und damit auf soziale Differenzierungen innerhalb des weiblichen Geschlechts aufmerksam. Wenn zudem der Zusammenhang zwischen Behinderung und Körper vor dem Hintergrund der Kategorie Geschlecht reflektiert werden soll, gelten biographisch narrative Interviews als wohl wichtigste empirische Grundlage für die Theorieentwicklung. Solche Interviews – mit körperbehinderten Frauen – stehen im Zentrum der vorliegenden Analyse.

Das Thema ‚Behinderung und weibliches Geschlecht‘ wird seit über 25 Jahren systematisch wissenschaftlich untersucht. Die Arbeit von Claudia Franziska Bruner fügt sich in die Reihe entsprechender Studien ein, aber sie weckt gleichzeitig besondere Erwartungen: Eine dieser Erwartungen richtet sich auf die Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Behinderung und (weiblichem) Körper, den die Autorin bewusst als einen sozialen und nicht als einen biologischen verstanden wissen will. Eine weitere Erwartung richtet sich auf den Anspruch der Autorin, den genannten Zusammenhang aus der Position der Disability Studies zu betrachten und sich damit von traditionelleren sozialwissenschaftlichen – auch feministischen – Analysen abzugrenzen. Ob bzw. inwieweit ihr das gelingt, sollte die kritische Lektüre des Buches und eine engagierte Diskussion seiner Ergebnisse wert sein.

Im Mittelpunkt des Buches steht – auf ca. 100 Seiten – die Rekonstruktion der Lebensgeschichte einer einzelnen körperbehinderten Frau (mit Contergan-Schädigung). Unter insgesamt acht biographisch narrativen Interviews mit körperbehinderten, sichtbar mobilitätseingeschränkten Frauen der Altersgruppe zwischen Mitte 20 und Mitte 40 wurde diese erzählte Lebensgeschichte ausgewählt, um detailliert nachzuzeichnen, welche sozialen Folgen körperliche Beeinträchtigungen hinterlassen können. Die soziale Lage behinderter Frauen wird aber nicht nur durch die körperliche Verletztheit maßgeblich beeinflusst – das zeigen neben dem intensiv ausgewerteten auch alle weiteren Interviews in beeindruckender Weise –, sondern vielmehr ebenso und unter Umständen stärker noch durch familiäre Konstellationen, Bildungsbarrieren und andere schädigungsunabhängige Faktoren.

Alle acht Interviewten werden in Form von kürzeren Portraits vorgestellt, so dass die Leserin einzelne Lebensgeschichten außergewöhnlicher Frauen kennen lernen kann; alle acht Erzählungen gehen außerdem in eine thematische Feinanalyse ein, die auf eine theoretische Erweiterung der Erkenntnisse zum Schwerpunkt Behinderung und Körper abzielt. Dabei mischen sich in der Analyse körperliche und soziale Konstellationen so, dass – positiv ausgedrückt – gerade ihre Verbindung zum Ausdruck kommt, wie folgendes Beispiel zur Qualität des Vertrauensverhältnisses zwischen Mutter und Tochter unter dem Stichwort des „defizitären Körpers“ (S. 248 f.) zeigt:

„Seitdem habe ich das [Freundschaft, Liebe – U.Sch.] nicht mehr mit ihr besprochen. Ich hatte damals ein Erlebnis mit ihr [der Mutter]: Das war in […], als ich dort im Heim gewesen bin und da war ich zwölf oder so, elf oder zwölf und da hatte ich einen Brieffreund und er ist blind. Und ich war ganz begeistert von dieser Freundschaft und hab mir also Liebe und solche Sachen, das existierte noch gar nicht in meinem Kopf und auch nicht in meinem Herzen und dann hab ich ihr das erzählt, dass ich eben diesen Brieffreund habe und da sagte sie drauf, wie der mich denn schieben solle, wenn wir verheiratet wären. Und da hab ich gemerkt, dass sie das überhaupt nicht kapiert, was in mir vorgeht, was in mir, also was ich einfach fühle und von da an hab ich meiner Mutter nie mehr erzählt, wenn ich verliebt war oder wenn ich Liebeskummer hatte. (RS 298–306)“ (S. 248 f.).

Körperbezogene Schwerpunkte sind in diesem Buch vor allem

  • „Divergierende Körperkonzepte“ (S. 250 ff.) zwischen Müttern und Töchtern oder allgemeiner: zwischen nicht Behinderten und Behinderten, ein Thema, das den Zusammenhang zwischen Geschlecht, Behinderung und Normalität berührt;
  • orthopädische Hilfsmittel (Prothesen u. ä.), die sich insbesondere bei vielen contergangeschädigten Menschen als völlig dysfunktional erweisen und deshalb als mögliche „Normalisierungsfalle“ (S. 256 ff.) untersucht werden;
  • die “ (gynäkologische) Herstellung von Behinderung und Geschlecht“ (S. 259 ff.), in deren Rahmen Kinderwunsch und biologische Reproduktion für die Gruppe der (körper-)behinderten Frauen zum gesellschaftlichen Risiko erklärt werden;
  • „Konkurrierende Körper: Hierarchisierung statt Solidarität“ (S. 277 ff.), womit Auf- bzw. Abwertungsmechanismen, u. a. bezogen auf die „heterosexuelle Anziehungskraft“ behinderter Individuen (S. 278), gerade auch innerhalb der äußerst heterogenen Personengruppe behinderter Menschen angesprochen werden;
  • schließlich: „Behinderte Körper(selbst)wahrnehmung und verhinderte Weiblichkeit“ (S. 279 ff.), der Zusammenhang, der die Auswirkungen der sozialen Abwertung des beeinträchtigten weiblichen Körpers auf die Identität(sherstellung) und das Selbstverständnis der betroffenen Individuen zum Ausdruck bringt.

Damit wären die Eckpunkte gesetzt, die nach Darstellung von Claudia Bruner – auf der Basis ihrer Interviewanalyse – den Zusammenhang zwischen weiblichem Körper und Behinderung kennzeichnen. Dass dieser vor allem ein sozialer ist, kann die Autorin zweifelsfrei empirisch belegen. Damit ist ein Ziel der Disability Studies erreicht und eine der beiden oben gestellten Fragen beantwortet. Die andere Frage, wodurch sich die Disability Studies von anderen (gesellschaftskritischen) Forschungsansätzen, z. B. denen der Frauenforschung in der Behindertenpädagogik, wirklich abheben, bleibt nach Auffassung der Rezensentin eher unbeantwortet: Zwar hat die Autorin als Wissenschaftlerin mit eigener Behinderungserfahrung ein Antwortspektrum eröffnen können, welches nicht behinderten Wissenschaftlerinnen vielleicht zum Teil verwehrt gewesen wäre. Aber auch sie konnte die körperrelevanten Facetten von Behinderung nur so weit erhellen, wie dies ihre Gesprächspartnerinnen der Wissenschaftlerin und sich selbst gegenüber zuließen. So bleiben nach Auffassung der Rezensentin die Körperspuren vor allem auf zwei wichtigen Feldern – der (geschlechterspezifischen) Erfahrung mit medizinischen/therapeutischen Behandlungen sowie mit individueller Schmerzerfahrung – noch weitgehend im Dunkel. Auch der theoretische Bezugsrahmen des Buches (S. 35 ff.), der insgesamt eher mit Abgrenzungen gegenüber bestehenden Forschungsrichtungen als mit einer gezielten theoretischen Fundierung des eigenen thematischen Anliegens beschäftigt ist, blendet diese weitergehenden Fragen aus. Dennoch: Die Körperspuren der Autorin Claudia Franziska Bruner gehören zum Repertoire der Sektion „Biografik – Lebensgeschichten“; denn sie beleuchten auf eindrückliche Weise die sozialen Dynamiken zwischen dem besonderen Körper (S. 91) und dem (weiblichen) Geschlecht.

URN urn:nbn:de:0114-qn071235

Prof. Dr. Ulrike Schildmann

Universität Dortmund/Fakultät für Rehabilitationswissenschaften

E-Mail: ulrike.schildmann@uni-dortmund.de

Die Nutzungs- und Urheberrechte an diesem Text liegen bei der Autorin bzw. dem Autor bzw. den Autor/-innen. Dieser Text steht nicht unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann ohne Einwilligung der Rechteinhaber/-innen nicht weitergegeben oder verändert werden.





querelles-net wird herausgegeben an der Freien Universität Berlin. ISSN 1862-054X