Sabine Hark: Inside/Out: Interventionen in Raum

Inside/Out: Interventionen in Raum

Rezension von Sabine Hark

Matthias Haase, Marc Siegel, Michaela Wünsch (Hg.):

Outside.

Die Politik queerer Räume.

Berlin: b_books 2005.

314 Seiten, ISBN 3–933557–25–9, € 14,80

Abstract: Die erstmals in deutscher Übersetzung vorliegenden Aufsätze dieses Bandes, allesamt Klassiker der US-amerikanischen Queer Theory, thematisieren den komplexen Zusammenhang von Sexualität, Identität und räumlicher Verortung. Ausgehend von der Kritik an der vorgeblichen Eindeutigkeit der Trennung von privat/öffentlich sowie an den räumlichen Bildern des Closet und Coming-Out soll das Verhältnis von Sexualität und Raum neu gedacht werden. Die Beiträgerinnen und Beiträger plädieren für ein Denken, das den vielgestaltigen Praxen, queere Räume zu eröffnen, zu bewohnen und zu erfahren, Rechnung trägt, – und führen es zugleich in inspirierender und aufregender Weise vor.

Interventionen in Raum

Raum ist nicht, Raum wird gemacht. Er ist nicht gegeben, unverfügbar, im Gegenteil: Wir bringen Raum hervor. Raum ist mithin keine absolute, sondern eine relationale Kategorie; keine a-soziale Voraussetzung von Sozialität, sondern ein soziales Produkt, eine Leistung von Menschen: Raum entsteht im Handeln. Das aber bedeutet auch, dass zum einen die Möglichkeiten, Räume zu konstituieren, abhängig sind von den in einer Handlungssituation vorgefundenen symbolischen und materiellen Faktoren, von den strukturell organisierten Ein- und Ausschlüssen sowie von körperlichen Möglichkeiten, und zum anderen, dass Raum sozial und politisch nicht unschuldig ist: Da nicht alle die Räume schaffen können, die ihnen entsprechen, tragen diejenigen Räume, die sich dauerhaft institutionalisieren, die sozialen Spuren derjenigen, denen es möglich ist, Raum nicht nur zu konstituieren, sondern dauerhaft zu institutionalisieren. Während sich also die einen in Räumen bewegen, die ihnen entsprechen, befinden sich die anderen gleichsam ‚in der Fremde‘.

‚In der Fremde‘ beschreibt metaphorisch auch die Erfahrung von Lesben, Schwulen und Transgenders im und mit Raum. Ihre dominante Erfahrung ist zunächst die Erfahrung von Isolation und Unverbundenheit, ist die Erfahrung, sich in Räumen zu bewegen, die sie in der Regel nicht geschaffen haben, die ihnen nur begrenzt entsprechen, in denen sie nicht wahrnehmbar – out there –, zugleich aber extrem sichtbar – on the spot – sind. Gerade das aber sind auch die „places that we love best“ (S. 7), wie die Herausgeber/-innen von Outside ihre Einleitung überschrieben haben.

Raum: eine komplexe Kategorie

Deutlich wird in diesem vielschichtigen Begehren nach den Orten „we love best“, dass Raum – öffentlicher wie privater Raum – eine extrem komplexe Kategorie ist, bestimmt etwa von den widersprüchlich organisierten Koordinaten Risiko und Vergnügen, Sicht- und Unsichtbarkeit, Isolation und Gemeinschaftlichkeit. In öffentlichen Räumen gelten Lesben und Schwule beispielsweise als Bedrohung öffentlicher Moral und Sittlichkeit, werden assoziiert mit Zwielichtigkeit, Kriminalität, sexueller Gewalt, sind Opfer homophober und heterosexistischer Gewalt. Zudem wird noch immer eher mit Homosexualität als mit Homophobie eine Bedrohung von Öffentlichkeit verbunden. In der Privatheit intimer Räume (Bsp. Familie) sind sie zudem oft unerwünscht, bedrohen den Zusammenhalt des intimen Verbandes, werden zu outcasts gemacht.

Raum ist aber auch konfiguriert von geschlechtlich und rassistisch kodierten Dichotomien, von geschlechts- und klassenbezogenen Einschränkungen sowie von Verschiebungen im Verhältnis von Staat und Kapital. Sich ‚in-der-Fremde‘ fühlen, ist daher keine universale Erfahrung von allen Transgenders, Lesben und Schwulen. Denn die Möglichkeiten, Raum zu konstituieren, queeren Raum zu verörtlichen, sind auch innerhalb lesbischer und schwuler Gemeinschaften nicht gleich verteilt, auch hier entscheiden Geschlecht, Klasse, „Rasse“ und geopolitische Positionierung, entscheiden die Verfügung über soziale Güter und der Zugang zu sozialen Positionen darüber, wer Raum gestalten kann.

Die mit den jeweiligen Platzierungen im Raum einhergehenden Machtverhältnisse, die historisch gewordene Materialität von Raum und die räumliche Materialität von Ungleichheit, von In- und Exklusion anzufechten sowie Raum zu queeren bzw. als queeren Raum zu konstituieren, ist daher nicht nur ein zentrales Anliegen des lesbischen, schwulen, transgeschlechtlichen und queeren Aktivismus, sondern auch der Texte dieses Bandes. Die Autorinnen und Autoren fragen weniger danach, wie Lesben, Schwule und Transgenders sichtbar werden können, als danach, „welche interne Struktur“ (S. 12) bestimmte queere Räume konstituiert, wie sich „das komplexe Geflecht von Differenzlinien“ (ebd.) beschreiben ließe, die diesen durchziehen, und wem er welche Möglichkeiten bietet.

Heteronormativität und Raum

In den Blick gerückt werden auch die Reproduktionsmechanismen, Vernetzungen und institutionellen Zwänge, die dafür sorgen, dass Heterosexualität als zeit- und ortlos, als unveränderbar und ohne Geschichte erscheint. Analysiert wird, wie Heterosexualität in die soziale Textur unserer Gesellschaft, in Geschlechterkonzeptionen und in kulturelle Vorstellungen von Körper, Familie, Individualität, Nation, in die Trennung von privat/öffentlich eingewoben ist, ohne selbst als produktive Matrix von Geschlechterverhältnissen, von Körper, Familie, von Nation und Kultur – um nur einige Aspekte zu nennen – sichtbar zu sein. Und wie Heteronormativität in Raum eingeschrieben ist. Denn sie organisiert zunächst, wer überhaupt Raum wie konstituieren kann; Heteronormativität strukturiert darüber hinaus, wer sich wo aufhalten kann, für wen Sicherheit im Raum gegeben ist, wer als verletzbar gilt und wer verletzungsmächtig ist; sie organisiert, wessen Leben als privat gilt und deshalb staatlichen Schutz genießt und wessen Leben und Beziehungen als weniger schützenswert gelten. Heteronormativität strukturiert Orte des Vergnügens ebenso wie Arbeitszusammenhänge, sie organisiert Stadtplanung und Gebäudenutzungen und sie verweist nicht zuletzt lesbische und schwule, transgeschlechtliche und transsexuelle Lebensweisen in „Zonen der Unbewohnbarkeit“ (Judith Butler).

Diese „Zonen der Unbewohnbarkeit“ sind im Hinblick auf das Thema Raum einerseits ganz wörtlich zu nehmen. Es sind oft unwirtliche, gefährliche, aufgegebene, abgelegene und abgelegte Räume, die von Lesben und Schwulen frequentiert wurden und immer noch werden: öffentliche Parks, Strände, städtische Brachflächen, aufgegebene städtische Infrastruktur, polizeilicher Repression ausgesetzte Bars. Es handelt sich aber auch um Räume, die mit dem Foucaultschen Begriff der „Abweichungsheterotopien“ bezeichnet werden können: Räume also, in denen Devianz lokalisiert wird. Andererseits verweisen sie darauf, dass beispielsweise in Stadt- und Raumplanung selbst Heterosexualität als institutionalisierte Lebensform eingeschrieben ist und somit die sozialen Bedürfnisse von Lesben und Schwulen, Transgenders und Transsexuellen sich räumlich nur schwer artikulieren können.

Queer World Making

Die in Outside versammelten Texte, allesamt von namhaften Autor/-innen der US-amerikanischen Queer Theory von Eve Kosofsky Sedgwick und Cindy Patton über Michael Warner und Lauren Berlant bis zu Jacob Hale, Judith Halberstam und Gayatri Gopinath vornehmlich aus der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, thematisieren nun an unterschiedlichsten Gegenständen und Erfahrungen sowie aus einer Vielzahl disziplinärer Perspektiven eine Reihe dieser Fragen und Zusammenhänge. Sie denken über Sexualität und sexuelle Dissidenz in räumlichen Begriffen nach und suchen die Beziehungen zwischen Körpern, Sprache und Raum in Weisen neu zu denken, die die Heterogenität von Räumen nicht leugnet, die starre Dichotomisierungen von öffentlich/privat unterläuft und die heteronormativen Hegemonien als das sichtbar macht, was sie sind, nämlich, wie Lauren Berlant und Michael Warner in ihrem Text „Sex in der Öffentlichkeit“ schreiben, „elastische Allianzen, die vielfältige und gegensätzliche Strategien der Selbsterhaltung und Reproduktion umfassen“ (S. 85) und daher grundsätzlich revidierbar sind, in queeren Termini resignifiziert werden können. Es handelt sich um Texte, die in überzeugender Weise Teil des Projekts der Erzeugung queerer Gegenöffentlichkeiten sind, Teil des, noch einmal in den Worten von Berlant und Warner, queeren „Projekts der Welterzeugung, wobei sich ‚Welt‘ ebenso wie ‚Öffentlichkeit‘, von Gemeinschaft oder Gruppe unterscheidet, weil sie mehr Menschen einschließt, als benannt werden können, mehr Räume umfasst, als auf der Karte verzeichnet werden können, Gefühlsweisen beinhaltet, die erlernt werden können, statt als Geburtsrecht erlebt zu werden“ (S. 92). Sie demonstrieren, wie ein Denken aussehen kann, das Raum lässt für diejenigen, die eingeschlossen, aber noch nicht benannt werden konnten, für Erfahrungen, die gemacht werden, aber nicht repräsentiert sind, kurzum ein Denken, das Raum anders denken lässt und das seine eigene Bedingtheit bedenkt.

Allerdings, und das sei abschließend kritisch angemerkt, gilt dies zwar für die einzelnen Aufsätze, weniger aber für die Einleitung der Herausgeber/-innen, die eine aus Sicht der Rezensentin sehr einseitige und verkürzte Darstellung der deutschsprachigen Queer-Theory-Entwicklung leistet. Denn dass im Zentrum der hiesigen Queer-Debatten vor allem die Begriffe der performativen Subversion und der Geschlechterparodie gestanden hätten, kann mit Fug und Recht bezweifelt werden. Auch wäre eine Kontextualisierung der Aufsätze im US-amerikanischen Diskurs sowie eine Reflexion der Bedeutung transnationaler Theoriereisen gerade für diejenigen Leserinnen und Leser, die nicht bereits Expert/-innen in Queer Theory sind, mehr als angezeigt gewesen.

URN urn:nbn:de:0114-qn063087

PD Dr. Sabine Hark

Universität Potsdam, WiSo-Fakultät, Soziologie der Geschlechterverhältnisse

E-Mail: hark@uni-potsdam.de

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