Rolf Löchel: Eine produktive Allianz

Eine produktive Allianz

Rezension von Rolf Löchel

Vera Nünning, Ansgar Nünning (Hg.) unter Mitarbeit von Nadyne Stritzke:

Erzähltextanalyse und Gender Studies.

Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2004.

218 Seiten, ISBN 3–476–10344–7, € 14,95

Abstract: Das primäre Anliegen des zu besprechenden Bandes ist es, Studierenden der philologischen Fächer eine „kompakte Einführung in die Grundlagen, Kategorien und Methoden der Erzähltextanalyse aus der Sicht feministisch orientierter Literaturwissenschaft und der daraus hervorgegangen Gender Studies“ zu geben. (S. 2) Hierzu vermitteln Vera und Ansgar Nünning nicht nur die theoretischen, begrifflichen und methodischen Grundlagen, sondern bieten darüber hinaus eine Reihe empirischer Analysen zu einem „breiten Spektrum von Textbeispielen“. (S. 3) Dabei ist ein Buch entstanden, dessen Lektüre auch für Lehrende an den literaturwissenschaftlichen Instituten und Fachbereichen Gewinn bringend sein kann. An der Relevanz der Kategorie Gender für die Erzähltextanalyse kann nach der Lektüre des Bandes jedenfalls niemand mehr zweifeln.

Mehr als eine Einführung

Bis vor kurzem standen sich Narratologie und literaturwissenschaftliche Geschlechterforschung eher fremd gegenüber. Sollte sich die in letzter Zeit auszumachende Annäherung fortsetzen, so könnte dies auch dem von Vera und Ansgar Nünning herausgegebenen Buch Erzähltextanalyse und Gender Studies zu danken sein, das mitunter durchaus mehr ist als es zu sein vorgibt: eine „Einführung in die Erzähltextanalyse aus der Sicht der Gender Studies bzw. Geschlechterforschung“, (S. 2) die an den Gender Studies geschulten „LeserInnen jene begrifflichen und methodischen Hilfsmittel an die Hand geben [möchte], die es ihnen ermöglichen, unbekannte Erzähltexte selbständig zu analysieren und zu erschließen“. (S. 5)

Eine fruchtbare Verknüpfung

Wie Nünning und Nünning darlegen, ist die Kategorie Gender für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Erzähltexten auf zahlreichen Ebenen „von großer Bedeutung“. (S. 1) So werden etwa auf der Handlungsebene keine „geschlechtslose[n] Charaktere“ dargestellt, sondern „weibliche und männliche Figuren“. (ebd.) Ebensowenig handelt es sich bei den meisten Erzählinstanzen um „geschlechtslosen Stimmen“. (ebd.) Auch sind die Plot- und Gattungsmuster meist „in hohem Maße geschlechtsspezifisch geprägt“. (ebd.) Und schließlich handelt es sich auch beim Verfassen und Lesen der Text nicht um „geschlechtsneutrale Aktivitäten“. (ebd.) „Die Kategorie Geschlecht ist somit nicht nur für die Analyse der Figuren relevant, sondern auch für die Erzählpositionen und Reflektorfiguren“. (S. 13)

So betonen Vera und Ansgar Nünning denn auch, dass die Konjunktion im Titel des Buches nicht die bloße Addition zweier prinzipiell getrennter Bereiche meint, sondern deren „fruchtbare Verknüpfung“ (S. 2) zur „gender-bewussten Erzähltextanalyse“, (S. 4) sind sie doch dort, wo sie sich auf einander einlassen, bereits „produktive Allianz[en]“ (S. 1) eingegangen. So treten die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Buches mit der Überzeugung an, dass die Allianz beider Ansätze nicht nur einen „Gewinn an analytischer Präzision“ für die feministische Literaturwissenschaft und die Gender Studies verspricht und der Narratologie „eine Reihe von neuen, kulturgeschichtlich relevanten Problemstellungen und Perspektiven“ erschließt, (S. 26) sondern dass die Verbindung beider Ansätze darüber hinaus „produktive Perspektiven für eine Erweiterung der Literaturwissenschaft auf eine Kulturwissenschaft hin eröffnet“. (S. 4)

Strukturalismus und feministische Narratologie

Während Nünning und Nünning im ersten Beitrag die Entwicklung der feministischen Narratologie zur gender-orientierten Erzähltextanalyse nachzeichnen, deren Kritik an der älteren feministischen Narratologie sich insbesondere gegen deren Tendenz richtet, „traditionelle Geschlechteroppositionen zu übernehmen, indirekt zu bestärken und damit unfreiwillig wieder herzustellen“ (S. 21), legen Gaby Allrath und Marion Gymnich im zweiten Kapitel die jüngsten Entwicklungen der gender-orientierten Erzähltextanalyse dar.

Allrath und Gymnich stellen die Beziehungen zwischen gender-orientierter Erzähltheorie einerseits und kognitiven Ansätzen in der Erzähltheorie, postmoderner Erzähltheorie, queer und lesbian narratology sowie schließlich postkolonialer Narratologie andererseits vor und machen auf fast allen Gebieten zumindest die Möglichkeit fruchtbarer Allianzen aus. „[I]n hohem Maße kompatibel“ seien gender-orientierte Erzähltheorie und postkoloniale Narratologie. (S. 38) Unerwähnt lassen die Autorinnen, dass dies zumindest für die ‚Patinnen‘ der beiden Disziplinen – gender studies und die postcolonial theory – durchaus nicht gilt, wie zuletzt Gaby Dietze in einem von Christina von Braun und Inge Stephan herausgegebenen Handbuch der Gender-Theorien (2005) dargelegt hat. „Hürden“ machen Allrath und Gymnich hingegen zwischen gender-orientierter Narratologie und französischem Feminismus aus. Diese seien nur zu überwinden, falls sich die gender-orientierte Erzähltheorie „weiter von ihren strukturalistischen Wurzeln lös[t] als dies bislang geschehen ist“. (S. 45) Nicht nur aufmerksame Leser und Leserinnen aus der Zielgruppe der Studierenden werden sich an dieser Stelle etwas verwundert daran erinnern, dass sie einige Seiten zuvor von Vera und Ansgar Nünning darüber belehrt wurden, dass „das in der feministischen Narratologie noch stark ausgeprägte Erbe des Strukturalismus“ von der gender-orientierten Narratologie „generell einer Kritik unterzogen“ (S. 21) werde.

Storyorientierte und diskursorientierter Erzähltheorie

Die Abfolge der anschließenden Kapitel orientiert sich an der Unterscheidung zwischen storyorientierter und diskursorientierter Erzähltheorie. (vgl. S. 15) In Kapitel drei und vier widmen sich Natascha Würzbach der Raum- und Eveline Kilian der Zeitdarstellung. Handlung, Plot und Plotmuster werde von Andrea Gutenberg in Kapitel fünf beleuchtet. In Kapitel sechs wendet sich Marion Gymnich den Konzepten literarischer Figuren und deren Charakterisierung zu. Gaby Allrath und Carola Surkamp gehen in Kapitel sieben Fragen und Problemen der erzählerischen Vermittlung, des unzuverlässigen Erzählens, der Multiperspektivität und der Bewusstseinsdarstellung nach. In Kapitel acht schließlich erörtern Astrid Erll und Klaudia Seibel Gattungen, Formtraditionen und kulturelles Gedächtnis. Dabei vollziehen die einzelnen Kapitel jeweils einen „Spagat“, „indem sie einerseits die erzähltheoretischen Begriffe und Verfahren der Textanalyse einführen, andererseits aber zugleich die gender-spezifische Herangehensweise erläutern“. (S. 4)

Cognitive Turn

Gleich in mehreren Beiträgen wird darauf hingewiesen, dass der zentrale Unterschied zwischen den traditionellen strukturalistisch-narratologischen Studien und feministischer Literaturwissenschaft, wie sie in den 70er Jahren betrieben wurde, darin besteht, dass erstere – wie Andrea Gutenberg formuliert – „die Beschäftigung mit dem ‚Was‘, also mit der Semantik der story-Ebene und ihren geschlechtlich codierten Handlungsrollen“ in den Mittelpunkt ihrer Forschungen stellen, während letztere zu „einer isolierten, weitgehend areferentiellen Betrachtung des ‚Wie‘, d. h. der narrativen Strukturen und Textverfahren des Erzähltextes, sowie zu einer gender-indifferenten Reduktion der Figuren auf funktionale Handlungsträger“ neigen. (S. 99; vgl. etwa auch Marion Gymnich S. 123) Erst als sich im Laufe der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zum einen eine kontextuelle Narratologie entwickelte und zum anderen die feministische Literaturwissenschaft begann, sich mit erzähltheoretischen Fragestellungen zu befassen, begann sich auf dem Gebiet der Plotforschung langsam eine „Wende hin zu einer wechselseitigen und fruchtbaren Kenntnisnahme“ abzuzeichnen. (ebd.) In der Folge kam der feministischen Literaturtheorie am cognitive turn in der Narratologie ein „entscheidende[r] Anteil“ zu. (ebd.)

Handlung, Plot und erzählerische Vermittlung

Zu den ureigensten Forschungsgebieten feministischer Literaturwissenschaft und geschlechtertheoretisch geschulter Literaturwissenschaft gehören neben Handlung und Plot die Figurenkonzeption und -charakterisierung. Umso mehr verwundert es, dass die literarische Figur von der gender-orientierten Narratologie geradezu als „Stiefkind“ behandelt wird, wie Marion Gymnich beklagt. (S. 122) Dass dem nicht so sein muss, zeigt ihr Beitrag.

Noch deutlicher tritt allerdings auf den von Gaby Allraths und Carola Surkamps unter der Kapitelüberschrift „Erzählerische Vermittlung, unzuverlässiges Erzählen, Multiperspektivität und Bewusstseinsdarstellungen“ (S. 143) beleuchteten Gebieten hervor, was eine gender-orientierte Erzähltextanalyse zu leisten vermag.

URN urn:nbn:de:0114-qn062129

Rolf Löchel

Philipps-Univ. Marburg, literaturkritik.de

E-Mail: rolf_loechel@yahoo.de

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