Christa Kersting: Gewichtiges Dokument eines jungen Wissenschaftszweiges

Gewichtiges Dokument eines jungen Wissenschaftszweiges

Rezension von Christa Kersting

Edith Glaser, Dorle Klika, Annedore Prengel (Hg.):

Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft.

Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2004.

704 Seiten, ISBN 3–7815–1323–8, € 39,90

Abstract: Das vorliegende Handbuch verschafft einen soliden Überblick über den aktuellen Forschungsstand in Theorie, Geschichte, den Handlungsfeldern und Methoden einer aus der Genderperspektive konzipierten Erziehungswissenschaft. In den unterschiedlichen Annäherungen an „Geschlecht“ spiegelt es den konfliktreichen Forschungsprozess wider und eignet sich als Grundlage für Forschung und Lehre in diesem Wissenschaftsfeld.

Frauen- und Geschlechterforschung ist ein junger, bereits ausdifferenzierter, wenngleich noch unzureichend etablierter Wissenschaftsbereich, der quer steht zu den Disziplinen und doch ein Zentrum ihrer Arbeit betrifft. Diese Forschung verfügte zu keiner Zeit über ein einheitliches Paradigma, schon gar nicht hatte die Gemeinsamkeit eines „Wir“ sich theoretisch einlösen lassen. (De-)Konstruktivismus, Fokussierung auf die Akteursperspektive, auf Körper oder Leiblichkeit bestimmen die Diskussion derzeit mehr als Fragen eines demokratischen, mit dem Postulat von Gleichheit verknüpften Differenzkonzepts. Das vorliegende Handbuch, an dem Trendsetter der „ersten Stunde“ wie Forscherinnen der jüngeren Generation (auch männliche Kollegen) beteiligt sind, hat vor allem den Anspruch, eine Ordnung in das breite Spektrum der theoretischen und methodischen Zugänge zu „Geschlecht“ in der Erziehungswissenschaft und ihren Teildisziplinen zu bringen. Gewidmet ist es der Grande Dame und Nestorin der pädagogischen Frauenforschung, Doris Knab, zu ihrem 75. Geburtstag.

Das Handbuch ist, wie Edith Glaser und Karin Priem in einem dem Hauptteil vorangestellten informativen Artikel zur Wissenschaftsforschung signalisieren, aus einer ideologisch wie methodisch pluralen Perspektive verfasst, ein deutlicher Akzent wird auf die forschungstheoretische Ausrichtung gelegt. Damit unterscheidet es sich etwa von dem stärker der Weiter- und Erwachsenenbildung verpflichteten Handbuch der Frauenbildung, von Wiltrud Gieseke 2001 herausgegeben. In den 46 Artikeln wird dem Verhältnis von Gender und Erziehungswissenschaft auf vierfache Weise nachgegangen: Den „theoretischen“ folgen „bildungshistorische Zugänge“, Analysen in den „Teildisziplinen und Handlungsfeldern“ sowie Forschungsmethoden.

Die Vielfalt theoretischer Ansätze, konstruktivistischer, sozialisations-, system-, diskurs-, differenz-, kultur- oder gesellschaftstheoretischer wie psychoanalytischer Analysen, führen die 17 Artikel des 1. Teils vor. Sie versuchen zu zeigen, inwieweit aus verschiedenen Blickwinkeln eine Annäherung an einen Gegenstand gelingt, der nicht einheitlich gefasst, sondern in der Spannung zwischen den Polen von Geschlechtergleichheit und Geschlechterdifferenz bis hin zur Aufhebung der Kategorie „Geschlecht“ diskutiert wird. Am Ende dieses Teils stehen Artikel zu „Queer Theory“ (Jutta Hartmann) und zur Männerforschung (Edgar Forster und Markus Rieger-Ladich). Multiperspektivität, so schließlich Annedore Prengels Beitrag „Zwischen Gender-Gesichtspunkten gleiten“, bedeute keinen Verzicht auf einen theoretischen Standpunkt.

Eine um die Perspektive handelnder Subjekte erweiterte Sozialgeschichte der Mädchen- und Frauenbildung (Elke Kleinau); „Erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung als Ideengeschichte“, am Beispiel Rousseau, konkretisiert im Vergleich Deutschland, England und Frankreich (Brita Rang); die neue Kulturgeschichtsschreibung in der historischen Genderforschung (Meike S. Baader) sowie „Klassikerinnen“ (Margret Kraul) sind die Themen des 2. Teils.

Dem Lebenslauf folgt die Behandlung der Thematik Gender in den Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft und einigen Handlungsfeldern wie Beratung, Medienpädagogik, Gender Mainstreaming im dritten Teil, während in den Beiträgen des vierten nach generellen Überlegungen zu „Methodologie und Gender“ (Ulrike Popp) überwiegend qualitative Forschungsmethoden in ihren Möglichkeiten und Grenzen für die Frauen- und Geschlechterforschung, mit einem Akzent auf der Akteurs- oder Subjektperspektive, ausgelotet werden. Systematisch wie an Beispielen entwickelt werden drei hermeneutische Verfahren („geisteswissenschaftlich- und sozialwissenschaftlich-hermeneutisches“: Regina Mikula/Andrea Felbinger;, „objektiv hermeneutisches“: Merle Hummrich; „tiefenhermeneutisches“: Regina Klein), der „ethnographische“ Zugang (Helga Kelle) sowie schließlich „Biographieforschung – Erziehungswissenschaft – Genderforschung“ (Heide von Felden), ohne Abgrenzung von den theoretischen Ansätzen im ersten Teil.

Die Beiträge der Teile 1 und 2, auf die sich die Rezension konzentriert, stellen in der Regel die jeweilige Forschungsrichtung als theoretischen Bezugsrahmen dar, sie entwickeln das spezifische Paradigma für die Frauen- und Geschlechterforschung, erproben bzw. wenden es im Feld der Erziehungswissenschaft an, präsentieren die bisherige Forschung und zeigen Forschungslücken und –desiderate auf. Kritik und Weiterentwicklung der Referenzkonzepte wirken innovativ auch im Bereich pädagogisch-feministischer Forschung.

Dorle Klika eröffnet den 1. Teil mit der grundlegenden bildungstheoretischen Frage nach dem kategorialen Verhältnis von „Subjekt“ und „Welt“, sie weist hin auf die Dilemmata in der aktuellen Debatte der Allgemeinen Pädagogik, auf die ausstehende Grundlagenforschung und sieht neue Zugänge durch feministische Bildungsentwürfe. Während Beiträge wie „Theorien der Differenz – Anregungen aus Philosophie und Psychoanalyse“ (Barbara Rendtorff), „Gleichheit – Differenz – Konstruktion – Dekonstruktion“ (Christiane Micus-Loos), „Geschlecht als psychische Realität – Psychoanalytische Beiträge“ (Luise Winterhager-Schmid) oder „Doing gender: Konstruktivistische Beiträge“ (Hannelore Faulstich-Wieland) „Geschlecht“ ins Zentrum rücken, wählt Karin Amos in ihrer Erörterung „Diskurstheoretische[r] Zugänge […]“ wegen deren vielfältiger Verwendungsmöglichkeit, auch in der Geschlechterforschung, einen anderen Weg: sie entwickelt Diskursanalyse (Foucault) und Diskursethik (Habermas) mit gelegentlichen Bezügen zu Gender in der Erziehungswissenschaft. Der soziologische Beitrag zur „Generationenfrage“ (Friederike Heinzel) betont deren geringe Bedeutung für die erziehungswissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung.

Andere klassische Forschungskonzepte scheinen sich der Genderfrage nur schwer zu öffnen, besonders sperrig geben sich Systemtheorie (behandelt von Vera Moser) und Evolutionsbiologie (Annette Scheunpflug).

Von besonderem Interesse sind Abhandlungen, die die Genese der Frauenforschung reflektieren und mit einer aktuellen Perspektive verbinden – etwa Carol Hagemann-Whites Beitrag „Sozialisation – ein veraltetes Konzept in der Geschlechterforschung?“ –, sowie „Versuche“ auf noch unbekanntem bzw. wieder zu entdeckendem Terrain. Zum letzteren einige Beispiele.

Johanna Hopfner erschließt in ihrem Artikel „Zwischen Eigenem und Fremden – Phänomenologische Beiträge“ diesen im Nationalsozialismus verdrängten, erst in den 1970er Jahren in der deutschsprachigen Sozialwissenschaft wieder aufgenommenen, doch bis heute randständigen Ansatz in seinen unterschiedlichen Interpretationen und macht ihn für eine konstruktivistische Geschlechtertheorie produktiv: Die Erfahrung von Leiblichkeit lasse die Geschlechterdifferenz gerade nicht als „rein soziales Konstrukt“ oder als „kulturell geprägte Illusion“ sehen, sei jedoch „vielschichtig und offen“ (S. 53), ambivalent. In einem anderen Beispiel wird das „dynamische Moment der Geschlechterbildung“ bzw. eine „genealogische Perspektive der Differenz“ (S. 54) vorgestellt. Im „Lernen aus dem Horizont der Erfahrung“, einem „theoretischen Abenteuer“ gleich, wenn der Blick (nicht nur in der Pubertät) auf die „konkreten Prozesse, in denen Geschlechtlichkeit konstitutiv ist“ (S. 55), gelenkt werde und unser Vorwissen umzustrukturieren sei, könnte der Schlüssel liegen für eine Antwort auf die Frage, wie „unser Geschlecht[zu] entwerfen oder neu [zu] erzeugen“ sei (S. 55).

Die Krise, in die der Genderbegriff mit Judith Butlers Schriften geraten ist, versuchen Rita Casale und Sabina Larcher in ihrem Artikel „Geschlecht als semiotischer Unterschied – Zeichentheorie als Grundlage erziehungswissenschaftlicher Geschlechterforschung“ in anderer Weise zu überwinden, und zwar mit Jean Scotts Ansatz, in dem Gender nicht allein an sprachliche Diskursivität, sondern auch an andere Denk- und Mitteilungsformen gebunden sei, und mit Rückgriff auf die Semiotik. Im Körper treffen an Raum und Zeit gebundene Materialität und Diskurs zusammen. In einer eingehenden Studie zeigen die Autorinnen die Möglichkeiten des semiotischen Ansatzes, wie er in S. A. Peirces Pragmatismus entwickelt und von U. Eco als „Wissenschaft der Kultur“ fortgeführt wurde, für die erziehungswissenschaftliche Genderforschung. Schönes Beispiel für die Kommunikation von Bedeutung via Zeichen: die „Reformkleidung“ der Lehrerinnen um 1900; als „kultureller Code“ medial entstanden und mit Erwartungen verknüpft, habe er beispielsweise das politische Gleichheitspostulat in einen Diskurs über berufliche Gleichstellung unter Wahrung der Differenz transformiert.

In die aktuelle Diskussion über die neue Kulturgeschichtsschreibung greift Meike S. Baaders Beitrag „Historische Geschlechterforschung und ‚cultural turn‘“ ein. Unter Nutzung des „linguistic turn“, der Konstitution von Welt durch Sprache, (noch kaum des „visual“ oder „pictural turn“,) löse der kulturgeschichtliche Ansatz in der Geschichtswissenschaft für die einen die von der Soziologie bestimmte Sozialgeschichtsschreibung der 60er und 70er (die ihrerseits die Ideengeschichte verabschiedet habe) ab, für die anderen vermittele er zwischen Sozial- und Ideengeschichte. Diesen mit einer Vielzahl theoretischer und methodischer Zugangsweisen, multiperspektivisch und mit unterschiedlichen Gattungen und Medien arbeitenden Ansatz habe die Frauen- und Geschlechterforschung entscheidend mitgeprägt durch Untersuchungen, wie sich die Subjekte im „doing gender“ in die Geschlechterordnungen einschreiben, wie sie als Handelnde und nicht als Objekte in der Biographie- oder Sozialisationsforschung zu sehen seien, durch Erschließung anderer Quellen (häusliche Lektüre, Speisepläne) oder neuer Kategorien (etwa „Generation“, „Tradition“) oder wenn statt nach Brüchen nach „Beständigkeiten im Wandel“ (S. 326) gesucht werde. Mit dem Interesse am Körper, an Körperpraktiken und -inszenierungen werde eine Revision der vom Kampf gegen weibliche Unterdrückung geprägten Frauenforschung der 1970er Jahre vorgenommen. Stärken und Schwächen dieses Ansatzes (wie schon im 19. Jahrhundert) werden benannt: sein Interesse für kulturelle Phänomene, auch Randständiges, Marginales, Subversives, für Ästhetisierung der Gegenstände, bei Vernachlässigung freilich größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge und der Kontexte.

Das Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft ist vor allem ein work in process in der „offenen und konfliktreichen Auseinandersetzung um die angemessene Interpretation der Geschlechterverhältnisse“ (Einleitung, S. 10). Diversität in der Weise, „gender“ zu behandeln, der produktive Umgang mit Theoriekonzepten für die erziehungswissenschaftliche Genderforschung, Interdisziplinarität, die Anschlussfähigkeit an den internationalen feministischen Diskurs – auch wenn vergleichende Analysen für den Erziehungsbereich, anders als es Gertrud Bäumer und Helene Lange mit ihrem „Handbuch der Frauenbewegung“ zumindest ansatzweise vermochten, noch ausstehen – machen dieses Handbuch zu einem gewichtigen Dokument dieses jungen Wissenschaftsbereiches. Um aber einer Orientierungsfunktion in der gegenwärtigen Diskussion gerecht zu werden, wäre eine stärkere Vernetzung der Artikel erforderlich, hätten die Herausgeberinnen gut daran getan, in einer erweiterten systematisierenden Einleitung den durchaus erkannten Widersprüchen zwischen den theoretischen Zugriffen, der zunehmenden Triangulierung im methodischen Vorgehen oder der unterschiedlichen Nutzung derselben Referenzliteratur ansatzweise nachzugehen oder etwa durch ein ausgewogeneres Sachregister („doing gender“ fehlt z. B. als Registereintrag, kommt allerdings neben einem eigenständigen Beitrag wiederholt vor; es findet sich aber das Stichwort „Geschlechtsaneignung“. Der noch schwelende Konflikt zwischen wissenschaftspluraler Ausrichtung und demokratischem Anspruch, zwischen Wissenschaft und Moral, hätte getrost offensiver verhandelt werden können. Die den aktuellen Forschungsstand wiedergebende, im Großen und Ganzen profunde, wenngleich unterschiedliche Realisation der Artikel (einmal Lexikon-, einmal Handbuchformat), auch der weiteren, hier im einzelnen nicht gewürdigten Teile des Handbuchs machen es zu einer soliden Grundlage für die weitere Forschung und Arbeit in den erziehungswissenschaftlichen Theorie- und Handlungsfeldern.

URN urn:nbn:de:0114-qn062115

PD Dr. Christa Kersting

Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Erziehungswissenschaften, Abteilung Historische Erziehungswissenschaft

E-Mail: christa.kersting@rz.hu-berlin.de

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