Ingrid Miethe: Biografische Perspektiven auf kommunaler Ebene

Biografische Perspektiven auf kommunaler Ebene

Rezension von Ingrid Miethe

Brigitte Geißel:

Politikerinnen.

Politisierung und Partizipation auf kommunaler Ebene.

Opladen: Leske + Budrich 1999.

250 Seiten, ISBN 3–8100–2538–0, DM 56,00 / SFr 51,00 / ÖS 409,00

Abstract: Auf der Basis der inhaltsanalytischen Auswertung lebensgeschichtlicher Interviews mit Kommunalpolitikerinnen geht die Autorin der Frage nach den Gründen für politische Partizipation von Frauen nach, setzt ihre empirischen Ergebnisse in Beziehung zu klassischen politischen Theorien und zeigt auf, wie diese zu modifizieren bzw. zu erweitern sind.

Mit der 1999 erschienenen Dissertation von Brigitte Geißel liegt den Leserinnen und Lesern jetzt eine der wenigen biografisch orientierten Studien innerhalb der Politikwissenschaft vor. Auf der Basis der inhaltsanalytischen Auswertung von 26 Leitfadeninterviews mit Westberliner Kommunalpolitikerinnen der Jahrgänge 1949 bis 1966 geht die Autorin der Frage nach, welche Faktoren für den Parteieintritt und die Übernahme eines kommunalen Mandats zentral sind. Die Untersuchung ist damit auch eine der wenigen Studien, die Frauen auf kommunaler Ebene untersuchen. Im Unterschied zu anderen Arbeiten, die sich zumeist auf Barrieren und Benachteiligungen für Frauen innerhalb der institutionalisierten Politik konzentrieren, fragt Brigitte Geißel jedoch nicht nach den Gründen für die allgemein bekannte Unterrepräsentanz von Frauen in der Politik, sondern nach den Gründen für deren Engagement in einer Partei. Mit dieser Fragestellung betritt sie wissenschaftliches Neuland.

Im ersten Teil des Buches beleuchtet die Autorin ihr Forschungsfeld aus vier unterschiedlichen Richtungen: aus der Sozialisationsforschung, der Parteienforschung, der Frauenforschung und der Sozialstrukturforschung. Bereits in dieser sehr fundierten theoretischen Verortung wird der im zweiten Teil empirisch umgesetzte Anspruch sichtbar, zu zeigen, wie die Politisierungsprozesse zwischen sozialisationsbedingten Voraussetzungen, parteipolitischen Spezifiken und strukturellen geschlechtsspezifischen Aspekten zu erfassen sind. Der Fokus der Autorin liegt dabei aber nicht nur auf geschlechtsspezifischen Fragestellungen, sondern genauso auf Fragen der Schichtzugehörigkeit und des damit verbundenen unterschiedlichen Zugangs zu sozialem, kulturellem und politischen Kapital (Bourdieu).

Der zweite Teil der Arbeit, in dem die empirischen Ergebnisse dargestellt werden, stellt das Kernstück der Untersuchung dar. Die Teilung in ein theoretisches und ein empirisches Kapitel, so die Autorin selbst, darf dabei nicht darüber hinweg täuschen, daß der eigentliche Forschungsprozess nicht in dieser Form trennbar ist, sondern ein ständiges Wechselspiel zwischen Theorie und Empirie darstellt. Wie es typisch für qualitative Untersuchungen – und damit auch für die hier vorliegende – ist, werden dabei sehr schnell Ergebnisse sichtbar, an die die Forscherinnen und Forscher zunächst nicht gedacht hatten und die im Widerspruch zu gängigen Theorien stehen.

So hatte auch die Autorin nicht damit gerechnet, daß „die Mehrzahl der Interviewten weitergehende Partizipations- und Ämterinteressen wie auch Kompetenzen erst im Verlauf ihres Engagements entwickelten“ (S. 170). Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zu einschlägigen Konzepten der Parteienforschung, die davon ausgehen, daß partizipationsrelevante Ambitionen und Ämterinteressen in einem sogenannten ‚vorpolitischen Raum‘ entstanden seien. Dieses andere Ergebnis, so Geißel, kommt dadurch zustande, daß die in der Parteienforschung eher ungewöhnliche Anwendung qualitativer Methoden es ermögliche, auch langfristige Veränderungen zu erfassen (vgl. S. 209). Diese Veränderungsprozesse kann Brigitte Geißel dadurch verdeutlichen, daß sie in ihren Auswertungen nicht auf der Ebene einer klassischen Inhaltsanalyse mit den jeweiligen kategorialen Zuordnungen stehen bleibt, sondern darüber hinaus die veränderte Bedeutung der einzelnen Codes für die untersuchten Frauen im Zeitverlauf mit einbezieht. Mit ihrer Darstellung eines „best“ und eines „worst case“ werden derartige Veränderungen auch am Beispiel zweier Biografien nachvollziehbar dargestellt.

Dieses Ergebnis ist nicht nur in wissenschaftlicher, sondern auch für den Alltag von Relevanz, denn es zeigt die große Bedeutung der Quotierung für die politische Partizipation von Frauen, für die Möglichkeit, über die bereits erfolgte Partizipation Lust und Erfahrung zu sammeln, auf. Mit diesem Plädoyer geht es Geißel weniger um eine innerhalb der Wissenschaft und der Politik kontrovers diskutierte ‚Verbesserung der Politik‘ durch die verstärkte Präsenz von Frauen, als vielmehr um die Möglichkeit zur egalitären politischen Teilhabe von Frauen. Denn wie sie feststellt, werden in quotierten Parteien eher Frauen gefördert, die die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung in größerem Maße widerspiegeln als jene aus nicht-quotierten Parteien. Quotierung, so ihre These, eröffnet damit „vielen Frauen, und nicht nur den sozial und politisch privilegierten, die Möglichkeit der Interessenvertretung“ (S. 221 f.). „Die Geschlechterquote und die Qualität von Politik“, so Geißel (S.222), „sind zwei verschiedene Anliegen“, die als zwei voneinander unabhängige Reformen zu forcieren sind.

Als Grund für die Schwierigkeiten von Frauen in der Politik wird in der Regel die sogenannte Doppel- und Dreifach-Belastung erachtet. Der von Geißel vorgenommene Perspektivwechsel läßt die Orientierung vieler Politikerinnen auf mehrere Lebensbereiche – auf Politik, Beruf und Privatleben wie Familie – aber auch als Chance interpretieren, denn die Orientierung auf mehrere Lebensbereiche birgt Innovationspotentiale für die Frauen selbst wie auch für die politische Praxis. Es bewahrt, so Geißel, möglicherweise vor einer von Hannah Arendt beschriebenen „eigentümlichen Verflachung“ (Hannah Arendt 1997 in Geißel, S. 213), die auftritt, wenn Menschen ihr Leben nur in der Öffentlichkeit verbringen. In Bezug auf die politische Praxis ist es beispielsweise als Vorteil zu werten, daß mehrfach-orientierte Politikerinnen und Politikern eine größere Bandbreite an gesellschaftlichen Aktivitäten abdecken. Sie spiegeln damit die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung in größerem Umfang wieder. Gemeinwohlorientierung wäre einfacher, da verschiedene Lebensbereiche und Sichtweisen nicht mehr länger ausgeblendet werden.

In ihrem Ausblick hält Brigitte Geißel nochmals ein Plädoyer dafür, im Interesse einer gleichberechtigten politischen Partizipation den Blick nicht nur auf Frauen allgemein, sondern genauso auf andere bislang politisch Ausgegrenzte „die sozial nicht privilegierten, jene mit partei- und politikferner bzw. politikuntypischer Vorsozialisation ebenso wie die dreifach-orientierten Frauen mit Kindern“ (S.227) zu richten. Denn sicher, so Geißel, werden positive Veränderungen innerhalb der institutionalisierten Politik eintreten, „wenn nicht nur die von amtsunabhängigen Bindungen und lebensnotwendigen Tätigkeiten ‚freien‘ Haushaltsvorstände, nicht nur die gut dotierten und parteitypisch vorsozialisierten Herren die Regeln der politischen Praxis und deren Inhalte bestimmen, sondern auch die bislang Ausgegrenzten und sogenannten Desinteressierten.“

URN urn:nbn:de:0114-qn012193

Dr. Ingrid Miethe

E-Mail: miethe@uni-greifswald.de

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