Agnieszka Vojta: Anagramme und andere Sprachspiele – zum Werk von Unica Zürn

Anagramme und andere Sprachspiele – zum Werk von Unica Zürn

Rezension von Agnieszka Vojta

Helga Lutz:

Schriftbilder und Bilderschriften.

Zum Verhältnis von Text, Zeichnung und Schrift bei Unica Zürn.

Stuttgart, Weimar: Metzler 2003.

180 Seiten, ISBN 3–476–45322–7, € 39,95

Abstract: Unica Zürn (geb. 1916, 1970 Selbstmord in Paris) wurde in der Forschung kaum als eigenständige Künstlerin rezipiert. Sie wird als die Lebensgefährtin von Hans Bellmer angesehen. In diesem Kontext fungiert sie als seine Muse, als die lebendige Verkörperung seiner Puppenmodelle. Helga Lutz plädiert in ihrer Dissertation für eine Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Unica Zürn, „losgelöst aus dem Koordinatensystem des Biographischen und der Prämisse des Wahnsinns“. (S. 169)

Die Wahnsinnige oder der Fall „Zürn“

Die Arbeiten Unica Zürns wurden von der Forschung unter dem Gesichtspunkt ihrer psychischen Erkrankung rezipiert. Ihre Depressionen und langen Klinikaufenthalte bilden die biografische Folie für das Forschungsparadimga, mit dem ihr Werk untersucht und interpretiert wird.

Wahnsinn, Krankheit, Depression, Körperlichkeit sind die häufigsten Begriffe, mit denen man versucht, ihre Bilder und ihre Texte zu erfassen. Helga Lutz gibt einen Überblick über die Topoi der Rezeptionsgeschichte und zeigt, wie in der Sekundärliteratur versucht wurde, „ergänzend das zu konstruieren […], was die Arbeiten selbst strukturell verweigern: eine Autorin, eine historische Frauengestalt, ein übergreifendes ‚Ich‘, das einen festen Flucht- oder Bezugspunkt darstellen könnte“. (S. 21) Motive und Themen, die biografisch bedingt sind, tauchen in immer neuen Variationen und Verschiebungen auf. Das Autobiografische, das in das Werk hereininterpretiert wird, unterläuft und dekonstruiert sich selber.

Der Lebensgefährte Hans Bellmer

Im ersten Teil ihrer Arbeit geht Lutz auf die Beziehung von Unica Zürn zu Hans Bellmer ein. Mit einer fundierten Analyse zeigt sie, dass die Zuschreibung Zürns zu den Surrealisten, die aus dem Aufenthalt in Paris (1953–1970) und der Beziehung zu Bellmer abgeleitet wird, zu kurz greift. „Der Versuch, aus Zürn eine Surrealistin zu machen, dient letztlich vor allem dem Zweck, sich nach wie vor im Rahmen bestimmter surrealistischer Mythen von Weiblichkeit und Wahnsinn zu verorten und lesbar zu machen“. (S. 73) Die Einordnung Zürns in die Reihen der Surrealisten folgt der Einschätzung Bellmers, die in der Sekundärliteratur unhinterfragt übernommen wurde. Lutz stellt diese Zuschreibung in Frage, stellt die Arbeiten Zürns in einen viel breiteren Kontext der Pariser Kunstszene der fünfziger Jahre (Informel, lyrische Abstraktion, Tachismus) und zeigt, wie sehr Zürn von den surrealistischen Prinzipien abweicht.

Die Anagrammatikerin

Helga Lutz konzentriert sich in ihrer Analyse auf die Schriftbilder und Bilderschriften, d. h. auf die Bezüge zwischen Text und Bild. Die Schreibstrategien von Zürn werden anhand von vier Beispielen untersucht. Der Fokus richtet sich auf Anagramme, hybride Werke zwischen Text und Bild, zwischen Semiotik und Semantik. In ihrem langen Prosatext „Mann im Jasmin“ erklärt Unica Zürn das Gesetz des Anagrammierens: „Anagramme sind Worte und Sätze, die durch Umstellen der Buchstaben eines Wortes oder Satzes entstanden sind. Nur die gegebenen Buchstaben sind verwendbar und keine anderen dürfen zur Hilfe gerufen werden.“ Und weiter, weniger verspielt: Das Gesetz für das Anagramm heißt: Alle Buchstaben, die der Ausgangssatz enthält, müssen auch in seinem Anagramm verwendet werden.

Aus ihren Tagebucheintragungen geht hervor, wie Zürn gearbeitet hat: Zuerst wurde die Ausgangszeile aufgeschrieben. Oft war es ein Zitat, ein Kinderreim oder eine Redewendung. In der nächsten Zeile werden neue Wörter aus dem vorhandenen Material gebildet, die verbrauchten Buchstaben werden durchgestrichen. In jeder neuen Zeile muss die Bedeutung neu aufgebaut werden.

Die Instanz des Autors wird radikal in Frage gestellt, der Sprache wird ein Eigenleben verliehen. Das Anagrammieren ist ein „Suchen und Finden“.

Lutz zeigt in ihrer Analyse, wie Zürn neue Bedeutungen stiftet, wie sie unerwartete Bilder schafft und immer neue Subjekte und Subjektivitäten stiftet. Die Arbeiten „verweigern strukturell eine identifikatorische Lesart“. (S. 25) Das Subjekt, die Sprache, der Sinn – alles wird hinterfragt, auseinandermontiert und wieder zusammengebaut.

Die Ähnlichkeit zu Hans Bellmers Puppen, die auch dekonstruiert und wieder zusammengesetzt waren, trügt. Die Werke, genauer gesagt die Anagramme von Unica Zürn haben keine Bedeutung a priori, keine Absicht. Der Sinn entstand aus dem vorhandenen (Buchstaben-)Material, war nicht festgelegt. Im Sinne des Anagrammgesetzes muss der Sinn vor der Methode weichen.

„Bibi ist eine welsche Hexe“

Am Beispiel des Anagramms über „Bibi die Hexe“ zeigt Lutz, wie Unica Zürn traditionelle Lesearten unterläuft. Die Sätze des Anagramms ergeben semantisch keinen kausalen Zusammenhang, die Atmosphäre einer geheimnisvollen Verschwörung und die Gestalt der Hexe werden durch syntaktische Elemente evoziert. Auch die Zeichnung, die zum Anagramm gehört, lässt eine weibliche Gestalt erahnen, sie spielt mit Andeutungen an Körperformen, ohne sich auf eine Form festzulegen. Es entsteht ein dynamisches Geflecht von Zeichen, welches unzählige Lesarten ermöglicht.

Die Anagramme und die Zeichnungen Unica Zürns entwickeln eine eigene Welt, treten in immer wieder neue Beziehungen zueinander. Sie transformieren, verschieben oder ergänzen sich. Die Bilder sind viel mehr als Illustrationen zum Text, und die Texte sind viel mehr als Unterschriften zum Bild. Die ambivalente Spannung zwischen den zwei Medien, die immer neuen Variationen und Verschiebungen, fordern einen „aktiven Assoziations- und Lesevorgang“.

Der experimentelle Umgang mit Text und Bild

Die Unmöglichkeit, eine klare Grenze innerhalb der Zeichnung, zwischen Zeichnung und Bild, zwischen Sinn und Symbol zu ziehen, irritiert herkömmliche Seh- und Lesearten. Helga Lutz wirft die Frage auf, ob die experimentellen Arbeiten Zürns „nicht nach einer neuen Rezeptionsmethode verlangen“ (S. 95).

Wie sollen diese prozessualen, pulsierenden Werke erfasst, geschweige denn interpretiert werden? Mit dem „Modell des offenen Kunstwerks“ von Umberto Eco? Mit dem psychoanalytischen Konzept des Begehrens von Lacan? Mit der radikal biografischen Herangehensweise von Luce Irigaray? Helga Lutz scheinen diese Ansätze unzureichend. Sich auf Foucaults Ordnung der Dinge und Barthes‘ Bildverständnis stützend, entwickelt sie einen eigenen Zugang.

Helga Lutz interpretiert die Arbeiten von Unica Zürn als „bewusst inszenierten Versuch, gewohnte Wahrnehmungs- und Deutungsmuster ins Wanken zu bringen“. (S. 169). Indem sie Zürns kunstvolle Schreibstrategien untersucht, löst sie sie aus dem biografisch-pathologisch geprägten Interpretationskorsett und lenkt den Blick auf das Werk. Sie zeigt, wie Zürn in ihren (Bild-)Texten das Subjekt inszeniert und durchkreuzt. Dadurch wird deutlich, wie unbefriedigend und fehlerhaft der bisherige biografische Zugang war.

URN urn:nbn:de:0114-qn061172

Agnieszka Vojta

Universität Konstanz, Fachbereich Literaturwissenschaft

E-Mail: agavojta@aol.com

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