Angelika Ebrecht: Die Gewalt der Frauen

Die Gewalt der Frauen

Rezension von Angelika Ebrecht

Hanna Hacker:

Gewalt ist: keine Frau.

Der Akteurin: oder eine Geschichte der Transgressionen.

Königstein im Taunus: Ulrike Helmer Verlag 1998.

343 Seiten, ISBN 3–89741–008–7, DM 42,00 / SFr 40,00 / ÖS 307,00

Abstract: Anhand historischer Beispiele aus der Zeit der letzten Jahrhundertwende in Europa stellt die Autorin den Zusammenhang von Transgression, Aggression und Inversion dar. Gegen die gängige Auffassung, Gewalt sei männlich, setzt sie Selbst- und Fremdentwürfe von Frauen, die als Duellantinnen, Soldatinnen und Mörderinnen die gesellschaftlich festgelegten Grenzen der Gewalt verletzten. Sie interpretiert dies als Versuch, die Geschlechtergrenzen zu überschreiten und sich eine Subjektposition anzueignen.

Wo Grenzen überschritten werden, geraten Ordnungen durcheinander, werden Hierarchien in Frage gestellt, lösen sich alte Strukturen auf. Das drückt bereits der Titel des aus einer Wiener Habilitationsschrift hervorgegangenen Buches von Hanna Hacker aus: Gewalt ist: keine Frau. Der Akteurin: oder eine Geschichte der Transgressionen. So angemessen diese sprachlichen Verschiebungen bzw. Grenzüberschreitungen dem Gegenstand zu sein scheinen, so unbefriedigt bleibt die durch sie ausgelöste Neugierde. Vermißt die Leserin doch die wohltuende Geburt einer neuen Ordnung aus dem Chaos der (meist weniger umordnenden als vielmehr unordnenden) Lektüre.

Um-Ordnungen

Daß Gewalt in den meisten Gesellschaften von Männern besetzt und für Männer reserviert ist, setzt Hanna Hacker gleichsam stillschweigend voraus. Die Autorin thematisiert „Selbstentwürfe“ sowie „Fremddefinitionen von Frauen“, die um die letzte Jahrhundertwende in Europa jene für Räume der Gewalt gesellschaftlich festgelegten „geschlechtlichen Begrenzungen“ überschritten (S. 10). Sie orientiert sich dabei an dem gedanklichen Zusammenhang der „Trias Transgression/Aggression/Inversion“ (S. 19), ohne freilich deren theoretischen Status und systematischen Zusammenhang genauer darzustellen oder gar zu analysieren. Die Schrägstriche allein scheinen schon ausreichend Gewähr für Zusammenhänge und Kausalitäten zu bieten. Subtilere Diskussionen wie etwa die um strukturelle oder psychische Gewalt bleiben dabei freilich außer Acht.

Den Begriff Transgression entlehnt Hanna Hacker aus der Diskussion um die strukturalistischen Theorien von Michel Foucault, Michail M. Bachtin, Natalie Zemon Davis, Jacques Lacan, Judith Butler und anderen, ohne dieser Tradition freilich genauer nachzugehen. Sie selbst versteht unter Transgression „die Überschreitung der Geschlechtergrenze durch das Handeln einer Person mit weiblichem Ausgangsgeschlecht“ (S. 10). Differenzierter erläutert wird der Begriff von ihr allerdings nicht, sondern eher durch vielfältige und interessante historische Beispiele illustriert.

Das Erkenntnisinteresse der Autorin gilt der „Produktion von Geschlechterdifferenzen“ im Kontext „legitimierter wie nicht-legitimierter Gewalt“ (S. 17). Doch tritt hinter dieser erklärten Absicht immer wieder der Versuch zutage, in den transgressiven Akten gerade die Aufhebung von Geschlechterdifferenzen nachzuweisen, also dem nachzugehen, was sie in Anlehnung an Butler als das „dritte Geschlecht“ bezeichnet (S. 9), und jene Prozesse aufzudecken, in denen Frauen sich als Subjekte konstituieren (vgl. S. 179). Frauen hätten versucht, sich öffentlich eine Subjektposition anzueignen – „nur, waren sie da noch Frauen?“ (S. 45) In einer solchen Frage (wie auch in der unschönen Verlegenheitskategorie Ausgangsgeschlecht) zeigt sich die irreführende und gedanklich nachgerade schlichte Seite der ansonsten ja eher überkomplexen Theorie von Judith Butler.

Femmes d’attaques

Die historischen Darstellungen der vier Hauptteile des Buches gruppieren sich beispielhaft um drei Motivkomplexe: „die Duellantinnen im Frankreich der Belle Epoque“, um „die Soldatinnen in den Kolonialkriegen und an den Fronten von 1914“ und um die „Mörderinnen und Gewaltdelinquentinnen“ im „habsburgischen Fin de siècle“ (S. 10). Im ersten Teil veranschaulicht Hanna Hacker die Transgressionen von Frauen in den männlich definierten Raum des Duells am Beispiel von Gisèle d’Estoc (ohne Angaben), Marie-Rose Astié de Valsayre (geb. 1846) und Arria Ly (1881–1934) (vgl. S. 26). Gerade im sozialen Raum des Duells trete „die Idee der Inversion regelmäßig zu den Dimensionen Transgression und Aggression.“ (S. 44) Dem zweiten Teil zur „Gewalt und Überschreitung im Inneren des Feminismus“ am Beispiel des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins (AÖF) zwischen 1893 und 1910 stellt Hanna Hacker die Frage voran: „Wenn Feministinnen einander attackierten, waren sie dann auch ‚femmes d’attaque‘, Angreiferinnen der öffentlich-männlichen Ordnung?“ (S. 73). Die „Disziplin“ von Konzepten wie etwa dem der kalten Frau habe zu Spannungen und Spaltungen im Inneren der „feministischen Subjekte und Kollektive“ geführt (S. 120).

Der dritte Teil der Arbeit widmet sich Frauen, denen es gelang, als „Front/Frauen“ um 1914 die Grenzen des „Aktionsraum(es) des „modernen“ Krieges“ zu überschreiten (S. 145f.). Doch stellten diese Frauen Hacker zufolge keine „fundamentale Attacke gegen die herrschende Geschlechterordnung“ dar (S. 148). Was an ihnen bedrohlich erschien, sei auf sexistische und nationale bzw. rassistische Stereotypien verschoben worden (S. 193). Im vierten Teil geht es um Frauen, die sich auf das „Terrain der strafrechtlich verfolgten und als delinquent veröffentlichten Tötungshandlungen“ begaben, also um Mörderinnen (S. 233). Daß diese Frauen nicht nur als geborene Verbrecherinnen, sondern auch als Lesbierinnen galten (vgl. S. 251f.), läßt dennoch fraglich erscheinen, warum sie, wie Hacker meint, gerade auf diesem Gebiet eine Subjektposition erreichten (vgl. S. 236). Eine solche Aussage durchbricht meines Erachtens die Tabugrenzen dessen, was kulturell noch als Subjekt gelten dürfte.

Wenngleich die Arbeit bisher unerschlossenes und wissenswertes Material präsentiert, läßt sie formal doch einiges zu wünschen übrig. Der methodische und argumentative Status der Quellen, des Zitierten und Referierten, bleibt vielfach unbestimmt, ja unklar (vgl. etwa S. 38f.). Auch geraten die Ebenen der Darstellung, Analyse und persönlichen Stellungnahme mitunter auf eine gefährliche Weise durcheinander. Wo etwa Vorurteilsstrukturen ironisierend, aber doch identifikatorisch wiedergegeben werden, droht durch das pure Beschwören des Gegenteils eine neuerliche Ideologiebildung: „Fechtende Frauen? Eine abstoßende Vorstellung! Frauen im Duell? Lächerlich!“ (S. 32)

Akteurin – Heldin – Täterin

Problematisch erscheint auch, daß sich in Hanna Hackers Präsentation der Phantasmen von gewalttätigen Frauen die Grenzen zwischen Akteurin und Heldin verwischen. Zwar betont die Autorin, es gebe in dem von ihr beschrittenen „Aktionsfeld“ kein „Happy-End“ (S. 11). Aber so sehr sie auch die Kosten der Transgressionen herausstreicht, die nicht selten den Verlust des eigenen Lebens oder der körperlichen Unversehrtheit einschlossen, so wenig werden in den Darstellungen das Leiden und die Konflikte der handelnden Frauen deutlich, geschweige denn, daß die Leiden ihrer Opfer systematisch in die Reflexion einbezogen würden. Oftmals fehlt eine genauere Bestimmung, worin denn nun eigentlich die beschworene „Kritik der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern besteht“, die in den Transgressionen stecken soll (S. 11). Das ideologiekritische Argument der Autorin, daß Transgression und Aggression meist mit Inversion verbunden wurden (vgl. S. 18 und S. 275ff.), begründet als solches ja noch nicht, wo und wie in dieser Verbindung ein potentiell kritisches Element zu finden sei und wie es sich in der jeweiligen historischen Situation manifestierte.

Es ist in der Tat nicht die Geschichte der Transgression, die Hanna Hacker in ihrem Buch schreibt – die hätte vielleicht auch anders geschrieben werden können. Aber eine Geschichte, wie sie der Untertitel (eingedenk der eigenen Begrenztheit) verheißt, ist es gewiß. Und eine interessante allemal. Man könnte sie als das weibliche Gegenstück zu Klaus Theweleits Klassiker Männerphantasien (1980) lesen, fehlte ihr nicht ein wenig von dessen analytischer und phantasmatischer Kraft. Trotz aller Vorbehalte: Es lohnt sich durchaus, dieses Buch zur Kenntnis zu nehmen.

URN urn:nbn:de:0114-qn011069

Dr. Angelika Ebrecht

Berlin

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