Martin Textor: Familienfreundliche Betriebe nehmen auf Vaterschaft Rücksicht!

Familienfreundliche Betriebe nehmen auf Vaterschaft Rücksicht!

Rezension von Martin Textor

Andreas Borter (Hg.):

Handbuch VäterArbeit.

Grundlagen und Impulse für Väter und Verantwortliche in Betrieben und Organisationen. Väter im Spannungsfeld von Familie und Beruf.

Zürich: Rüegger 2004.

A4-Ordner mit Beilagen, ISBN 3–7253–0759–8, € 30,70

Abstract: Das Handbuch VäterArbeit zeigt auf, wie wichtig es ist, das Thema „Vatersein“ in Unternehmen und Organisationen zu diskutieren und betriebliche Maßnahmen zur Unterstützung einer kindgerechten Ausübung von Vaterschaft zu initiieren und umzusetzen. Die Politik muss dafür die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen. Väter sollten ihre Rollen hinterfragen und die schon gegebenen Spielräume hinsichtlich einer verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf nutzen.

Hintergrund und Konzeption

Das Handbuch VäterArbeit entstand im Rahmen des Projekts „Hallo Pa!“ von pro juventute bern und Verein Elternbildung Bern (VEB). Es wurde vom Eidg. Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann finanziell gefördert. Das Projekt „Hallo Pa!“ strebt eine intensivere öffentliche Diskussion über Vaterschaft an und will „einen Beitrag zur nachhaltigen Verankerung des Themas Vatersein in Betrieben und Organisationen leisten“ (Vorwort).

Das Handbuch richtet sich in erster Linie an Personen, die sich in ihrem beruflichen Alltag mit Fragen der Arbeits- und Lebensplanung von Vätern befassen. Es handelt sich um einen Loseblatt-Ordner, in dem allgemeine, eher einleitende und zumeist sehr kurze Texte von einzelnen Autor/-inn/en und – oft in einem anderen Layout – so genannte „Beilagen“ von verschiedenen Instituten und Organisationen eingelegt wurden. Diese sind nach vier Rubriken – „Grundlagen“, „Väter & Recht“, „Väter & Betrieb“ sowie „Väter & Gesundheit“ – geordnet. Die einführenden Artikel sind durchnumeriert, beginnen aber in jeder Rubrik mit der Seitenzahl „1“. Bei den Beilagen wird jedes Mal neu mit der Seitenzählung begonnen. Laut Impressum ist es vorgesehen, weitere Artikel für das Handbuch zu erstellen, die dann über den Verlag als PDF-Dateien erhältlich sein sollen.

Der Herausgeber, Andreas Borter, ist Theologe und Organisationsberater. Er arbeitet im „Büro für Schulung und Beratung“ in Burgdorf (Schweiz) und ist Mitglied des Interdisziplinären Arbeitskreises Männer- und Geschlechterforschung (IAMUG).

Grundlagen

Die erste Rubrik beginnt mit einem Artikel „Aus Pioniertaten wird Vateralltag“ von Christof Arn und Andreas Borter, in dem aufgezeigt wird, dass Vaterschaft zu einem Thema in Gesellschaft, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und in der Selbstreflexion von Vätern geworden ist. Dann folgt ein ganz kurzer Text „Töchter und Söhne brauchen väterliche Zuwendung“ von Eva Zeltner mit einigen Literaturempfehlungen. Anschließend reißt Lu Decurtins das Thema „Väter bleiben wichtig in der Familie – auch nach einer Scheidung“ an und gibt einige Tipps, wie sich Väter nach einer Trennung verhalten sollten. Der einleitende Teil endet mit dem „Portrait“ einer Patchworkfamilie.

Die Beilagen umfassen eine weitestgehend auf Schweizer Websites beschränkte Linkliste zum Thema „Väter“, das Leitbild des Projekts „Hallo Pa!“, den „großen (unwissenschaftlichen) paps-Test für Väter“, die Selbstdarstellungen von IGMZ (hilft bei Trennung und Scheidung), VeV (Organisation verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter) und der Pflegekinder-Aktion Schweiz sowie einen Fachtext über Adoptivväter. Interessant sind der Kurzartikel „Das „Variablenmodell“ von René Setz, das auf die Nutzung der Kompetenzen gelingender Vaterschaft abzielt und das auch in Betrieben angewendet werden kann, und das Themenblatt „Engagierte Väter“ von der Fachstelle UND – Familien und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen – und von SVEO – Schweizerische Vereinigung der Elternorganisationen –, in dem für die Übernahme eines Teils der Hausarbeit durch Väter plädiert wird.

Väter & Recht

Die zweite Rubrik beginnt mit einem immerhin 7 Seiten umfassenden Artikel „Vaterlose Bundespolitik“ von Diego Hättenschwiler. Hier wird aufgezeigt, bei welchen Gesetzesvorhaben in der Schweiz seit den 1980er Jahren auf Vaterschaft bezogene Fragen berücksichtigt wurden. Wenig überrascht, dass dies sehr selten geschah – z. B. bei der Revision des Eherechts (1988, Gleichstellung von Mann und Frau) und des Scheidungsrechts (1998, Einführung der gemeinsamen Sorge). Dementsprechend muss Pierre Serge Heger im nächsten Artikel die Titelfrage „Wie gleichgestellt sind Väter in der Schweiz?“ mit „unzureichend“ bezüglich der Übernahme von Familienpflichten beantworten. Beide Autoren zeigen auf, dass im schweizerischen Arbeitsrecht nur in Artikel 36 des Arbeitsgesetzes Mütter und Väter angesprochen werden – „Arbeitnehmer mit Familienpflichten“ erhalten hier das Recht, Überzeitarbeit abzulehnen, eine längere Mittagspause zu beanspruchen oder sich bei Erkrankung eines Kindes für bis zu drei Tage beurlauben zu lassen. So ist es nicht verwunderlich, dass Anna Christen im dritten Beitrag „Väter in Gesamtarbeitsverträgen und Betriebsvereinbarungen“ feststellt, dass nur wenige dieser Übereinkünfte Arbeitnehmer in ihrer Rolle als Väter berücksichtigen.

Peter Döge beschreibt in dem Artikel „Wege zu einer aktiven Vaterschaft in ausgewählten europäischen Ländern“, dass Länder wie Deutschland, Österreich, Schweden, Norwegen u. a. bei weitem mehr gesetzliche Regelungen, die eine aktive Vaterschaft ermöglichen sollen, als die Schweiz verabschiedet haben. Allerdings werden viele dieser Möglichkeiten – wie z. B. Eltern- bzw. Karenzzeit – kaum von Vätern genutzt. Döge verweist auch darauf, dass laut mehreren Untersuchungen viele Frauen einem verstärkten Engagement von Männern in der Familie ambivalent gegenüber stehen und es nicht befürworten, wenn ihre Partner Erziehungsurlaub nehmen wollen. Im „Portrait“ wird anschließend Hugo Fasel, Präsident der Travail.Suisse vorgestellt, der sich für „den nachhaltigen Einstieg der Väter in die Familienarbeit“ einsetzt.

Die Beilagen beschränken sich in dieser Rubrik auf Auszüge aus Firmenverträgen und Personalreglements von Swiss Re, Lufthansa und Druckwerkstatt Kollektiv GmbH.

Väter & Betrieb

Im ersten Artikel „Familienfreundlichkeit als zukunftsweisende, betriebliche Investition“ plädiert Daniel Huber für familienkompatible Arbeitsbedingungen und zeigt auf, dass oft kleine und mittlere Betriebe eine Pionierrolle übernehmen. Anschließend werden 7 Bücher zum Thema vorgestellt. Dann geht Daniel Huber der Frage „Recht auf Teilzeit – auch für Väter?“ nach und beschreibt vor allem, wie ein angehender Vater dem Arbeitgeber seinen Wunsch nach Teilzeitarbeit „schmackhaft“ machen kann.

Die Beilagen umfassen den Leitfaden „Fairplay-at-work für Väter“, in dem Männern Wege zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgezeigt werden, die Broschüre „Fairplay-at-work in Unternehmen“ mit einer Darstellung entsprechender betrieblicher Maßnahmen und das Faltblatt „Wissenswertes für alle, die Teilzeit arbeiten und Kinder oder Angehörige betreuen“ mit Informationen zu versicherungsrechtlichen Fragen; alle drei Publikationen sind vom Eidg. Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann veröffentlicht worden. Ferner gibt es ein Merkblatt „Familienfreundliche Personalpolitik“ von Daniel Huber, ein Arbeitsblatt für Väter zur Erfassung diesbezüglicher Wünsche sowie Beispiele für Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf seitens des Bundesamtes für Informatik und Telekommunikation, der Stadtverwaltung St. Gallen, der Genossenschaft Migros, der Swiss Re und des Kantons Aargau (Plakataktion).

Väter & Gesundheit

Die vierte Rubrik beginnt mit dem Artikel „Familienfreundliche Betriebe stärken die Väter-Gesundheit“ von René Setz, in dem geschlechtsspezifische Gesundheitsförderung auf Männer bezogen behandelt wird – was eher selten der Fall sei. Deutlich wird, dass auch Väter unter der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf leiden und präventive Maßnahmen zum Abbau von Stress sowie zur Gesunderhaltung benötigen. Aufgrund gängiger Rollenbilder sollten ihre Firmen klare Signale senden, dass eine aktiv gelebte Vaterschaft von ihnen unterstützt wird. Im „Portrait“ berichtet dann ein Schreiner über die positiven (auch gesundheitsbezogenen) Folgen der Entscheidung, zusammen mit seiner Frau während der Familienphase nur Teilzeit zu arbeiten.

Die Beilage beschränkt sich auf die Broschüre „Männergesundheit: Ein Manifest“ von Radix Gesundheitsförderung. In ihr werden Fakten zur Männergesundheit aufgelistet und Strategien zur Verbesserung der derzeitigen Situation aufgezeigt. Tabellen erleichtern die kritische Reflexion „typisch“ männlicher Verhaltensweisen, Lebensthemen und Beziehungsmuster sowie deren Veränderung.

Schlussbemerkungen

Das Handbuch VäterArbeit erleichtert es Arbeitgeber/-inne/n, den Mitarbeiter/-innen im Personalmanagement und anderen Entscheidungsträger/innen, Väter in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen differenzierter wahrzunehmen, ihre Probleme hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erkennen und durch betriebliche Maßnahmen ein aktives Vatersein zu ermöglichen. Väter werden zur Auseinandersetzung mit ihren Rollen motiviert, während Politiker/-innen auf den großen gesetzlichen und reglementarischen Handlungsbedarf hinsichtlich der Gleichstellung von Mann und Frau sowie hinsichtlich einer größeren Familienfreundlichkeit der Arbeitswelt hingewiesen werden. Allen genannten Zielgruppen werden Informations- und Beratungsangebote erschlossen. Schließlich leistet die Arbeitsmappe einen Beitrag zur Genderhealth-Debatte.

Dank der kurzen Texte, des abwechslungsreichen Layouts und der eingehefteten Broschüren spricht das Handbuch VäterArbeit Arbeitgeber/-innen, Politiker/-innen und Väter sehr gut an. Außerdem sind die Artikel gut lesbar. Für Wissenschaftler/-innen im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung dürfte das Handbuch aber wenig Neues bieten – vielleicht mit Ausnahme der Praxisbeispiele aus der Wirtschaft und den Selbstdarstellungen schweizerischer Organisationen. Ein Zitieren aus dem Handbuch wird durch die Art der Seitenzählung erschwert.

URN urn:nbn:de:0114-qn053271

Dr. Martin R. Textor

München/Staatsinstitut für Frühpädagogik

E-Mail: martin.textor@extern.lrz-muenchen.de

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