Walter Bien: Väterforschung als Familienforschung

Väterforschung als Familienforschung

Rezension von Walter Bien

Ariane Schorn:

Männer im Übergang zur Vaterschaft.

Das Entstehen der Beziehung zum Kind.

Gießen: Psychosozial 2003.

351 Seiten, ISBN 3–89806–233–3, € 36,00

Abstract: Männer im Übergang zur Vaterschaft von Ariane Schorn ist ein interessantes, empfehlenswertes Buch, das einen wichtigen, bisher wenig beleuchteten Aspekt im Alltag eines Großteils der Bevölkerung umfasst, immerhin sind bzw. werden zwischen70 und 80% aller Männer im Laufe ihres Lebens einmal Vater. Das Buch zeigt eine lebendige, nicht immer einfache Entwicklung in einer schwierigen Zeit der Familientriade.

Hintergrund

Familienforschung ist brisant. Nahezu jeder lebt in einer Familie oder ist in einer Familie aufgewachsen oder kennt Familien aus dem engsten Freundes- und Verwandtenkreis. Familie wird heiß und widersprüchlich in den Medien diskutiert, ge- und verzeichnet. Familie ist ein politischer Streitgegenstand, Familie ist Teil und vielleicht Lösung von Geschlechterkonflikten und Geschlechterpolitik. Political correctness, Vorurteile, Überbewertung der eigenen Erfahrungen oder, anders ausgedrückt, die Vielzahl der selbsternannten Experten machen es schwer, Familienforschung auf hohem qualitativen Niveau durchzuführen, zu veröffentlichen und zu diskutieren, dies gilt im Besonderen für Forschung in Bezug auf die Rolle des Vaters und noch mehr in Bezug auf die emotionale Bindung zwischen Vätern und Kindern. Durch den Fokus auf „abwesende Väter“, „potentiellen Missbrauch“, „Gewalt in Familien“, „flüchtige Erzeuger“ und „emotionslose Finanziers“ bleibt der reale Alltag vieler Familien außen vor. Hier etwas mehr zur Rationalität in der Diskussion beizutragen, ist verdienstvoll und gelingt in dem vorliegenden Buch sehr gut.

Was ist ein Vater?

Dass diese Frage nicht trivial ist, zeigen die kurzen Ausflüge zu Definitionen und Selbstdefinitionen in anderen Kulturen. Sie zeigen, dass Vaterschaft nicht unbedingt an das Geschlecht gebunden sein muss und es auch Kulturen gibt, in denen Frauen Väter werden können. Die gewählte Einleitung, den Verstand und das Herz offen für andere Konzepte als das eigene „Vaterbild“ zu machen, ist sehr gelungen und bereitet den Boden für das Folgende vor. Die darauf folgende Übersicht zur Väterforschung gibt eine gute Übersicht, ohne dass man in zuviel Einzelheiten ertrinkt. Sie macht klar, dass es noch erhebliche Wissensdefizite gibt und macht neugierig auf die folgende Untersuchung.

Wann werden Männer bzw. Partner Väter, bei der Zeugung, bei der Geburt, während der Schwangerschaft, nach der Geburt, welche Auswirkungen hat Vaterwerden auf die Partnerschaft? Fragen, die sich der Rezensent selbst zugegebenermaßen trotz etwa zwanzigjähriger eigener Arbeit in der Familienforschung noch nicht gestellt hat. Das Buch greift also wichtige Fragen auf, und da der Forschungs- und Wissensstand sehr gering ist, ist die Vorgehensweise, durch explorative themenorientierte Interviews im Längsschnitt etwas Licht in das Dunkel zu bringen, angemessen und richtig.

Vorgehensweise

Es wurden zehn werdende Väter sowohl vor als auch nach der Geburt themenzentriert interviewt, und es wurden, ausgehend von der Leitfrage „Was bedeutet es für Sie, Vater zu werden bzw. Vater zu sein?“, ergänzende und vertiefende Fragen gestellt, die dann aus der jeweiligen Gesprächssituation weiter entwickelt wurden. Die Interviews wurden entsprechend einem Verfahren der tiefenhermeneutischen Textinterpretation analysiert, und die Ergebnisse wurden übergreifend aufgearbeitet und dargestellt.

Ergebnisse

Die betrachteten (werdenden) Väter waren hochmotiviert und sahen die Vaterschaft als integralen und selbstverständlichen Bestandteil des eigenen Lebensentwurfs an. Selbstverständlich hat die Autorin Recht, wenn sie darauf hinweist, dass dies nicht für alle Väter gelten muss und eine explorative Untersuchung nicht den Anspruch haben kann, Verteilungsangaben über die unterschiedlichen vorhandenen Vätertypen zu machen. Es ist allein schon verdienstvoll, darauf hinzuweisen, dass es Männer gibt, für die engagierte Vaterschaft natürlich und selbstverständlich ist. Das Buch macht auch klar, dass dies ein Prozess ist, der verschiedene Stadien durchläuft und abhängig von der Hypothek des eigenen Lebenslaufs sehr unterschiedlich verlaufen kann.

Die Ambivalenz der Diskussion um Vaterschaft, wie sie in den Medien und auch in der Wissenschaft aufscheint, spiegelt sich auch im Selbstverständnis der interviewten Väter wider. Nicht alles, was an einem selber wahrgenommen wird, nicht alles, was um das Vaterwerden passiert, hat die Chance, zugelassen und im Interview weitergegeben zu werden. Insbesondere die für Deutschland typische Ideologie der „natürlichen“ Mutter-Säuglingsbeziehung, -kompetenz und -verantwortung macht es für Väter schwer, in dieser Anfangszeit die eigenen Emotionen zuzulassen, damit umzugehen und in ein positives, die Vater-Kind- und die Partnerschaftsbeziehung verstärkendes Handlungsmuster umzusetzen. Die Interviews zeigen aber auch, dass dies dann irgendwie doch gelingt und auf jeden Fall besser gelingt, als es für die eigenen Väter der Interviewten erinnert wird.

Die Analyse macht deutlich, dass die Vater-Kind-Beziehung integraler Bestandteil der Vater-Mutter-Kind Triade und damit auch der Partnerschaftsbeziehung ist. Schön, aber in dieser Untersuchung nicht zu leisten wäre es gewesen, zu den verschiedenen Beschreibungen der Stadien des Vaterwerdens auch die Sicht der Partnerin dazu zu haben. Aber das ist das Problem aller guten Forschungsarbeit, dass sie sofort zum Weiterdenken anregt.

Zusammenfassung

Männer im Übergang zur Vaterschaft von Ariane Schorn ist ein interessantes, empfehlenswertes Buch, das einen wichtigen, bisher wenig beleuchteten Aspekt im Alltag eines Großteils der Bevölkerung umfasst. Das Buch zeigt eine lebendige, nicht immer einfache Entwicklung in einer schwierigen Zeit der Familientriade.

Es gibt dabei verschiedene Möglichkeiten, das Buch zu lesen, traut man der Autorin und hat man keine voyeuristischen Züge, reicht es, die Einleitung, die Darstellung der Untersuchungsmethode und den zusammenfassenden Ausblick zu lesen, um die wesentlichen Erkenntnisse zu erhalten. Ist man etwas weiter interessiert, kann man auch noch die Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel hinzuziehen. Ist man interessiert, sich ein eigenes Bild zu machen, ist es sehr interessant, die Aussagen der einzelnen Personen, jede für sich in einem Stück und ohne die Interpretationen der Autorin auf sich wirken zu lassen. Will man wissen, wie die Autorin vorgegangen ist, kann man durch den Fundus stichprobenartig durchgehen und an der einen oder anderen Stelle nachlesen, wie die Autorin zu ihren Schlussfolgerungen gekommen ist.

Das Buch von Anfang an bis zu Ende in einem Stück zu lesen ist anstrengend, eher Arbeit und weniger Vergnügen, weil Diskussionsfortlauf und Belege zu einem eher zähen Kontinuum verbunden sind, ein Nachteil vieler solcher Berichte zu qualitativen Studien. Nun niemand ist gezwungen, sich das Leben schwer zu machen, wie gesagt, es gibt eine Reihe von vergnüglicheren Strategien, sich die Informationen des Buches zu erschließen, eines Buches, das wichtig ist und zu interessanten Erkenntnissen, Schlussfolgerungen kommt und sehr anregend für die Gestaltung weiterer Forschung werden kann.

URN urn:nbn:de:0114-qn053045

Dr. Walter Bien

Deutsches Jugendinstitut München

E-Mail: bien@dji.de

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