Pascal Eitler: Lustverlust? Sexualforschung und sexuelle Befreiung

Lustverlust? Sexualforschung und sexuelle Befreiung

Rezension von Pascal Eitler

Yvonne Bauer:

Sexualität – Körper – Geschlecht.

Befreiungsdiskurse und neue Technologien.

Opladen: Leske + Budrich 2003.

283 Seiten, ISBN 3–8100–3690–0, € 24,90

Abstract: Yvonne Bauer legt mit diesem Buch eine facettenreiche Analyse des Sexualitätsdiskurses nach „1968“ vor. Sie konzentriert sich dabei auf die innerhalb dieses Diskurses explizit oder implizit verhandelten Körper- und Geschlechterbilder. In diesem Zusammenhang widmet sie sich vor allem dem innerhalb der (deutschen) Sexualforschung weit verbreiteten Topos vom drohenden „Lustverlust“, der Debatte vom Verschwinden sexueller Leidenschaft.

Die Gewährsleute: Foucault, Butler und Haraway

Eine solche Analyse ist freilich an sich nicht mehr besonders originell – zum Glück, wie man meinen darf. Bauer hat ihre Gewährsleute, und sie benennt diese offen und häufig: In erster Linie handelt es sich erwartungsgemäß um Michel Foucault, dessen Überlegungen sie vor allem durch Gedanken Judith Butlers und Donna Haraways zu erweitern weiß. Sexualität begreift Bauer folglich als „Dispositiv“ oder „Apparat“, als Produkt von Diskursen und Techniken. Sexualität wird damit zu etwas grundsätzlich Historischem. Entschieden wendet sich Bauer mit Haraway gegen jede „Illusion eines natürlichen Körpers“. So weit so gut. Diese Sichtweise ist inzwischen wohl vertraut, und sie stellt wahrscheinlich die einzig angemessene Herangehensweise an das Thema bzw. den Themenbereich Sexualität dar. Auch die Korrekturen, die Bauer an Foucaults Geschlechterblindheit vornimmt, sind bekannt, aber nichtsdestotrotz berechtigt. Mit Butler geht Bauer von der Annahme aus, dass jedes Sexualitätskonzept meist unausgesprochen ein bestimmtes Geschlechterkonzept transportiert und Differenzierungen und Hierarchisierungen von als männlich oder weiblich imaginierten Sexualitäten generiert.

Sexualforschung und Sexualpolitik

Bauer beginnt ihre Analyse mit den beiden zentralen Repräsentanten der (deutschen) Sexualforschung nach „1968“: Volkmar Sigusch und Gunter Schmidt. Sigusch steht in der entfremdungstheoretischen Tradition Herbert Marcuses. Er unterscheidet zwischen einer eigentlich natürlichen, wilden und rätselhaften auf der einen und einer kulturell überformten, verstümmelten und rationalisierten Sexualität auf der anderen Seite und diagnostiziert einen schleichenden Lustverlust aufgrund von vermeintlich beklagenswerten gesellschaftlichen Veränderungen und technologischen Entwicklungen. Schon Foucault hat bekanntlich gegen diese Repressionshypothese Stellung bezogen, und es ist erstaunlich, wie sehr die Sexualforschung in Gestalt vom Sigusch an dieser Hypothese und den damit verbundenen dichotomen Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur, Lust und Macht, Befreiung und Unterwerfung festhält. Schmidt erscheint auf den ersten Blick als weniger „ideologisch“ voreingenommen als Sigusch. Ihn interessieren selbstbewusste, handlungsfähige Individuen auf der Suche nach Lust und unterschiedlichen Strategien zu deren subjektiver Befriedigung. Schmidt verkennt jedoch, dass es ein solches Individuum, einen solchen „Lustkörper“ nicht unabhängig von bestimmten und sich wandelnden Körper- und Geschlechterbildern gibt. Bei genauerer Betrachtung, so Bauer, erweist sich dieses ewig suchende Individuum als durchweg männlich codiert.

Es wird deutlich, dass Sexualforschung immer auch Sexualpolitik ist in dem Sinne, dass „Sexualforschung an der Konstituierung von Sexualität beteiligt ist“ (S. 40). Sie normiert Sexualität, indem sie bestimmte Formen der Sexualität propagiert und andere kulturpessimistisch und technikfeindlich diffamiert. Meist unreflektiert produziert und reproduziert sie biologisierende und traditionelle Hierarchien stabilisierende Körper- und Geschlechterbilder. Vom drohenden „Lustverlust“ jedoch kann nur sprechen, wer verkennt, dass „Lust“ kein natürlicher Imperativ, sondern ein historisches Deutungsmuster ist.

Befreiungsdiskurse sind (auch) Normierungsdiskurse

Ausgehend von der Debatte vom Verschwinden sexueller Leidenschaft wendet sich Bauer der Debatte um sexuelle Befreiung innerhalb der Neuen Frauenbewegung zu. Sowohl Sigusch als auch Schmidt bewerten diese Debatte kritisch, insofern diese Debatte sexuelle Leidenschaft im Säurebad der „Verhandlungsmoral“ auflöse. Bauer kann zeigen, dass auch die im Rahmen der Neuen Frauenbewegung entfaltete Forderung nach sexueller Selbstbestimmung und die Vorstellung von einer dezidiert weiblichen Sexualität der „Illusion eines natürlichen Körpers“ verpflichtet sind. Dieser Befreiungsdiskurs hält an der Repressionshypothese fest, indem er an eine „sexuelle Authentizität“ von Frauen jenseits patriarchaler Unterdrückung appelliert. Auch er identifiziert und klassifiziert Menschen aufgrund von angeblich natürlichen Eigenschaften.

Bauer kommt zu dem gleichen Ergebnis wie vor ihr bereits Judith Butler oder Andrea Bührmann, auf die Bauer ihre Überlegungen maßgeblich stützt: Befreiungsdiskurse sind (auch) Normierungsdiskurse. Sexuelle Selbstbestimmung beruht auf paradoxe Weise auf einer anderen Form der Unterwerfung. Was Bauer am Beispiel der Neuen Frauenbewegung herausarbeitet, ist „die Norm der Antinorm“ (S. 142 ff.).

Technosciences und Cyberspace

Der Topos vom „Lustverlust“ referiert regelmäßig auf die sich rasch etablierenden Technosciences und den Cyberspace. Als Horrorszenario können die sogenannten neuen Technologien jedoch nur herhalten angesichts der vorherrschenden traditionellen Körper- und Geschlechterbilder. Die vermeintliche Natürlichkeit des Körpers scheinen Technosciences und Cyberspace zu überwinden. Es geht um neue Körper, andere Sexualitäten, keine Geschlechter. Der Körper erscheint nunmehr als „Netzwerk“, das es zu gestalten gilt. So sympathisch Bauer diese Entwicklung innerhalb des Sexualitätsdiskurses nach „1968“ auch tendenziell zu sein scheint, sie kritisiert die in diesem Kontext verbreiteten „patriachalen Schöpfungsmythen“ und distanziert sich von den „Entmaterialisierungsstrategien“, insofern der Körper in diesem Zusammenhang nicht mehr als „Akteur“, sondern nur noch als bloße Verfügungsmasse in den Blick gerate. Leider wird an dieser Stelle jedoch nicht wirklich klar, was sich die Leserin oder der Leser unter einem solchen Körper als „Akteur“ vorzustellen hat.

Kritik?

Dieses Buch stellt eine überaus reflektierte, wünschenswert kritische und zudem gut lesbare Auseinandersetzung mit dem Sexualitätsdiskurs nach „1968“ dar. Bauer präsentiert der Leserin und dem Leser ein gelungenes Stück „Geschichte der Gegenwart“ – auch wenn zahlreiche Einzelergebnisse dieser Auseinandersetzung als solche bereits mehr oder weniger gut bekannt sind.

Kritik? Mit Blick auf die Quellenbasis steht dieses Buch allerdings auf relativ schwachen Füßen. Die Literatur, die Bauer in den Blick nimmt, stellt fast ausnahmslos Höhenkammliteratur dar. Sollte man nicht, so darf man fragen, den Sexualitätsdiskurs zuallererst in seiner umfassenderen Positivität – in seiner Quantität und Banalität – historisch rekonstruieren, bevor man die in diesem Diskurs verhandelten Körper- und Geschlechterbilder theoretisch dekonstruiert? Zeitungen, Illustrierten und Filmen kommt innerhalb des Sexualitätsdiskurses zweifellos eine wichtigere Funktion zu als wissenschaftlichen Abhandlungen und visionären Pamphleten.

URN urn:nbn:de:0114-qn051055

Pascal Eitler, M.A.

Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft, SFB 584 „Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte“

E-Mail: pascaleitler@web.de

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