Angelika Birck: Migrantinnen in Österreich

Migrantinnen in Österreich

Rezension von Angelika Birck

Arbeitsgruppe Migrantinnen und Gewalt (Hg.):

Migration von Frauen und strukturelle Gewalt.

Wien: Milena 2003.

250 Seiten, ISBN 3–85286–112–8, € 18,90

Abstract: Das Buch ist die Dokumentation einer Tagung, die im September 2002 in Wien stattfand. Es enthält eine Sammlung von Materialien, die die rechtliche Situation von Migrantinnen in Österreich beschreiben. Themen wie Aufenthaltssituation, Arbeitsmarkt, soziale und gesundheitliche Versorgung, Frauenhandel u. a. werden anhand von gesetzlichen Bestimmungen und anschaulichen Fallbeispielen besprochen. Strukturelle Bedingungen, die eine Form von Gewalt gegen Migrantinnen darstellen, werden sichtbar.

Das Buch entstand als Dokumentation der Tagung „Migration von Frauen und strukturelle Gewalt“, die am 18. und 19. 9. 2002 im Wiener Rathaus stattfand. Herausgegeben wurde es von den Organisatorinnen der Tagung, der Arbeitsgruppe Migrantinnen und Gewalt mit Vertreterinnen von Migrantinnenorganisationen, Frauenberatungsstellen, Interventionseinrichtungen und Frauenhäusern (einer Gruppe innerhalb der 1992 vom österreichischen Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie gegründeten Plattform gegen Gewalt in der Familie). Die Beiträge des Bandes setzen sich aus Referaten und Beschreibungen von Workshops zusammen. Das Buch enthält eine Sammlung von Materialien, die die rechtliche Situation von Migrantinnen in Österreich mit Hilfe von anschaulichen Fallbeispielen beschreiben. Strukturelle Bedingungen, die eine Form von Gewalt gegen Migrantinnen darstellen, werden so sichtbar. Die Darstellung der Rechtslage in Österreich steht im Vordergrund. Jeder Beitrag enthält viele Detailinformationen über die Schwierigkeiten, mit denen Migrantinnen in Österreich zu kämpfen haben, und Forderungen zur Verbesserung der Situation. Aus der Aneinanderreihung von Vorträgen und Workshop-Berichten ergibt sich der Nachteil, dass dieselben Themen mehrfach an unterschiedlichen Stellen aufgegriffen werden. Vor allem die Inhalte der Forderungen sind mit der Zeit redundant und ermüden zumindest die Rezensentin. Zum Überblick über die rechtliche Situation in Österreich und zur Sensibilisierung für frauenspezifische Aspekte von Migration ist die Tagungsdokumentation empfehlenswert, wertvoll dürften vor allem für österreichische Leser/-innen auch die im Anhang befindlichen Kurzbeschreibungen derjenigen Organisationen und Einrichtungen sein, die gemeinsam die Tagung organisiert und die Dokumentation herausgegeben haben. Für Leser/-innen, die mit dem österreichischen Rechtssystem und den landestypischen offiziellen Bezeichnungen nicht vertraut sind, dürften die ausführlichen Besprechungen rechtlicher Details bisweilen etwas mühevoll sein. Empfehlenswert ist die Dokumentation vor allem für Menschen, die mit Migranten arbeiten, ohne dass dies ihr Arbeitsschwerpunkt ist. Für Leser/-innen, die mit der Migrationsthematik vertraut sind, ergeben sich detaillierte österreichspezifische Einblicke.

Im ersten Teil des Buches werden Referate wiedergegeben. Ein einleitender Beitrag („Globalisierung und Migration. Eine Gewaltbeziehung“, G. Stoiber) beleuchtet die Zusammenhänge von Globalisierung und Migration und betont die Benachteiligung von Frauen. Tätigkeiten, die Frauen in Industrienationen anders als ihre Großmütter nicht mehr ohne weiteres übernehmen würden (Bedien- und Putzarbeiten, Kindererziehung u. a.), würden nicht etwa anteilig auch von Männern erledigt, sondern Frauen aus anderen Kontinenten und Kulturen zugewiesen. Von den Früchten der Globalisierung profitierten Frauen aus so genannten Entwicklungsländern am wenigsten.

Mehrere Beiträge behandeln Aspekte der rechtlichen Situation. Die Beschreibung der aufenthaltsrechtlichen Situation von Migrantinnen in Österreich (K. Echsel) bezieht sich dabei vor allem auf Frauen, die als Arbeitsmigrantinnen oder im Rahmen von Familienzusammenführungen nach Österreich kommen. Deutlich werden die aufgrund gesetzlicher Einschränkungen zunehmenden Schwierigkeiten, nach Österreich zuzuziehen. Der Asylbereich wird nicht mit einbezogen. Ein weiterer Beitrag widmet sich der sozialrechtlichen Situation der von Gewalt betroffenen Migrantinnen in Österreich, die dadurch gekennzeichnet ist, dass Frauen kaum finanzielle Hilfen beziehen können, auch nicht für die Kinder. Damit sind sie oftmals darauf angewiesen, eine Ehe aufrecht zu erhalten, selbst wenn sie Gewalt durch den Ehemann erleiden. Die Gewährung von Sozialhilfe ist mit einer Meldung bei der Fremdenpolizei verbunden und birgt das Risiko, die Niederlassungsbewilligung zu verlieren, weswegen viele von vornherein darauf verzichten. Über rechtliche Bestimmungen rund um finanzielle Leistungen für Familien, vor allem über das Kinderbetreuungsgeld, informiert ein separater Beitrag (H. Karout). Ein weiterer Beitrag beschreibt die Bestimmungen und Anwendungsfelder des österreichischen Gewaltschutzgesetzes (T. Citak).

Der zentrale Gedanke dieses Gesetzes ist, jene aus der gemeinsamen Wohnung zu verweisen, die Gewalt ausüben, und nicht ihre Opfer. Spezielle Schwierigkeiten für Migrantinnen werden besprochen, insbesondere die Verknüpfung von Ehe und Aufenthaltsbewilligung und die daraus entstehenden Konsequenzen. Die Chancen für Migrantinnen am Arbeitsmarkt in Österreich werden anhand der Bestimmungen des Ausländerbeschäftigungsgesetzes beleuchtet. Dabei wird die Abhängigkeit der Migranten von ihren Arbeitgebern deutlich.

Den Handel von Frauen thematisiert M. C. Boidi. Frauenhandel sei jede Art der Ausbeutung von Frauen im Kontext von Migration (nicht nur Zwangsprostitution, sondern auch Ausbeutung als billige Hausangestellte oder Kindermädchen, Verheiratung gegen Bezahlung u. a.). Den Boden für die Ausbeutung von Frauen bildeten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Druck in den Herkunftsländern. Gleichzeitig gebe es in den Industrieländern einerseits eine Nachfrage nach billigen Arbeitskräften für traditionell weibliche Tätigkeiten, andererseits rigide Gesetze, die ein legales Einwandern oft verhindern. Aus dieser Klammer entstehe das lukrative Geschäft des Frauenhandels. Gehandelte Frauen halten sich meist illegal in Österreich auf, sie fürchten oft eine Abschiebung ins Herkunftsland. Wenn sie in Gerichtsverfahren gegen Frauenhändler aussagen, erhalten sie meist höchstens vorübergehenden Schutz und Aufenthalt in ihrer Funktion als Zeugin. M. C. Boidi beendet ihren Beitrag mit einer Reihe von Forderungen, die den Aspekt der frauenspezifischen Gewalt betonen und den Schutz betroffener Frauen verbessern sollen.

R. Kronsteiner berichtet über „Psychotherapie mit Migrantinnen. Kollektive und individuelle Hintergründe von Gewalt aus ethnopsychoanalytischer Sicht.“ Zunächst bespricht sie historische Perspektiven, insbesondere die nationalsozialistische Vergangenheit. Die Ursprünge der Ethnopsychoanalyse (Georges Devereux, Paul Parin) werden kurz skizziert, außerdem deren Anliegen, die Analyse von Individuum und Gesellschaft, verdeutlicht. Den Kern des Beitrags bildet die Untersuchung von Gewaltverhältnissen anhand eines Fallbeispiels aus der klinischen Arbeit der Autorin (ein Paarkonflikt). Das Zusammenwirken von individuellen Bedingungen und gesellschaftlich-historischen Konflikten wird anhand dieser konkreten Familiengeschichte tranparent gemacht.

Den zweiten Teil der Dokumentation bilden Berichte aus Workshops und Arbeitskreisen der Tagung, in denen die Inhalte aus den Referaten weiter vertieft wurden. Dabei werden frauenspezifische Problematiken, vor allem die schlechte soziale Absicherung, und rechtliche Details besprochen.

Eine abschließende Resolution enthält zusammengefasst jene Forderungen in den Bereichen Grund- und Menschenrechte, Fremdenrecht, Asylgesetz, Exekutive, Zugang zum Arbeitsmarkt, materielle Sozialleistungen Zivilrecht, Strafrecht, täterbezogene Interventionen und frauenspezifische Migrantinneneinrichtungen, die von den Teilnehmerinnen der Tagung erarbeitet wurden. Im Anhang finden sich Angaben zu den Autorinnen und ihren Organisationen sowie Materialien, die den österreichischen rechtlichen Rahmen beschreiben.

URN urn:nbn:de:0114-qn043078

Dr. phil. Angelika Birck

Psychologin, Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin

E-Mail: a.birck@bzfo.de

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