Sigrid Nieberle: Gender in der Revision

Gender in der Revision

Rezension von Sigrid Nieberle

Renate Kroll (Hg.):

Metzler Lexikon Gender Studies – Geschlechterforschung.

Ansätze – Personen – Grundbegriffe.

Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2002.

425 Seiten, ISBN 3–476–01817–2, € 39,90

Katharina Baisch, Ines Kappert, Marianne Schuller, Elisabeth Strowick, Ortrud Gutjahr (Hg.):

Gender Revisited.

Subjekt- und Politikbegriffe in Kultur und Medien.

Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2002.

331 Seiten, ISBN 3–476–45298–0, € 34,90

Abstract: Zwei Neuerscheinungen unterziehen die Ergebnisse der Gender Studies einer Revision und treiben so deren Fortführung an: Zum einen präsentiert das Metzler Lexikon Gender Studies – Geschlechterforschung als Kompendium zum Nachschlagen zentrale Ansätze, Personen und Grundbegriffe; zum anderen diskutiert der Sammelband Gender Revisited den derzeitigen Stand der Forschung in Einzelbeiträgen aus Literatur- und Medienwissenschaften.

Encore: Frauen in den Literaturwissenschaften

Von jeher kam den Literaturwissenschaften eine tragende und prägende Rolle in der Etablierung und Institutionalisierung der Gender Studies zu. Seit dem Gedeihen der Women’s Studies waren die Fragen nach der mangelnden Kanonisierung von Autorinnen, nach der „écriture féminine“ und dem „weiblichen“ Erzählen sowie dem Verhältnis der Literatur zur Kultur wichtige Stationen für die Entwicklung der Gender Studies. Mit deren Schwerpunktsetzung auf der Konstruktion des soziokulturellen Geschlechts rückten erneut Texte und Medien als jene Orte in den Blick, an denen die Konstruktion von Gender statthat. Impulse aus der Linguistik und Rhetorik ließen schließlich die Entwicklung zum „perfomative turn“ kondensieren, so dass das Konzept des „doing gender“ heute nicht mehr ohne das postfeministische Geschlechterperformativ, wonach geschlechter(in)differentes Sprechen und Handeln in eins fallen, zu denken ist.

Auch wenn sich damit die Fächer- und Geschlechtergrenzen theoretisch weitgehend überschreiten oder auflösen lassen, spiegeln die zwei Neuerscheinungen auf der praktischen Akteurinnenebene doch frühere Konzepte wider: Die Herausgeberinnen beider Bände arbeiten alle in den Literaturwissenschaften. Unter den 127 Mitarbeiterinnen des Gender-Lexikons finden sich 6 männliche Autoren, in Gender Revisited schreibt 1 Mann zusammen mit 15 Autorinnen. Demnach ist die fortschreitende Autorisierung von Wissenschaftlerinnen zumindest in diesen beiden Projekten keine Minderheitenfrage mehr, und es scheint darüber hinaus immer noch eine Domäne der Literaturwissenschaften zu sein, theoretische und methodische Aspekte der Gender Studies zu forcieren.

Gender in der lexikographischen Institution

In circa 500 Artikeln bereitet das Lexikon Gender Studies – Geschlechterforschung die wichtigsten Begriffe und Konzepte dieses Forschungsbereiches auf. Wie auch die Lexika zur Literatur- und Kulturtheorie sowie zur Medientheorie und Medienwissenschaft aus dem selben Verlag bietet es darüber hinaus Informationen zu international renommierten Wissenschaftler/-innen und ihren Publikationen. Die meisten Artikel halten die schwierige Balance zwischen Verknappung und Redundanz, so dass schnell ein erster Überblick über philosophische Konzepte, Epochen und Disziplinen, Textsorten, Kunstsparten oder geschlechtsspezifische Symbolik gewonnen ist, ohne mit einem kurzen Stichworteintrag und einer langen Liste weiterführender Literatur alleine gelassen zu werden. Überhaupt lässt sich das Lexikon als wissenschaftsgeschichtliches Füllhorn querlesen, angefangen von der Geschichte der Frauenbewegung über die Men’s Studies bis hin zur Queer Theory und dem „performative turn“. Beim Blättern entfaltet sich zudem gleichsam ein Themenpark, wie er aus der frühen Frauenforschung, der Psychoanalyse, den Cultural und Postcolonial Studies hervorging, wenn Lemmata wie Mode, Moderne, Modern Dance, Moi imaginaere, Mond und Multikulturalismus aufeinander folgen.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt das Lexikon nicht, wie die Herausgeberin Renate Kroll im Vorwort betont, weder für das Gesamtkonzept noch vermutlich auch für manchen Einzelartikel. Aber es löst auf beeindruckende Weise den Anspruch der Gender Studies ein, als Wissenschaftsdisziplin und Forschungsbereich in der lexikographischen Landschaft neben den Kultur-, Literatur- und Medienwissenschaften einen Platz gefunden zu haben, um zugleich mit deren Ansätzen produktiv zu arbeiten. Vorbei die Zeiten, als desinteressierte Forscher/-innen von einem marginalen Randbereich der Geschlechterforschung sprechen konnten; und vorbei die Zeiten, als interessierte Studierende sich hilflos eine Schneise durch Forschungsliteratur und Begriffsdschungel der Gender Studies schlagen mussten.

Feminismus in der Revision

Auch wenn die beiden Bände als Glücksfälle für die Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften gelten müssen, gibt es im Hinblick auf „echte“ Interdiszplinarität noch einiges zu tun. Denn die zentralen Begriffe in der Anthologie Gender Revisited, eben Politik und Subjekt, laufen hier Gefahr, als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden, gelingt es doch nicht jedem einzelnen Beitrag, diese Konzepte zu explizieren. Hier bietet das Gender-Lexikon Auskunft und verweist über die entsprechenden Artikel hinaus auf die umfangreiche Forschungsliteratur. (Soziopolitologische Kernbegriffe wie „Generation“ oder „Gesellschaft“ fehlen allerdings auch hier, obgleich sie für die „Politics of Gender“ keine unerhebliche Rolle spielen dürften.) Ist diese terminologische Hürde genommen, bietet der Sammelband eine Vielzahl anregender Text- und Filmlektüren, die teils über den konzeptionellen Stand des Lexikons bereits hinausreichen, teils sich mit einer Anwendung bekannter Ansätze bescheiden.

Die literaturwissenschaftliche Perspektive auf die Gender Studies zeigt bereits der Titel der Ringvorlesung, auf welche die Beiträge des Bandes zurückgehen: „Des Kaisers neue Kleider – Fragezeichen. Genderdiskurse in den Kulturwissenschaft“ (Universität Hamburg, Wintersemester 2000/01 und Sommersemester 2001). Der Ansatz, Wissenschaftsgeschichte als Narrativ zu formulieren, durchzieht dann auch die Einleitung von Vivian Liska, in der sie die Entwicklung „von der feministischen Literaturwissenschaft zu kulturwissenschaftlichen Gender Studies“ (so der Untertitel) nachzeichnet: So lässt sich diese Geschichte in zwei sich widersprechenden Erzählungen rekonstruieren, nämlich als Aufstieg und Fall des politischen Feminismus (Variante I) und als unaufhaltbaren Aufstieg der Gender Studies, die aus einem dynamischen und innovativen Feminismusbegriff hervorgegangen seien (Variante II). Beide Varianten kommen sind kritisch zu revidieren, denn es muss ein drittes Modell gesucht werden:

„In der ersten Geschichte bedeutet die Multiplikation und letztendliche Abstraktion der Begriffe der Differenz hin zur politischen Gleichgültigkeit den Tod für die feministische Literaturwissenschaft. Die zweite Geschichte ist darauf stolz, jeden einzelnen Begriff, auf den sich feministische Literaturwissenschaft begründet, als Ideologie zu entlarven. Der Zusammenstoß der zwei Geschichten enthüllt, daß beide den Anforderungen des kritischen Bewußtseins nicht gerecht geworden sind, und verweist auf die Implikationen dieses Versagens. Aber wo ist ‚jenseits‘?“ (S. 28)

Liegt dieses Jenseits vermutlich im Raum zwischen Differenz und Indifferenz – oder wie Liska vage pointiert: mit „kritische[m] Bewusstsein […] als korrigierender Einspruch auf Theorien, die kurz davor stehen, sich in Virtualität, Performativität und Trugbilder aufzulösen“ (S. 28) –, so erproben die Beiträge des Bandes die Eigenverortung im Widerspruch, im Zerstreuten, im Ungedachten, im Verworfenen, im Monströsen. Dabei gelang es den Autor/-innen und Herausgeberinnen, die Beiträge quer durch Theorien, Gattungen und Genres gegenseitig aufeinander zu beziehen, indem mediale, performative und feministische Aspekte immer wieder aufgegriffen und diskutiert werden.

Die Beiträge gliedern sich in vier Abschnitte bzw. „Politiken“: des Lesens, des Schreibens, des Bildes und der Rede. Als Programm macht sich die Anthologie zur Aufgabe, (In)Differenzmodelle des Geschlechts wieder an den feministischen Handlungsanspruch anzubinden. Dies kann literaturwissenschaftlich über die Rekonstruktion historischer Geschlechterordnungen in der Figur des Lesens erfolgen (Marianne Schuller über Kleists Verlobung in St. Domingo), über die theoretische Entwicklung eines performativen Akt des Lesens (Elisabeth Strowick), über die Kritik von modernen und postmodernen Schreibweisen bei Jelinek (Annette Runte), bei Haushofer, Reinig, Köhler, Klüger, Szmaglewska und Bachmann (Bozena Choluj), in „Müll“-Texten von Pynchon und Zürn (Ulrike Vedder) und der weiblich konnotierten Vogel-Motivik des 19. Jahrhunderts bei Nietzsche und seinen Kolleg/-innen (Konstanze Fliedl). Es können aber auch filmwissenschaftliche Blicke auf die digitale Reproduktion des Aliens (Ulrike Bergermann) sowie deren Dämonie (Dorothea Dornhof) oder auf den Männlichkeitsdiskurs in der obligatorischen Krise (Ines Kappert) sein. Einen eigenen Schwerpunkt bilden die Beiträge zum Drama: mit der Dramaturgie des psychoanalytischen Hysteriediskurses (Liliane Weissberg), mit der Rhetorik der Helena-Figur (Martina Wagner-Egelhaff) oder mit der Analyse des Helena-Aktes in Faust II (Arno Dusini). Das feministische Paradigma älteren vs. neueren Zuschnitts diskutieren vor allem die Beiträge zum Cyberfeminismus (Claudia Reiche), zu den Cultural Studies (Katja Diefenbach), zur Pornographie (Silvia Henke). Hier verlässt der Band das literatur- und filmwissenschaftliche Ressort und eröffnet unmittelbare Perspektiven auf interdisziplinäre und theoretische Fragestellungen der Handlung, des Widerstands, der Subversion im traditionell soziokulturellen Aktionsfeld.

Die kurze Besprechung schließt mit der zu erwartenden Einsicht, dass beide Neuerscheinungen nicht zu vergleichen sind, zu unterschiedlich sind Konzept und Ausarbeitung: Während das Gender-Lexikon (Zwischen?)Ergebnisse jahrzehntelanger Geschlechterforschung vorerst fixiert, pragmatisch aufbereitet und lexikographisch institutionalisiert, geht die Debatte in Gender Revisited gerade im produktiven Widerspruch zu diesem programmatischen Titel der Vorlesungen bereits weiter: über Konzepte politischen Handelns, über die interdisziplinären Ränder der Literaturwissenschaft, über theoretische Differenzen im Weiter- und Umschreiben, in der Diskussion zwischen Generationen von Wissenschaftlerinnen.

URN urn:nbn:de:0114-qn042106

Dr. Sigrid Nieberle

Universität Greifswald, Institut für Deutsche Philologie

E-Mail: nieberle@uni-greifswald.de

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