Dunja M. Mohr: KörperFluch(ten)

KörperFluch(ten)

Rezension von Dunja M. Mohr

Barbara Becker, Irmela Schneider (Hg.):

Was vom Körper übrig bleibt.

Körperlichkeit – Identität – Medien.

Frankfurt am Main: Campus 2000.

255 Seiten, ISBN 3–593–36449–2, € 29,90

Abstract: Aus verschiedenen Disziplinen wird im vorliegenden Sammelband schlaglichtartig die „Wiederentdeckung“ des Körpers in Beziehung zur Mediengeschichte, d.h. der medialen Vermittlung von Körperkonzepten und veränderten Identitätsvorstellungen gesetzt. Postbiologische Ansätze, die das Novum eines, nun scheinbar möglichen revolutionären Ausbruchs aus dem „Körpergefängnis“ suggerieren bzw. prophezeien, werden einerseits durch eine historische Rückbindung an die Mediengeschichte als „gar nicht so neu“ (7) entlarvt und andererseits durch eine kritische Beleuchtung der Möglichkeiten und Begrenzungen der elektronischen Medien relativiert.

Welche Vorstellungen von Körperlichkeit, welches Bild vom Selbst, von einer wie auch immer gearteten Identität vermitteln uns die jeweiligen Medien einer Epoche? Steht der Körper wirklich zur Disposition? Bedeutet der Siegeszug der Technologisierung und die neuen virtuellen Selbst-Inszenierungen, Cross-Dressing und Rollentausch, dass Körperlichkeit bald der Vergangenheit angehört? Sind wir schon oder sehr bald alle Cyborgs mit multiplen Identitäten? Zu diesen Fragen haben die Herausgeberinnen Irmela Schneider und Barbara Becker zehn Aufsätze gesammelt, die aus literaturwissenschaftlicher, medienphilosophischer und -soziologischer, teilweise historischer Perspektive recht disparat diese Alp- oder Wunschträume beleuchten.

Der erste Beitrag führt aus medienhistorischer Sicht in die Thematik ein. Irmela Schneider skizziert den Zusammenhang zwischen Körper- und Mediendiskurs: jedes neue Medium beeinflusse die Rolle des Körpers, weil „ [z]wischen der Welt und dem Körper…immer der Akt der Wahrnehmung“ (15) steht. Mit der vermehrten Übernahme solcher Vermittlungsakte durch die Medien sei der Körper, so Schneider im Rückgriff auf Luhmann, nicht länger der „exklusive…Ort der Wahrnehmung“ (16). Während die Schriftkultur den Körper quasi verdrängt habe, bedeute die Hinwendung zur Visualisierung eine Rückkehr des Körpers.

Unter Rückgriff auf Luhmann, Benjamin, Balzác, McLuhan, Virilio und Flusser macht Schneider diese Interdependenz von Körperkonzept, Körperdiskurs und dominantem Medium an medialen Umbruchphasen fest. Beispielhaft verdeutlicht sie dies an der Filmtheorie der 1920er und 1930er Jahre, dem steigenden Einfluss elektronischer Medien und der Telematik. Hier seien neue mediale Orte für Körperwahrnehmung entstanden, die mechanischen bzw. posthumanen Körpervorstellungen Vorschub leisten. Medientheorien müssen, so Schneider, „die [fortschreitende] Technisierung von Körperrepräsentationen“ und die „Verschiebungen in der Semantik des Körperbegriffs“ (21) thematisieren.

Der ansonsten anregende Überblick endet mit der wenig spektakulären, weil hinlänglich bekannten These, dass sich im virulenten Diskurs über die Entmaterialisierung und die Veränderbarkeit des Körpers die vierte anthropologische Kränkung, die (bio)technologische Dezentrierung des Menschen, ausdrücke.

Die Erfindung von Identität

Der narzisstischen Kränkung geht Markus Rieger in seiner Analyse der Essais von Michel de Montaigne nach. Montaignes Versuch, durch die in den Essais verschriftlichte Introspektion einen originären und identitätsstiftenden Blick auf das Selbst zu erhaschen, endet in der Erkenntnis der ewigen Rekonstruktion und Fiktion des dezentrierten Selbst: das Körper-‚Ich‘ bleibt auch in der Selbstbespiegelung unkontrollierbar, nicht erfassbar. Identität kann nicht vorgefunden werden, sondern muss erst hergestellt, ‚erfunden‘, werden.

Einer anderen Form der Entkörperlichung, der Verschränkung von Fiktion und Realität, wendet sich der Beitrag von Bernhard Dotzler zu. Anhand von Bretons und Eluards Essais de Simulation untersucht Dotzler, wie sich Simulation als „abstraktiver Vorgang“ (178), zunächst als Äquivalent von Fiktion, dann als Vermischung von Fiktion und Realität, und letztlich als Eigenrealität etabliert und notwendigerweise gegen die Erinnerungsspuren des Traumas abgegrenzt werden muss.

Zwei weitere Beiträge diskutieren die mediale Konstruktion von Identität. Bezugnehmend auf Schmid und Foucault versucht Simone Scherger eine „Kunst der Selbstgestaltung“ auszuarbeiten. Ebenso wie Rieger in Bezug auf den Umbruch von der festgefügten Ordnung des Mittelalters zur sich pluralisierenden Ordnung der Renaissance, stellt Scherger fest, dass auch die (post)moderne prozessuale Identitätserfindung in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebunden ist. Die Frage nach dem Verhältnis von kunstvoller Selbstgestaltung im bzw. über den Text und Körper wird mit Barthes beantwortet: „Schreiben und Lesen sind eigentlich Körpergesten“ (249) und somit ist der Körper immer der nicht-präsente, aber notwendig beteiligte Teil des Textes. Peter Spangenberg argumentiert hingegen, dass moderne kollektive und personale Identitätskonstruktionen „differenzorientiert operieren“ und „medial vermittelt werden“ (135). Gerade kollektive Selbstbilder artikulieren sich medial, wie Spangenberg am Beispiel der in NRW 1999 gezeigten Ausstellung Connected Cities. Kunstprozesse im urbanen Netz verdeutlicht. Die Verschiebung von Identitätsproblematiken, so Spangenberg, lasse sich aus der jeweiligen Medienorganisation der Gesellschaft erschließen. Die Entdifferenzierung der postmodernen Gesellschaft wird somit durch Erfahrungen der (lustvollen) körperlichen Entgrenzung und dem Spiel mit multiplen Identitäten im virtuellen Raum gespiegelt.

Der einzige empirische Beitrag widmet sich der personalen Identität im elektronischen Zeitalter, spezifisch dem Verhältnis von Computerspezialisten zu ihren geliebten PCs im Falle der Dysfunktion. Die von Lutz Ellrich geführten Interviews bestätigen die These Wilsons, dass diese Krisen am ehesten mit einer „Phänomenologie des Ekels“ (74) beschrieben werden können.

Nach einem Exkurs über das Verhältnis von Körper und Identität, der insbesondere auf Giddens’ Konzept des reflexiven Selbst und der ‚self-narratives‘ rekurriert – welches gerade aufgrund der Privilegierung von Reflexivität den Körper letztlich „zu einem Sekundärphänomen macht“ (79) wie Ellrich kritisiert – unternimmt er den Versuch einer Neubestimmung des Verhältnisses von Körper, Identität und (Computer-)Technik. Während der funktionierende PC „Vorstellungen einer techno-symbolischen Totalität“ (91), die auch den Körper umfasse, wecke, löst die dysfunktionale Maschine „leib-seelische Reaktionen“ (93) in Form von Ekel aus. Eine Reaktion, die therapeutischen Effekt habe und auf der Logikebene des Leibes einen „entscheidenden Beitrag zur Bildung…personaler Identität leiste“ (99).

Gender- und Raumperspektive

Die Verschränkung von Raumkonzepten mit der Kategorie Geschlecht untersucht Angela Krewani in ihrem Beitrag, der sich mit der „Veränderung räumlicher Semantiken“ (198) beschäftigt. Krewani stellt die überzeugende und fundiert argumentierte These auf, dass Cross-Dressing, Travestie, Gender-Bending als kulturelle Praktiken gelesen werden können, die imaginäre Räume jenseits binärer Geschlechterkonstruktionen quasi als Vorläufer des Internets geöffnet haben. Als Beispiele dienen u.a. Marlene Dietrichs Hosenanzugauftritt 1933 in Paris, die Zeit-Raumreisen der Protagonist/-innen in Virginia Woolfs Orlando und Djuna Barnes Nightwood und Angela Carters Verkoppelung von „imaginäre[n] Freiräume[n] an Medienbilder“ (207) in The Passion of New Eve. Das Internet sei daher „lediglich ein Bestandteil der Techniken des Imaginären“ (207). Die versprachlichte Rückkehr des Körpers sozusagen durch die Hintertür des Textkörpers in den angeblich geschlechts- und körperlosen virtuellen Raum thematisiert Christiane Funken und fragt, „was es bedeutet, wenn der Körper nicht mehr als materiell und begrenzt ‚erlebt‘ wird, sondern als Text“ (104) im Cyberraum? Als Körpermetapher (z.B. als Emoticon) erhält der versprachlichte, allerdings auch allzu oft stereotypisierte Körper Präsenz in der Netzkommunikation. Empirisch betrachtet, so Funken, bleiben die Körperszenarien weit hinter der vermuteten Dekonstruktion des (geschlechtlich konnotierten) Körpers (Turkle) zurück. Realiter bleibe das „virtuelle Potential“ (121) in bezug auf Körperrepräsentationen ungenutzt. Mehr noch: die Geschlechterordnung wird nicht „wirklich verkehrt, sondern neutralisiert…durch Indifferenz heimlich bestätigt“ (121). Wie diese Verfestigung von Geschlechterstereotypen aufgebrochen werden könnte, verrät Funken jedoch (leider) nicht.

Cyborg-Visionen

Spannend sind Barbara Beckers und Martina Mittags exzellente Auseinandersetzungen mit transhumanistischen Positionen und der Cyborg-Debatte. Beckers stellt eine Phänomenologie der leiblichen Subjektivität auf und fragt, inwiefern eine Identität ohne Rückbindung an den Körper herausgebildet werden kann. Grenzziehung und Grenzverschiebung sind dabei wichtige Parameter, die Körper- und Identitätskonzepte bestimmen. Entgegen der Auflösungs- und Modifizierungsszenarien der Transhumanisten und in Anlehnung an Merleau-Ponty und Waldenfels sieht Becker den „Leibkörper“ weiterhin als Schnittstelle zwischen Natürlichem und Künstlichem, Eigenem und Fremden, und somit als Erfahrungsort der Differenz, der „Andersartigkeit und Unverfügbarkeit des Anderen“ (64). Sie warnt davor, dass transhumanistische Cyborgkonzepte fremde Materialität eliminieren, Identität immaterialisieren wollen und daher weniger „das Ende, sondern die Perfektionierung des cartesianischen Subjekts“ (64) intendieren.

Ihr Plädoyer für „die Anerkennung der Eigen-Dynamik und des Eigen-Sinns fremder wie eigener Materialität“ (66) erinnert an Haraways Diskurs der Permeabilität und setzt ein willkommenes Gegengewicht zur Auflösung des Körpers in reiner Performativität (Butler) sowie essentialistischen Positionen (vgl. B. Duden).

Der Cyborgfigur im Text und dem Text als Cyborg widmet sich Martina Mittags Beitrag, der auf die Deterritorialisierung (Deleuze, Guattari) der Triade

Körper – Text – Identität in zeitgenössischer Literatur und Theorie fokussiert. Mittag wendet Warricks „Unterscheidung in offene und geschlossene Systeme“ an, wobei geschlossene Systeme in der Persistenz „destruktiver Technologien“ dystopisch und offene Systeme, da sie einen „Resemiotisierungsprozess“ (210) auslösen, utopisch einzuordnen sind. Offene Systeme erlauben dabei einen Cyborg-Körper, der „im Paradox der Entgrenzung, die die Grenzen intuitiv respektiert“, Differenz impliziert und, mehr noch, voraussetzt. Ähnlich wie Becker sieht Mittag im Cyborg die Verkörperung eines Differenzkonzepts, dass eine fluide Form von Eigenem und Fremden aushält – ein transgressives Phänomen, welches ich als Transdifferenzphänomen[1] fassen würde.

Was von den hier versammelten Text-Körpern übrig bleibt: Einerseits fällt auf, dass in keinem der Aufsätze die Kategorie ‚race‘ bzw. Ethnizität verhandelt wird. Zum anderen liegt m. E. das größte Manko des Bandes darin, dass die innere Konsistenz des Bandes nur assoziativ durch das Oberthema Körperlichkeit, Identität, Materialität hergestellt wird und so lediglich Denkanstöße vermitteln kann.

Anmerkungen

[1]: Breinig, Helmbrecht (2002). „Introduction: Difference and Transdifference.“ In: ders./Jürgen Gebhardt/Klaus Lösch (Hg.): Multiculturalism in Contemporary Societies: Perspectives on Difference and Transdifference. Erlanger Forschungen Reihe A Geisteswissenschaften. Erlangen: Univ.-Bund Erlangen-Nürnberg.

URN urn:nbn:de:0114-qn041094

Dr. des. Dunja M. Mohr

Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; Postdoc, Graduiertenkolleg „Kulturhermeneutik im Zeichen von Differenz und Transdifferenz“; Lehrbeauftragte in Anglistik/Literatur- und Kulturwissenschaften

E-Mail: damohr@phil.uni-erlangen.de

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