Mechthilde Vahsen: Die neuen Schriftstellerinnen

Die neuen Schriftstellerinnen

Rezension von Mechthilde Vahsen

Wiebke Eden:

„Keine Angst vor großen Gefühlen“.

Die neuen Schriftstellerinnen.

Berlin: edition ebersbach 2001.

160 Seiten, ISBN 3–934703–26–7, € 20, 50

Abstract: Wiebke Eden stellt in ihrem Band elf Frauen vor, die ihrer Meinung nach die neue Schriftstellerinnen-Generation innerhalb der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur repräsentieren. Die Autorinnen sind: Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Judith Hermann, Felicitas Hoppe, Zoë Jenny, Stefanie Kremser, Tanja Langer, Grit Poppe, Kathrin Röggla, Birgit Vanderbeke und Maike Wetzel.

Sie ist seit mehreren Jahren wieder im Geschäft, die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Sie wird geschrieben, verkauft, gelesen, inszeniert, vermarktet, analysiert, auch wenn der Anteil an den jährlichen Neuerscheinungen noch nicht sehr hoch ist, zumindest was die sog. junge Literatur betrifft. Das Debüttieren, sei es mit Erzählungen oder einem Roman, ist eine erfolgreiche Marketingstrategie, Autor/-innen werden zusehends jünger und manches Talent zu früh verbraucht. Entsprechend häufen sich Romane, die sich mit Pubertät und Erwachsenwerden auseinandersetzen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite zeigt, dass durch diese Marketingstrategie Schreiben und Lesen, sich mit Literatur beschäftigen, ein breites Publikum findet. Sei es durch neue Autor/-innen und ihre Geschichten oder durch Literaturevents, Wettbewerbe, Workshops und andere Formen der Literaturvermittlung oder Talentsuche. Zudem tritt neben das Lesen die Tendenz, Schreiben als Handwerk zu betrachten, das jeder Mensch lernen kann. Es gibt also ein neues und großes Interesse an deutschsprachiger Gegenwartsliteratur und an ihren Verfasser/-innen. Dies zeigt sich in Anthologien oder neuen Verlagsreihen, die auch junge Lese/-innen ansprechen sollen. Eher biographisch orientiert sind Interview- oder Porträtbände, in denen Autor/-innen vorgestellt, nach Vorbildern oder zu Schreiben und zum Beruf befragt werden. Der vorliegende Band der Journalistin Wiebke Eden lässt sich in diese Kategorie einordnen.

Ein repräsentativer Querschnitt

Eden stellt elf Schriftstellerinnen der aktuellen deutschsprachigen Literaturszene vor. Ihre Auswahl richtet sich danach, einen repräsentativen Querschnitt und Überblick über Stile und Themen, Motive und Sprache der neuen Schriftstellerinnen-Generation zu geben. Der etwas plakative Titel ‚Keine Angst vor großen Gefühlen – Die neuen Schriftstellerinnen‘ suggeriert zweierlei: dass es neue Schriftstellerinnen gibt und dass sie über große Gefühle schreiben. Das Letztere streift leider das Klischee der weiblichen Gefühlsliteratur, „Keine Angst vor großen Themen“ trifft es bei genauer Lektüre der Porträts schon eher. Folgende Autorinnen werden vorgestellt: Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Judith Hermann, Felicitas Hoppe, Zoë Jenny, Stefanie Kremser, Tanja Langer, Grit Poppe, Kathrin Röggla, Birgit Vanderbeke und Maike Wetzel. Angereichert werden die zusammengefassten Gespräche mit Fotos, Auszügen aus Werken und einer Literaturliste im Anhang, die die dargestellten Schriftstellerinnen und ihre Werke im Überblick präsentiert.

Es gibt mehrere Referenzpunkte, die in jedem Porträt auftauchen. Der Weg zum Schreiben, Kindheit und Jugend, Schreiberfahrungen und -motivation, berufliche Versuche, der Umgang mit Literaturmarkt, Öffentlichkeit und Erfolg. Auch die Frage nach der „Fräuleinwunder“-Debatte, ausgelöst 1995 durch Volker Hages Verwendung dieser obsoleten Bezeichnung, gehört zu den Themen, zu denen sich die Interviewten äußern. Sieben Treffen fanden in Berlin statt, meist in Privatwohnungen, so dass der Gedanke auftaucht, der Wohnort Berlin könnte bei der Auswahl eine Rolle gespielt haben. Doch ist diese Häufung eher Ausdruck der regen Kunst- und Literaturszene der Hauptstadt, von der viele angezogen werden. Dabei sind es nicht nur „Neue“, die Eden biographisch und literarisch vorstellt, es sind auch Autorinnen dabei, die wie Birgit Vanderbeke seit über zehn Jahren veröffentlichen und etablierter Teil der Literaturszene sind. An diesem Punkt ist die Auswahl hinterfragbar, zumindest im Kontext von „neu“ und „Fräuleinwunder“.

Die Porträts

Es sind spannende Lebensläufe, die in den Porträts begegnen. Die Schreib-Biographien zeugen davon, wie schwierig es für Schriftstellerinnen war und ist, ihre Kreativität auszuprobieren und zu erkunden, das Eigene zu finden und damit auch einen persönlichen Stil. Es fällt auf, dass viele in zwei Medien arbeiten wie beispielsweise Tanja Langer, die jahrelang in der freien Theaterszene Berlins tätig war, oder Jenny Erpenbeck, die Opernregie studiert hat und neben dem Schreiben frei inszeniert. Einige verfassen journalistische Texte oder Drehbücher, auch zur finanziellen Absicherung, denn das Romanschreiben allein reicht nur in wenigen Fällen zum Lebensunterhalt.

So vielfältig wie die künstlerischen Interessen sind die Biographien: Es begegnen nur vereinzelt geradlinige Wege zur Schriftstellerei wie bei Zoë Jenny, die sagt: „Schreiben ist mein Leben. Es ist alles.“ (S.56) Sie kannte schon früh ihren Berufswunsch, ebenso Grit Poppe, die seit ihrem zwölften Lebensjahr Schriftstellerin werden wollte. Sie hat sich darauf vorbereitet, in Schreibwerkstätten für Jugendliche, die es in der DDR gab, später dann mit einem Literaturstudium in Leipzig. Die Teilnahme an Schreibseminaren, an Förderwettbewerben, an Ausschreibungen und Stipendien ist – folgt man den Aussagen – der Karriere förderlich. Es entstehen Kontakte und Netzwerke, die bei der Vermittlung von Manuskripten eine Rolle spielen.

Doch es sind nicht nur der Berufswunsch oder der Traum aus Kindertagen, die zum Schreiben motivieren. Die Autorin Stefanie Kremser fühlte sich zwischen zwei Kulturen zerrissen, pendelte zwischen der brasilianischen Stadt Sao Paulo, in der sie zwölf Jahre gewohnt und sich zu Hause gefühlt hat, dem bolivianischen Hochland, wo ihre Großeltern wohnen, und Deutschland hin und her. Diese Zerrissenheit mündete in einen Roman, der von Brasilien und der anderen Kultur erzählt. Sprache und Schreiben werden zum notwendigen Ausdrucksmittel. Anders Felicitas Hoppe, die mit dem Medium Sprache die „vorgefundene Wirklichkeit“ (S.45) in surrealistische und skurrile Bilder umwandeln will. In eine ähnliche Richtung geht Kathrin Röggla, die durch den experimentellen Umgang mit Sprache „die Welt offen provokativ“ (S.106) hinterfragen möchte. Dies geschieht durch Auseinandersetzung und, darin sind sich alle elf Schriftstellerinnen einig, durch den Rückzug in sich selbst, wobei der Schreibprozess sehr unterschiedlich verlaufen kann. Felicitas Hoppe oder Birgit Vanderbeke schreiben in Blöcken und ohne Notizen. Tanja Langer hingegen oder Grit Poppe sind aufgrund ihrer Kinder anders organisiert und auf tägliche feste Schreibzeiten angewiesen. Manche schreiben lieber morgens, andere abends oder nachts. So vielfältig wie Motivationen und Alltag sind auch die Themen, die in den Romanen und Erzählungen aufgegriffen werden. Keineswegs handelt es sich dabei nur um die Inszenierung großer Gefühle. Langer setzt sich intensiv und kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinander, Poppe greift ebenso wie Vanderbeke aktuelle Diskurse auf und versteht ihr Schreiben als Beitrag dazu.

Das „Fräuleinwunder“

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Literaturbetrieb und dem eigenen Erfolg kommt in den Bemerkungen zum „Fräuleinwunder“ zur Sprache. Judith Hermann spricht von der Gratwanderung zwischen Privatheit und öffentlicher Rolle, sie zieht sich oft zurück, weil ihr der Erfolg zu schnell kam. Auch Julia Franck betont die Schwierigkeiten dieses Balanceaktes. Zoë Jenny will nicht als „Fräuleinwunder“ gesehen werden, ihr geht es um die Literatur und um ihre Bücher. Mehrere berichten von ihren Erfahrungen mit den teilweise als diskriminierend empfundenen Strukturen des Literaturbetriebs. Demnach werden Frauen und Männer als Schreibende unterschiedlich beurteilt, Frauen mit abwertenden Labels belegt oder in die Ecke „Frauenliteratur“ geschoben. Sich daran abzuarbeiten lohnt den Aufwand nicht, das Wichtige ist das Schreiben. Auch wenn sich alle darin einig sind, dass Schreiben nicht das Vergnügen ist, das viele sich vorstellen. Schreiben ist harte Arbeit, anstrengend, kräftezehrend, schwierig, isolierend, einsam und langwierig.

Die Erfolge lassen sich sehen. Viele der porträtierten Schriftstellerinnen wurden für ihre bisherigen Werke mit renommierten Preisen ausgezeichnet, ihre Bücher verkaufen sich so gut, dass einige tatsächlich vom Schreiben leben können. Vor allem lohnt sich ein Blick in die Romane und Erzählungen. Diese sind vielfältig an Stilen, Themen, Bildern, Motiven und Figuren und in jedem Fall eine Lektüre wert.

Das empfehlenswerte Buch von Wiebke Eden in der schönen Aufmachung der edition ebersbach zeigt eine selbstbewusste Schriftstellerinnen-Generation. Nur manchmal wirkt der Versuch der Verfasserin störend, literarische Atmosphäre zu schaffen, wenn sie z. B. Maike Wetzel als „zierliche Rothaarige mit der Milchglashaut“ (S.129) beschreibt oder über Kathrin Rögglas Sprache Folgendes notiert: „die seifenblasenartig schimmert, aber nicht platzt und sich in Luft auflöst, wenn man sie ansticht“ (S. 110).

URN urn:nbn:de:0114-qn032050

Dr. Mechthilde Vahsen

Universität Paderborn, FB Allgemeine Literaturwissenschaften, Forschungsschwerpunkt: Literaturwissenschaften und historische Frauenforschung

E-Mail: vahsen@hrz.upb.de

Die Nutzungs- und Urheberrechte an diesem Text liegen bei der Autorin bzw. dem Autor bzw. den Autor/-innen. Dieser Text steht nicht unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann ohne Einwilligung der Rechteinhaber/-innen nicht weitergegeben oder verändert werden.





querelles-net wird herausgegeben an der Freien Universität Berlin. ISSN 1862-054X