Varieties of Feminism: Deutschland als Fallbeispiel

Rezension von Ingrid Kurz-Scherf

Myra Marx Ferree:

Feminismen.

Die deutsche Frauenbewegung in globaler Perspektive.

Frankfurt am Main u.a.: Campus Verlag 2018

368 Seiten, ISBN 9783593502922, € 34,95

Abstract: Frauen*Bewegungen folgen in verschiedenen Ländern einer je eigenen Dynamik, die v.a. durch die jeweiligen Verknüpfungen der Geschlechterverhältnisse mit anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit geprägt wird, aber auch abhängig ist von unterschiedlichen strategischen Entscheidungen der Akteur*innen in diesem Kontext. Myra Marx Ferree demonstriert die Pluralität und Dynamik feministischer Politik am Fallbeispiel Deutschland im Vergleich mit den USA über den langen Zeitraum von 1848 bis 2005. Eher exemplarisch als systematisch werden große Linien des Wandels von Feminismus bzw. von Gender Politics in ihrer intersektionalen Verschränkung mit anderen Achsen der Differenz wie auch mit anderen Dimensionen sozialer Bewegung und politischen Handelns beleuchtet. Die Vergleichsperspektive soll vor allem der Strategieentwicklung feministischer Politik in globaler Perspektive zu neuen Impulsen verhelfen.

Myra Marx Ferree gehört zu den Pionierinnen der Vergleichsperspektive feministischer Wissenschaft mit einem starken Bezug zu den Frauenbewegungen bzw. den gender politics insbesondere in Deutschland und in den USA. In dem hier zu besprechenden Werk resümiert Ferree ihre jahrzehntelange Forschung und verlängert die darin verfolgten Forschungslinien gleichzeitig in das 21. Jahrhundert. Am „Fallbeispiel Deutschland“ im „Kontextvergleich“ mit den USA demonstriert Ferree die Pluralität und Dynamik feministischer Politik über den langen Zeitraum von 1848 bis 2005. Mit ihrer im US-amerikanischen Original unter dem Titel Varieties of Feminism. German Gender Politics in Global Perspective im Jahr 2012 vorgelegten Studie rekurriert sie auf einschlägige Konzepte der vergleichenden Forschung im Bereich der Politischen Ökonomie (Varieties of Capitalism), der Wohlfahrtsstaats- und der Geschlechterforschung; leider geht dieser Bezug im Titel der deutschen Ausgabe – Feminismen. Die deutsche Frauenbewegung in globaler Perspektive – weitgehend verloren.

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe ihrer schon jetzt als „Klassiker“ (vgl. Petra Gehring in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. November 2018) gerühmten Studie attestiert Myra Marx Ferree dem Feminismus einen weltweiten Aufschwung mit durchaus revolutionärem Elan. Zwar folgten die Entwicklungen in den einzelnen Ländern und Weltregionen keineswegs durchgängig „einem geradlinigen, vorwärts gerichteten Weg zur Gleichstellung der Geschlechter“, dennoch habe sich die feministische „Auffassung von ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ [gerade in jüngerer Zeit, IKS] zu einem durchaus revolutionären Verlangen nach Autonomie, Gleichstellung und Solidarität über Geschlechter-, Landes- und Klassengrenzen hinweg ausgewachsen“ (S. 14). Maßgeblichen Anteil daran habe die fast überall zu konstatierende Auseinandersetzung von Frauen mit der Intersektionalität ihrer Anliegen und Kämpfe. Die Autorin sieht im Konzept der Intersektionalität ein „Hilfsmittel“ nicht nur für die Darstellung und das Verständnis der Komplexität von Ungleichheitsverhältnissen in den modernen Gesellschaften und im globalen Maßstab, sondern auch für die Bewältigung der sich daraus ergebenden Herausforderungen. Ihr Buch soll helfen, Intersektionalität in einem Deutungsrahmen zu fassen, aus dem die „spezifisch politische Arbeit“ ersichtlich wird, die für eine „effektive Strategieentwicklung“ (S. 14) feministischer Politik gefordert ist.

Es geht Ferree vor allem um die Frage nach der strategischen Positionierung der Frauenbewegung in unterschiedlichen Ländern in und gegenüber den je spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten feministischer Politik auch im Hinblick auf Bündnisse mit anderen sozialen Bewegungen. Sie legt Wert auf die Feststellung, dass der US-amerikanische Feminismus keineswegs als eine Art Avantgarde der weltweiten Frauenbewegungen gelten könne; eher stelle „der deutsche Feminismus einen realistischeren Modellfall für die Entwicklungskurve des feministischen Kampfes in einem Großteil der Welt“ (S. 14) dar. Die vergleichende Analyse des „Fallbeispiels Deutschland“ soll aber deutlich machen, dass und wie „strategische Entscheidungen der feministischen Akteure auf über Jahrzehnte hinweg gewachsene Gelegenheitsstrukturen im Rahmen nationaler Kontexte treffen“, die immer auch „Entscheidungsspielräume“ beinhalten, aus deren Analyse auch Feministinnen in anderen Ländern „Hilfestellungen für ihr eigenes Agieren ableiten können“ (S. 15). Ferree will mit ihrem Buch zeigen, dass „jeder länderspezifische Kontext nach einer ebenso gründlichen Analyse verlangt“ (S. 15). Ihr Buch soll eine „Handreichung“ bieten für den theoretischen und praktischen Umgang „mit all den Besonderheiten“ und länderspezifischen Ausprägungen der „Spannungsfelder zwischen Klasse und Geschlecht, ethnischer Herkunft bzw. ‚Rasse‘ und Nationalität“, die bei einer „effektiven Strategieentwicklung“ (S. 14) zu berücksichtigen sind.

Relationaler Realismus als praktische Theorie des Feminismus

Obwohl die theoretische Rahmung der Studie nur vergleichsweise knapp skizziert wird, geht es Ferree keineswegs nur um eine rein deskriptive, historisch-empirische Darlegung der spezifischen Gegebenheiten und Entwicklungsdynamiken der Geschlechterverhältnisse und der Geschlechterpolitik in Deutschland. Sie stellt vielmehr auch „weitergehende theoretische Überlegungen“ an, die „Frauen zu politischer Durchsetzungskraft verhelfen und sie bei der Wahl der Allianzpartner oder Prioritätensetzung […] bestärken“ sollen (S. 29). Die Autorin plädiert in diesem Sinn für „relationalen Realismus als praktische Theorie des Feminismus“ (S. 28). Mit diesem Ansatz überbrückt sie unterschiedliche Strömungen der feministischen Diskurse in Deutschland ebenso wie in den USA und vermeidet so Vereinseitigungen der Perspektive, die den wechselseitigen Austausch eher blockieren als befördern. Als „praktische Theorie“ hat der relationale Realismus sowohl die materiellen wie auch die ideellen Facetten gesellschaftlicher Realität im Allgemeinen und der Geschlechterverhältnisse im Besonderen als „Teil eines komplexen, mehrdimensionalen Systems von Ungleichheiten“ im Blick. Diskurse, „durch die Repräsentationen von Wirklichkeit gesellschaftlich konstruiert und politisch wirksam werden“, und materielle Bedingungen, „in denen sich strukturelle Arrangements institutionalisieren, Ressourcen verteilt und Handlungsmöglichkeiten geschaffen oder beschränkt werden“, haben im relationalen Realismus „den gleichen Stellenwert“ (S. 28 f.). Damit geht Ferree auf Distanz sowohl zum ‚historischen Materialismus‘, der aus ihrer Sicht die Diversität sozialer Konflikte und sozialer Kämpfe ignoriert, wie auch zum Sozialkonstruktivismus, der materielle Zwänge ignoriere und so tue, „als genüge es, gesellschaftliche Veränderungen nur laut genug einzufordern, damit sie eintreten“ (S. 29). Im Kontext des relationalen Realismus versteht sie die intersektionalen Kategorien class, race, gender bzw. Klasse, Ethnie, Geschlecht als „relationale Konzepte, die sich in symbolischen und sozio-strukturellen Prozessen konstituieren, bei denen Macht der entscheidende Faktor ist“ (S. 28). Die Tatsache, dass race, class, gender im US-amerikanischen Diskurs keineswegs bedeutungsgleich sind mit Klasse, Ethnie, Geschlecht im deutschsprachigen Diskurs, unterstreicht und veranschaulicht die Relationalität dieser Kategorien bzw. Konzepte.

Ferree fasst die Varieties of Feminism auf der Grundlage von drei „Theoriebausteinen“, die sich (a) auf das System der Geschlechterbeziehungen, (b) die Rolle von politischen Institutionen und sozialen Bewegungen sowie (c) auf die Bedeutung des politischen Diskurses als Strukturelement und Handlungsinstrument in Veränderungsprozessen beziehen. Auf dieser Grundlage werde deutlich, dass die Konstruktionen und Intersektionen „von Klasse, Rasse und Geschlecht in Deutschland und den USA entlang höchst unterschiedlicher Linien verlaufen“ (S. 29 f.) und so ganz unterschiedliche Bedingungen und Möglichkeiten einer feministischen Geschlechterpolitik hervorbringen. Mit Bezug auf die „Gelegenheitsstrukturen“ und „Gelegenheitsfenster“ feministischer Politik unterscheidet die Autorin zwischen dem vorgegebenen Rahmen, wie er durch geltende Gesetze, Normen und Werte, Gerichtsentscheidungen, administrative Regelungen, dominante Deutungsmuster gesellschaftlicher Realität etc. bestimmt sei, und „aktiver Rahmungsarbeit“ (S. 35), die in die Gelegenheitsstrukturen eingebunden sei, gleichzeitig aber auch auf diese einwirke.

Je nachdem wie die „Gelegenheitsfenster“ wahrgenommen würden, ergäben sich Differenzen zwischen radikalen und reformerischen Forschungs- und Politikansätzen, die aber relational zu dem vorgegebenen Rahmen, auf den sich Forschung bzw. Politik bezieht, begriffen werden müssten. Positionen, Forderungen und Kritiken, die unter bestimmten historischen oder sozialen Bedingungen eine radikale oder auch revolutionäre Qualität haben, bezeichneten unter anderen Bedingungen eine reformerische Strategie. Dementsprechend könnten Politik- oder Kritikkonzepte unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen auf sehr verschiedene Weise eine transformatorische oder affirmative Wirkung entfalten. Dabei verfolgten Frauenbewegungen keineswegs per se eine als feministisch zu kennzeichnende Politik bzw. ein „feministisches Geschlechterprojekt“. Sie könnten vielmehr „rassistisch oder antirassistisch ausgerichtet sein, sie können wirtschaftliche Gerechtigkeit befördern oder Ausbeutungsverhältnisse perpetuieren und sogar für die Unterordnung der Frau eintreten“. Demgegenüber seien feministische Geschlechterprojekte „stets auf die Ermächtigung von Frauen“ ausgerichtet und „inhärent intersektionell“ (S. 31 f.) angelegt. Dabei entwirft Ferree den Möglichkeitsraum feministischer Politik als weites Feld des Denkens und Handelns innerhalb bestehender Institutionen wie auch außerhalb – ohne dass die diesbezügliche Verortung der gender politics die politische Qualität und Radikalität des damit verfolgten Projekts determiniert.

Gestaltwerdung und Gestaltwandel des deutschen Feminismus

Mit dem ebenso knapp wie instruktiv umrissenen theoretisch-methodologischen Instrumentarium des relationalen Realismus entwirft Ferree im Folgenden das besondere Profil des Feminismus in Deutschland. In einer vergleichsweise knappen Auseinandersetzung mit dem „Kampf um Geschlechtergleichheit und Selbstbestimmung“ (S. 49) im Zeitraum zwischen 1848 und 1968 geht es ihr vor allem darum, zwei Spezifika der deutschen und der US-amerikanischen Konstellationen und Entwicklungen herauszuarbeiten: Zum einen entfalte sich die deutsche Frauenbewegung bzw. der deutsche Feminismus in einem vorrangig durch Klassenkonflikte geprägten Umfeld, während die US-amerikanischen Konstellationen und Entwicklungen in diesem Zeitraum auch durch Rassenkonflikte gekennzeichnet gewesen seien. Dementsprechend werde die Kategorie Geschlecht in Deutschland eher in Bezug zur Kategorie Klasse, in den USA dagegen eher in Bezug zur Kategorie Rasse bestimmt und verstanden. Zum anderen sei die Frauen- und Geschlechterpolitik in Deutschland im ‚langen Jahrhundert‘ zwischen 1848 und 1968 eingebunden in die Entwicklungsdynamik des ‚rheinischen Kapitalismus‘ bzw. in die Herausbildung eines korporatistisch-konservativen Wohlfahrtsstaats. Demgegenüber fungiere der ‚angelsächsische Kapitalismus‘ bzw. der politische Liberalismus als der gesellschaftspolitische Rahmen der US-amerikanischen Frauen-und Geschlechterpolitik in diesem Zeitraum.

Von diesen Grundlegungen ausgehend analysiert Ferree dann die Entwicklungen des deutschen Feminismus in sechs sich an ihren Rändern überlappenden Zeitspannen:

  • Die Entstehungsphase der neuen Frauenbewegung (1968-1978) sei in Westdeutschland gekennzeichnet durch die starke Orientierung am Konzept der Autonomie als Ziel und Methode der Emanzipation von Frauen wie aber auch der Frauenbewegung von ihrer Einbindung in männerdominierte Kontexte. Die Autorin sieht diese Phase der westdeutschen Frauenbewegung stark geprägt durch den Problemkreis Kinder und Mutterschaft, durch die Forderung nach einem Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper sowie durch die Opposition gegen ‚Vater Staat‘.
  • Als „Frauenprojektebewegung“ (vgl. S. 128 ff.) mit einer dreifachen Opposition gegen Kapitalismus, Patriarchat und Staat bezeichnet Ferree die zweite Etappe der autonomen Frauenbewegung in Westdeutschland (1975-1985). Sie identifiziert diese Phase als den Versuch einer Institutionalisierung des feministischen Strebens nach Autonomie – auch und insbesondere gegenüber dem Staat („lieber Sand als Öl im Getriebe des Staates“, S. 139), den etablierten Institutionen der „bürgerlich-patriarchalen Gesellschaft“ und männlich dominierten Projekten und Bewegungen.
  • Parallel zum Abflauen der Frauenprojektebewegung ergreift der Aufbruch der Frauen in Westdeutschland dann aber in zunehmendem Maße auch etablierte Institutionen und neue soziale Bewegungen. In dieser Phase (1982-1990) habe die neu entstehende Partei DIE GRÜNEN relevante Teile des Personals und des Programms der westdeutschen Frauenbewegung übernommen. Auch andere politische Institutionen, Parteien, Kommunen, Kirchen, Gewerkschaften, Medien öffnen sich – wenn auch oft nur zögerlich – den Anliegen der Frauenbewegung, zum Teil tragen deren Protagonistinnen diese auch in politische, wissenschaftliche, kulturelle und zivilgesellschaftliche Kontexte, die ihnen traditionell verschlossen waren, hinein. Die ‚Verstaatlichung der Frauenfrage‘ steht dann allerdings mehr unter dem Motto der Gleichberechtigung als unter dem der Emanzipation.
  • In der nächsten Phase (1990-1995) steht die Entwicklung des deutschen Feminismus stark im Zeichen der ‚deutschen Wiedervereinigung‘. Auch dabei haben für Ferree die „reproduktiven Rechte“ einen zentralen Stellenwert auf der politischen Tagesordnung der nunmehr ost-/westdeutschen Frauenbewegung. Sie schildert ausführlich das „Ringen um ein schwesterliches Verhältnis“ (S. 219) in allerdings einigermaßen schwierigen Begegnungen zwischen west-und ostdeutschen Feministinnen. Dabei reproduziert sich die Asymmetrie der ost-west-deutschen Vereinigung auch zwischen Frauen. In diesem Kontext attestiert die Autorin vor allem dem westdeutschen Feminismus auch ein eigenes Akzeptanzproblem gegenüber den zum Teil abweichenden Positionen in der ostdeutschen Frauenbewegung.
  • Für Ferree signalisieren schon die Kommunikationsbarrieren zwischen den in Ost- oder Westdeutschland auf je spezifische Weise sozialisierten Feministinnen eine tiefe Verunsicherung des deutschen Feminismus, die sich dann ab Mitte der 1990er Jahre auch in der geradezu emphatischen Rezeption der Schriften von Judith Butler ausdrückt. Gleichzeitig gerät der Wandel der Geschlechterverhältnisse in Deutschland immer stärker unter den Einfluss von Globalisierung und Europäisierung einerseits und Individualisierung andererseits. Frauenpolitik mutiert zur Geschlechterpolitik, Frauenförderung zum Gender Mainstreaming; Feminismus und Postfeminismus verschränken sich in unübersichtlichen Allianzen und Kontroversen. Das Fazit zu dieser Phase der gender politics in Deutschland stellt die Autorin unter das Motto „Klasse, Geschlecht und die Politik der Vielfalt“ (S. 257).

Im letzten Kapitel ihres Buches befasst sich Ferree unter der Überschrift „Feminismus, Familie und die Zukunft“ mit den Perspektiven des feministischen Wandels im 21. Jahrhundert. Sie geht dazu auf die durch die Kanzlerschaft von Angela Merkel und das Gender Mainstreaming der EU repräsentierten und symbolisierten Veränderungen in den Geschlechterbeziehungen in Deutschland ein und betont vor allem die Herausforderungen, die an den deutschen Feminismus durch Migrationsbewegungen, zunehmende soziale Ungleichheit und die Vervielfältigung der „Formen des Feminismus, der Frauenbewegungen und der praktischen Geschlechterpolitik“ (S. 287) im globalen Kontext gestellt werden. Als das zentrale Problem des deutschen Feminismus identifiziert Ferree seine Verstrickung in die ‚Rassifizierung‘ des Islam und der Islamkritik. In vergleichender Perspektive zeige sich, dass die Einbindung des US-amerikanischen Feminismus in den politischen Liberalismus und das daraus resultierende Defizit an sozialer Fundierung und Orientierung eine gewisse Nähe zu neoliberalen Positionen begünstige. Die Einbindung des deutschen Feminismus in den konservativen (westdeutschen) bzw. autoritären (ostdeutschen) Wohlfahrtsstaat und das damit verbundene Defizit an liberaler Orientierung und Fundierung mache diesen anfällig für zumindest latent rassistische Positionierungen. Nach beiden Seiten sieht die Autorin im Konzept der Intersektionalität den Schlüssel für die Bewältigung zentraler Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und für die Entfaltung einer praktischen (d. h. praxistauglichen) Theorie des sich darin vollziehenden und des darin zu bewerkstelligenden feministischen Wandels.

Feministische Wissenschaft als Orientierungshilfe im feministischen Diskurs des 21. Jahrhunderts?

Vergleichende Forschungsperspektiven bilden seit langem eine wichtige Komponente feministischer Wissenschaft insbesondere in ihren soziologisch oder politikwissenschaftlich orientierten Ansätzen. Die Studie von Myra Marx Ferree gewinnt in diesem Kontext ihr besonderes Profil aus der Verbindung zwischen der Internationalität und der Intersektionalität ihrer Forschungsperspektive und aus dem Versuch einer systematischen Verknüpfung unterschiedlicher Theorie- und Forschungsansätze feministischer Wissenschaft zu einer „praktischen Theorie des Feminismus“, die Anregungen für weitere Forschung wie aber auch für die Strategiebildung feministischer Politik geben will. Internationalität und Intersektionalität fungieren dabei als Kategorien feministischer Theorie und als Dimensionen feministischer Praxis. Ferree baut auf Erkenntnissen und Befunden verschiedener Forschungsstränge auf und ergänzt sie durch eigene Erkenntnisse und Befunde insbesondere im Hinblick auf Komplexitätsniveau und Praxisrelevanz.

Die Studie basiert auf einer großen Fülle über einen sehr langen Zeitraum gewonnenen empirischen Materials. Sie bietet in ihren einzelnen Kapiteln nicht nur einen gut lesbaren Einblick in vielfältige Facetten von Feminismus, Frauenbewegung und gender politics in Deutschland, sondern auch reichlich Anregungen zur – durchaus auch kontroversen – Diskussion. So stellt sich beispielsweise das Thema der Studie – die Vielfalt von Feminismen und deren je eigenen Wandlungen – geradezu symptomatisch auch als Problem einer in unterschiedlichen Sprachen konsistenten Abgrenzung zwischen gender politics, Frauen- und Geschlechterpolitik, Frauenbewegung und Feminismus – jeweils im Singular und Plural dar. Dabei ergibt sich schon in einer Sprache eine oft nur sehr schwer zu überbrückende Spannung zwischen der Klarheit und Verständlichkeit der Argumentationsführung und ihrer notwendigen Komplexität. Erst recht steht die Übertragung vom Englischen ins Deutsche – trotz oder auch gerade wegen der vielen Anglizismen in deutschsprachigen Debatten – vor dieser Schwierigkeit. Ferree gibt der Nachvollziehbarkeit ihrer Argumente durchgängig den Vorrang vor ihrer wissenschaftlichen Präzision, betont aber immer wieder die Notwendigkeit einer weiteren Klärung von Begriffen und Konzepten. Obwohl Divergenzen und Differenzen im feministischen Diskurs zentrales Thema ihrer Studie sind, spricht sie jedoch erstaunlich unbefangen von „dem deutschen Feminismus“, „der deutschen Frauenbewegung“ oder eben auch „dem amerikanischen Feminismus“ und „der amerikanischen Frauenbewegung“. Dabei entgeht sie nicht immer der Gefahr einer kontrafaktischen Homogenisierung des Denkens und Handelns im Kontext von Frauenbewegung, Feminismus und gender politics.

Die auf die Achse USA – Deutschland gerichtete vergleichende Perspektive befördert Einsichten in die „Pfadabhängigkeiten“ von Bewegungs- und Diskursdynamiken, die der Binnenperspektive nicht so ohne weiteres zugänglich sind. Der „US-amerikanische Blick“ auf Geschlechterverhältnisse und -bewegungen in Deutschland beleuchtet diese allerdings auch aus einer sehr spezifischen Perspektive, die auch durchaus fragwürdige Deutungen der Binnendynamiken feministischer Diskurse, ihrer Prägungen und der sie konstituierenden Konflikte und Kontroversen hervorbringt. Die auf die USA fokussierte Vergleichsperspektive vermischt sich bei Ferree mit ihrem eher empirisch-pragmatisch als kritisch-theoretisch orientierten Forschungsansatz. So befasst sie sich beispielsweise nur sehr knapp mit den theoretischen und programmatischen Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Strömungen von Frauenbewegung, Frauenpolitik und Feminismus – wie sie schon in der Spaltung der frühen Frauenbewegungen in einen bürgerlichen, sozialistischen und radikalen Flügel zum Ausdruck kamen. Wenig Beachtung finden auch die Kontroversen zwischen unterschiedlichen gesellschaftstheoretischen Verankerungen der verschiedenen Strömungen der neuen Frauenbewegung(en) mit ihren Verbindungen zum Marxismus, zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, zur sogenannten Postmoderne, zu unterschiedlichen Varianten der Politik- und Demokratietheorie oder auch zu unterschiedlichen Ansätzen der Bewegungsforschung.

Die Studie von Myra Marx Ferree kann vielleicht am besten als Beitrag zur Selbstverständigung der Frauenbewegung über unterschiedliche Varianten des feministischen Wandels im 21. Jahrhundert gelesen werden. Mit dem empirisch-pragmatischen Ansatz ihres „relationalen Realismus“ kann Ferree die Notwendigkeit internationaler und intersektionaler Verknüpfungen der Strategiebildung feministischer Politik überzeugend belegen. Sie liefert mit ihrer Untersuchung vielfältige Anregungen für die Erkundung von Möglichkeiten und Herausforderungen feministischer Politik auch jenseits des Fallbeispiels Deutschland im Kontextvergleich mit den USA. Dennoch muss die Aussagekraft dieser Vergleichsperspektive in globaler Perspektive, in der die weltweiten Frauenbewegungen ihre Impulse längst auch und zum Teil auch schon vorrangig aus Regionen jenseits der Achse USA – Europa beziehen, auch kritisch hinterfragt werden.

Man mag die Tatsache, dass der Fokus der Studie vorrangig auf der Praxis der Frauenbewegung(en) und den diesbezüglichen feministischen Diskursen liegt, als ‚Unterbelichtung‘ des akademischen Feminismus (mit seinem reichhaltigen Fundus an empirischen Befunden und theoretischen Konzepten) kritisieren. Andererseits liegt gerade darin auch eine der Stärken der Studie gegenüber der Dominanz einigermaßen praxisferner (Post-)Feminismusdebatten oder auch gegenüber eher additiv als systematisch vergleichenden Darstellungen von Frauenbewegungen in unterschiedlichen Ländern und im Kontext unterschiedlicher Konstellationen politischen Handelns und sozialer Bewegung. Mit dem Verweis auf die intersektionalen und internationalen Verknüpfungen feministischer Politik hat sich allerdings die Frage nach ihren Inhalten und Anliegen selbstverständlich nicht erledigt. Die Autorin kommt im Fazit ihres Buches zu dem Befund, dass sich im Zuge der praktischen Intersektionalität und Internationalität feministischer Politik in vielen Ländern die autonomen Strukturen und Praktiken der Frauenbewegung in Auflösung befänden, weil sich die Energien des Feminismus immer stärker auf andere soziale Bewegungen und andere Arenen politischen Handelns verlagerten. Was aber – so befragt Ferree diese Tendenz – „wird aus dem Feminismus ohne eine gesonderte feministische Frauenbewegung, die ‚radikale‘ Ideen entwickelt und Aktivistinnen mobilisiert?“ (S. 298).

Die Frauenbewegung hat ihre radikalen Ideen jedenfalls in den USA und in Europa seit jeher nicht nur durch ihre pressure groups und in praktischen Initiativen, sondern auch in ihrem Schrifttum und in ihren Kongressen, Debatten und Forschungsprojekten entwickelt. Angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts muss feministische Wissenschaft nicht nur einen Beitrag zur Strategieentwicklung feministischer Politik leisten, sondern auch zur Selbstverständigung der Frauenbewegung über ihre Anliegen, Motive und Ziele. Die inhaltlich-konzeptionelle Seite feministischer Politik steht nicht im Zentrum des Forschungsinteresses von Myra Marx Ferree; ihre Studie liefert gleichwohl auch dafür wichtige Anregungen.

Ingrid Kurz-Scherf

Philipps-Universität Marburg

Professorin (i.R.) für Politikwissenschaft

E-Mail: kurz-scherf@staff.uni-marburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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