Shopping mit Judith Butler und verkrüppeltes Curriculum - Inklusionskonzepte im Dialog mit kulturwissenschaftlichen Infragestellungen von Normalität

Rezension von Meike Penkwitt

Jürgen Budde, Susanne Offen, Anja Tervooren (Hg.):

Das Geschlecht der Inklusion.

Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich 2016.

183 Seiten, ISBN 978-3-8474-0794-2, € 24,90

Abstract: Gegenstand der 2016 erschienenen Ausgabe des Jahrbuchs Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft ist eine Auslotung des Potentials, das Theoreme aus den Gender, Queer und Disability Studies für das aktuelle Paradigma der Inklusion bieten. Im Fokus stehen dabei gesellschaftliche Normen und Normalisierungsprozesse. Weitere Schwerpunkte sind die Themen Intersektionalität, Care und die Frage nach einer anderen, weniger auf Autonomie und stattdessen auf zwischenmenschliche Abhängigkeiten und Beziehungen ausgerichteten Ethik.

Der Titel Das Geschlecht der Inklusion erinnert an einen früheren Schwerpunkt des Jahrbuches Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft: Das Geschlecht der Migration aus dem Jahr 2013. Doch anders als in jener Ausgabe geht es im aktuellen Jahrbuch weniger um die Zusammenführung von zwei Differenzlinien. Stattdessen wird das Inklusionsparadigma, das bisher insbesondere von der Sonder- und Behindertenpädagogik erforscht wurde, mit vielfältigen, überwiegend kulturwissenschaftlich geprägten Theoriesträngen in Verbindung gesetzt, die nicht nur aus den Gender und Queer Studies stammen, sondern auch aus den Disability Studies und der Crip Theory, so z. B. die Debatten um Intersektionalität, Care, ‚reflexive Koedukation‘, hegemoniale Männlichkeit, Vergeschlechtlichung, Embodiment, Vulnerabilität, Heteronormativität und (allgemeine) Normativität sowie eine nicht so sehr auf Autonomie, sondern auf zwischenmenschliche Beziehungen und Bedürftigkeit ausgerichtete Ethik. Es werden Anknüpfungsmöglichkeiten sowie das Anregungs- und Kritikpotential, das diese unterschiedlichen theoretischen Ansätze für das Konzept Inklusion bieten, ausgelotet. Die Geschlechterthematik im engeren Sinne tritt in der Mehrzahl der Aufsätze eher in den Hintergrund und wird durch die Kritik an und die Reflexion von Normalisierungsprozessen abgelöst. Der Band umfasst vier eingeladene Beiträge (darunter je ein Beitrag aus den USA und Kanada) sowie drei eingereichte Aufsätze zum Themenschwerpunkt. Ein achter Aufsatz führt die Diskussion um die Frage nach dem ‚guten Leben‘ fort, um die es bei den Versuchen, Inklusion umzusetzen, ja letztendlich ebenfalls geht.

Geschlechtstypische Erfahrungen von Eltern und Vergeschlechtlichung von pädagogischen Sorgetätigkeiten

Die im Folgenden zunächst vorgestellten drei Aufsätze verbindet, dass sie eher empirisch ausgerichtet sind und in ihnen zudem die Kategorie Geschlecht oder auch die Vergeschlechtlichung stärker im Fokus steht als in den übrigen Beiträgen. Carla Di Georgio (Charlottetown, Kanada) fragt in ihrem Beitrag nach den unterschiedlichen Erfahrungen von Müttern und Vätern im Rahmen ihres Bemühens, einen Teilhabeanspruch ihrer Kinder mit Förderbedarf an frankophonen und gleichzeitig inklusiv ausgerichteten Schulen in Kanada geltend zu machen. Sie fokussiert auf das Zusammenspiel der Einflussfaktoren Gender sowie − unter Bezugnahme auf Bourdieu − soziales und kulturelles Kapital, darunter insbesondere Sprache. Die Französischsprachigkeit der Schulen wertet sie dabei ebenfalls als ‚inklusiv‘, weil frankophone Kanadier/-innen (außerhalb des Teilstaats Quebec) ebenfalls eine Minderheit darstellen. Eines ihrer Ergebnisse ist, dass die an der vorgestellten Schule eigentlich bereits wieder zurückgenommene Regel, dass nur Französisch gesprochen werden solle, sich als ein anhaltendes Partizipationshindernis für Nicht-Muttersprachler/-innen erweist. In ihrer Untersuchung sind es dabei durchgängig Mütter, die durch die fehlende Vertrautheit mit der französischen Sprache Zugangsschwierigkeiten haben: Sie können dadurch, so Di Giorgio, den traditionell Müttern zufallenden und im Zusammenhang mit Inklusion oftmals besonders wichtigen Part, sich unterstützend und die sozialen Kontakte pflegend in das Schulleben einzubringen, nicht (oder nur in einem geringeren Ausmaß) übernehmen. Die im Aufsatz vorgestellten Väter sind dagegen durchgängig französische Muttersprachler, was − neben ihrer Männlichkeit − ihre Möglichkeiten einer Einflussnahme erhöhe. Zusätzlich zu der grundlegenden Überlegung, ob Di Giorgios Fragestellung möglicherweise eine Reifizierung (von Geschlechtszuschreibungen) impliziert, kann hier deshalb gefragt werden, ob ihre Untersuchung tatsächlich geeignet ist, Erfahrungsunterschiede zwischen Müttern und Vätern zu belegen.

Jürgen Budde und Nina Blasse (beide Universität Flensburg) widmen sich in ihrem Aufsatz der zunehmenden Heterogenität auf Seiten der Lehrenden, die mit der Heterogenisierung der Schüler/-innenschaft im Zuge der Einführung inklusiver Beschulung einhergeht: Im Rahmen inklusiver Settings kommen manchmal gleichzeitig mit der Klassen- oder Fachlehrer/-in sowohl Sonderpädagog/-innen, Erzieher/-innen, Sozialpädagog/-innen als auch Schulbegleiter/-innen zum Einsatz. An den Anfang ihrer Ausführungen setzen Blasse und Budde die These, dass im Rahmen des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf zunehmend als ‚Care‘ einzuordnende Aufgaben an Bedeutung gewinnen, sowohl im Sinne von Pflegearbeit als auch im Sinne einer fürsorglichen Haltung. Diese These überprüfen sie auf der empirischen Basis von protokollierten Unterrichtsbeobachtungen, ausgehend von den Praktiken aller am Unterrichtgeschehen beteiligten Personen. Dabei untersuchen sie auch, ob und inwiefern es zu einer Vergeschlechtlichung der sorgenden Tätigkeiten in inklusiven Unterrichtssettings kommt. Sie kommen zum Ergebnis, dass in den von ihnen untersuchten Situationen zwar keine Pflegetätigkeiten, aber − im Rahmen von unterstützenden Tätigkeiten − sehr wohl Care im Sinne einer fürsorglichen Haltung eine wichtige Rolle spielen (eine Ursache dafür liegt vermutlich darin, dass im untersuchten Setting keine Schüler/-innen mit elementaren Unterstützungsbedürfnissen vertreten sind). Diese Care-Haltung steht zum einen in Zusammenhang mit den Bedürfnislagen der Schüler/-innen, besteht darüber hinaus aber auch in Interventionen zugunsten der Unterrichtsordnung: Sie stellen die Passförmigkeit der unterstützten Schüler/-innen im Unterrichtskontext her. Die von Budde und Blasse festgestellte Vergeschlechtlichung betrifft insbesondere (aber nicht nur) die bisher noch sehr wenig beforschte Gruppe der Schulbegleiter/-innen. Dass es sich dabei überwiegend um Frauen handelt, ist zwar bezeichnend, für die Autor/-innen jedoch nicht der entscheidende Punkt, vielmehr machen sie darauf aufmerksam, dass dieser Bereich auf einer spezifischen Weise abgewertet und durch geringe Bezahlung, unsichere Verträge und die oft fehlende Professionalisierung prekarisiert wird.

Zur biographischen Relevanz der Faktoren Behinderung und Geschlecht

Mechthild Bereswill und Johanna Zühlke (beide Universität Kassel) gehen in einer qualitativen Exploration der Frage nach, welches Gewicht Expertinnen dem Faktor ‚Behinderung‘ im Verhältnis zum Faktor ‚Geschlecht‘ in Biographien von Frauen und insbesondere von Akademikerinnen mit Behinderung beimessen. Die empirische Basis ihrer Studie bilden Gruppeninterviews, die sie im Rahmen eines Begleitforschungsprojekts zu einem Mentoring-Programm für Studentinnen mit Behinderungen an der Universität Kassel mit Mentees und Mentorinnen geführt haben. Als ‚Expertinnen‘ (in einem ausdrücklich weiten Sinne) betrachten die Autorinnen die Interviewten dabei deshalb, weil fast alle beteiligten Personen „beruflich und politisch in einschlägigen Kontexten verortet“ (S. 137) sind. Im Fokus des Aufsatzes stehen Deutungsmuster von Differenz und Ungleichheit. Durch das Motiv der ‚doppelten Benachteiligung‘ (von Frauen mit Behinderungen) wurde dabei das ‚Geschlecht‘ explizit mit in den Ausgangsimpuls der Interviews aufgenommen. Davon ausgehend arbeiteten sich die Diskussionsteilnehmerinnen insbesondere an den bestehenden Leistungserwartungen im Bildungssystem ab sowie an der jeweils eigenen Leistungsfähigkeit. Wie die Autorinnen herausarbeiten, changieren die Sichtweisen der Beteiligten „zwischen additiven Sichtweisen auf Mehrfachbenachteiligung, ausdrücklicher Betonung einer Ungleichheitsdimension und der generellen Zurückweisung von Benachteiligung bis hin zur Hervorhebung der eigenen Privilegierung“ (S. 138). Das Thema Normalität taucht hier in einer interessanten Wendung auf: Von einer Beteiligten wird die eigene Situation als Akademikerin als doppelte Abweichung konzipiert: Sie sei „nicht normal-behindert“ (S. 143), sondern ‚anders behindert‘. Dabei kontrastiert sie ihre eigene Laufbahn als Akademikerin mit der ‚normalen‘ „Behindertenwerkstattkarriere“ (S. 142). Ausgehend davon postulieren die Autorinnen (unter Bezugnahme auf Swantje Köbsel), dass es sich bei Behinderung grundsätzlich bereits um eine heterogene Kategorie handelt und die Unterscheidung behindert/nicht-behindert bereits weniger dichotom gedacht werde als etwa die traditionelle Vorstellung des Geschlechterverhältnisses.

In Auseinandersetzung mit einem anderen Interviewabschnitt wird von den Autorinnen eine bessere Kompatibilität von Weiblichkeit und der oftmals mit Behinderungen einhergehenden Vulnerabilität diskutiert, was dazu führe, dass Männer mit Behinderungen möglicherweise sogar größere Probleme haben als Frauen. Verstärkt werde dieser Effekt durch das nach wie vor vorherrschende Bild von Männern als Leistungsträgern und Familienernährern: Behinderung konfligiere daher − mehr noch als mit traditionellen Weiblichkeitsvorstellungen − mit dem Bild hegemonialer Männlichkeit, ein Befund der, so die Autorinnen, von der Männlichkeitsforschung weiter bearbeitet werden könnte. Abschließend plädieren sie für die Berücksichtigung der Kategorie ‚Körper‘ als ‚Vermittlungsfaktor‘ (und ausdrücklich nicht wie bei Winker und Degele als vierte Strukturkategorie) und weisen schließlich auf produktive theoretische Anschlussmöglichkeiten zu den Disability und Queer Studies hin.

Auf der Suche nach einer neuen Ethik und nach neuen Sichtweisen auf Behinderung

Diese Anschlussmöglichkeiten sind ausgiebig Thema in drei theoretischer ausgerichteten Beiträgen, die durch eine kritische Reflexion von Normalisierungsprozessen verbunden sind. Bereits der Titel des Aufsatzes von David Mitchell, Sharon Snyder (Washington) und Linda Ware (New York) – “Curricular Cripistemologies: The Crip/Queer Art of Failure” − hebt zwei zentrale Anknüpfungspunkte der Autor/-innen hervor: zum einen den Aufsatz “The Queer Art of Failure” (2011) der amerikanischen Queer-TheoretikerIn Judith/Jack Halberstam, zum anderen die Crip Theory und das gleichnamige Buch von Robert McRuer (2006), in dem Ansätze der Queer und der Disability Studies zusammengeführt werden. Ähnlich wie in der deutschen ‚Krüppelbewegung‘ wird hier der zuvor ausschließlich abwertend verwendete Begriff crip offensiv gewendet. Die Autorinnen kritisieren, dass im Zusammenhang mit Inklusion im Schulkontext in der Regel zuerst und oftmals auch ausschließlich an Veränderungen der Architektur gedacht werde, bestenfalls noch an neue didaktische Konzepte. Mit der Wortschöpfung Cripistemology plädieren sie für ein ebenfalls inklusives Curriculum, in dem Inhalte, die im Zusammenhang mit Be-Hinderung als Prozess stehen, berücksichtigt werden − in allen Fachbereichen. Einbezogen werden sollten dabei insbesondere Erkenntnisse aus dem Bereich der Disability Studies. In Verbindung mit dem Einbezug von Menschen mit Behinderungen auf der Seite der Lehrenden könne so eine neue Sichtweise nicht nur in Hinsicht auf Behinderungen erreicht werden. So solle nicht nur Schüler/-innen ein Coming Out mit ihren bisher möglicherweise versteckten Beeinträchtigungen ermöglicht, sondern insbesondere auch ein neues Wertesystem entwickelt werden, das weniger auf körperliche Tüchtigkeit, ästhetische Körpernormierungen und am Durchschnitt orientierten Erwartungen von Funktionalität ausgerichtet ist und stattdessen auf alternative ethische Vorstellungen für das Zusammenleben setzt. Mitchel, Snyder und Wares stellen mit ihren Ausführungen ein Konzept vor, das im Kontext der Disability Studies in Education (DSE) entwickelt wurde, die in den USA zunehmend an Bedeutung gewinnen, in Deutschland aber bisher noch kaum wahrgenommen wird.

Bettina Kleiner, Torben Rieckmann und André Zimpel (alle Universität Hamburg) nehmen einen auf YouTube zugänglichen (eine knappe Viertelstunde langen) Kurzfilm der Künstlerin Astra Taylor zum Ausgangspunkt ihrer als „Versuch“ angekündigten Ausführungen. Das Video zeigt einen Spaziergang von Sunaira Taylor (Malerin und Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie die Rechte von Tieren) mit Judith Butler, die nicht nur in den Queer (und Gender) Studies, sondern auch innerhalb der Disability Studies als zentrale Theoretikerin anerkannt ist, durch einen alternativen Stadtteil San Franciscos. In einem philosophisch-theoretischen Gespräch setzen sich Butler und Taylor u. a. mit Körper- und Verhaltensnormen, architektonischen und symbolischen Barrieren und der Entwicklung einer neuen, weniger auf Autonomie fokussierenden Ethik auseinander. In Form eines ‚Dialogue Journals‘ (eine im Rahmen der Disability Studies für den Dialog zwischen Hörenden und Gehörlosen entwickelte selbstreferente Textform) nehmen Kleiner, Rieckmann und Zimpel Ausschnitte des Gespräches zum Ausgangspunkt für ihre diskurstheoretisch fundierten Reflexionen über Behinderung, Geschlecht und Sexualität. Dabei gehen sie u. a. auf die bezeichnenden Parallelen zwischen Ableism und Heteronormativität und auf die Genese und Wirkungsmacht von Normalität und Normalisierungsprozessen ein und führen im Anschluss an Ausführungen Butlers die Gedanken um eine neue beziehungsorientierte, Vulnerabilität zulassende Ethik fort. Eine Video-Szene, in der Taylor von Butler beim Kauf eines roten mit Pailletten besetzten Pullovers in einem Secondhand-Shop unterstützt wird, interpretieren die Autorinnen als Umsetzung einer solchen Ethik und unterstützenden Umgangsweise. Taylor kommentiert diese Situation mit dem Ausspruch “That could be a new Show: Shopping with Judith Butler!”, worauf Butler mit einem Blick über die Schulter erwidert: “For the Queer Eye!” (S. 64). Die Autor/-innen schließen ihre Überlegungen mit einer Liste von Implikationen ab, die sie aus ihrem von Butler und Taylor inspirierten Trialog für den Bereich Inklusion ziehen: Barrierefreiheit müsse nicht nur auf architektonischer, sondern auch auf symbolischer Ebene hergestellt werden, insbesondere die Befähigung, durch sorgsamere Verhältnisse „die Angst vor Angewiesenheit und Verletzbarkeit zu verlernen“ (S. 70). Wichtig sei auch Selbstbestimmung, was im Kontext von Inklusion impliziere, „Schüler*innenpartizipation und demokratische Kommunikationskulturen zu ermöglichen“ (ebd.).

Integrationstheoretische, differenzpädagogische und intersektionalitätstheoretische Theoriebezüge und der Vorschlag des Konzepts einer ‚differentiellen Inklusion‘

Auch im Aufsatz von Ulrike Schildmann (Dortmund) geht es um die Bedeutung von Normalisierungsprozessen und -vorstellungen, allerdings unter Rückgriff auf andere Theoriebezüge: Bereits im Kontext der deutschen ‚radikalen‘ Integrationspädagogik (u. a. Wocken, Feuser, Hinz, Prengel, Preuss-Lausitz) wurde Normalität nämlich bereits infrage gestellt und darüber hinaus von unterschiedlichen Autor/-innen auch ausgiebig theoretisch reflektiert. Insgesamt plädiert Schildmann deshalb dafür, nicht aus den Augen zu verlieren, dass „die inklusive Pädagogik über eine Vorläuferin verfügt, an deren wissenschaftliche Theoriearbeit sowie Projekterfahrung angeknüpft werden kann“ (S. 81). Sie führt die auf Jürgen Link zurückgehende Unterscheidung zwischen Protonormalismus, flexiblem Normalismus und Transnormalismus ein (während der flexible Normalismus die vom Protonormalismus gesetzten Grenzen lediglich bis zu einem gewissen Grad flexibilisiert, hinterfragt sie der Transnormalismus grundlegend) und zeigt auf, dass durch frühere (u. a. auch von ihr stammende) Untersuchungen bereits herausgearbeitet wurde, dass zentrale Integrationspädagogen (neben Prengel und Feuser auch Hans Eberwein) „geradezu auf transnormalistische Strukturen fixiert“ (S. 83) seien.

Schildmann greift in ihren Ausführungen noch auf drei weitere Theoriestränge zurück, die sie als „Ausgangspunkte“ und „theoretische Hintergründe“ in ihre Überlegungen einbezieht: So geht sie zunächst auf die Entwicklung und theoretische Reflexion der Koedukation von Jungen und Mädchen ein, die zunächst lediglich eine formale Gleichstellung bedeutete. Diese war vor allem bildungspolitisch motiviert und noch nicht erziehungswissenschaftlich reflektiert. Das seit den 1990er Jahren in diesem Kontext maßgeblich von Hannelore Faulstich-Wieland entwickelte Konzept der ‚reflexiven Koedukation‘ (das die Schritte Dramatisierung, Reflexion und Entdramatisierung umfasst) war dann aber so erfolgreich, dass davon ausgehend nicht nur eine ‚reflexive Interkulturalität‘ entwickelt wurde, sondern mittlerweile auch eine ‚reflexive Inklusion‘ (Jürgen Budde und Merle Hummrich). Als einen weiteren ‚Ausgangspunkt‘ bezeichnet Schildmann (teilweise ebenfalls eigene) Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Integrationspädagogik und zu deren Geschlechterdimension, so z. B. zur Koedukation im Rahmen von Integrationspädagogik. Darüber hinaus reflektiert Schildmann soziale Strukturkategorien im Vergleich, insbesondere auch deren jeweilige Binnendifferenzierung und schließlich deren Überschneidung, d. h. Intersektionalität. In ihrem Fazit führt Schildmann abschließend eine Reihe von professionellen Anforderungen aus, die sie für den Kontext einer reflexiven inklusiven Pädagogik als essentiell betrachtet: zum einen eine „positive Wertschätzung“ (S. 88) im Sinne einer wertschätzenden Grundhaltung und eines positiven Umgangs mit Heterogenität, außerdem eine „umfassende Inklusionsstrategie“ (ebd.), da die Pädagogik für Inklusion zwar eine zentrale Rolle spiele, diese aber gesamtgesellschaftlich angegangen werden müsse, und schließlich das Bewusstsein für die Wechselwirkungen der gesellschaftlichen Strukturkategorien auf einer innerpsychischen, interaktionellen, institutionellen und gesamtgesellschaftlichen Ebene. Darüber hinaus sei es entscheidend, dass es den unterschiedlichen Teildisziplinen der Pädagogik und den in ihnen jeweils verorteten Personen gelinge, ‚zusammen zu kommen‘.

Heike Raab (Tübingen) bringt in ihrem Aufsatz einen weiteren Begriff ins Spiel: die ‚differentielle Inklusion‘. Raab knüpft mit ihren Überlegungen – neben einer erneuten Bezugnahme auf die Disability Studies – auch an Reflexionen innerhalb der unterschiedlichen Differenzpädagogiken an, für die es charakteristisch ist, dass sie eine jeweilige Abweichung von der Norm, sei es im Bereich von Gender, kultureller oder auch sozialer Zugehörigkeit, nicht als etwas Minderwertiges und darum als zu behebendes Defizit betrachten, sondern als wertzuschätzende Differenz. Wie die Autorin hervorhebt, lassen sich hier zwei grundlegende Herangehensweisen unterscheiden: einerseits Pädagogiken der Anerkennung (bestehender Unterschiede), die, so Raab, die Gefahr bergen, affirmativ zu wirken, und andererseits performativ oder sogar dekonstruktiv orientierte Herangehensweisen, die die interaktiven Hervorbringungsprozesse von Unterscheidungen und Differenzen fokussieren. Die Heterogenität, die sich hinter dem Begriff ‚Behinderung‘ verbirgt, herauszuarbeiten (nicht zuletzt durch eine intersektionale Herangehensweise), betrachtet Raab als eine Möglichkeit, die binäre Opposition zwischen Behinderung und Nicht-Behinderung zu dekonstruieren − parallel zur Vervielfältigung der Geschlechter in den Gender Studies. Bei dem von Raab vorgeschlagenen Konzept der ‚differentiellen Inklusion‘ geht es letztlich um einen sensiblen Umgang mit Heterogenität, der die performative Hervorbringung von Differenzen im Unterricht fokussiert und zu deren Dekonstruktion beitragen möchte.

Opt-Out-Revolution, der hegemoniale Vereinbarkeitsdiskurs und das ‚gute Leben‘

Nicht dem Jahrbuch-Schwerpunktthema „Inklusion und Geschlecht“ untergeordnet ist der Aufsatz von Margarete Menz (Schwäbisch Gmünd) und Christine Thon (Flensburg). Mit ihrem Beitrag führen die Autorinnen die feministische und gendersensibel geprägte Debatte um das ‚gute Leben‘ fort. Ihr Ausgangspunkt ist die Reflexion des Verzichts von bisher beruflich sehr erfolgreichen Frauen auf eine Fortsetzung ihrer beruflichen Karriere (insbesondere nach der Geburt eines Kindes). Die Autorinnen stellen infrage, dass dieser als Umsetzung einer positiv zu wertenden, freiwillig gewählten Opt-Out-Option oder sogar -Revolution zu sehen ist. Stattdessen fordern sie dazu auf, erst einmal zu hinterfragen, was die tatsächlich zur Wahl stehenden Optionen sind, und kritisieren einen „hegemonialen Vereinbarkeitsdiskurs“ (S. 159), der im Zuge einer neoliberalen „Ökonomisierung von Vereinbarkeit“ (S. 161) stehe: Dieser Diskurs der Selbstoptimierung führe nämlich zu einer Individualisierung der Vereinbarkeitsproblematik, wodurch die auftretenden Probleme als ein persönliches Scheitern erschienen. Erschwert werde die geforderte Vereinbarkeitsleistung noch dadurch, dass nicht nur die Leistungsanforderungen im beruflichen Bereich gestiegen seien, sondern zudem eine möglichst perfekte und professionalisierte Elternschaft erwartet werde. Ein perfektes mothering wird − so möchte ich als Rezensentin mit Blick auf das Thema des Jahrbuchs ergänzen − insbesondere auch im Zusammenhang mit Behinderungen und Inklusion gefordert.

Als Alternativen zu der von ihnen problematisierten Situation stellen Menz und Thon im Anschluss an ihre kritischen Überlegungen drei unterschiedliche Theorieansätze vor: erstens die Diskussion um eine konstatierte Care-Krise und eine dadurch notwendig gewordene ‚Care Revolution‘ (Gabriele Winker), zweitens die zumindest nicht primär feministisch oder auch gender-theoretisch geprägte Diskussion einer Krise der Wachstumsgesellschaft und schließlich das von Frigga Haug entwickelte Konzept einer sozialistisch geprägten „Vier-in-einem-Perspektive“, die neben Erwerbsarbeit und Care/Familienarbeit auch die beiden Bereiche Bildung/Kultur und Politik/Gesellschaftliches Engagement in den Blick nimmt.

Fazit

So anregend der Einbezug von Positionen und Erkenntnissen aus den Queer und Disability Studies und der Crip Theory in die Diskussion um das Paradigma Inklusion ist, stellt sich abschließend doch die Frage, ob hier nicht zumindest teilweise Eulen nach Athen getragen und dabei unnötigerweise Fronten verhärtet werden, statt dass in einer produktiven Diskussion unterschiedliche Theoriestränge zusammengeführt werden und so ein Beitrag zu einem Zusammen-Kommen der unterschiedlichen Teildisziplinen der Pädagogik und der in ihnen verorteten Personen geleistet wird. So macht bereits der Aufsatz von Schildmann im Kontext des Jahrbuchs deutlich, dass eine kritische Reflexion von Normalisierungsprozessen im Zusammenhang mit Integration und Inklusion keineswegs etwas vollständig Neues darstellt. Im Rahmen der gängigen definitorischen Abgrenzungsversuche zwischen den Begriffen (oder auch Konzepten) ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ zeichnet es die Inklusion (zumindest in der Theorie) ja gerade aus, dass sich hier das System verändern soll und nicht zu integrierende Subjekte an die Vorgaben eines vorgängigen Systems angepasst werden. Teilweise wurde sogar schon unter dem Label ‚Integration‘ ähnlich gedacht, so macht z. B. Prengel unter dem Begriff ‚egalitäre Differenz‘ gerade eine Gleichberechtigung des Verschiedenartigen zum Thema. Möglicherweise waren (und sind) insbesondere die (oben bereits angeführten) deutschen Vertreter/-innen einer ‚radikalen Integration‘ in diesem Punkt schon reflektierter als ihre amerikanischen Fachkolleg/-innen, gegen die z. B. Vertreter/-innen der Disability Studies in Education anschreiben.

Interessant ist, wie der selbe Zusammenhang in verschiedenen Aufsätzen unterschiedlich angegangen oder auch bewertet wird: So erscheint die Heterogenität, die sich hinter dem nur scheinbar einheitlichen Begriff ‚Behinderung‘ verbirgt, in dem einen Aufsatz als fast selbstverständlich (aber immerhin noch hervorzuheben), während sie in einem anderen Text als wichtiger Ansatzpunkt für eine Dekonstruktion dichotomer Unterscheidungen verstanden wird: im Sinne einer Vervielfältigung von Behinderungen parallel zur Vervielfältigung der Geschlechter. In einem weiteren Aufsatz wird diese Heterogenität aber auch als Gefahrenpotential für eine neoliberale Vereinnahmung verstanden, indem die erfolgreichen „able disabled“ oder auch „most able disabled students“ (S. 43) als ‚inklusionsgeeignet‘ einbezogen werden, während die stärker Beeinträchtigten weiterhin ausgegrenzt und ein weiteres Mal tendenziell als verbleibender ‚Rest‘ zurückgelassen und aufgegeben werden. Der Hinweis darauf, dass sowohl im Rahmen eines weiten Verständnisses von Inklusion als auch im Konzept ‚Intersektionalität‘ unterschiedliche Differenzkategorien und Benachteiligungsdimensionen auf einmal (und in ihren Wechselwirkungen) in den Blick genommen werden, hatte im Call für die aktuelle Ausgabe des Jahrbuchs eine zentrale Rolle eingenommen: Den Konsequenzen und theoretischen Optionen, die sich aus einem Zusammendenken des weiten Inklusionsbegriffs mit dem für die Gender Studies aktuell zentralen Paradigma ‚Intersektionalität‘ ergeben, gehen die Autor/-innen der Aufsätze trotzdem nur in Ansätzen nach. Darüber hinaus kommen neben Behinderung, Geschlecht und sexueller Orientierung die anderen zentralen sozialen Ungleichheitskategorien in den Aufsätzen deutlich zu kurz. So ist die Kategorie Klasse/soziale Zugehörigkeit in keinem der Aufsätze Thema und die Kategorie kulturelle Zugehörigkeit/Migration nur einmal eher am Rande, und zudem indirekt über die Kategorie Sprache (im Aufsatz von Di Giorgio). Es bleibt zu hoffen, dass diese an sich sehr interessante Fragestellung andernorts noch einmal aufgegriffen wird.

Insgesamt wäre dem Band ein etwas gründlicheres Lektorat zugutegekommen: So fehlen manche Titel in den Literaturlisten, andere tauchen doppelt auf. Auch gibt es eine ganze Reihe z. T. bizarrer Tippfehler etc.: So fragt man sich etwa, an welchen Ecken die „Eckfeiler“ (S. 119) wohl feilen. Dennoch handelt es sich bei diesem Jahrbuch um eine die Diskussion bereichernde, anregende und darum lesenswerte und auf alle Fälle diskussionswürdige Publikation, die einen wertvollen Beitrag innerhalb der aktuellen Debatte darstellt, insbesondere auf der theoretischen, darüber hinaus zumindest teilweise aber auch auf der schulpraktischen Ebene. Als ein besonders interessanter Diskussionsstrang erscheint der Rezensentin der Ansatz, durch behinderungsbezogene Inhalte im Rahmen des Curriculums ein neues Denken von Behinderung, „‘ways of knowing’ disability“ (S. 45), zu initiieren und davon ausgehend eine neue beziehungsorientiertere (und neoliberalismuskritische) Ethik zu suchen.

Literatur

Diehm, Isabell/Messerschmidt, Astrid (Hg.). (2013). Das Geschlecht der Migration – Bildungsprozesse in Ungleichheitsverhältnissen. Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich.

Halberstam, Jack. (2011). The Queer Art of Failure. Durham: Duke University Press.

McRuer, Robert. (2006). Crip Theory: Cultural Signs of Queerness and Disability. New York: New York University Press.

Meike Penkwitt

RWTH Aachen

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Pädagogik mit dem Schwerpunkt Heterogenität und Inklusion

E-Mail: meike.penkwitt@t-online.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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