Die Herstellung heterosexueller Paarförmigkeit zwischen Holz und Ofen

Rezension von Katja Hericks

Ursula Offenberger:

Geschlecht und Gemütlichkeit.

Paarentscheidungen über das beheizte Zuhause.

Berlin: De Gruyter 2016.

157 Seiten, ISBN 978-3-11-047867-9, € 29,95

Abstract: Wie stellen heterosexuelle Paare mittels Heiztechnologie sich und ihr Zuhause als aufeinander bezogene Einheiten her, ist die Frage, welche die Autorin mithilfe eines spannenden qualitativen Zugangs auf der Grundlage von Grounded Theory und Situationsanalyse beantwortet. In ihrer Untersuchung beschreibt sie zum einen die Verlaufskurve dieses Konstruktionsprozesses, zum anderen die technologischen, symbolischen und Wissens-Ordnungen im Sinne des prozessualen Ordnens nach Strauss, in welchen Paarförmigkeit, home making, (un)doing gender und Technik interagieren. Geschlechter-, paar- und techniksoziologische Erträge ergeben sich aus dem konsequent dynamisierten konstruktionstheoretischen Zugang.

Das Buch stellt einen Beitrag zur aktuellen Debatte um nachhaltigen Energiekonsum dar, indem die Nutzung neuer Heiztechnologien in einer qualitativen Analyse erforscht wird. Im Kern geht es der Autorin darum, in einer pragmatistisch-konstruktionstheoretischen Perspektive zu verstehen, wie über Energiekonsum und Geschlecht das „Zuhause“ hergestellt und normativ (u. a. mit „Gemütlichkeit“) aufgeladen wird. Damit wird auf ein Konstrukt Bezug genommen, das für Georg Simmel (1902) zur besonderen Kulturleistung von Frauen zählte, und nach wie vor weitgehend selbstverständlich in der Verantwortung von Frauen liegt (vgl. z. B. Martin 2016). Zugleich wird über Technik ein männlich attribuiertes und Männlichkeit konstituierendes Element (Cockburn 1988) als Bedingung für Gemütlichkeit in diesem Bereich verortet. Das Zuhause wird damit zu einem widersprüchlich codierten Produkt, bei dem sich die spannende Frage stellt, wie mit dieser ‚gegen-Geschlechtlichkeit‘ in der Praxis umgegangen wird. Dies wird von Offenberger als Verlaufskurve alltäglicher Konstruktionsprozesse aus Interviews mit heterosexuellen Paaren herausgearbeitet.

Die empirische Forschung unterlegt die Autorin mit dem Theorem des processual ordering nach Anselm Strauss, angereichert durch den Goffman’schen Situationsbegriff (Kap. 3). Aus dieser Perspektive werden auch die sozialen Konstruktionen von Geschlecht, Paar, Technik und Zuhause als miteinander verwobene prozessuale Ordnungen in den Blick genommen, die im Stile der Grounded Theory (in Orientierung an Strauss/Corbin 1996) sowie ihrer Weiterführung in der Situationsanalyse nach Adele Clarke (2012) analysiert werden. Das Herzstück des Buches bilden die Kapitel 11 bis 14, in welchen die herausgearbeiteten „technologischen Ordnungen“, „Wissensordnungen“ und „symbolischen Ordnungen“ vorgestellt werden.

Ein konsequent auf Konstruktionsprozesse orientierter Zugang

In der (quantitativen) empirischen Sozialforschung wird der Haushalt – nicht nur zu Fragen der Anwendung von Technik – häufig allein aus Sicht eines ‚Haushaltsvorstandes‘ erfasst. Damit erfährt das Modell des männlichen Familienoberhaupts als Letztentscheidungsträger, das vor Jahrzehnten aus dem Recht gestrichen wurde, in der heutigen Forschung eine erstaunliche Zählebigkeit. Dem stellt die Autorin eine Perspektive gegenüber, welche die Besonderheit der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit in der unmittelbaren Erfahrung des/der signifikanten Anderen in der Paarbeziehung als Horizont der Entscheidungsfindung in den Blick nimmt (Kap. 4). Hiermit wird ein Perspektivwechsel vorgenommen: weg von der vermeintlich objektiven Außensicht, welche einen (implizit männlichen) Repräsentanten der Binnenperspektive voraussetzt, hin zur Berücksichtigung der situativ durch alle Beteiligten hergestellten Realität. Dies gilt ebenso für die Technik: Während oft auf den Ingenieur als Konstrukteur fokussiert und damit eine hegemoniale Verknüpfung männlicher Repräsentanz mit Technik perpetuiert wird, dehnt eine geschlechtersensibilisierte Technikforschung, wie Offenberger sie mit Schwartz Cowan (1983, 1997) sowie Oudshoorn und Pinch (2003) vorlegt, den Blick auf das Nutzungsverhalten aus (Kap. 5).

Das Zuhause macht die Autorin wie die Zweierbeziehung als zentralen Ort für die Entstehung von Sozialität und sozialer Wirklichkeit aus. Es erscheint als Refugium „ontologischer Sicherheit“ (S. 44), in welchem sich Welt und Selbst als besonders ‚real‘ zu erweisen scheinen und die Grundformen des sozialen Lebens – nicht zuletzt die Differenzierung von Geschlecht und Alter – ihren Ausgangspunkt nehmen. Das Zuhause entsteht aus dieser konsequent konstruktionstheoretischen Perspektive in demselben Prozess, in dem Beziehungen zwischen Menschen, Objekten und Räumen und damit auch heterosexuelle Paare entstehen (Kap. 6).

Prozessuale Geschlechterordnungen

Komfort wird hier als Prozess verstanden, in welchem wir es uns gemütlich machen. Das bezieht sich nicht nur auf die Raumtemperatur: Hierfür ist ein Holzofen im Wohnzimmer mit sichtbarem Feuer und (selbstgeschlagenem) Holz eher ineffizient. Er wird vielmehr im Design zu einem Symbol für Behaglichkeit und dabei mit Weiblichkeitsstereotypen wie Wärme und Gefühl besetzt und dient so in einem traditionalen Rückgriff zur Herstellung von Zuhause und Familie (Kap. 11). Geräte, welche die gleiche Technologie haben, aber auf die ‚Hinterbühne‘ (Goffman) des Zuhauses (sprich: in Funktionsräume) verbannt werden, werden dagegen im Design ‚vermännlicht‘ (vgl. S. 99). Dies vergleicht Offenberger mit traditionell geschlechterdifferenzierten Sorgeleistungen: der Fürsorgeleistung durch Frauen innerhalb und der Versorgungsleistung von Männern außerhalb der Wohnräume.

Auch bei Geräten, die auf Funktionalität ausgerichtet sind, wird die Wahl der Heizanlagen selten am Kosten-Nutzen-Kalkül ausgerichtet. Im Vordergrund steht vor allem Autarkie, insbesondere Unabhängigkeit von Preisschwankungen und vom Weltmarkt. Dabei wird eine Unendlichkeit in der Nutzungsdauer der Technologie hergestellt, die dem Eigenheim als idealisierte Wohnstatt „für immer“ ebenfalls innewohnt (S. 124). (Regionale) Selbstverortung, Unabhängigkeit und Zukunftsorientierung erscheinen als zentrale Motive und befeuern die „familiale Vergemeinschaftung und Identitätsstiftung“ durch das Haus (S. 125). Die zweite Seite der Unabhängigkeit ist die Eigenarbeit: Der Autarkie vom Weltmarkt entspricht die Praxis der eigenen Bearbeitung des Holzes durch Teilung und Einlagerung. Holz zu machen wird von den Interviewten mit harter körperlicher Arbeit, spezialisiertem technischem Gerät und Homosozialität (z. B. mit dem Vater oder den Brüdern) verbunden: „Das Beschaffen von Feuerholz wird zu einem Symbol von Männlichkeit“ (S. 128). Die Grenze zu Frauen (und Kindern) ist eine Grenze zwischen Außen (Wald) und Innen (Haus sowie zugehörige Lagerstätten auf dem Grundstück), so arbeitet Offenberger heraus, und sie ist eine zeitliche Grenze, bei der die Arbeit der Männer der Arbeit der Frauen vorausgeht und somit die zeitliche Taktung vorgibt (Kap. 13).

Nicht nur die Beherrschung des Holzes, auch die Konstruktion von Technikkompetenz wird von einigen Männern im Sample (über ihren Beruf) als „Kompetenzbewertungskompetenzen“ gegenüber Experten aktiv hergestellt (S. 106). Die (Ehe-)Frauen im Sample, die in technischen Berufen tätig sind, tun dies dagegen nicht – sie spielen ihre Technikkompetenz zugunsten einer zweigeschlechtlichen Ergänzungsmatrix herunter. In diesen Paaren wird die geschlechterdichotome Arbeitsteilung entlang der Grenze Technik/Ästhetik gezogen und erscheint mit traditionalen Teilungen der Familienarbeit verknüpft (Kap. 12 und 14). Inwiefern Gleichgeschlechtlichkeit zwischen dem einen männlichen Paarmitglied und den Handwerkern, Architekten und Umweltberatern eine Rolle spielt, wird leider nicht untersucht.

Geschlechtersoziologische, techniksoziologische und methodologische Erträge

Das Buch lässt sich aus drei Perspektiven lesen: einer geschlechtersoziologischen, einer techniksoziologischen und einer methodologischen. Liest man es aus geschlechtersoziologischer Perspektive, begegnen uns altbekannte Muster der geschlechterdifferenzierenden Arbeitsteilung, und wir erleben einmal mehr, wie die heterosexuelle Paarförmigkeit dazu geeignet ist, dass Menschen sich als Männer und Frauen herstellen (Goffman 1977). Hier geschieht das, indem die verschiedenen geschlechtlichen Attributionen von Zuhause und Technik Anknüpfungspunkte für Praktiken bieten, in denen sich ein heterosexuelles Paar in zwei einander ergänzende Geschlechter ausdifferenzieren kann. Gleichzeitig zeigt sich, dass es sich bei diesen Anschlüssen nicht um Selbstläufer handelt. Im Gegenteil: Zum einen stellen sich bei denjenigen Paaren, welche Geschlechterdifferenz und -komplementarität zur Paaridentifikation konstruieren, Brüche ein, welche durch Übersehen, die Markierung als Ausnahmen oder durch Uminterpretationen in die Selbstwahrnehmung integriert werden müssen; dabei wird im reflexiven Zirkel nur „als Technik […] wahrgenommen, was mit Männlichkeit verknüpft ist“ (S. 137). Zum zweiten zeigt sich, dass die heterosexuelle Paarförmigkeit nicht zur Geschlechtsdifferenzierung genutzt werden muss. Das Angebot ‚gegengeschlechtlicher‘ Attribution läuft bei manchen Paaren leer. Die Identifikation als Paar wird dann nicht über Komplementarität, sondern über Gleichheit konstituiert und im home making praktisch realisiert.

Durch den theoretischen Fokus auf Konstruktion von Wirklichkeit in der unmittelbaren Gegenwart des/der signifikanten Anderen im Paar ist der Forschungsaufbau über Paarinterviews notwendig. Allerdings wird der Blick unnötig verengt, indem nur heterosexuelle Zweier-Paare interviewt werden. Andere Weisen des Zusammenlebens – aber auch Alleinlebende – wären wichtige Ergänzungen und Kontrastierungen gewesen. Das wird von der Autorin zwar einerseits als Bias selbst bemängelt, gleichzeitig jedoch trägt sie zur Konstruktion der zwei komplementären Geschlechter im heterosexuellen Paar bei, indem sie das jeweilige Paar als Einheit über einen gemeinsamen Nachnamen vorstellt, die Partner/-innen ausschließlich durch geschlechtliche Binarität unterscheidet (Herr und Frau), ohne sie z. B. über Vornamen zu individualisieren, und sie so komplementär zueinander konstruiert.

Obwohl die Autorin erläutert, dass auch emotionale Ordnungen in diesen Prozessen entstehen, werden sie leider nicht thematisiert. Emotion vs. Rationalität wird über die „Geschlechtscharaktere“ (Hausen 1976) mit der geschlechterdifferenzierenden Sphärentrennung und der familiären Arbeitsteilung verbunden. In vielen Zitaten gehen Emotionen jedoch darüber hinaus. Sie werden als Gefühle von Sicherheit, als „positives Gefühl bei der Bewertung der Wirtschaftlichkeit“ (ENEF 2010, S. 11; zit. nach Offenberger, S. 75), und nicht zuletzt darin, dass Gemütlichkeit letztlich ein Gefühl ist, relevant. Angesichts des bisherigen Befundes, dass Frauen in Hinsicht auf Technik das sonst weiblich konnotierte Gefühl abgesprochen wird (u. a. Cockburn 1988, Schmid-Thomae 2012), ist es spannend, dass eine Interviewpartnerin erklärt, ihr Mann und sie seien beide „technikverliebt“ (S. 85). Hier scheinen also Gefühle – sowohl weiblich als auch männlich attribuierte – entgeschlechtlicht zu werden. Vor dem Hintergrund, dass es sich bei Paaren um Einheiten handelt, die (normativ) durch Gefühle verbunden sind, ist die Gleichzeitigkeit ver- und entgeschlechtlichender ‚Gefühle‘ im Datenmaterial umso interessanter.

Diese emotionale Ordnung wäre auch techniksoziologisch ein weiterer spannender Ertrag. Aus einer solchen Perspektive ist das Buch ein Plädoyer, den Blick von ‚dem Ingenieur‘ auf Nutzungen zu richten und auf die Ordnungen, in welche diese Nutzungen eingebettet sind, bzw. die durch sie entstehen. Diese Erweiterung erscheint spannend und notwendig. Mit den Konzepten der consumption junction (Schwartz Cowan 1997), gender scripts von Artefakten und domestication (Oudshoorn/Pinch 2003) wird dies theoretisch systematisierbar gemacht. So kann gezeigt werden, dass die Wahl der Heizung zumeist gerade keine rationale Wahl ist, sondern eine kulturell erzeugte, in welcher daher Geschlechtszuschreibungen an Orte, Dinge und Personen eine wichtige Rolle spielen.

Liest man das Buch zum Dritten als Beitrag der Reihe „Qualitative Soziologie“ (hrsg. von Jörg Bergmann, Stefan Hirschauer und Herbert Kalthoff), ist es ein sehr guter Zugang zur Frage, wie die Analyse einer Verlaufskurve forschungspraktisch und theoretisch gesättigt umgesetzt werden kann. Das Buch beginnt mit einer metatheoretischen Diskussion und theoriehistorischen Hinführung zur Methodologie, wodurch eine enge Verzahnung des theoretischen Programms und des Forschungsdesigns gewährleistet ist. So werden die Lesenden nicht nur in die Methodologie der Situationsanalyse nach Clarke eingeführt, sondern es wird auch gezeigt, wie Forschungsfrage und Methoden aufeinander abgestimmt werden und einander begrenzen. Die ausführliche Theorie- und Methodendiskussion ergibt aus diesem Blickwinkel viel Sinn.

Fazit

Auch wenn aus Sicht der Geschlechtersoziologie der Status Quo noch konsequenter hätte infrage gestellt werden dürfen, ist insgesamt der konstruktionstheoretische und prozessorientierte Zugang Offenbergers eine wichtige und erfreuliche Bereicherung vor allem in einem Forschungsbereich, in dem ‚der Ingenieur‘ und ‚der Haushaltsvorstand‘ in erstaunlicher Naivität und vielleicht auch Sentimentalität noch im Zentrum der Diffusion umweltfreundlicher Heiztechnik gesehen werden. Forschenden aus den Technology Studies sowie Praktiker/-innen aus dem Bereich der Heiz- und Energietechnik und -wirtschaft soll das Buch wärmstens ans Herz gelegt werden, denn mit einem veralteten Bild von Geschlecht und einem ungenügenden Verständnis von Nutzungsentscheidungen lässt sich die Technologie der Zukunft nicht verstehen, nicht kreieren und nicht verbreiten.

Literatur

Clarke, Adele E. (2012). Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: Springer VS.

Cockburn, Cynthia. (1988). Die Herrschaftsmaschine. Geschlechterverhältnisse und technisches Know-how. Berlin/Hamburg: Argument Verlag.

Goffman, Erving. (1977). The Arrangement between the Sexes. Theory and Society, 4 (3), pp. 301–331.

Hausen, Karin. (1976). Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Werner Conze (Hg.). Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 363−401.

Martin, Wednesday. (2016). Die Primaten von der Park Avenue. Berlin: Berlin Verlag.

Oudshoorn, Nelly/Pinch, Trevor. (2003). How Users Matter: The Co-Construction of Users and Technology. Cambridge, Mass.: MIT Press.

Schmid-Thomae, Anja. (2012). Berufsfindung und Geschlecht. Mädchen in technisch-handwerklichen Projekten. Wiesbaden: Springer VS.

Schwartz Cowan, Ruth. (1983). More Work for Mother: The Ironies of Household Technology from the Open Hearth to the Microwave. New York: Basic Books.

Schwartz Cowan, Ruth. (1997). A Social History of American Technology. New York: Oxford University Press.

Simmel, Georg. (1902/1985). Weibliche Kultur. In: Heinz-Juergen Dahme/Klaus Christian Köhnke (Hg.). Georg Simmel. Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 159–176.

Strauss, Anselm L./Corbin, Juliet M. (1996). Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz, PsychologieVerlagsUnion.

Katja Hericks

Universität Potsdam

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl „Geschlechtersoziologie“

E-Mail: hericks@uni-potsdam.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

Creative Commons License
Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Hinweise zur Nutzung dieses Textes finden Sie unter https://www.querelles-net.de/index.php/qn/pages/view/creativecommons





querelles-net wird herausgegeben an der Freien Universität Berlin. ISSN 1862-054X