Sexuelle Bildung in der pädagogischen Praxis

Rezension von Marie Springborn

Torsten Linke:

Sexualität und Familie.

Möglichkeiten sexueller Bildung im Rahmen erzieherischer Hilfen.

Gießen: Psychosozial Verlag 2015.

109 Seiten, ISBN 978-3-8379-2468-8, € 16,90

Abstract: Im ersten Band der Reihe „Angewandte Sexualwissenschaft“ führt Torsten Linke in theoretische Grundlagen und Termini der sexuellen Bildung in der Sozialen Arbeit ein, analysiert Ergebnisse der Studie „PARTNER 4 - Jugendsexualität 2013“ und liefert Ansätze für die praktische Arbeit im Bereich der sexuellen Bildung und Beratung. Der analytische Fokus liegt dabei auf der Sozialisationsinstanz Familie, die in der psychosexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen westlicher Gesellschaften, bei zunehmender Digitalisierung und ausgedehnter Postadoleszenz, eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Sexualkultur einnimmt und in der, aus Sicht des Autors, unterschiedliche Wissenszugänge sowie Einstellungen auf Grund von Geschlecht(-erverhältnissen), sozioökonomischem Status und Migrationserfahrungen vorhanden seien.

Im ersten Band der interdisziplinären Reihe Angewandte Sexualwissenschaft wird der Fokus auf die pädagogische Praxis der sexuellen Bildung und Beratung gerichtet. Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge Torsten Linke lehrt mit dem Forschungsschwerpunkt ‚Sexuelle Bildung in Kinder- und Jugendhilfe‘ an der Hochschule Merseburg. Diese ist auch Mitherausgeberin des Bandes sowie der darin behandelten Studie.

Der einleitenden Verortung der Begriffe Sexualkultur, Sozialisation und Familie sowie weiterer Sozialisationsinstanzen in den ersten zwei Kapiteln, die auf theoretische und empirische Zugänge zurückgreifen, folgt eine Skizze der sexuellen Entwicklung Heranwachsender im Kontext der Familie. Daran schließt sich eine Analyse der empirischen Untersuchung PARTNER 4 ─ Jugendsexualität 2013 an ─ eine historische Vergleichsstudie unter der Leitung Konrad Wellers, in der ostdeutsche Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren zu den Themen Partnerschaft und Sexualität befragt wurden. Sowohl Veränderungen sexuellen Erlebens im Vergleich zu den Studien PARTNER III (1990), II (1980) und I (1972) als auch Gewalterfahrungen und das Nutzen neuer Medien sowie Pornographie stehen im Fokus der Untersuchung (vgl. Weller 2013, S. 1). Die Absicht Linkes, der sich ebenfalls in der PARTNER-Studie engagierte (vgl. Weller 2013, S. 11), auf Basis dieser Studie Zielgruppen für den Bereich der sexuellen Bildung herauszustellen, schließt im letzten Kapitel mit einem inhaltlichen Blick auf die Praxis der Erziehungs- und Familienberatung.

Sexualkultur, Sozialisation und die sexuelle Entwicklung

Den Auftrag der Sozialen Arbeit, Menschen ein autonomes Leben zu ermöglichen, weitet der Autor einerseits auf die sexuelle Autonomie und andererseits auf den Bereich der Beratung aus. Er verdeutlicht den hohen Stellenwert der Familie sowie anderer Sozialisationsinstanzen, vor allem der Schule, in der psychosexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sowie als Zielgruppe für sexuelle Bildung (vgl. S. 9). Die Sexualkultur beinhalte Praktiken, Haltungen und Normen einer Gesellschaft, die fundamental in der Familie vermittelt würden (vgl. S. 13 f.). Anstatt statische und dichotome Konzepte von Kultur zu reproduzieren, legt Linke jener ein dynamisches Verständnis zugrunde, in welchem Individuen potentiell als aktiv handelnd innerhalb dieser betrachtet werden. Der Sozialen Arbeit und der Sexualpädagogik komme daher eine Orientierungsfunktion zu, um Heranwachsenden nicht nur ein autonomes Zurechtfinden zwischen Möglichkeiten, Wünschen und Grenzen zu ermöglichen, sondern ebenfalls zur produktiven Mitgestaltung zu befähigen (vgl. S. 13). Sexualität als gesellschaftlich wandelbar und sozialisationsimmanent müsse Teil der Aus- sowie Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte sein und dürfe das familiäre Umfeld nicht ausklammern (vgl. S. 9 f.). Damit widmet sich der Autor einem wichtigen Thema jüngster bildungspolitischer Diskurse. Prinzipiell legt Linke der Definition von Sexualkultur eine Sichtweise zugrunde, die die „Behinderung und Verhinderung des Sexuellen“ (S. 14) streift, ohne dass jedoch ihre Relevanz im Kontext struktureller Diskriminierung, z. B. von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Jugendlichen, und für Maßnahmen, wie der Akzeptanz sexueller Vielfalt, explizit verortet wird.

Die Sozialisation als interaktiver Prozess in einer Gesellschaft, der zur Persönlichkeitsentwicklung sowie zur Aneignung von Regeln, Normen und Werten, auch in Bezug auf das gelebte Geschlecht und die Sexualität, führe, wird am Beispiel der männlichen Entwicklung im zweiten Kapitel spezifischer beschrieben (vgl. S. 17−23). Die Frage des Autors „Gibt es eigentlich noch eine geschlechtsspezifische Sozialisation?“ (S. 19) ist rhetorisch zu verstehen, denn Vorstellungen von Geschlecht, so auch Linke, sind binär, hierarchisch, kurz: heteronormativ. Trotz allem wirken die anschließenden Ausführungen sprachlich zum Teil erneut essentialisierend: „Für Jungen, die späteren Männer, ist die Phase der primären Sozialisation immer noch stark durch die Mütter und meist durch Erzieherinnen geprägt.“ (S. 20) Und: „Durch abwesende Väter oder männliche Personen im Sozialisationsprozess fehlt den Jungen eine reelle männliche Bezugsperson“ (S. 22). Das führe im Verlauf der Sozialisation zur Abwertung von Weiblichkeit. Aggressive männliche Peer-Groups entsprächen einer kapitalistischen Logik, die Leistung, Konkurrenz sowie Dominanz belohne und männliche Gewalt reproduziere (vgl. S. 23). Diese These deutet eindrücklich an, weshalb hegemoniale Konzepte von Geschlecht so wirkmächtig sind. Dennoch kommt sie nicht umhin, statische Ideen zu reproduzieren, die letztendlich Konzepte jenseits dieser Binarität nicht mitdenken. Was kennzeichnet z. B. reelle Männlichkeit?

Zu bemerken ist der offene Familienbegriff, den der Autor anschließend forciert und der dem historischen Wandel sowie der Vielfalt von Familienformen in Deutschland Rechnung trägt. Linkes Definition birgt als grundlegende Voraussetzung lediglich das Teilen eines Haushalt sowie die Sorge für biologische, adoptierte und/oder Pflegekinder (vgl. S. 23 f.). Die Familie als erste Sozialisationsinstanz sei wichtigste Ansprechpartner_in in Bezug auf Fragen zur Sexualität, gefolgt von der Schule, die ihren Fokus auf die Themen Fortpflanzung und Verhütung lege, sowie von diversen Medien, die häufig unbegleitet genutzt würden (vgl. S. 23−32). Als weitere Anlaufstellen agierten Freund_innen, Partner_innen sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die inhaltlich, so Linke, neben der Prävention von Gewalt die Förderung selbstbestimmter Sexualität stärker mitdenken könnten (vgl. S. 32−37).

Ausführlicher beschreibt der Autor im dritten Kapitel zum einen die Entwicklung kindlicher Sexualität und zum anderen sexualisierte Gewalterfahrungen, um die Bedeutung der Familie sowie sozioökonomische Faktoren und Geschlechterverhältnisse in dieser hervorzuheben (vgl. S. 51). Geschickt integriert Linke abschließend die These der Familiarisierung von Jugendsexualität in gesellschaftliche Entwicklungen des 20./21. Jahrhunderts, wie die Aufhebung der Geschlechtertrennung, zunehmende Digitalisierung und verlängerte Postadoleszenz. All diese korrelierten mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Familie (vgl. S. 58).

Mehr Zärtlichkeit und mehr Tabus − zur Studie und zum Praxisausblick

Den Ausführungen der ersten Kapitel folgt die Analyse einer sozialwissenschaftlich-jugendsexuologischen Untersuchung mit dem Auftrag, mögliche Zielgruppen sexueller Bildung zu identifizieren. In der in Sachsen-Anhalt und Sachsen durchgeführten Studie PARTNER 4 wurden zwischen 2012 und 2013 insgesamt 862 Heranwachsende an etwa 40 allgemeinbildenden Berufsschulen befragt (vgl. Weller 2013, S. 1). Weller vergleicht in dieser Untersuchung aktuelle Forschungsergebnisse mit den vorangegangenen PARTNER-Studien, bezieht jedoch auch andere Forschungsergebnisse ein, beispielsweise die Jugendsexualitätsstudie, Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sowie der BRAVO (zu den Ausgangspunkten vgl. Institut für Angewandte Sexualwissenschaften). Im vorliegenden Band werden die Ergebnisse der Interviews im vierten Kapitel unter den thematischen Schwerpunkten „Familiäre Herkunftsbedingungen“, „Einstellungen zur Sexualität“, „Sexuelles Verhalten“, „Wissen über Sexualität und Mediennutzung“ sowie „Sexuelle Belästigungen, Übergriffe und sexualisierte Gewalt“ beschrieben. Die Aussagen von Schüler_innen im Berufsvorbereitenden Jahr sowie von Schüler_innen mit sogenanntem ‚Migrationshintergrund‘ hebt Linke in der Auswertung hervor, da hier statistisch gesehen Problemlagen wie Konflikte, Krankheiten, Misshandlungen oder Missbrauch besonders hoch seien (vgl. S. 67 f.). Der Begriff ‚Migrationshintergrund‘ bezeichnet in der Untersuchung nur Befragte mit einer tatsächlichen Migrationserfahrung (vgl. S. 67), was ihn als Fremdbezeichnung nicht zwangsläufig weniger problematisch macht, da er komplexe Identitäten, aber auch unterschiedliche Erfahrungen unmöglich differenziert erfassen kann (vgl. u. a. Güven 2010).

Grundsätzlich sei die Zahl der Befragten gestiegen, die sich von ihren Eltern liebevoll behandelt fühlen. Gleichzeitig sei eine Zunahme der Tabuisierung von Nacktheit und ein Sinken der Kommunikation über Sexualität innerhalb der Familie, vor allem bei den hervorgehobenen Gruppen, zu bemerken (vgl. S. 75−78). Bei einer generell gestiegenen Akzeptanz von Homosexualität bemerkt Linke jedoch eine Korrelation zwischen diesbezüglicher Aufgeschlossenheit und dem sozio-ökonomischen Status der Befragten. Jugendliche im Berufsvorbereitungsjahr, die häufiger aus Familien ohne Bildungsabschluss kommen (vgl. S. 73), können sich nur zu 47 % vorstellen, mit Schwulen und Lesben befreundet zu sein. Demgegenüber stehen Jugendliche mit ‚Migrationshintergrund‘, die im statistischen Durchschnitt höhere Bildungsabschlüsse aufweisen und sich zu 79 % eine Freundschaft vorstellen können (vgl. S. 80). Unklar bleiben die Erfahrungswelten queerer, trans* oder inter* Schüler_innen, da die Studie diese konzeptionell nicht erfasst zu haben scheint. Auffällig sei des Weiteren die leicht unterdurchschnittliche Akzeptanz von Verhütungsmitteln und die hohe Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen der Jugendlichen im Berufsvorbereitungsjahr (vgl. S.81 f.). Linke bemerkt: „Im Gegensatz zu den Jugendlichen mit Migrationshintergrund scheinen sie sich nicht von der familiären Moral und ihren Werten und Normen zu emanzipieren.“ (S. 91). Die Werte und Normen der Eltern scheint die Studie jedoch nicht zu berücksichtigen, weshalb die gruppenspezifische Zuschreibung eines Emanzipationsbedarfs hier recht normativ erscheint.

Die abschließenden Praxishinweise, die „Eltern, Familien, Fachkräfte und Institutionen“ betreffen, zielen sowohl auf fachliche Kompetenzen als auch auf einen präventiven Effekt ab. Sie umfassen u. a. inhaltliche Aspekte, wie die Sensibilisierung und Wissens- sowie Kompetenzvermittlung in Bezug auf Fragen der Erziehung, des sozialen Handelns, der Sexualität und sexuellen Vielfalt sowie der Medien (vgl. S. 96). Des Weiteren seien das Schaffen eines positiven Sozialisationsumfeldes, der Ausbau von Unterstützungsnetzwerken und der Abbau von Tabus Maßnahmen, bei denen auch berücksichtigt werden müsste, dass sich Beratungsangebote momentan strukturell noch hauptsächlich an weiße deutsche Jugendliche richteten (vgl. S. 97).

Fazit

Linke führt in diesem knappen und eingängigen Werk in grundlegende Begriffe der Sozialen Arbeit ein und wertet erstmals die Ergebnisse der neuesten PARTNER-Studie aus, um mit inhaltlichen Empfehlungen für die Praxis abzuschließen. Die theoretischen Ausführungen zu Beginn werden kritisch kontextualisiert und immer wieder mit der übersichtlichen Ergebnisauswertung der Studie verknüpft. Zusätzlich präzisiert der Autor wissenschaftliche Termini in Fußnoten und verweist durchgehend auf weiterführende Literatur. Komplexe Sachverhalte, wie die Sexualkultur oder Sozialisation, sind in Form von Schemata zusammengefasst. Somit eignet sich das Werk sehr gut für Student_innen sozialer und pädagogischer Arbeitsfelder. Für Fachkräfte, die in der Praxis tätig sind, eröffnet der Band möglicherweise eine neue Sicht auf den Bereich der sexuellen Bildung sowie ein zeitgemäßes Verständnis von Familie. Aktuelle Tendenzen und Fragestellungen in der Entwicklung und dem Erfahren jugendlicher Sexualität, wobei Formen jenseits heterosexuellen Begehrens konzeptionell leider ausgeklammert sind, werden in der Studienauswertung ausführlich behandelt. Auch wenn der Praxisbezug deutlich hervorgehoben wird, widmet Linke sich diesem lediglich im letzten Kapitel, welches als programmatische Anregung, nicht als methodischer Leitfaden verstanden werden sollte.

Literatur

Institut für Angewandte Sexualwissenschaften. PARTNER IV. Sexualität und Partnerschaft 16-18jähriger Jugendlicher. http://ifas-home.de/forschung/projekte/partner4/ (Download: 30.08.15)

Güven, Gülçimen. (2010): Bezeichnungsproblematik in Deutschland. MiGAZIN. http://www.migazin.de/2010/01/06/bezeichnungsproblematik-in-deutschland/ (Download: 03.10.15)

Weller, Konrad. (2013): Studie PARTNER 4. Sexualität und Partnerschaft ostdeutscher Jugendlicher im historischen Vergleich. Handout zum Symposium Jugendsexualität 2013. Merseburg. Institut für Angewandte Sexualwissenschaft Hochschule Merseburg. http://www.ifas-home.de/downloads/PARTNER4_Handout_06%2006.pdf (Download: 30.08.15)

Marie Springborn

Humboldt-Universität zu Berlin − Institut für Erziehungswissenschaften und Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien

E-Mail: springborn.marie@gmail.com

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